Druckschrift 
2. Die christliche Zeit 1 (1855) Fünfzehn Jahrhunderte
Entstehung
Seite
524
Einzelbild herunterladen
 

524 Frankreich und England in den beiden nächsten Jahrhunderten

durch Buße sich des verheißenen Sieges wertst machen. Sie gelangtein die Stadt Orleans, wo ein unehelicher Sohn des ermordeten Her-zogs Ludwig von Orleans, der nachherige Graf Dunois, befehligte.Die von ihr geleiteten Ausfälle nöihigten den Feind zum Abzüge,Hoffnung und Begeisterung verbreiteten sich unter den Franzosen, undtheils getrieben von dem Geiste, der die Jungfrau leitete, theils vondem neuen Waffenglücke gelockt, strömten von allen Seiten Schaarendem Könige zu. Nun drängte sic zum Zuge nach Rheims. Die bur-gundische Stadt Aurcrre mußte gegen zugcstandene Neutralität Lebens-mittel für den Zug liefern, und Tropcs unterwarf sich bei den Anstaltenzum Sturme, wie es Rheims schon bei Annäherung des Heeres that.Die Krönung geschah, und die Jungfrau erklärte ihre Sendung für be-endigt. Ein lauterer Sinn hatte vollbracht, was die Großen des Reiches,weil er ihnen fehlte, nicht hatten vollbringen können. Den König hatteder Umschwung des Kriegsglückes wieder an die Spitze eines Volkesgestellt, das von ihm, dem bisherigen Haupte der Armagnacschen Partei,sich abgewandt, und die rasch vollbrachte Krönung hatte ihn, den seinVolk zu Gunsten des Fremdlings verstoßen, aus einem Manne derPartei zum Könige gemacht, dem vorher Muthlosen den Weg desHerrschers gezeigt. Das Geschehene war so entscheidend, daß der Königfast nur dem Zuge der ferneren Begebenheiten zu folgen brauchte, undnur der Umstand, daß er bei der Umwandlung des Geschicks sich alsZuschauer verhielt, verzögerte die Vollendung des Begonnenen. Soblieb ein noch im nämlichen Jahre auf Paris gemachter Angriff durchKarls Unthätigkeit ohne Erfolg. Da wünschte Johanna, wie sie schonzu Rheims gethan, in ihre Heimath entlassen zu werden, blieb aber aufdie Bitten derjenigen, die in ihr ein Pfand künftiger Siege erblickten.Während manche Städte des Nordens sich von den Engländern ab-wandten, hatte sich Karl in das weichliche Hofleben zu Chinon zurück-gezogen, der Herzog von Bedford eine Vertheidigungsstellung, die ohneSchlacht Paris und Rouen schützen sollte, genommen, und die franzö-sischen Unternehmungen vereinzelten sich durch Mangel an gemeinsamerLeitung und durch Zwist und Neid der Führer. Unter solchen Umständenkam für Johanna das Ende ihrer Laufbahn. Die zum Könige über-getretcne Stadt Compiegnc wurde im Jahre 1430 von dem Herzogevon Burgund belagert. Johanna warf sich mit einer Verstärkung hineinund wurde nach einem Ausfall von 'den Ihrigen abgeschnitten und ge-fangen. Die Engländer, die in ihr die Ursache alles ihres Unglückserblickten, kauften sie den Burgundern ab, und um die ganze Erscheinungihres Wertstes zu berauben und das, was die Heldin gethan, Lands-leuten und Feinden verächtlich zu machen, borgte man das Ansehen derKirche, um sie wegen religiöser Verbrechen, die man an ihr finden