zur Pflege der Wissenschaft im k ntls o l i slij e n Deutsihlalid. Dritte Vereinsschrift für 1887. Reiter, Deinrich, Joseph von Lichendorff. Sein Leben und seine Dichtungen. Kör», 1887. Druck und CommissionS-Verlag von I. P. Bachem. Schriften der Görres-Gefettfchnft ;nr pflege der Wissenschaft im lrntholischen Deutschland. Jahresberichte und Uereiirsgabr». Jahresbericht für 1876. Erstattet von dem Verwaltungs-Ausschüsse anf Gr»»d des § 82 dcS Vereins-Statuts. 18 Seiten gr. 8". Bereinsschrift für 1876. >8« Seilen groß 8". Preis: broch. 3 Mart sVergrisfcn.s Inhalt: 1. Zur Einführung. LHergen- röther, Prof. Dr Joseph. Der heilige Athanasius der Graste. 3 . Kaulen. De Franz. Assyrien und Babylonien nach de» neueste» Entdeckungen. 1. Bereinsschrift für 1877. 8v Seiten grotz 8". Preis: brach. Mark 1.2«. Inhalt: S im ar. Prof. Tr LH.. Der Aberglaube. Zweite Auflage. 2. Bereinsschrift für 1877. «3 Seiten gr. Preis: broch. Mark I.V». sVergrisscn.s Inhalt: Verth old. Earl, Die Herrschaft der Zwcckmätzigkeit in der Natur. 8. Bereinsschrift für 1877. ii« Seilen groß 8". Preis: broch. Marl 1.8«. Inhalt: Baumstark, Reinhold. Tie spanische National-Literatur iin Zeitalter der habsbnrgischc» Könige. Jahresbericht für 1877. Erstattet von dem Verwaltungs-Ausschüsse auf Grund des § 32 des Vereins-Statuts, ti« Seiten gr. 8". Bericht über die Vcrhandlnngen der Tection für Philosophie am W August 1877. l«lt Seiten groß 8". sBcrgriffcn.) 1. Bereinsschrift für 1878. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark >.8«. Inhalt: Haffner, Tr P., Eine Studie über G. E. Lcssing. Zweite Auflage. 2. Bereinsschrift für 1878. i«i Seiten groß 8» Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Kays er, Tr Friedr., Eine Nilsahrt. 3. Bereinsschrift für 1878. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Heinrich, Tr I. B., Elemcns Brentano. Jahresbericht für 1878. Erstattet von dem Vcrwaltnngs-Ausschussc auf Grund des § 32 dcS Vereins-Statuts, 15« Seiten gr. 8". 1. Bereinsschrift für 1876. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 2,25. Inhalt: Hettinger, Fr., Die Theologie der göttlichen Komödie des Tante Alighieri i» ihre» Grundzügc». 2. Bereinsschrift für 1878. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Falk, D- Franz, Die Druckknnft im Dienste der Kirche, zunächst in Deutschland. bis zum Jahre l.öLt». 3. Bereinsschrift für 1878. 101 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Roden st ein, Heinrich, Bau n»d Leben der Pflanze, teleologisch dar- gcstcllt. Jahresbericht für 1878. Erstattet von dem Verwalt,mge-AuSschusse anf Grund des 8 32 des Vereins-Statuts. «1 Seiten gr. 8». 1. Bereinsschrift für 1880. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Gallaud, Jos., Die Fürstin Amalie von Gallitzin »n» ihre Freunde. Erster Theil. 2. Bereinsschrift für 1880. 112 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Rorreuberg, Tr P.. Frauenarbeit und 'Arbeiterinnen - Erziehung in deutscher Vorzeit. 3. Bereinsschrift für 1880. 132 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,8«. Inhalt: GaIlaIId. I 0s., Tic Fürstin Amalie von Gallitzin und ihre Freunde. Zweiter Theil. Jahresbericht für 1880. Erstattet von dem Verwaltungs-Ausschüsse auf Grund des § 82 des Vereins-Statuts. 58 Seiten gr. 8». 1. Bereinsschrift für 1881. 