40 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Erster Teil.
Variae eine Briefsammlung in zwölf Büchern, die im Jahre 537 unterder Regierung des Vitiges herausgegeben wurde. Die vier ersten Bücherhat Cassiodor zur Zeit seiner Quästur geschrieben, d. h. zwischen 507—511,als Magister officiorum schrieb er unter Theoderich die Briefe des fünftenBuches, unter Athalarich die des elften und teilweise des neunten, dagegenals Praefectus praetorio im Namen des Kaisers den übrigen Teil des neuntenund die Briefe des zehnten, in welchem sich auch Schreiben befinden, dieim Namen von Amalasuintha, Theodahat und Vitiges erlassen sind. Daselfte und zwölfte Buch x ) enthält die eigenen Schreiben und Erlasse Cassiodorsals Präfekt, während Buch VI und VII nur als solche gekennzeichneteFormeln 2 ) enthält, das erste Auftreten dieser im Mittelalter so beliebtenZusammenstellungen. Über Zweck, Inhalt, Titel und Form des Werkesspricht sich Cassiodor in der Vorrede deutlich aus (p. 3 f. M.).
Die Sammlung enthält 468 einzelne Stücke und wird durch ihren In-halt zu einer sehr wichtigen Geschichtsquelle. Ihre Form läßt deutlicherkennen, wie vorsichtig Cassiodor bei seinen Erlassen zu Werke ging;denn sie sind so gefaßt, daß sie weder bei den Goten noch bei JustinianAnstoß erregen konnten. Außerdem hat Cassiodor gerade das aus denBriefen entfernt, was heute besonders wichtig erscheinen würde, so daßauch die wirklich von ihm abgesandten Briefe in der Sammlung vielfachden Eindruck von Formeln 3 ) machen. Hierzu gehört nicht nur die Streichungdes Datums, sondern auch die häufige Unterdrückung der Personen- undOrtsbezeichnungen, 4 ) namentlich wenn es sich um Adressaten aus niederemStande handelte. Als einzige Datierungsweise hat sich die Indiction er-halten, welche für das Abendland während des 6. Jahrhunderts mit dem1. September beginnt (über ihre Bedeutung s. Mommsen S. XXIV — XXVII).Eine strenge Zeitfolge der gesammelten Stücke ist nicht erkennbar, nurdie einzelnen Gruppen sind chronologisch angeordnet (s. oben). So machtdie Sammlung einen etwas schulmeisterlichen Eindruck, man sieht deut-lich, daß es dem Cassiodor wesentlich darauf ankam, durch seine oft hohleund phrasenhafte Schönrednerei zu gefallen und deshalb bewundert zuwerden. In engem Zusammenhang hiermit steht das deutliche Bestrebendes Autors bei der Abfassung seiner Briefe, seine polyhistorische Gelehr-samkeit und Belesenheit in das hellste Licht zu setzen: von überallhergesuchter Stoff muß die Dürre des eigentlichen Schreibens umkleiden undverdecken. Man hat nun aus solchem Beiwerk geschlossen, das Cassiodor
] ) Nachweis im einzelnen s. Mommsen j als solche verwendet worden, s. z. B. Berol.
p. XXVII — XXXI. Chronologische Bestimmungeinzelner Briefe p. XXXI—XXXIX.
2 ) p. 5, 5 M. jCunetarum dignitatum sextoetVII 0 libris formulas comprehendi'. Es fehlenhier die Adressaten, die sonst überall vorhan-den sind. Ueber den Inhalt der Variae selbsts. Hasenstab, Studien zur Variensammlungetc. (1883) S. 5 ff.; daß die Sammlung nur eineAuswahl darstellt ib. S. 30 ff.; über die in denBüchern 6 und 7 verfassungsgeschichtlichenVerhältnisse ib. S. 41—77.
3 ) Die Briefe sind auch später nicht selten
lat. 773 s. XIII f. 73—80 ,Ex verbis Cassiodorin libro de opere variarum' bei Rose, Veiz.d. Hss. _d. kgl. Bibl. z. Berlin 2, 2, 801. EinigeAufschriften in alten Katalogen sprechen auchgeradezu von ,formae' oder einem ,formula-rius' oder einer ,summa dictaminum'; soLyres. XII (Cat. gen. dep. (8") II. 382 N. 105. Avig-non 1369 (Ehrle 1, 300) 204; ib. 1375 (Ehrle1, 478) 304. 308. Arezzo 1338 (Arch. stör. it.S. 5, 4, 253 (Formulas . . . Cassiodorii).
J ) Oft ist dafür ein ,ille' eingesetzt, wasja auch die späteren Sammlungen übernahmen.