108 Das oströmische Reich bis gegen Ende des achten Jahrhunderts,
lichen Dingen den Anmaßungen des Hofes entschieden entgegen undwährend er Theodelinden bei ihren Bemühungen für Bekehrung ihresBolkes Anleitung gab und durch sie das Loos der Römer unter longo-bardischer Herrschaft erleichterte, wehrte er ihr standhaft jede Entschei-dung in kirchlichen Fragen. Erscheint er bewundernswert durch dieArt, wie er zwischen zwei feindlichen Parteien steht, beiden befreundetund gegen beide die Rechte der Kirche wahrend, so steigt die Bewunde-rung gegen ihn noch durch den Anblick der vielfältigen Bemühungen,mittelst deren er für die Ausbreitung der Kirche sorgte und über ihreLehre und Zucht wachte, mit allen Machthabern der Zeit Verbindungenunterhielt und durch Werke der kirchlichen Wissenschaft ein Lehrer fürGegenwart und Nachwelt wurde. Nur die Heiligkeit eines Sinnes, dersich mit der Welt abgefunden hat und Gott als alleiniges Ziel sucht,läßt es begreifen, wie er in so ausgedehntem Kreise nach entgegenge-setzten Seiten und in so verschiedener Weise so Großes wirken konnte.Während die Welt rings umher in trüben Massen gährt, während hierRohheit, dort Entartung die Blicke der Menschen verdüstert und Con-stantinopel den Beruf, ein Mittelpunkt der Herrschaft zu sein, nichterfüllen kann, waltet in Rom, als dem geistigen Mittelpunkte der Welt,Gregors Geist mit einer Kraft, die überall was nöthig ist, erkennt undüberall die Mittel zur Erreichung desselben entdeckt.
13. Während so im Westen das römische Reich, um den geistigenFortschritt nicht zu hindern, und der Begründung eines höheren ReichesRaum zu geben, an Macht und Hoheit verlor, wurde es nach andernSeiten hin in Bewegungen verwickelt, aus welchen neue Gebilde her-vorgingen, ohne daß daraus in einer nahen Zukunft Ergebnisse für dasHeil der Menschen erwachsen wären. Von Norden her lasteten aufdem Reiche die Avaren mit aller Schwere roher Gewalt und wildenUngestüms. Nur durch Geldzahlungen konnten ihre Angriffe für kurzeZeit abgewehrt werden und der Erfolg der Opfer, die man ihnenbrachte, waren immer höhere Forderungen. So hielten sie das Landin fortwährender Zinspflichtigkeit, während sie durch ihre stets erneutenVerheerungen dessen Leistungsfähigkeit schmälerten. Vergebens war es,daß gegen sie Mauritius, wie unter den oströmischen Kaisern noch keinergethan, selbst zu Felde zog. Es fehlte dem Reiche an Wehrhaftigkeit,da die Truppen den Mühen des Kriegsdienstes abgeneigt waren. Alser sie jenseits der Donau überwintern lassen wollte, brach die Empörungaus, die den unmenschlichen Phokas an seine Stelle setzte und ihn,nachdem er vor dem Empörer nach Asien geflohen war, mit seinenAngehörigen zu traurigen Opfern von dessen Furcht und Grausamkeitmachte. Als aber aus der Provinz Afrika in Heraklius, dem Sohne desdortigen Exarchen, dem gemißhandelten Lande ein Retter und dem ge-