12» Seiten groß 8". Preis brochirt Mark 1,8«. Inhalt: Kaufmann, Leopold, Albrccht Dürer. 2. und 3. Bereinsschrift für 1881. 88« Seiten groß 8". Preis: broch. Mark 5,— Inhalt: Baudri, Tr, Weihbischof. Der Erzbischof von Köln. Johannes Eardinai von Geisscl »nd seine Zeit. Jahresbericht für 1881. Erstattet von dem Verwaltungs-Ausschüsse anf Grund des Z 32 des VereinS-Statuts. 32 Seiten gr. 8". 1. Bereinsschrift für 1882. l«i Seiten gy»8o. Pr.:broch. M. 1,8«. Inh.: Gntbcrlet, Prof. Tr Eonst.. Der Spiritismus. 2. Bereinsschrift für 1882. 121 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 18« Inhalt: Unkel. Karl, Berthold von Regcnsburg. 3. Bereinsschrift für 1882. «8 Seiten groß 8". Preis: brochirt Mark 1,2«. Inhalt: Alberdingk Th ij in, Prof. Tr P. P. M., Philipp pa» Marnix, Herr von Tanct- Aldcgondc. Ein Lebensbild aus der Zeit des Abfalls der Niederlande. Jahresbericht für 1882. Erstattet von dem Verwaltungs-Ausschüsse anf Grund des Z 32 des Vereins-Statuts, -t« Seite» gr. 8". (Fortsetzung siehe 3. Seite des Umschlages.) Joseph von ^ichendonff. von Heinrich Leiter. / Joseph von Mchendorjf. Sein Leben und seine Dichtungen dargestellt van Heinrich I^eiker. Zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am März /-/UL MM «HL Kökn, 1887. Druck und Lounuissious-Verlag von I. P. Bachem. Anhalts - Uerzeiihniß. Seite I. Die Kindes- und Jugendjahre bis zum Abgang zur Universität. 1 II. In Halle. Erste Berührung mit der Romantik. 6 III. In Heidelberg. Bekanntschaft mit Görres, Brentano, Arnim und Löben. Erste Veröffentlichung von Liedern. Reise nach Paris und durch Siiddeutschland.. IV. Wieder in der Heimath. Reiche dichterische Thätigkeit. Verlobung. Reise nach Berlin und Wien. V. Der Feldzug von 1813. Rückkehr und Verheirathung. „Ahnung und Gegenwart" VI. Der Feldzug von 1815. Eintritt in den preußischen Staatsdienst. Amtliche Thätigkeit in Breslau. „Das Marmorbild." Tod des Vaters. Große Staatsprüfung... VII. Berufung nach Danzig. Thätigkeit für Wiederherstellung des Schlosses Maricn- burg. „Krieg den Philistern." „Aus dem Leben eines Taugenichts." Versetzung nach Königsberg. „Meierbeth's Glück und Ende." „Ezzclino von Romano." „Der letzte Held von Marienburg". „Die Freier". 51 VIII. Berufung in die katholische Abtheilung 1831. Litterarischer Verkehr. Politische Schriftstellerei. „Auch ich war in Arkadien." „Biel Lärmen um nichts." 64 IX. „Dichter und ihre Gesellen." Allgemeine Charakteristik der Novellen und Romane Eichendorff's. 74 X. Erste Ausgabe von Eichendorff's gesammelten Gedichten. Eichendorff's Lyrik. „Schloß Dürande." „Die Entführung." „Die Glücksritter." Uebersetzungen aus dem Spanischen... 88 XI. Historische Arbeit über das Schloß zu Marienburg. Austritt aus dem Staatsdienst. Litteratur-Historischc Studien. Reise nach Wien. Die Ereignisse von 1848. „Liberias und ihre Freier." Eichendorsf als Literaturhistoriker.... 93 XII. Letzte Gaben: „Julian", „Robert und Guiscard", „Lucius". Tod der Gattin. „Leben der hl. Hedwig." Pläne zu dichterischen Arbeiten. Erkrankung. Tod. 106 16 23 k 32 » 42 ! 