IX
gothischo Periode nämlich. Die Ausführung gestattet natürlich Modi-fikationen ins Unendliche und bleibt hierin der Jndividualitär noch Spiel-raum genug, um sich und ihre cigcnthümlichcn Vorzüge ans Licht zu stel-len. Ich bin weit davon entfernt, einem förmlichen, mit obligatorischerKraft versehenen Rczcptcnbuche das Wort reden zu wollen, wie cs derenz. B. für die russische Heiligenbildermalerci gibt; allein noch weniger em-pfiehlt sich die heutige Verkommenheit und Verschwommenheit, in welcherjeder Maler und jeder Bildhauer so zu sagen sich seine eigene Ikonographiemacht, und möchte ich Allen, welche berufen sind, praktisch Hand anzu-legcn, dringend rathen, sich vorerst innig vertraut mit den Werken undRegeln der Alten, und zwar sowohl in Betreff der Darstcllungs- als derBehandlungsart, zu machen; nur auf diesem Wege ist es möglich, allmäh-lich wieder festen Grund unter die Füße zu bekommen.*) Zwischen demDespotismus und der Anarchie liegt die gesetzliche Freiheit, die auchhier mit allen Kräften zu erstreben ist. Die Wurzel des Nebels steckt inder Mißachtung des Ranges überhaupt, welcher der Architektur in derHierarchie der Künste gebührt. In dem Maaße, wie die Verwirrung derästhetischen Begriffe stieg, ist denn auch immer das Gewicht der Architekturherabgesunkcn, bis cs endlich sogar dahin kam, daß sie unter den Künstengar nicht mehr zählte, wie dies die Schriften über Aesthctik aus jener Zeitergeben, die sich vorzugsweise die elastische und philosophische zu nennenbeliebte.
ES liegt eben eine 1799, als unsere viclgcrühmte elasfische Literaturungefähr im Zcnith stand, in Berlin erschienene, ziemlich dickleibige (477Seiten) „Gcschmackslehre" vor mir, in welcher die Baukunst etwas mehrals eine Seite cinnimmt und dahin dcfinirt wird, daß darin der Künstler„zwar alle drei Ausmessungen gebe, aber seine Körper nur von geradenLinien und dem Kreise begrenze." — — „Nur der ganz rohe, und durchdas Nomadische ihrer Lebensart bestimmte Geschmack der Araber, oder viel-mehr der Sarazenen — so heißt es in unserer „Gcschmackslehre" weiter —brachte in dem, was man ein gothischcs Gebäude nennt, tulpcnartigeLinien zur Begrenzung der Körper in der Baukunst an." Das war dieWürdigung, deren sich die Baukunst überhaupt und insbesondere die Bau-
*> Trefflich zu obigem Zwecke geeignet ist das, zuerst von Didrvn herausgegcbene„Handbuch der Malerei dom Berge Athvs", jüngst in einer deutschen Ncbcrsetzung vonG. Schäfer, welcher es vielfach durch Zusätze bereichert, in Trier bei Lintz erschienen.
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