Druckschrift 
Fingerzeige auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst
Entstehung
Seite
66
Einzelbild herunterladen
 

66

leicht liegt die Gefahr näher als hier, daß sich der Theil auf Kosten desGanzen geltend macht; wie manche Kirche weiß davon zu erzählen!Hat man doch sogar im Dome zu Ulm die prachtvolle Thurmhalle durcheinen äußerst kostspieligen Orgelcoloß verballhornt, während es an den-thigstcn Mitteln zur Erhaltung und Instandsetzung des Bauwerkes gebrachund die Bauführung in Rath- und Planlosigkeit hin und her schwankte.

Zwar kommen schon im früheren Mittelalter Orgeln von großem Um-fange vor; allein es waren dies Ausnahmen und bald erhob sich auchWiderspruch dagegen. Zur Zeit aber hat man um so weniger Veranlassung,Colossc zu errichten, als die heutige Technik überhaupt mit weit compen-diöscrcn Instrumenten dieselbe Kraft des Tones zuwege bringt. Mit großerVorsicht sind dahingegen die Surrogate aufzunchmcn, welche unsere Zeit fürdie Orgel überhaupt, eben so wie für die Glocken, darbietet, mögen dieselbensich auch unter einem noch so vornehmen Rainen, wie z. B. Orchestrionu. dgl., ankündigen, womit man in der Regel die Gimpel zu sangen sucht.Die Pfeifen eignen sich einmal schlechterdings nicht zu rein architektonischenGestaltungen; man muß sie sich ruhig als das zeigen lassen, was sic sind;sobald man sic zu maskircn und in eine höhere Ordnung zu erheben sucht,wird eine Caricatur daraus. Das Beste ist, sie zwanglos und möglichstzweckentsprechend zu gruppircn und das Ganze in eine dem Größcnvcrhältnißentsprechende Umrahmung, am besten aus fantastischem Holzschnitzwcrk, zufassen. Die geeignetste Stelle für die Orgel ist bei großen Kirchen im Mit-telschiffe oberhalb der unteren Bogcnstcllung, in der Nähe des Chores, wiesehr auch die Symmetriker darüber Zeter schreien mögen; bei kleineren wirdman häufig gcnöthigt sein, das westliche Ende des Hauptschiffes zu wählen,obschon cs sehr zu bedauern ist, daß dadurch meist das große Fenster oderdie Rosette der Hauptgicbelscite im Innern unsichtbar werden. Als eineMustcrorgcl aus spätgothischcr Zeit mag die im Straßburger Münster be-findliche Orgel hier erwähnt werden, da die ursprünglichen Projeetc zu der-selben, nach einer alten Handzeichnung facsimilirt und hcrausgegcben vonEhr. Schmidt, Jedermann zugänglich sind. Die schönste und nachahmens-wcrthcste moderne Orgel, welche ich gesehen habe, ist die von dem Archi-tekten G. Scott im Dome zu Elp in England ausgeführte; dieselbe schließtsich im Allgemeinen der Straßburger an.

In Betreff der Erleuchtung der Kirchen sind die neuen Erfindun-gen, namentlich das Gas, eine gefährliche Klippe. Keinesfalls sollte manim Chore, in der Nähe des Hciligthums, von letzterem Gebrauch machen;auf den Altären dürfen nach bestimmten liturgischen Vorschriften nur Wachs-. kcrzen verwendet werden. Schon das Brechen mit den Traditionen, dasHaschen nach moderner sogen. Vervollkommnung hat an sich in kirchlichen