72
Das römische Reich unter den Imperatoren.
gewinnen, die Nordgrenze Britanniens und die Ostgrenze Galliens vonihren Vertheidigern entblößen müssen. Das Aufgeben der beiden Pro-vinzen mag in der Hoffnung geschehen sein, sie später, wenn die nähereGefahr überwunden sei, von Neuem zu sichern. Die Bewegung dernordischen Völker, die seit dem Vordringen der Hunnen begonnen hatte,von der die Züge der Gothen einen Theil ausmachten und die manmit dem allgemeinen Namen der Völkerwanderung umfaßt, dauerte auchaußerhalb des Reiches fort und trieb immer neue Schaarcn über dessenGrenzen. So erschien bald nach Alarichs Abzug im Jahre 406 inItalien unter Führung des Nadagaisus ein Heer, dessen BestandtheileVandalen, Alanen und Sueven genannt werden. Dein Stilicho gelanges, dasselbe in den ctrurischen Gebirgen bei Fäsulä zu überwinden, aberim folgenden Jahre ergossen sich Schwärme derselben drei Völker, beidenen sich auch die aus Italien Entkommenen befunden haben müssen,über den Rhein nach Gallien. Nachdem Stilicho der Netter Italiens,wie einst Camillus und Marius, geworden war, wurde er ein Opferder Eifersucht und des Verdachtes, die am Hofe des schwachen Honoriusihn umgaben. Er wurde im Jahre 408, nachdem man seine Freundeaus dem Wege geräumt hatte, ermordet. Jetzt lag Italien als Beutevor Alarich. Noch im Jahre 408 erschien er, da man ihm die früherversprochenen Jahrgelder verweigerte, drohend vor Nom, wo man ihndurch eine große Geldzahlung zum Abzüge bewog. Die ForderungenAlarichs steigerten sich, er verlangte eine Stellung, welche das Reich inseine Hände gegeben hätte. Da sich der Hof zu Ravenna, von Sti-licho's Feinde Olpmpius geleitet, auf keine Unterhandlungen einließ,erschien im Jahre 409 Alarich, nachdem ihm sein Schwager AthaulfVerstärkungen aus Pannonien zugeführt hatte, zum zweiten Male vorNom und zeigte sich als der wirkliche Machthaber im Reiche, indem erin der Person des Stadtpräfecten Attalus einen neuen Herrscher anstattdes Honorius aufftellte. Als jedoch Alarich bald mit Attalus zerfiel,benutzte Honorius nicht die Gelegenheit, sich mit ihm zu versöhnen undneue Weigerung, auf seine Forderungen einzugehcn, brachte den gefürch-teten Gothen im Jahre 410 zum dritten Male vor Nom, das diesmaldem Schicksale nicht entging, von Barbaren erobert und geplündert zuwerden. Die Stadt erlitt einen großen Verlust an Werken der Kunst,doch bewiesen die arianischen Gothen gegen die Kirchen eine großeSchonung. Hierauf zog Alarich, in der Absicht, nach Sicilicn überzu-gehen, nach Süditalien, starb aber bei Nhcgium und wurde von seinemHeere in der Nähe von Confentia in dem Bette des Flusses Buscntinus,den man vorher abgeleitet hatte, begraben, um in seiner Ruhe niegestört werden zu können.
40. Alarichs Tod brachte Athaulf an die Spitze der Gothen und