2 iss iss N o v w o r t. 9er Verfasser vorliegenden chchriftchens tritt an die Oeffentlichkeit mit dem Bewußtsein, den Freunden unseres großen Liederdichters nicht das bieten zu können, was sie vielleicht erwarten. Neue Aufschlüsse über das Leben Lichendorff's zu erlangen, war nicht möglich, da aus den dringenden Wunsch des Dichters noch vor seinen: Tode der größte Theil seiner noch vorhandenen litterarischen Arbeiten sowie sein gesammter Briefwechsel verbrannt werden mußte. was sich dagegen an gedrucktem Material über Eichendorff in unserer Litteratur vorfand — anch das ist nur wenig — ist, soweit es von Bedeutung war, benutzt worden. Etwas Neues kaun Verfasser uur bieten in der ästhetisch-kritischen Besprechung der einzelnen Werke Eichendorff^s und in der Charakteristik seiner Dicht- und Denkweise. Gb er darin das Richtige getroffen, überläßt er der nachsichtigen Be- urtheilung der Leser. Münster i. kV., August ^887. Heinrich Leiter. I. Die Heimath des letzten Ritters der Romantik ist das schöne, sangeslustige Schlesien, dessen Kinder nach Gustav Freytag's Autorität zu den geborenen Dichtern gerechnet werden müssen. Unweit Ratibor, der hier schiffbar werdenden Oder nahe, liegt auf einem anmnthigen Hügel Schloß Lubowitz, welches jetzt dem Herzog von Ratibor gehört und sich bis zum Jahre 1822 im Besitz der freiherrlichen Familie von Eichendorff befand. „Weiß und schlank emporstrebend aus den Wipfeln und Blüthen eines reizenden Gartens," sagt die Biographie Eichendorff's, welche den sämmtlichen poetischen Werken beigegeben ist, „der sich mehrere Hügel hinab bis zum nahen Strome zieht, und in dessen Schattenkühle Nachtigallen und Wasserkünste wetteifernd jeden neuen Frühling begrüßen, hebt es weithin sichtbar seine lichten Formen malerisch gegen den dunkeln Hintergrund der nahen Karpathen und Sndetenberge ab"). Groß ist der landschaftliche Zauber dieser Gegend, so groß, daß ihr Reiz immer wieder in den Gedichten Eichendorff's wiederkehrt, und sie häufig den romantischen Schauplatz für seine Romane und Novellen abgeben mußte. „Du weißt's, dort in den Bäumen schlummert ein Zauberbann," sagt er in einem „Heimweh" überschriebenen Gedichte, welches er an seinen Bruder richtete^), und das bekannte, viel gesungene Lied: „O Thäler weit, o Höhen" verdankt der Erinnerung an die engere Heimath seine Entstehung. In Lubowitz wurde der Dichter am 10. März 1788 geboren. Er war der Sprosse eines sehr alten Geschlechtes, der zweite Sohn des Freiherrn Adolf von Eichendorff, dessen Gattin eine geborene Freiin von Kloch war, und erhielt in der Taufe den Namen Joseph Karl Benedict. Der Vater Eichendorff's war eine in jeder Hinsicht tüchtige Natur und ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er war ein Charakter, und er hat in zielbewußter Erziehung es verstanden, auch seinen Söhnen 0 IV 426. — 0 I 89. Görres-Gesellschaft. III. Vereinsschrift für 1887. 1 2 eine mannhafte und stets offene Gesinnung einzuflößen. Obgleich er, der die Universität besucht und einige Jahre Bildungsreisen gemacht hatte, durch große wissenschaftliche Kenntnisse nicht glänzte, übertraf er doch manchen an Bildung über ihm Stehenden durch die Schärfe seines Urtheils und einen ungemein praktischen Blick. Sein Hauswesen war durchdrungen von einer innigen Frömmigkeit, welche den unbekümmerten Lebensgenuß nicht im mindesten beeinträchtigte. Er hielt ein offenes Haus und liebte frohe, glänzende Feste und lustige Gesellschaft, obgleich er selbst ein Mann von den bescheidensten Ansprüchen war. Von den schönen Künsten und namentlich von der Poesie hielt er nicht viel; sich