Druckschrift 
Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

83

Taugenichts ausgenommen. Wir verlangen, wie es im Wesen der Phan-tasiethätigkeit bedingt ist, in der epischen Dichtkunst eine straffe, fest zu-sammengefügte Handlung, sowie klare Umrisse in der Zeichnung derCharaktere, und wir vermögen nicht voll zu genießen, wo wir beidesvermissen. Jean Paul war ein großer Dichter, aber seine formlosen,zerfließenden Romane werden nicht mehr gelesen; in Eichendorff's Ro-manen und Novellen steckt ein Schatz von echter Poesie, mit dem Dutzendevon Dichtern ausgestattet werden könnten, aber die große Menge wirdnicht geneigt sein, ihn zu heben.

X.

Inzwischen verfaßte Eichendorff auch eine große Zahl von lyrischenGedichten sowie Balladen und Romanzen, welche er zum größten Theilin den Jahrgängen 1832 bis 1837 des deutschen Musen-Almanachs unddes deutschen Taschenbuchs erscheinen ließ. Im Jahre 1837 gab er seinesämmtlichen Gedichte zum ersten Male gesammelt heraus, in einem starkenBande von fast 500 Seiten.

Eichendorff's Stärke ist das Lied, jene Art der lyrischen Dichtkunst,die im geringsten Umfange die höchsten Wirkungen zu erzielen und einesDichters Unsterblichkeit zu begründen vermag. Das Lied kommt ausdem Herzen, ans der bewegten Seele; es quillt hervor wie derQuellaus verborgenen Tiefen", wie der Sang der Nachtigall in lauen Früh-lingsnächten. Fern von aller Reflexion gibt es nichts als den ungekünsteltenAusdruck eines wahren Gefühls und ruft in Andern dieselben Empfindungenhervor. Das Lied ist, so klein es erscheint, ein in sich vollendetes Kunst-werk; die Empfindung hat es hervorgebracht und anregend ausgestaltet,die ganze Wärme des stark fühlenden Herzens hineingelegt; die Kunsthat es abgerundet, concentrirt und mit einschmeichelnder Melodie um-geben; es sagt nicht zu viel und nicht zu wenig, es hat den kräftigstenAusdruck und herzersasfende Innigkeit, und alles das ohne Wortgepränge.Es ist Gefühl und weckt Gefühl und versetzt uns in eine Stimmung, inder unsere edelsten Seelenkräfte angeregt erscheinen.

Das hat in vollkommener Weise das Volkslied erreicht, und darum sindgar viele unserer Liederdichter bei dem Volkslied in die Schule gegangenund haben sich bemüht, ihm seine Schönheiten abzulauschen. Aber wiewenigen ist das geglückt! Jene Schönheiten find keine bloßen Kunst-griffe, welche der Scharfblickende bald erfaßt und der Gewandte bald an-zuwenden versteht, es sind, wenn der Ausdruck erlaubt ist, organischeEigenschaften, welche verliehen sein müssen und nicht erworben werden