VII
in welcher Weise und wie weit die Wand- und Glasmalerei der Alten unsals Vorbilder und Muster dienen sollen. Man will mir zugcstchcn, daß„die Malerei sich insofernc den Zwecken der Architektur anschlicßcn müsse,als diese durch jene nicht in ihrer Einheit gestört, sondern vielmehr inihrem Gesammteindrucke erhöht werden soll," aber man möchte sie „des-halb doch nicht ihrer eigenen Freiheit und Selbstständigkeitberaubt wissen und zur Dienerin herabwürdigcn." In derchristlichen Kunst sei, so fährt man fort, die Malerei ihrer Vollendung undeiner vorher kaum geahnten Bedeutsamkeit entgegcngcführt und hierdurchdas gegenseitige Verhältniß der drei Künste (Architektur, Sculp-tur und Malerei) ein ganz anderes geworden. Es hätten demnachdieselben, wo cs gelte, die höchste Aufgabe zu lösen, „gemeinschaftlich zuwirken, nicht in Unterordnung, als ob die eine die Herrin wäre, dieanderen die Dienerinnen, sondern wie Kinder desselben Vaters, wie Schwe-stern von gleicher göttlicher Abkunft, darum auch, wenn schon von ver-schiedenartiger, doch von gleich preiswürdigcr Schönheit; gerade in diesemZusammcnstimmcn der zu Einer Totalität gehörenden bildenden Künste, indiesem vollen Drciklangc, ohne welchen überhaupt keine Harmonie sich er-schließe, feiere die christliche Kunst ihren höchsten Triumph." So wie dieverschiedenen Acstc an dem Einen Stamme der Poesie, heißt es bann wei-ter, nicht alle zu gleicher Zeit Blüthcn getrieben hätten, so sei auch dieMalerei ihrer weiteren Entwickelung und Vollendung viel später cntgegen-gcführt worden, als die Architektur. Warum also, fragt man, sollte einKünstler zu tadclu sein, der für seinen Kunstzwcig die Vorbilder nicht imzwölften und dreizehnten Jahrhundert, wo die Malerei nur erst in ihrerEntfaltung und weiteren Entwickelung begriffen gewesen, sondern in einerjüngeren Periode suche? —
Das der Musik entlehnte Glcichniß bietet mir eine höchst willkommeneWaffe gegen die daran gelehnte Argumentation und kann ich dem Reizenicht widerstehen, dasselbe etwas näher zu beleuchten. Damit über demGrundton der Drciklang sich erbaue, ist freilich erforderlich, daß zu dem-selben noch die Quinte und die Terz, als Dominante und Mcdiante hin-zutrcten. Aber nicht in der Gleichberechtigung dieser zwei letzteren Ton-stufcn mit dem Grundtone wurzelt „die sich erschließende Harmonie". DerKomponist wird, wo er den tonischen Drciklang als Ausgangspunkt seinerModulationen oder als Schlußaccord seiner Cadcnzcn erklingen läßt, wohlden Grundton und nach Umständen die Quinte — nicht aber auch die