Frankreich bis zum Ende des elften Jahrhunderts. 235
Umständen kamen die Bischöfe mit Ausnahme des Erzbischofs vonNheimS, der im Besitze ansehnlicher unmittelbaren Lehen war, nicht zuder politischen Macht, die sie in Deutschland hatten. Aber eine Ver-wicklung in die weltlichen Angelegenheiten, woraus der Kirche Verderbenerwuchs, fand für sie in noch höherem Grade, als in Deutschland statt.Da der Klerus sich immer aus den inmitten der herrschenden ZuständeLebenden ergänzt, finden die Nebel einer Zeit auch immer in die Kirche,welche dieselben bekämpfen soll, ihren Eingang. So nahmen Simonieund Uebertretung des Cölibatgcsetzcs überhand, die kirchliche Zuchterschlaffte, und die Concilien, welche dieselbe immer neu beleben sollten,wurden seltener, wie auch der Metropolitanverband bei der Verwelt-lichung der Bischöfe sich lockerte. In den Händen verweltlichter Bischöfeschwächte sich dann auch die Gewalt der geistlichen Strafen, zumal siein Verkennung ihrer Stellung dieselben nicht bloß ohne die nöthigeUmsicht und Gewissenhaftigkeit anwandten, sondern sie in persönlichenAngelegenheiten für weltliche Zwecke mißbrauchten. Der Stuhl zuNheims erfuhr das ärgste Schicksal durch Heribert II. von Vermandois,der seinen fünfjährigen Sohn dort zum Erzbischöfe wählen ließ undvon dem unwürdigen Papste Johann X. die Bestätigung dafür erhielt.Ganz besonders zeigte sich Verwilderung des Klerus in der Normandie,wo er sich aus dem neubekehrten und noch nicht entwilderten Volkeergänzte und daher dessen Gebrechen in sich aufnahm. Diejenige Macht,die bis zum Eintritte der kirchlichen Reformen des elften Jahrhundertsneben den besseren Bischöfen dem Uebel Widerstand leistete, waren, wiesie es im fränkischen Gallien gewesen waren, die Klöster. Bewahrtenauch sie sich nicht alle frei von dem Verderben der Zeit, so waren vieledoch, zum Theil durch unmittelbare Unterordnung unter den päpstlichenStuhl, Zufluchtsstätten christlichen Wandels und christlicher Wissenschaft.In dem von Herzog Wilhelm von Aquitanien im Jahre 910 gegründe-ten Kloster Clugnp oder Cluniacum wurde die Regel des heiligen Bene-dictus hergestellt und geschärft, und durch ihre Einführung erlangten vieleKlöster eine Reform. Die so erneuerten Klöster wurden die Pflanz-schulen, aus welchen die besseren Bischöfe hervorgingcn, und da in ihnenauch die Wissenschaft ihre Pfleger hatte, lieferten sie auch den mit denbischöflichen Kirchen verbundenen Schulen, die seit dem Ende des nenn-ten Jahrhunderts von dem unter den ersten Karolingern erreichtenStandpunkte tief herabgesunken waren, die Männer, durch welche siesich wieder erhoben, um zur Erhebung der Kirche mitzuwirken. DasWirken der eine bessere Ordnung vorbereitenden Kräfte trug für dieöffentlichen Zustände zwar erst nach der Zeit der vier ersten unter denKönigen des neuen, des kapetingischcn Herrschergeschlechts seine Früchte,es ist aber auch für ihre Zeit, obgleich es sich noch nicht in Gründung