56Artern in Thüringen, 19. April 65.Lieber Freund!Seit ich Ihren Aufsatz im deutsch=katholischen Sonntagsblatt(in Bezug auf Bössers Aufsatz und Schraders Schrift) gelesen,sind oft meine Gedanken zu Ihnen hinübergeflogen, thun's auchjetzt wieder; und da ich hier, wo ich Nachmittags und Abendszum ersten Male Vorträge freier Religion halten soll, einige Vor-mittagsstunden übrig habe, so mag ein Blatt mit meinen Ge-danken wirklich zu Ihnen hinüberfliegen.Gefühl, Ahnung — allen Respekt vor diesen Mächten in derMenschenseele, ebenso, wie die Leidenschaft in der Brust ihre An-erkennung von uns fordern kann; es frägt sich nur, wie weit imSeelenleben das Recht dieser innern Mächte geht.Da hat es nun für mich eine Zeit gegeben, wo ich, längstfrei vom Satzungsglauben der Kirche, der Meinung war: es gebegewisse große, heilige Dinge, die ruheten auf Gefühl und Ahnungund unsere Denkkraft müsse sich bescheiden, darüber kein Endurtheil fällen zu wollen. Gott, der persönlich gedachte, der etwasganz Andres sei als die Welt, — ein bewußtes Fortleben nachdem Tode — das waren mir diese heiligen Dinge, die seien wahr,gewiß, verbürgt durch unser Gefühl, darum sei es auch nichtSache der Vernunft, sie zu beweisen.Aber unter dem ewigen Gesetze des Menschenthums stehend:„mir über alle meine Vorstellungen redlich und gründlich Rechen-„schaft zu geben,“ bin ich über jenen Standpunkt, über jenes Ste-henbleiben vor gewissen dunklen Gebieten, hinausgekommen undbefinde mich sehr wohl dabei. Klar liegt als ewige Gesetzmäßig-keit des Seelenlebens vor mir, daß darin die Vernunft durchausdas entscheidende Wort haben muß, und daß es nirgends eineGrenze auf dem Wege des Denkens giebt, vor welcher die Ver-nunft demüthig stehen bleiben müsse, ein Weiteres dem Gefühlüberlassend. Wo ich mit meinem Denken heute noch nicht weiterkommen kann, da darf ich der Zuversicht sein, daß ich das mitnoch Unklare einstweilen entbehren kann; aber komme ich bei flei-ßigem Weiterdenken über jene scheinbare Grenze hinweg, ei sowird es mir lieb und ein Gewinn sein. Das ist der Geistesgangder Menschheit im Großen; das soll er sein für jeden Einzelen.Nur nie sagen: hier ist ein Punkt, da tritt die Vernunft ihr
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