Das römische Reich unter den Imperatoren. 71
dasselbe in großem Umfange geltend machen zu können. Unter diesenUmständen erscheint der Westen als Schauplatz derjenigen Begebenheiten,durch welche sich eine neue Ordnung begründet.
39. Da Arkadius und Honorius bei des Vaters Tode noch jungwaren, wurde dem ersteren der Gallier Rufinus, dem letzteren derVandale Stilicho, Männer, die bei dem Vater viel gegolten hatten,zur Seite gestellt. Ihre Eifersucht wirkte sofort entfremdend auf
die beiden Reiche. Zu einer Verwicklung kam es aber durch neue
Bewegungen unter den Gothen in Thracien und Mösien. Geführtvon Alarich, aus dem fürstlichen Geschlechte der Balthcn, brachen siegegen Griechenland ans. Als nun Stilicho mit der Kriegsmacht desWestens zu Hülfe kommen wollte, verbat sich auf Rufinus' Rath Arka-dius dessen Erscheinen und forderte das gothische Heer zurück, dasTheodosius zum Kriege gegen Engcnius nach Italien geführt hatte.Stilicho ließ es unter seinem Führer Gainas ziehen, doch als es beiConstantinopel ankam, wurde Rufinus, der Heerschau über dasselbehalten wollte, auf Gainas' Befehl niedergehauen und ein Hofbeamter,Eutropius, der Einfluß auf Arkadius gewann, verfolgte Rufinus' Rich-tung hinsichtlich des Verhaltens gegen Stilicho. Doch führte Stilichosein Vorhaben aus, die Gothen zu bekämpfen. Alarich war überTheben, Athen und Korinth in den Peloponnes eingedrungen, hatte bloßAthen, auf dessen Mauern ihm die alte Schutzgöttin der Stadt erschienensein sollte, verschont, sonst aber seinen Weg mit Verwüstung bezeichnet.Von Griechenland aus konnte er leicht nach Italien übergehen und zudessen Schutze fand es Stilicho nöthig, zur See nach dem Peloponneszu ziehen. Hier schloß er die Gothen im Jahre 397 in Arkadien ein,ließ sie aber doch über die Meerenge von Naupaktuö entkommen. Jetztversöhnte sich der von Beute gesättigte Alarich mit Arkadius und dieserernannte ihn zum Comes in der illprischen Präfectur, wodurch er ineine für das westliche Reich gefährliche Stellung gebracht wurde.Wirklich führte ihn Wanderungs- und Beutelust in den Jahren 400und 402 über die Alpen. Das erste Mal kam er bis Aquileja, daszweite Mal durchzog er die ganze Ebene des Po und wurde im Jahre403 von Stilicho bei Pollentia in den Gegenden des oberen Po durcheine Schlacht zum Rückzuge bewogen. So war Rom, welches einenAngriff der Gothen befürchtete und aus welchem sich Honorius bereitsin das zwischen Meer und Sümpfen stark befestigte Ravenna geflüchtethatte, gerettet. Doch diese Rettung war nur eine einstweilige. Mangab Alarich jetzt für das westliche Jllyrien dieselbe Stellung, die er fürdas östliche erhalten hatte und so lag er mit seinen Gothen in denGrenzgebieten beider Reiche, beiden gleich gefährlich. Zugleich hatteStilicho, um die zur Bekämpfung des Alarich nöthigen Truppen zu