TKFEL XV.
W1LLIRÄMS PARAPHRASEDES HOHEN LIEDES.
Cod. germ. 10 (Cim. 25, früher cod. lat. 5810, Ebcrsb. 10) enthält, von einer Handgeschrieben, Bl. 1—8 das Epitaphium und lateinische Gedichte des Hbtes Williram von Ebers-berg, Bl. 8—64 seine Paraphrase des hohen Liedes mit der Widmung an König Heinrich IV.und dem Prolog, Bl. 64—112 Heimos von Halberstadt und 113—210 des Origines Auslegungdes hohen Liedes. Die Handschrift stammt aus dem Besitze des bayrischen Klosters Ebersberg,dessen Äbt der aus einem Wormser Geschlechte stammende, in Fulda ausgebildete Williramvon 1048—1085 war. Es ist daher wahrscheinlich, dass sie wohl auch dort, vielleicht unterden .Rügen des Verfassers, geschrieben worden ist. Es ist überliefert, dass Williram Bücherhergestellt und verkauft hat, und dass sie ihrer Sorgfalt und Zuverlässigkeit wegen anerkanntwaren. Er selbst hebt in seinem Epitaphium hervor: Correxi libros, und am Schluss unsererHandschrift finden sich die Verse eingetragen:
Wilrammo requiem dona deus alme perennem,Errantis dextrae mendacia qui tulit ex me.
Da diese Verse mit derselben blasseren Tinte geschrieben sind wie die tatsächlichenKorrekturen, so hat zuerst Marquard Freher vermutet, die Handschrift sei von Williram selbstverbessert worden. Seemüller hat sodann diese Frage näher untersucht und festgestellt, dass keinevon den Korrekturen ihrem Inhalte nach die kritische Mitwirkung des Verfassers anzunehmenzwinge, dass vielmehr jedesmal nur die Lesart einer — jetzt verlorenen — Vorlage hergestelltwird, und dass die — wenigen — Textlücken dieser Vorlage nicht beseitigt sind. Aber auch diegraphische Übereinstimmung der Schlusschrift mit den Verbesserungen hat nicht das Gewicht,das man ihr zuschreiben wollte. Es ist nämlich ganz übersehen worden, dass die charakteri-stische blassere Tinte in der Handschrift wiederholt seitenlang im fortlaufenden Text und nicht nurin den Korrekturen vorkommt. Ferner gibt Seemüller die Korrekturen in dem WilliramschenTexte durchaus nicht vollständig an; so ist auf unserer Tafel C, Z. 1 das Wort Demo erstvon dem Korrektor nachgetragen worden und Bl. 20v hat er sogar die obersten 4 Zeilen erstnachträglich auf Rasur mit seiner blasseren Schrift ausgefüllt (Seemüller 47, 8—11). DasWichtigste aber ist, dass seine Schriftzüge sich von denen des Schreibers durch nichtsWesentliches unterscheiden, weder in der Zierschrift der Capitalis rustica noch in der gewöhn-lichen Minuskel. Es erscheint also nicht notwendig, dass Schreiber und Korrektor zwei ver-schiedene Persönlichkeiten gewesen sein müssen, und so wächst die Wahrscheinlichkeit, dassauch die Schlussverse nur aus der Vorlage übernommen sind. Andererseits bleibt die Mög-lichkeit bestehen, dass die Schlussverse und die Korrekturen vielleicht doch von Williramherrühren; dann war eben — da man nach den angeführten Versen doch kaum annehmenkann, dass er die ganze Handschrift selbst geschrieben hat — seine Schrift in der Schreibstubeseines Klosters so vorbildlich herrschend, dass sie kaum noch von der seiner schreibendenMönche unterschieden werden kann. Jedenfalls steht die Handschrift der zwischen 1059 und1065 verfassten Urschrift sehr nahe; sie ist eine der besten erhaltenen Handschriften derParaphrase und nach ihr haben Marquard Freher und Marcus Welser das Werk Williramsi. J. 1631 herausgegeben.
Vgl. die Ausgabe von Seemüller 1878 in den Quellen und Forschungen XXVIII; fernerSeemüller, Die Handschriften und Quellen Willirams 1877, ebenda XXIV. — Scherer, LebenWillirams 1867 in den Wiener Sitzungsberichten Bd. 53, S. 197—303. — Sievers, Die Äccentein althochdeutschen Handschriften 1909, S. 32. — Facsimile bei Könnecke 3 , S. 19 undW. Walther, Die deutsche Bibelübersetzung des Mittelalters 1892, S. 523.