222 Das deutsche Reich bis zum Ende des elften Jahrhunderts.
dürfniß der Herrscher, die Bischöfe nach ihrem Vortheil zu wählen,allmälig zu einer eigentlichen Verleihung des bischöflichen Amtesgeworden. Gegen sie hatte sich der kirchliche Kampf schon gerichtet, alsLeo IX. auf einen: zu Nenn im Jahre 1049 gehaltenen Concilium diekanonische Wahl als Bedingung für die Verwaltung des bischöflichenAmtes anfstcllte. Freilich mußte hierdurch der Kampf in das festge-wurzelte und alle Verhältnisse durchdringende Lehenswesen eingreifcn,da der Uebelftand nicht gründlich zu heben war, wenn nicht die Bischöfedem Vasallenverhältnisse ganz entzogen wurden. Doch Gregor mußteden Grundsatz in aller Schärfe aussprechen und es von dem Entgegen-kommen der weltlichen Gewalt erwarten, daß Mittel gefunden würden,den kirchlichen Forderungen ohne Störung der staatlichen Verhältnissegenug zu thun. Daß er einen Mann wie Heinrich IV. zun: Gegnererhielt, erschwerte seine Stellung insofern derselbe das mißbräuchlicheVerfahren nicht, wie sein Vater, zu Gunsten der Kirche, sondern inniedrigen Absichten angewandt hatte. Dadurch waren bereits eine Mengevon Bischofssitzen in Deutschland und Italien mit Männern besetzt, diedas Bestreben Gregors gegen ihren eigenen Vorthcil gerichtet sahen undihren Widerstand mit dem des Königs vereinigten. Die Geistlichkeitder Goslarer Kirche, die in dem Verkehr mit dem zügellosen Hofe sichverweltlicht und in niedrigen Künsten geübt hatte, war eine Pflanzschulegeworden, aus welcher Feinde der kirchlichen Zucht in die Kirche ein-drangen. Daß aber gerade Heinrich IV. Gregors Gegner war, gabdemselben auch eine günstige Stellung, insofern die Uebelstände des vonGregor bekämpften Verfahrens augenfällig genug wurden, um Alle,denen das Wohl der Kirche an: Herzen lag, Alle, die sich durch Fröm-migkeit und Wissenschaft auszeichneten, jedenfalls auf die Seite desPapstes zu führen.
19. Nach seiner Erwählung suchte Gregor die Bestätigung Heinrichsnach, ließ ihn aber zugleich wissen, daß er durch die Bestätigung sichnicht zu Billigung der eingerissencn Mißbräuche bestimmen lassen werde.Obgleich Heinrich von seiner Umgebung die Bestätigung abgcrathei:wurde, erfolgte sic doch, da seine Abgeordneten bei ihrer Ankunft inRon: die Wahl in Ordnung fanden. Es war dies aber die letzte Be-stätigung, welche eine Papstwahl erhielt. Nachdem nun Gregor aufdrei zu Non: gehaltenen Concilicn seine Anordnungen im Sinne derKirchenzucht getroffen hatte, erhielt er ein Schreiben von Heinrich, dasAbsetzung der in die Empörung verwickelten sächsischen Bischöfe ver-langte. Gregor, der schon während des Krieges Einstellung der Feind-seligkeiten verlangt und sich zum Schiedsrichter angeboten hatte, ließ mitder Forderung antworten, daß die Bischöfe zuerst ihren Kirchen zurück-gegeben würden, und hielt dem Könige vor, daß er sich als einen Feind