Druckschrift 
2. Die christliche Zeit 1 (1855) Fünfzehn Jahrhunderte
Entstehung
Seite
406
Einzelbild herunterladen
 

406 Das römisch-deutsche Reich in den beiden nächste» Jahrhunderten

dolphs zielte dahin, dem während der Herrscherlosen Zeit eingeriffenenRauben und Morden Einhalt zu thun. Auf vielen Reichstagen wurdenalte Gesetze zur Beschränkung des Fehdewcsens erneuert, und der Königsuchte, das Reich durchziehend, ihnen Geltung zu verschaffen, indem erdie Burgen der Ritter brach, die das Leben von Wegelagerern führten,und Fürsten zur Herausgabe widerrechtlich in Besitz genommener Ge-biete und Rechte zwang. So wurden in Thüringen viele Burgen zer-stört und viele Räuber hingerichtet, in Schwaben, Elsaß und Frankenviele Neichsgüter wiedergewonnen und viele Städte von den ihnenwillkührlich auferlegten Schatzungen befreit. Während Italien sich selbstüberlassen blieb, gedachte Rudolph im arelatischen Reiche die deutscheHoheit von Neuem zur Anerkennung zu bringen. Hier hatten sich all-mälig sechs besondere Gebiete entwickelt, die der Familie Anjou gehörigeProvence, die vom römischen Stuhle in den Albigenscrkricgen erworbe-nen Besitzungen, die den Bestand der Landschaft Venaissin ausmachtcn,die Grafschaft Vienne, die Grafschaft Savoyen, das Gebiet der StadtLyon und die burgundischc Freigrafschaft. Die Provence war verloren,und wenn Rudolph, der sic noch als Neichslehen betrachten wollte, imJahre 1280 auf Papst Nikolaus' III. Zureden des Königs Karl Ge-mahlin Beatrix mit Vorbehalt der Rechte, die Ludwigs des HeiligenWittwe auf das Land habe, damit belehnte, so war es bloße Förmlich-keit. Venaissin war von Gregor Xl. an den Grafen Raimund VII.von Toulouse zurückgegeben worden, welchem auch Kaiser Friedrich II. dieBelehnung ertheilt hatte. Darauf hatte Ludwigs des Heiligen BruderAlphonö von Poitou durch Vermählung mit Raimunds Erbtochter diegesammte Grafschaft Toulouse erhalten, und als dessen Kinderlosigkeit siemit Poitou nach seinem Tode an den König Philipp H. gebracht, hattedieser Venaissin an Gregor X. zurückgegeben. Die Grafschaft Viennewar schon am Ende des vorigen Jahrhunderts durch Vermählung einerErbtochter ihrer Besitzer mit dem französischen Herzogthum Burgundverknüpft worden, hatte sich aber bald durch Erbtheilung wieder davongetrennt und stand unter der Herrschaft einer Seitenlinie der burgundi-schen Herzoge. Die Grafschaft Savoyen, ursprünglich auf die Gegendender obern Jsere beschränkt, war zu einem mächtigen Gebiete erwachsen.Zu beiden Seiten der Westalpen hatten ihre Beherrscher durch Familieu-verbindungen, durch die Wichtigkeit, die sie als Herren der Alpenpässefür die hohenstaufischen Kaiser hatten, und durch kluge Beuutzuug derHerrscherlosen Zeit sie zu einem Staate ausgebildet, der eben durch seineGröße und durch seine Erstreckung in das italische Gebiet der Gefahreines Anschlusses an Frankreich weniger ausgesetzt war, indem seine Be-herrscher früh die Pläne stetiger Vergrößerung zu verfolgen begonnenhatten. Das Gebiet von Lyon hatte thatsächlich gar keine Verbindung