für die Schöpfung eines genialen Dichters zu begeistern, wäre ihm nicht möglich gewesen. Nun müßte von Rechtswegen nach Goethe's bekanntem Spruch es die Mutter gewesen sein, welche als gütige Fee nnserm Dichter die Kunst zu fabuliren in die Wiege legte; leider trifft aber auch das nicht zu, denn Eichendorff's Mutter war zwar eine lebhafte und frohe Natur, aber eine „eigentlich poetische idealistische Richtung" war auch ihr versagt ^). Sie war eine schöne, geistvolle Dame, der Mittelpunkt der heitern Geselligkeit, welche auf Schloß Lubowitz nach altem Herkommen in großem Maßstabe gepflegt wurde, und eine musterhafte Gattin und Mutter. Das feste Band der gegenseitigen Liebe und Achtung, eine seltene Harmonie der Seelen verband die beiden Gatten und gestaltete ihr Leben zu einer ununterbrochenen Kette reinen Glücks. In dieser wohlthuendeu, gesunden Atmosphäre wuchs Eichendorff, welcher noch einen Bruder und eine Schwester hatte, heran und genoß eine Jugend, wie sie nur wenigen großen Geistern beschieden ist. Geist und Körper fanden eine harmonische Ausbildung, und alle schädlichen Einflüsse wurden der kindlichen Seele sorgfältig ferngehalten. Schon der rege Verkehr im elterlichen Hause, wo viele durch Rang und Kenntnisse hervorragende Männer sich allwöchentlich ein Stelldichein gaben, mußte auf den lebhaften, lernbegierigen Knaben bildend einwirken. Da vernahm er, wie man im fernen Frankreich die Monarchie gestürzt und den König selbst auf das Schaffst geführt hatte; er hörte von dem siegreichen Anrücken der fanatischen französischen Freiheitshelden, bald auch von den fabelhaften Kriegserfolgen des kleinen Corporals, und die Schrecken des Krieges lernte er kennen aus den Schilderungen manches vornehmen Flüchtlings, der auf Lubowitz theilnahmvolle Aufnahme fand. In all' diese Erzählungen und Schilderungen aber fielen häufig genug leidenschaftliche Erörterungen über die Berechtigung der neuen von jenseits des Rheines herübergekommenen Ideen, über die Grundlagen eines geordneten h IV 426. 3 Staatswesens, über die beste aller möglichen Regierungsformen, über die Sonderung und die Rechte der Stände und so weiter — und weckten in dem Knaben Gedanken und Vorstellungen, welche seinem Alter sonst fern liegen. Wenn er in spätern Jahren, wie wir sehen werden, sich scharf gegen die freiheitlichen Bewegungen wandte, so haben wir den Keim dieser Gesinnung schon hier zu suchen. Gewiß lag die Gefahr der Frühreife nahe, indessen lenkte eine sorgfältige Erziehung den Knaben auf den rechten Weg. Ein Geistlicher, der spätere Pfarrer Heinke, war es, welchem der Vater das Seelenheil seiner beiden Söhne anvertraut hatte; ein kenntnißreicher, milder Mann, welchem Eichendorff stets ein dankbares Andenken bewahrt hat. Heinke mußte seine Freude an dem aufmerksamen Schüler haben, der mit einer selten leichten Auffassungsgabe eine beharrliche Ausdauer verband. Die Unterrichtsstunden genügten dem Knaben nicht, um seinen Wissensdurst zu stillen; er las in der freien Zeit Reisebeschreibungen und eine große Anzahl von Uebersetzungen französischer und englischer Romane, von welchen Deutschland damals überschwemmt wurde, alte deutsche Volksbücher u. a. Der Lectüre dieser Romane, welche für die Jugend gewiß nicht bestimmt aber dem Knaben in der Bibliothek seines Vaters allzu leicht zugänglich