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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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zeitig Wuthausbrüche gegen die Christen. Sie erschrickt, denn da sieweiß, wie sehr Lucius dem Christenthum geneigt ist, meint sie, man wolleihn deshalb zum Tode führen. Sie will ihn suchen, aber sie kann nichtsthun, als sich von dem wild bransenden Sturm der erregten Mengeweiter tragen lassen. Lucius schweift inzwischen mit seinem treuenDiener Guido, welcher ein eifriger Christ ist, auf dem weiten Felde um-her und gelangt mit ihm an eine Höhle, in welcher die Christen heim-lich ihren Gottesdienst halten. Aus der Ferne dringt zu ihnen der wüsteLärm des fanatisirten Pöbels, welcher blutlechzend der Höhle zustrebt.Da kommt es wie eine Offenbarung über Lucius: er fühlt sich von demneuen Glauben überwältigt und stellt sich vor dem Eingang der Höhleauf, um seine eben erworbenen Glaubensbrüder zu vertheidigen. Schonblutet er aus mehrern Wunden, als aus der Schaar des Volkes einschönes Weib sich loslöst und ihm entgegenstürzt. Es ist Julia. Anseiner Seite empfängt sie den Todesstreich, und Arm in Arm sinken dieLiebenden nieder. An ihren Leichen aber schwört Nerva den ChristenFrieden und Freiheit.

An allen drei Gedichten haben wir denselben Mangel zu beklagen,der in mehr oder minder hohem Grade allen größern Schöpfungen Eichen-dorff's eigen ist: den Mangel an genügender Motivirung der Scelen-bewegungen. Jnlian's Rückkehr zum Heidenthum, sein blutgierig hcrvor-brechender Haß gegen die Anhänger des Nazareners ist weder durchseinen Charakter noch durch sein Vorleben genügend begründet, aucherscheint sein Tod nicht als nothwendige Conseqnenz seines Handelns.Denselben Mangel finden wir inLucius". Daß er dem Christenthumgeneigt ist, sagt der Dichter allerdings, indessen ist diese Neigung nichtso tief begründet, daß sie den plötzlichen Umschwung in der Gesinnungdes Titelhelden genügend rechtfertigt. Auch wird uns nicht recht klar,weshalb Lucius seinem Waffengenossen Nerva zürnt, als dieser, demRufe des Volkes folgend, den Thron besteigt. Die in dem Schwur ent-haltenen Versicherungen sind nicht derart, daß sie die Annahme einerKrone unbedingt ansschließen. Und endlich ist das Verhältniß Jnlia'szu Nerva allzu unbestimmt. Als er sie zuerst aufsucht, treibt ihn nichtsals heiße Begier, später aber scheint er sie wie ein Ideal erringen zuwollen. Das sind unangenehm auffallende Schwächen an den Gedichten.

Und doch verdienen diese letzten Erzeugnisse der Eichendorff'schenMuse entschieden Beachtung. Zunächst in formeller Beziehung. Wennwir es an seinen lyrischen Gedichten tadeln mußten, daß er der Formnicht die gebührende Beachtung schenkt und sie häufig genug durchbricht,so müssen wir hier die strenge Beachtung der rhythmischen Regeln rühmen,welche sich mit der gewohnten süßen Melodie seines Versbaues vereinigt.