Druckschrift 
2. Die christliche Zeit 1 (1855) Fünfzehn Jahrhunderte
Entstehung
Seite
66
Einzelbild herunterladen
 

gg Das römische Reich unter den Imperatoren.

und nicht mehr zurückzutreibendes germanisches Volk vernichtet werdenzu sollen schien, der Gefahr entging, indem der Strom der Verheerungsich nach dem Westen wälzte, um hier in Verbindung mit andern dortschon lange thätigen Kräften die im Osten begonnene Zerstörung zuvollenden. GratianuS hatte schon bald nach seines Vaters Tode seinennoch ganz jungen Bruder, den zweiten Valentinianus, zum Mitregentenangenommen und dieser regierte, mit seiner Mutter Justina, die nichtGratianus' Mutter war, die italische Präfectur, ohne daß Gratianus'Oberhoheit daselbst aufhörte. Der Gedanke an die Einheit des Reicheswar ungeachtet der vielen vorausgegaugcnen Thcilnngcn noch so leben-dig, daß mit Valens' Tode die Befugniß, dem Osten einen neuenHerrscher zu geben, dem Gratianus zufiel. Die Wahl war eine soweise oder so glückliche, daß nicht allein der Lauf der Zerstörung ge-hemmt wurde, sondern auch den inneren Verhältnissen, vermöge derendas römische Reich in seinem Verfall der Bildung einer neuen Welt-ordnung vorzuarbeiten hatte, eine neue Regelung zu Theil ward. UnterValentinianus hatte der Comes Theodosius aus Spanien sich großeVerdienste erworben, Britannien von den Verheerungen der Pikten undSkoten gerettet und die über die Provinz Afrika verbreitete Empörungdes Mauretaniers Firmus unterdrückt. Ungeachtet dieser Verdienstewar er in Folge eines Verdachtes, den Feinde gegen ihn erweckt, aufGratianus' Befehl in Carthago enthauptet worden. Dessen gleich-namigen Sohn, der in tiefer Zurückgezogenheit zu Cauca im Lande derVaccäer lebte, erwählte Gratianus zum Beherrscher der beiden östlichenPräfecturen, und es ehrt ihn ebenso, als den Gewählten, daß das demVater unverdient gewordene Schicksal kein Bedenken gegen die Wahldes Sohnes war. Während über Consta»tinuö die Urthcile heidnischerund christlicher Schriftsteller sich widersprechen, genießt Theodosius vonbeiden Seiten das Lob eines großen Herrschers und während demConstantinus, ungeachtet er die äußere Erhebung des Christenthumsals Aufgabe seiner Negierung erkennt, dessen inneres Wesen unverständ-lich bleibt, ist Theodosius, in höherem Sinne als er, der erste christlicheBeherrscher des römischen Reiches.

36. Nachdem Theodosius im Jahre 379 in Sirmium zum Augustuserklärt worden war und die Herrschaft in der östlichen Reichshälfteerhalten hatte, begann er von Thessalonice aus eine Thätigkeit gleich der,welche Fabiuö Cunctator nach der Schlacht bei Cannä entwickelte. Doches konnte sich nicht um Vertreibung, sondern nur um Beruhigung desFeindes handeln. Die Züge der streifenden Schaaren wurden beobachtet,bedrohte Städte geschützt, große Schlachten vermieden. Indem so demFeinde die Befriedigung der Kriegslust und der Lohn der Beute ge-schmälert wurde, gelang es , einzelne Haufen theils zu ruhiger Nieder-