waren, haben wir es auch wohl mit zuzuschreiben, wenn in manchen seiner Novellen eine ziemlich leichtfertige Auffassung von Liebes-Angelegenheiten vorherrschend ist. Seiner Seele brachte die Lectüre keinen größern Schaden; die wahre Frömmigkeit, welche ihn von Kindheit an beseelte und von den Eltern wie von dem würdigen Erzieher gestärkt wurde, war ein festes Bollwerk gegen die Angriffe seiner lebhaften Phantasie. Ein Lieblingsschriftsteller des Knaben war Matthias Claudius, nach dessen Wohnort Wandsbeck er sogar ein lauschiges Plätzchen im Nnßbaumwäldchen des Schloßparkes benannte, wo er sich heimlich der Lectüre von allerlei Dichtwerken hinzugeben pflegte. Als ihm jedoch das neue Testament in einer Uebersetzung in die Hände fiel, entsagte er den bis dahin so heiß geliebten Büchern. Er selbst erzählt über diesen Zeitpunkt in dem Roman: „Ahnung und Gegenwart", welcher vielfach Erinnerungen aus seiner Jugend enthält: „Bald aber machte eine neue Epoche, die entscheidende für mein ganzes Leben, dieser Spielerei ein Ende. Mein Hofmeister fing nämlich an, mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen. Ich hörte sehr aufmerksam zu. Bald wurde mir das periodische, immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich nahm das Buch und las es für mich ganz aus. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, was ich dabei empfand. Ich weinte aus Herzensgründe, daß ich schluchzte. Mein ganzes Wesen war davon erfüllt und durchdrungen, und ich begriff nicht, wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles schon 4 lange wußten, nicht eben so gerührt waren und auf ihre alte Weise so ruhig fortleben konnten" fl. Bald regte sich in dem rastlos thätigen Knaben auch die Schaffenslust. Er zeichnete Abbildungen von Pflanzen und Thieren und schmückte sie selbst mit Farben aus; auch entwarf er, im Anschluß an seine Lectüre, „die künstlichsten Schlachtenpläne", welche von ungewöhnlichem Nachdenken Zeugniß gaben, und endlich verfaßte er, zehn Jahre alt, ein mehractiges Trauerspiel, dessen Stoff der römischen Geschichte entnommen war fl. Ohne Zweifel hat er in diesen Jahren auch bereits Lieder und Balladen gedichtet, indessen ist von all' diesen literarischen Jugendsünden nichts erhalten geblieben. Daß er sich zum Drama wendete, hat seinen Grund nicht allein in der bekannten Thatsache, daß dichterisch veranlagte Geister sich beim ersten Regen ihres Genius gerade derjenigen Gattung der Poesie zuwenden, in welcher sie vorläufig am wenigsten zu leisten vermögen, sondern auch in der Anregung, welche ihm durch den häufigen Besuch von Theater-Vorstellungen in den benachbarten Städten Ratibor und Troppau geboten wurde. Nebenbei hatte das romantische und regellose Leben der wandernden Schauspieler so viel Anziehendes für Eichendorff, daß es sich seiner jugendlichen Phantasie unauslöschlich einprägte und ihm werthvollen Stoff für seine spätern Novellen lieferte. Fraglich ist allerdings wohl, ob die Jünger und Jüngerinnen Thaliens, die er in jenen Städten sah, so interessante Gestalten waren, wie er sie später in „Ahnung und Gegenwart" sowie in „Dichter und ihre Gesellen" geschildert hat. Wenn somit das geistige Leben des Knaben ein ungemein reges und vielseitiges war, so blieb doch seine körperliche Ausbildung in keiner Weise zurück. Er selbst liebte körperliche