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Briefe über freie Religion
Entstehung
Seite
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- 8-haftigkeit ein integrirender Theil des religiösen Menschen sei;allein der letztere Begriff erschöpft den ersteren nicht. Und müssenwir nicht häufig bei den Gewissenhaftigkeitsaposteln die Erfahrungmachen, daß sie ihre metaphysische Denkaufgabe gewissenlosverkennen oder leichtsinnig übersehen? Kann da noch von Ge-wissen die Rede sein, wo man jene zuverlässige Stimme unseresmenschlichen Bewußtseins gewaltsam zum Schweigen bringt, dieuns mit aller Bestimmtheit Kunde gibt von der Existenz einerübersinnlichen Welt, die das Land der Gestalten begränzt? Sol-ches Bewußtsein ist eine unleugbare Thatsache unseres Seelen-lebens. Dieser Art Thatsachen sind wenige, und sie sind deutlich.Das religiöse Bedürfniß enthält, wie gesagt, auch die Ahnungeines Jenseits, eine Ahnung, die uns wiederum fast unmittelbarzur Annahme eines höchsten Wesens führt, dem die Vernunftihren Respekt bezeugt. Ohne die Gottesidee ist keine Religiondenkbar; und dasjenige, was, Religion genannt, des Gottglau-bens entbehrt, ist weiter nichts als trockene Naturlehre, überklebtmit dem abgeschabten Etiquette:Thue Recht und scheue Nie-mand. Nehmen wir aber die Gottheit zum Fundamente unserergesammten Weltanschauung, als Schlüssel zu den geheimnißvollenKammern unseres Herzens, dann strahlt uns das ganze Daseinim Glanze eines Vernunftreiches, und das Gewissen mit seinenMoralansprüchen gliedert sich als ein wohldurchdachtes Kunstwerkorganisch in den Weltenplan ein. Die Gottesidee allein vermagdem Sittengesetze in uns eine edlere Weihe, eine erhabenere Be-deutung zu geben; ohne sie schwebt die menschliche Moral in halt-loser Luft und sinkt endlich zu einer despotischen Polizeiverord-nung ohne legale Kraft herab. Es bleibt daher der Menschheitwürdigste Aufgabe, die natürliche Moral auf die religiöse Wahr-heit zurückzuführen.Welchen Weg wir auch einschlagen, um von der Wiege an'sGrab zu gelangen, was wir auch anfassen und thun mögen, wirfühlen uns überall, sei es gern oder ungern, von einem Bandgehalten, welches unsern Geist verknüpft mit einem geistigen Lande,das uns als seinen Unterthan reklamirt; wir fühlen uns gefesseltvon einer Kraft, die uns zurückzieht aus der Fremde des Ver-gänglichen in das Daheim der Ewigkeit. Und werden wir dasirdische Leben weniger benutzen, wenn wir es als die Zeit derVorbereitung betrachten? Werden wir nicht die Erde zu einem