Druckschrift 
Briefe über freie Religion
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen
 

13mos, das Bestimmte, in der Zahl (sowie dem Raume nach) Be-gränzte, also das Endliche darstellt, so repräsentirt auch die Summeder die einzelnen Dinge bildenden Atome, welche die Wissenschaftangenommen hat, eine bestimmte, wenn auch unbekannte Zahl.Jeder Himmelskörper besteht also aus einer Anzahl Atome; undso müßte denn selbst die Summe aller Weltatome ein Gegebenes,eine endliche Zahl sein.Durch die Vorstellung einer unaufhörlichen Zahlenreihe ent-steht in unserer Phantasie eine stets wachsende Lücke, die mit demWahnsinn endigen würde, wenn uns nicht von der Natur dieIdee des Unendlichen zur Herstellung des Gleichgewichtes bei-gegeben wäre. Daß wir diese Idee haben, ist gewiß, obgleichuns eine bestimmte Vorstellung davon mangelt; und wir habeneine Idee von manchen Dingen, die wir nie gesehn, noch je sehnwerden. Unsere Vernunft sagt uns, daß diese Dinge existirenkönnen, und sie harmoniren so gut mit der Natureinrichtung,daß wir uns manches durch sie erklären. Denken Sie nur anAtome und Aether, die von der Chemie und Physik vorausge-schickt werden. Der Einwurf: durch die Idee der Unendlichkeitdie Gränze des thatsächlich Gegebenen zu verletzen, ist daher ge-rade von Seiten der Wissenschaft nicht statthaft, deren Hypothesenso häufig über das thatsächlich Erwiesene hinausgehn.Darüber aber müssen wir uns klar werden, daßZahlundUnendlichkeit sich gegenseitig aufheben und daher wesent-lich verschiedene, keineswegs verwandte Begriffe sind. Auch dür-fen wir das Bewußtsein des Unendlichen als die Ursache desZahlenbegriffs annehmen; denn wie wir die Idee des Ichs nurin der Annahme des Nicht=Ichs schauen, so ist die Auffassungdes BegriffesZahl nur im Gegensatze des derZahllosigkeitmöglich. Wir können daher, den platonischen Spruch nachah-mend, sagen: Die Zahl ist der veränderliche Reflex desZahllosen, des Unendlichen, des Unveränderlichen,des Ewigen.Die Idee des Körperlichen, als auf der Einheit fußend, stelltsomit das Bestimmte, also Begränzte dar. Wir können die Ideedes Unbegränzten daher nicht in die Körperwelt verlegen und müssenuns das Unendliche oder das Göttliche durchaus unkörperlich denken. So führt uns die Vernunft auf dem allereinfachsten undsichersten Wege zu einer Qualität des Seins, die wir der zeit-