522 Frankreich und England in den beiden nächsten Jahrhunderten
Haupt der Armagnacschcn Partei. Da indessen der König von Englandseit dem Jahre 1418 die Eroberung der Normandie begonnen und seineHerrschaft über dieselbe im Jahre 1419 durch Wegnahme von Rouenentschieden hatte, näherten die Parteien sich einander. Doch der ersteVersuch riß nur eine weitere Kluft, da bei einer Zusammenkunft, dieder Dauphin mit dem Herzog auf der bei Montereau über die Ionneführenden Brücke hatte, du Chatel den Herzog niederstieß. Der Sohndes Getödtetcn, Philipp der Gute, schloß im Verlangen nach Rachenebst der zu seiner Partei gehörigen Isabelle im Jahre 1420 zu Tropeseinen Vertrag mit Heinrich V., wonach dieser sich mit einer TochterKarls VI. vermählen und demselben mit Ausschließung des Dauphinsals König folgen, setzt aber schon die Verwaltung des Königreichesübernehmen sollte. Heinrich zog in Paris ein und hatte sich alle nördlichder Loire gelegenen Landschaften mit Ausnahme von Anjou und Maineunterworfen, als ihn der Tod wegraffte. Sein Sohn Heinrich VI.war noch minderjährig. Aber seine zwei Oheime, die Herzoge vonBedford und Glocester, übernahmen, der erstere in Frankreich, der letzterein England, die Negierung und führten sie so, daß der Regierungs-wechsel keine Störung für England und seine Unternehmungen brachte.
13. Für Frankreich war zwar der im nämlichen Jahre eingetreteneTod Karls VI., da er den langen Kampf um die Regentschaft beendete,ein günstiges Ereigniß, aber der nunmehrige König Karl VII. (1422bis 1461) übernahm das Reich zerrüttet und um die Hälfte geschmälert,und während die letzten Vorgänge ihm sogar den Weg zum Throneversperrt hatten, fand er, der unter den unglücklichen Verhältnissen seinesHauses nicht zur Thatkraft erzogen war, weder Hülfsmittel noch An-hänglichkeit in dem Maße, daß eine baldige Erhebung Frankreichs er-wartet werden konnte. So findet sich der Westen Europa's durchFrankreichs Zerrissenheit und seinen Kampf mit England in einem Zu-stande, der das trübste Bild von der damaligen Lage der Christenheitvollendet. Zur Zeit, da die Osmanen schon an der Donau siegreicherschienen sind, finden sich überall Kräfte, welche der gemeinsamen Ge-fahr verbunden begegnen sollten, im Kampfe gegen einander. Wie inItalien Mailand und Venedig, im Nordosten Europa's Polen und derdeutsche Orden, so streiten im Westen die beiden Reiche, welche nachdem deutschen die ersten in der Christenheit sind und einst Tausendevon Streitern gegen die Ungläubigen gesandt haben. Dazu ringt dieKirche, das unselige Schisma zu überwinden, und, während die Ruheund Klarheit des Geistes, mit deren wahren Bedürfnissen die helfendenMittel zu erkennen, vergebens gesucht wird, begeben sich auf allenSeiten Dinge, die dem Toben entfesselter Leidenschaft einen desto weiternSchauplatz bereiten. In der Christenheit ist zu gleicher Zeit die Kraft,