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1 (1910) Althochdeutsche Schriftdenkmäler des IX. bis XI. Jahrhunderts
Entstehung
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THFEL VI.

MUSPILLI.

Cod. lat. 14098 (Em. B. 6 = Cim. 21) enthält auf den leer gebliebenen Seiten undRändern der Sermo Augustini de symbolo contra Judaeos (Bl. 61, 119, 120 und 121) dasBruchstück des Gedichtes von den Schicksalen der Seele nach dem Tode, von dem Welt-untergang und dem jüngsten Gericht, das der erste Herausgeber, Schmeller, Muspilli genannthat. Anfang und Schluss des Gedichtes fehlen; sie scheinen auf den Innenseiten der beidenursprünglichen Einbanddecken der Handschrift gestanden zu haben und mit diesen verlorengegangen zu sein. Das Gedicht ist von einem Bayern in den ersten Jahrzehnten des IX. Jahr-hunderts verfasst worden, nach Kögel zwischen 830 und 840. Über den Schreiber des merk-würdigen Eintrags in die kleine zierliche Hugustinushandschrift sind verschiedene Vermutungenaufgestellt worden. Die lateinische Handschrift war, wie die Widmungsverse am Schlüssebezeugen, dem König Ludwig dem Deutschen von Adalram, 821836 Erzbischof von Salzburg,geschenkt worden, und zwar vor dem Jahre 827; denn 827 vermählte sich Ludwig mit Hemma,der Tochter des bayrischen Grafen Weif, und konnte nun nicht mehr als puer angeredetwerden, wie Adalram tut. Von 827 bis 876 hielt Ludwig der Deutsche in Regensburg Hof.Fällt nun die unbeholfene deutsche Eintragung in das saubere Schreiberkunstwerk in diesenZeitraum, und hat Ludwig die ihm gewidmete Handschrift bis zu seinem Tode besessen, sokann das deutsche Gedicht kaum von jemand anders geschrieben sein als von dem Königselbst, wie Schmeller als wahrscheinlich annahm, oder von seiner Gemahlin Hemma, wasMüllenhoff, besonders der bayrischen Sprachformen wegen, in Betracht zog. In Überein-stimmung hiemit setzt Kelle die Niederschrift in die späteren Lebensjahre Ludwigs und hältan der von Schmeller aufgestellten Vermutung über den Schreiber fest. Dagegen wendetsich Steinmeyer, der die Schrift um 880, und noch schärfer Kögel, der sie aus sprachlichenGründen sogar erst ins X. Jahrhundert setzen möchte.

Wir wissen nicht, ob die Handschrift unmittelbar durch Schenkung oder Erbschaftaus dem Besitze Ludwigs des Deutschen oder seiner Nachkommen in den des RegensburgerKlosters St. Emmeram übergegangen ist. Der älteste Emmeramer Bibliothekskatalog unterdem Abte Ramuold (9751000) verzeichnet zwei Exemplare De symbolo sancti Augustini; esist nicht unwahrscheinlich, dass eines davon die Handschrift Ludwigs des Deutschen war.Im XIV. Jahrhundert oder später wurde sie zusammengebunden mit der seitdem als Blatt160 gezählten Formula novitiorum (de exercitio humilitatis) Davids von Augsburg und dabeietwas beschnitten, da die neuen Blätter kleiner waren als die alten. Nach der Säkularisation1803 nach München verbracht, wurde die Handschrift erst von Docen, dann von Schmeller inihrer Bedeutung aufs neue entdeckt, von dem David von Augsburg wieder gelöst und geson-dert neu gebunden.

Vgl. Schmeller, Muspilli. Bruchstück einer althochdeutschen alliterierenden Dichtungvom Ende der Welt. (Mit Facsimile.) München 1832. (Aus BuchnersNeuen Beiträgen zurvaterländischen Geschichte" I, S. 89117). Müllenhoff-Scherer 3 Nr. III. Pauls Grundriss 2II, 1, S. 109112. Vetter, Zum Muspilli. Germania XVI 1871, S. 121145. Kögel I,1, S. 317332. Kelle I, S. 139146. Facsimile bei Enneccerus Nr. 1116 und in ver-schiedenen anderen Werken.