312 Das römisch-deutsche Reich im Zeitalter der Kreuzziigc.
selten in einen Gegensatz, da das Hauptziel des christlichen Lebens durch ein-seitige Ucbung des Scharfsinnes und eine daran sich schließende Kunst keckenStreitens auch wohl gefährdet zu werden und derjenigen Thätigkeit, aufwelche die Mystik hinarbeitete, als eines Schutzmittels zu bedürfen schien. !Naturgemäß lieferten die dem thätigen Christenthum gewidmeten Mönchs-orden die Streiter gegen eine zu üppig wuchernde Scholastik. So warder heilige Bernhard der Gegner der in Paris durch Abälard vertre-tenen Scholastik, während Abälards Lehrer Wilhelm von Champeaur zuSt. Victor in der Nähe von Paris eine gottseliger Beschaulichkeit undpraktischer Frömmigkeit gewidmete Schule stiftete, und sein NachfolgerRichard den Versuch machte, Scholastik und Mystik zu vereinigen undeinen Weg zu finden, auf welchem die Kraft des Denkens und diefromme Betrachtung sich zu Erreichung des Hauptzieles gegenseitig unter-stützten. Nichtsdestoweniger haben die Bettelorden, die Schulen der !gottgeweihten Armuth, den ganzen Zeitraum hindurch in Deutschland,Italien, Frankreich und England auch die ersten Größen der Scholastikgeliefert, die am Schluffe des Zeitraumes durch zwei Franciskancr, dieEngländer Alexander von Haleö, gestorben 1245, und seinen SchülerJohannes Dnns Scotus, gestorben 1308, und zwei Dominikaner, denDeutschen Albertus Magnus, gestorben 1280, und seinen Schüler Tho-mas von Aquino aus Calabrien, gestorben 1274, ihren Gipfel erreichte.Innerhalb der Scholastik entwickelte sich wieder der Gegensatz des Nea- ^lismus und des Nominalismus, indem man den die Einzeldinge zusam-menfassenden Gattungsbegriffen ein wirkliches Dasein theils zuschrieb,theils absprach. Die Realisten aber, die unter sich die größten Scho-lastiker zählten und den die treue Auffassung der Kirchenlehre gefähr-denden Nominalisten gegenüber zugleich die Billigung der Kirche für sichhatten, schieden sich seit den beiden großen Realisten Scotus und Thomaswieder in Scotisten und Thomisten, indem in den beiden Orden, welchen !
sie angehört hatten, nach Maßgabe der bei den beiden Meistern vorherr-schenden Ansichten, platonische oder aristotelische Anschauung und Be-handlung zu Grunde gelegt wurde.
VIII
Das römisch-deutsche Reich im Zeitalter der Kreuzzüge.
1. Im römisch-deutschen Reiche dauerte im Zeitalter der Kreuzzügeder Kampf der Kaiser gegen die Kirche mit Unterbrechungen und untermehrfachem Wechsel der Gegenstände des Streites fort, und nicht mindererneuerten sich die schon früher begonnenen Kämpfe über das Verhältniß