Hebungen aller Art in hohem Grade, und sein feueriges Temperament trieb ihn oft genug zu allerhand waghalsigen Unternehmungen. So wenig wie Uhland, der gleich ihm in seinen Gedichten als eine sinnige, träumerische Natur erscheint, war er in seiner Jugend ein Stubenhocker und in sich versenkter Grübler; das Wandern in Gottes schöner Natur, das kecke Versuchen der eigenen Kraft und Gewandtheit war Beiden in gleichem Maße eigen, ja, eine Noth- wendigkeit. Eichendorff wurde ein fertiger Schwimmer und sattelfester Reiter, der vor keinem feuerigen Pferde zurückschreckte. Er ritt sehr gern und hat seiner Vorliebe für die edele Reitkunst häufig genug Ausdruck gegeben in seinen Romanen und Novellen, wo all' die Helden sich uns als tüchtige Reiter zeigen, die mit ihren Pferden fast verwachsen scheinen. Mit seinem Vater machte er weite Jagdausflüge und lernte so die landschaft- fl III 285. — fl IV 427. 5 lichen Reize seiner Heimath und namentlich den unvergänglichen Zauber des Waldes in vollstem Maße empfinden. Das angeborene lebhafte Naturgefühl des Knaben wurde durch diese ausgedehnten Streifzüge mächtig gehoben und äußerte sich in überwallender Begeisterung. Er lebte mit und in der Natur und ward nicht müde, sie zu allen Tagesund Nachtzeiten in ihrem geheimnißvollen Zauber zu beobachten. Wie er empfand, bis zu welchem Grade seine Naturtrunkenheit sich steigerte, das zeigen uns seine Gedichte und Novellen. Im Herbst 1801 wurde unser Dichter mit seinem Bruder Wilhelm dem Convicte in Breslau anvertraut, um das dortige katholische Mag- dabenen-Gymnasium zu besuchen. Die Schüler des Convicts standen unter beständiger Aufsicht der Lehrer und führten ein Zusammenleben, welches nur von gedeihlichem Einstuß sein konnte. Alljährlich fanden mehrere Musik-Aufführungen und zu Weihnachten und Fastnacht theatralische Vorstellungen von Seiten der Convictsschüler statt, an welchen sich Eichendorff vielfach betheiligte. Einige Male trat er in weiblichen Rollen aus und spielte, mächtig unterstützt durch sein anmuthiges Aeußere, so ausgezeichnet und mit so viel Grazie, daß er die Zuschauer zu lebhaften Beifalls-Aeußerungen hinriß. Für die Musik hatte Eichendorff viel Neigung und Verständniß und förderte lebhaft alle Bestrebungen, welche auf die Vorführung großer Tonschöpfungen abzielten; zur praktischen Ausübung der Musik gelangte er jedoch nicht. Die Liebe für das Theater und die dramatische Kunst, welche schon in frühester Jugend in dem Knaben erwacht war, wurde in Breslau gehoben und in mancher Beziehung veredelt durch den häufigen Besuch des dortigen Theaters, welcher seltsamer Weise den Schülern des Convicts in ausgedehntem Maße gestattet wurde. Hier lernte Eichendorff neben einer Menge von jetzt vergessenen Opern und Schauspielen auch die Dramen Goethe's und Schiller's kennen, von denen namentlich die letzter« eine bedeutende Wirkung auf ihn ausübten. Später urtheilte er über Schiller recht kühl und wurde dessen Schöpfungen in seinem Buche „Zur Geschichte des Drama's" keineswegs gerecht. Wie im elterlichen Hause, so war Eichendorff auch in Breslau unermüdlich fleißig und zählte am Gymnasium zu den besten Schülern. Sein Eifer, sich Kenntnisse zu erwerben und namentlich die alten Klassiker — allen voran den Dichter der Ilias und Odyssee — kennen zu lernen, war so groß, daß er