63
numentale Pulte, von welchem herab die Epistel und das Evangelium demPolkc vorgclcscn wurden. Die meisten Lettner fielen dein modernen Stre-ben nach „Vereinfachung" zum Opfer, so wie der falschen Ansicht, daß eseine Unvollkommenheit eines Kirchcnbaues sei, wenn darin die Anwesendennicht mit den Augen allen Bewegungen des Priesters am Altäre folgen,ihn gleichsam cvntroliren könnten, oder wenn dem Ab- und Zuströmen derMenge irgend etwas hinderlich in den Weg trete. Die Ambonoklastcn, wieder Pater I. B. ThicrS in seinem gewiß gerechten Eifer diese Neuerer nennt,bedachten nicht, daß der Gesang, die Zeichen mit der Schelle und sonstigeliturgische Anordnungen gerade zu dein Zwecke getroffen sind, damit dasGehör dem Auge zu Hülfe komme, und daß der Chor, seiuem Wesen nach,eine andere Bestimmung hat, als die Schiffe.
Um sich einen annähernden Begriff davon zu machen, welche Masseder schätzbarsten Kunstwerke jenes Vorurtheil gekostet hat, braucht man nureinen Blick auf die wenigen uns noch verbliebenen Lettner — ich nennebeispielsweise die in den Domen zu Münster und Halbcrstandt und derOberwcscler Liebfrauenkirchc befindlichen — zu werfen oder eine WanderungLurch die englischen Kathedralen zu machen, deren Lettner meist erhaltenwurden, weil die Hochkirchc ihren Gottesdienst schlechthin auf das Chorbeschränkt, der fragliche Abschluß desselben ihr daher sehr zu Statten kommt.Es versteht sich von selbst, daß der Lettner, dessen Thüren sich nach demChore hin öffnen müssen, durch Größe und Rcichthum sich von dem übri-gen Abschlüsse zu unterscheiden, überhaupt eine selbständige ConstructionLarzustellen hat, auch wenn man ihn nicht mehr zu dem Gebrauche desVorlcscns der h. Schriften benutzen zu sollen glauben möchte. Einige Unbe-quemlichkeiten, wie sic allerdings mit den Lettnern verbunden sind, könnenum so weniger von der Wiedereinführung abhalten, als solche sich vonselbst dadurch beseitigen, daß man, wie es gewiß in jeder Hinsicht räthlichist, wieder auf die mittelalterliche Liturgie zurückkommt.
Selbst jeder Altar außerhalb des Chores ist durch irgend eine Schrankevom Volksraume zu trennen, sowohl um die obcngedachte Scheidung zubezeichnen, als weil Gedränge und Unordnung in der unmittelbaren NäheLes in der heiligen Handlung begriffenen Priesters doppelt unpassend sind.
Der Scheidcbogcn oberhalb des Lettners, also zwischen Chor und Schiff«Triumphbogen, Triumphthorj, muß einen besonderen Schmuck erhalten, wel-cher seine liturgische Bedeutung hervorhebt. „Zwischen Priester und Volksolle die Bildniß des gekreuzigten Jesu Christi gegen das Volk aufgcrichtctwerden, damit auch hieraus die Einfältigen desto eher und leichter sichmenschlicher Erlösung, wer Haußherr an diesem Orte und mit wemsic zu handeln und zu reden haben, erinnern können." So der oben an-