I.
Die Heimath des letzten Ritters der Romantik ist das schöne, sanges-lustige Schlesien, dessen Kinder nach Gustav Freytag's Autorität zuden geborenen Dichtern gerechnet werden müssen. Unweit Ratibor, derhier schiffbar werdenden Oder nahe, liegt auf einem anmnthigen HügelSchloß Lubowitz, welches jetzt dem Herzog von Ratibor gehört und sichbis zum Jahre 1822 im Besitz der freiherrlichen Familie von Eichendorffbefand. „Weiß und schlank emporstrebend aus den Wipfeln und Blütheneines reizenden Gartens," sagt die Biographie Eichendorff's, welche densämmtlichen poetischen Werken beigegeben ist, „der sich mehrere Hügelhinab bis zum nahen Strome zieht, und in dessen Schattenkühle Nach-tigallen und Wasserkünste wetteifernd jeden neuen Frühling begrüßen,hebt es weithin sichtbar seine lichten Formen malerisch gegen den dunkelnHintergrund der nahen Karpathen und Sndetenberge ab"). Groß istder landschaftliche Zauber dieser Gegend, so groß, daß ihr Reiz immerwieder in den Gedichten Eichendorff's wiederkehrt, und sie häufig denromantischen Schauplatz für seine Romane und Novellen abgeben mußte.„Du weißt's, dort in den Bäumen schlummert ein Zauberbann," sagt erin einem „Heimweh" überschriebenen Gedichte, welches er an seinenBruder richtete^), und das bekannte, viel gesungene Lied: „O Thäler weit,o Höhen" verdankt der Erinnerung an die engere Heimath seine Ent-stehung. In Lubowitz wurde der Dichter am 10. März 1788 geboren.Er war der Sprosse eines sehr alten Geschlechtes, der zweite Sohn desFreiherrn Adolf von Eichendorff, dessen Gattin eine geborene Freiinvon Kloch war, und erhielt in der Taufe den Namen Joseph KarlBenedict.
Der Vater Eichendorff's war eine in jeder Hinsicht tüchtige Naturund ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er war ein Charakter,und er hat in zielbewußter Erziehung es verstanden, auch seinen Söhnen
0 IV 426. — 0 I 89.
Görres-Gesellschaft. III. Vereinsschrift für 1887.
1