mit seinem Stubenkameraden im Winter 1803/4 häufig ganze Nächte hindurch im ungeheizten Zimmer seinen Studien oblag. Glücklicher Weise war seine Gesundheit eine so gute und sein Körper durch Turnen und Baden so gestählt, daß dergleichen Ueberan- strengungen ohne schädlichen Einfluß auf ihn blieben; sein Stubenkamerad 6 erlag indessen den angestrengten Nachtwachen und häufigen Erkältungen. Eichendorff ward durch den Tod des treuen Studiengenossen auf das tiefste erschüttert und klagte sich selbst an, die Ursache seines frühen Hinscheidens zu sein. Selbstverständlich blieb Eichendorff trotz seines eifrigen Studiums den Musen treu und verfaßte viele kleine Gedichte, welche meist heitern Inhalts waren. Eine gleiche Richtung verfolgte auch eine sogenannte „Wochenzeitung", an der Eichendorff mit andern jungen Kameraden arbeitete, und die durch Abschriften im Convict verbreitet wurde. Unter angenommenen Namen wurden hier verhaßte oder lächerliche Persönlichkeiten und Convictszustände in Form von Correspondenzen aus fremden Orten und Welttheilen mit Witz und Laune gegeißelt. Der magere Convictstisch und dessen karger Verwalter spielten darin keine unwichtige Rolle. Im Frühjahr 1804 hatten die beiden Brüder das Gymnasium ab- solvirt, indessen waren sie — 16 und 17 Jahre alt — nach Ansicht des Vaters doch noch zu jung, um eine ferne Universität besuchen zu können. Sie blieben daher in Gesellschaft ihres ehemaligen Erziehers Heinke noch ein Jahr in Breslau, und hörten dort akademische Vorlesungen. Es war eine Zeit, die in eifrigem Studium ohne besondere innere oder äußere Erlebnisse verlief. II. Im folgenden Frühjahr ging es nach Halle, wo beide Brüder die Rechte zu studiren wünschten. Hoffnungsfreudig, ein neues Leben voll seltener Genüsse und jugendfrischer Begeisterung ahnend, zogen die Brüder dem Musensitz an der Saale entgegen. Die damaligen Zustände an den deutschen Universitäten rechtfertigten solche Erwartungen, denn sie hatten neben manchen Spuren von Rohheit und Wildheit doch noch viel Romantisches und Poetisches an sich. Das lag zum großen Theil in den Zeitverhältnissen begründet. „Man konnte kaum," sagt Eichendorff, „etwas Malerischeres sehen, als diese phantastischen Studententrachten, ihre sangreicheu Wanderzüge in der Umgebung, die nächtlichen Ständchen unter den Fenstern imaginärer Liebchen; dazu das beständige Klirren von Sporen und Rappieren auf allen Straßen, die schönen jugendlichen Gestalten zu Roß und alles bewaffnet und kampfbereit wie ein lustiges Kriegslager oder ein permanenter Mummenschanz" ^). „Stets schlagfertige Tapferkeit war die Cardinaltugend y Verm. Schriften, V 295. 7 des Studenten; die Muse, die er oft gar nicht kannte, war seine Daine; der Philister der tausendköpfige Drache, der sie schmählich gebunden hielt, und gegen den er daher, wie die Malteser gegen die Ungläubigen, mit Faust, List und Spott beständig zu Felde lag" fl. In Halle blühte das studentische Leben besonders, und Eichcndorff gab sich ihm innerhalb vernünftiger Grenzen gern hin. Seinen Umgang suchte er nur unter seinen schlesischen Landsleuten und bildete mit ihnen eine kecklustige Gesellschaft in dem Wirthshaus zu den drei Königen in der Ulrichsgasse. Mit ihnen machte er weite Ausflüge, theils zu Fuß, theils zu Pferde, und lernte so die nahe und weitere Umgebung von