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Briefe über freie Religion
Entstehung
Seite
53
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53vollständig und gleichmäßig auszufüllen, unser Freund also,der keine beabsichtigte Zweckmäßigkeit im All anerkennt, weiler eben nur das All selbst und keinen gouvernirenden Geistfür existirend annimmt, würde uns gewiß vorwerfen, unsereGedanken trügen vermöge ihrer Organisation densubjektiven Zweckmäßigkeitsbegriff in die sogenannteSchöpfung hinein. Allerdings sind unsere Zweckformen räum-liche und zeitliche Formen, Formen worin wir also denken müssen;aber wie kommt es denn, daß wir überhaupt das WortUn-zweckmäßigkeit in der Sprache gebrauchen, wenn uns vermögeunseres geistigen Grundrisses unzweckmäßige Dinge zweck-mäßig vorkommen müßten? Und wenn der Doktor sagte:unsere Vorstellung von der Welt, als eineinheitlich wir-kendes Vernunftreich, sei eine willkührlich von uns gefaßteVorstellung, kann er es denn überhaupt in sein Belieben stellen,die innerliche Anschauung von der Erfahrung zu emanzipiren undso z. B. einen Kreis für ein Quadrat anzusehn? Hat unserFreund imKosmos nie gelesen:Die Natur ist für die den-kende Betrachtung Einheit in der Vielheit. I, 5? Oderhält er den Herrn von Humboldt vielleicht auch für den Mannder Hirngespinnste?Wir könnten dem Materialismus noch in hundert solcherScharmützel begegnen; aber wir müssen dem Zeitherolde folgender Waffenruhe gebietet.Der Stein zu meinen Füßen redet mir von Gott, und dieSchwalbe, welche aus der Verbannung des Winters zurückgekehrtist, gesteht, daß nicht ihre persönliche Klugheit das Vaterland wie-dergefunden, Gott habe ihr den Weg gezeigt! Und in derThat, die geschicktesten Seeleute werden noch lange den ersehntenHafen verfehlen, während sich kein Zugvogel in seiner Richtungtäuscht; der bewundrungswürdige Instinkt der vernunftlosen Thiereerklärt sich nur in der Annahme, daß die Vorsehung ihnleitet. All diesen äußerlichen Ermahnungen zum Gottglaubenantwortet eine Stimme im Innern unseres Herzens, wenn sieauch wie Kindeslallen klingt. Nicht eher gibt sich der schreiendeSäugling zufrieden bis ihm die Mutterbrust gereicht wird, so auchdiese Stimme. Der überraschende Verkehr beider Welten, derWelt außer und der Welt in mir, läßt eine freundliche Lösungdessen erhoffen, was heute noch als Räthsel dunkel vorliegt. Sollte