XI
Glasmalerei nicht auf derselben Linie mit der Wandmalerei; letzterer kommt,ihrer Natur nach, ein größeres Maaß von Freiheit zu; allein die Grund-frage bleibt immer die nämliche: sollen sie, wo es sich um ein Baudenkmalhandelt, mitrcgiercn, oder sollen sic der Architektur dienen? Nur wennman die zweite Alternative entschieden bejaht, wird cs möglich, aus demstylistischcn Mischmasch hcrauszukommen, in welchem wir stecken. DerMalerei geschieht damit auch keinerlei Eintrag; im Gcgenthcil wird dadurchein fast völlig abgestorbener Zweig derselben neu belebt und ihr allmähligein Gebiet wicdcrgcwonnen, welches sie eben nur deswillen an den Tüncher-verloren hat, weil sic allzuhoch hinaus wollte: Ucbermuth kommt bekannt-lich vor dem Fall. Im klebrigen steht ja nichts entgegen, alle die anderenschönen Sachen, wie sic zur Zeit die Runde durch die Ausstellungen ma-chen, nach wie vor zu malen, so lange sich Abnehmer dafür finden. DieZahl derselben wird aber voraussichtlich immer geringer werden, und zwarwird sic in dem Maaße hcruntergchen, wie die Würde und der hohe Berufder Kunst zu allgemeinerer Erkenntniß kommt. Für die Malerei ist cs vielleichter, sich zurcchtzufindcn und diesem Berufe wieder nachzukommcn, alsfür die Baukunst. Hier muß Alles von Grund aus umgcstaltct werden.Andere Zwecke und andere Mittel treten mit dieser Umgestaltung in denVordergrund, cs wird so zu sagen eine Eristcnzfragc, eine Lebensfrage, imeigentlichsten Sinne des Wortes, für die immense Mehrheit der lebendenArchitektur daraus, etwa so, als wenn -man an unser Beamtcnthum dieZumuthung stellen wollte, cs möge eine andere, ihm unbekannte Gcschäfts-sprachc cinführcn. Und eS handelt sich hier in der That und Wahrheit um dieErlernung einer neuen Sprache. Unter solchen Umstanden darf man dieErwartung hinsichtlich einer Umkehr der offieicllcn Architektur nicht allzu hochspannen; man muß Billigkeit üben und nur fordern, was menschlich ist. Mögesich aber die acadcmisch-classischc Hierarchie sperren, wie sic nur immer kann,die Principicn werden sich stärker erweisen, als die ideen- und grundsatz-lose Routine, trotz des gewaltigen Apparates, der letzterer zu Gebote steht,trotz des Monopolcs, welches ihr der Staat gewährt, und das man treff-lich zu hüten und auszubcutcn versteht. Wie kühl auch immer die Zeit-.atmosphärc im Allgemeinen sein mag, hinsichtlich der Entwickelung derPrincipicn, der falschen wie der wahren, gicbt sich eine wahre TrcibhauS-tcmpcratur kund; cö wird immer klarer, daß alles Menschliche, oder, bcsscrgcsagt, daß die gcsammte geistige Welt gewissen Grundformcln untcrthanist, welchen, in fester Aufeinanderfolge, gewisse Reihen entsprechen. Die