Milo von St. Amand. 577
Ueberlieferung. Vindob. 2687 a. IX und Heidelb. Pal. 52 s. IX sind von Otfrid selbstgeschrieben worden (s. über das Verhältnis beider die Ausgabe von Piper 2 1, 80 ff.]). Diedritte Hs. besteht aus Bruchstücken, nämlich Berol. germ. 4. 504, Guelferbyt. 131. 1 Extr.,Bonn. 499. Die Hs. aus Freising, jetzt Monac. germ. 14 s. IX — X, hat die Unterschrift Vualdoepiscopus istud evangeliwn fieri itissit. Ego Sigihardus indignus presbiter scripsi; sie istjedenfalls Abschrift vom Vindobonensis, der nach dem Ausleihverzeichnis aus Weißenburggegen Ende von s. IX nach Freising 1 ) geborgt worden war, s. Becker 17 p. 37 Fr[isi]ng[e]nseps habet evangelium theodiscum. Ueber sonstige Spuren vonHss. vgl. ed. Piper 2 1, 240]—[249.Ausgaben: von Joh. Kelle, Otfrids von Weißenburg Evangelienbuch, und besonders vonF. Piper 2 . Otfrids Evangelienbuch, 2 Bde. Besonders wichtig sind die Otfridstudien vonA. E. Schönbach, Ztschr. f. deutsch. Altert. 38, 210. 337; 39, 57. 368 und 40,103, sie sindbesonders Ergänzungen zu der Quellenanalyse von Piper 2 1, [251—258]. Vgl. auch Hauck2.768—774.
97. Milo von St. Amand.
Milo ist nach dem Jahr 809 geboren und wurde Mönch in St. Amandbei Tournai, einer Stiftung, die sich durch ihre teilweise noch erhaltenen,hervorragenden Bücherschätze auszeichnete. Er genoß den Unterricht desHaimin (oder Haimo) von St.Vaast zu Arras, dessen Schüler auch Heiricwar; und so ist es erklärlich, daß Milo Heirics Gedicht über den heiligenGermanus gekannt hat, das ihm vielleicht das "Vorbild für seine erste größerepoetische Arbeit wurde. Denn zur Poesie fühlte sich Milo besonders hin-gezogen, und seine Begabung brachte ihm die Freundschaft einer großenReihe angesehener Kleriker ein. So schlössen sich ihm im Kloster dieMouche Teuding und Vulfaius (Vulfhac?) besonders an, aber auch AbtAdalhard war ihm sehr gewogen. Und außer diesen erwähnt Vulfaius ineinem kurzen Gedicht, in dem er Milos Leben des heiligen Amandus preist,daß Hincmar von Rheims, Theodorich von Cambrai und Immo von Noyonauf den gewandten Dichter große Stücke hielten. Als Milo noch Diakonwar, dichtete er nach der alten Lebensbeschreibung des Baudemund dievier Bücher der Vita S. Amandi, denn mit dem Leben des Stifters seinesKlosters hatte er sich intensiv beschäftigt. Dies Epos sandte er seinemLehrer Haimin mit einem wortreichen Briefe und bat ihn, etwa darin vor-kommende Verstöße gegen den christlichen Glauben und gegen die Metrikzu verbessern. 2 ) Haimin schrieb ihm zurück, daß er keinen Anstoß daringefunden, und ermahnte ihn, nicht nur in seiner Beschäftigung mit Poesiefortzufahren, sondern auch andere in dieser Kunst zu unterweisen. DieseBitte ist nicht unerfüllt geblieben, denn Milo wurde der Lehrer seinesNeffen Hucbald, der ebenfalls Mönch in St. Amand wurde. Später ver-anstaltete der Dichter eine zweite Ausgabe des Lebens des heiligen Amandus,die er König Karl dem Kahlen widmete. An die Spitze stellte er in Nach-ahmung des Porfyrius zwei Figurengedichte mit farbiger Hervorhebungder künstlich angebrachten, eingeschlossenen Verse; das erste dient demRuhme des Herrschers und enthält die Zueignung, während das zweitesich über den Bau beider Gedichte ausläßt. Außerdem stellte er dem Eposseinen Brief an Haimin und dessen Antwort voran. Zum Lobe des Gedichtshatte Vulfaius an Milo einige Distichen gerichtet, in denen er von den Zeit-
: ) Anders Piper 2 1, 238 f.]
-) Diese erste Ausgabe des Gedichts ist nur im Valentian. 414 s. IX ex. vorhanden.Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. IX, 2. 37