35
sicht benutzt werden. Es ist nicht genug, daß die Festigkeit oder Zweck-mäßigkeit irgend eines baulichen Apparats wissenschaftlich demonstrirt wer-den kann; cs darf diese Uebcrzcugung nicht erst durch Berechnung und Rc-flcrion vermittelt werden müssen. Die Rücksicht auf das statische Gefühlund auf den unmittelbaren Eindruck, welchen die äußere Erscheinung hcr-vorbringt, ist bei Kunst- und Prachtbauten die maßgebende. Uebrigens hatdas Eisen auch bei weitem noch nicht Proben genug bestanden (und cshat deren nach den verschiedensten Richtungen hin zu bestehen), um dasselberuhig zu monumentalen Zwecken verwenden zu können — im Gegcnthcilhaben die, beispielsweise an den Domen zu Rouen und Chartres, im Gro-ßen gemachten Versuche bereits positiv dargethan, daß cs sich nicht dazueignet.*)
Die größte Gefahr bei Restaurationen liegt also darin, daß man zuradikal verfährt und zuviel thut. Selbst wo der alte Bau in seinemganzen Umfange weichen muß, kann solches noch immer in konservativemSinne bewerkstelligt werden, indem man z. B. die alten Formen genauwicderhcrstellt, das Material, selbst die Bedeckung der Dächer nicht ausge-nommen, einzelnes Sculpturwerk u. dgl. m. benutzt. Zu diesem Ende istes meist räthlich, den Umbau nur partienweise in Angriff zu nehmen.Weiter ist ein Augenmerk darauf zu richten, daß die bei einem alten Bau-werk fast stets vorhandenen Spuren seines allmähligcn Anwachsens, gleich-sam seine Jahresringe, nicht verwischt, daß die verschiedenen Style, sowiejene Unregelmäßigkeiten und Zufälligkeiten, welche auch dem sonst minderbedeutenden Gebäude einen cigcnthümlich-individuellen Reiz verleihen, er-halten bleiben. Man hüte sich überhaupt vor aller Gleich- und Flach-machcrei, selbst wo man sich zutraut, den Bau zu seinem Vorthcilc in styli-
*! Der Baumeister für die Kathedrale zu Chartres, Herr Lassus, zugleich anerkahn-termaßen einer der ausgezeichnetsten Architekten Frankreichs, wie er denn auch mit derRestauration von Notrc-Dame und der Samte Chapcllc in Paris betraut ist, hat mirversichert, daß er cs für das größte Glück erachten würde, welches der Cathedrale zu Char-tres begegnen könne, wenn er von der Regierung die nvthigen Mittel angewiesen eralte,um das vor wenig Jahren erst, nach dem Brande der Cathedrale von Chartres, auf die-selbe gelegte eiserne Dach durch ein solches von Zimmcrwerk in althergebrachter Weise zuersetzen. Herr Lassus, als er vernahm, daß es Project sei, an das alte Chordach desCölncr Domes ein neues aus Eisen anzufügen, ermächtigte mich, öffentlich auf seine Er-fahrungen zu provocircn, welche er auf Erfordern umständlich mittheilcn wolle, um womöglich die unserm Dome drohende Neuerung noch abzuwcndcn, was denn auch meiner-seits im Domblatte <Septembcr-Nummer 18531 geschehe» ist. Dem Vernehmen nach hatman keine Notiz davon genommen — durch fremde Erfahrungen läßt man sich bekannt-lich selten belehren, oft sogar nicht einmal durch eigene. Wenn hier nur nicht derCölncr Dom den Schaden davon hätte!
3 *