Halle aus eigener Anschauung kennen. Den Landsmannschaften, welche sich durch ein wüstes Treiben auszeichneten, hielt er sich fern, und ohne ein Kopfhänger zu sein, widmete er sich eifrig seinem Berufsstudium, wie auch seinen litterarischen Neigungen. Beides konnte er in Halle in genügender Weise, weil die dortige Universität zu jener Zeit zu den besuchtesten in Deutschland gehörte und weil an ihr sehr hervorragende Gelehrte, wie Friedrich August Wolf, der scharfsinnige Philologe, der Philosoph Schleiermacher und der vergötterte Naturphilosoph Steffens, thätig waren. Wolf wurde Eichen- dorfffs beliebtester Lehrer, von dessen Vorträgen er keinen versäumte. Ebenso besuchte er häufig die Vorlesungen des Philologen Schütz und des Philosophen Kayßler, ohne jedoch sein Hauptstudium zu vernachlässigen. Von besonderer Bedeutung für Eichendorff's Entwickelung als Dichter war der Besuch der Vorlesungen von Hendrik Steffens, indem er von den Lippen dieses bedeutenden und merkwürdigen Mannes die erste begeisterte Aufklärung über den neuen Geisterfrühling, die Romantik, empfing. Die Romantik war eine naturnothwendige Reaction des deutschen Geistes gegen die Ueberschätzung der Antike, den seichten Rationalismus der Aufklärung und das Kosmopolitenthum, wie sie das letzte Viertel des 18. und noch den Beginn unseres Jahrhunderts auf allen Gebieten beherrschten. Der politische und geistige Zustand Deutschlands war ein durchaus unerfreulicher. Deutschlands Machtstellung war gebrochen, es zählte kaum noch zu den europäischen Großstaaten. Die Begeisterung für Deutschland und deutsches Wesen, welche Klopstock hervorgerufen und Goethe durch seinen Götz von Berlichingen genährt hatte, war bald verschwunden; die großen Geister der Nation und an ihrer Spitze die größten Dichter, die berufenen Wahrer der echten Vaterlandsliebe, huldigten einem allumfassenden Weltbürgerthum, dessen am wenigsten rühmlicher Vertreter der größte deutsche Dichter war. Dann tauchte Napoleon's fl Verm. Schriften, V 294. 8 Riesengestalt auf. Er setzte seinen gewaltigen Fuß auf das geängstigte Deutschland, änderte mit einem Schlage dessen ganze territoriale Gestaltung und brach Oesterreichs Machtstellung. Nur wenige Patrioten hegten die Hoffnung, daß einst der Tag kommen werde, den übermüthigen Eroberer zu demüthigen. Gingen aber die edeln Geister der Nation auf das innere Leben zurück, so fanden sie dort eine ebenso trostlose Oede. Seit Immanuel Kant mit seiner Philosophie ausgetreten war, hatte der Rationalismus in Norddeutschland den Thron bestiegen. Es vertraten ihn in Theologie, Philosophie und Pädagogik Leute, welche nicht Werth waren, dem großen Weisen von Königsberg die Schuhriemen aufzulösen. „Sie setzten ihren lichtseligen Verstand ganz allgemein als alleinigen Weltherrscher ein; es sollte fortan nur noch einen Vernunftstaat, nur Vernunftreligion, Vernunftpoesie u. s. w. geben" st. Die Gebildeten hielten es für ihre Pflicht, zu den Aufgeklärten gezählt zu werden, d. h. zu den Leuten, welche von der Kant'schen Philosophie nur das annahmen, was die Grundlagen des Christenthums verneinte. „Man suchte der alten Religion," sagt Novalis, „einen neuern, vernünftigem, gemeinem Sinn zu geben, indem man alles Wunderbare und Geheimnißvolle sorgfältig von ihr abwusch; alle Gelehrsamkeit ward ausgeboten, um die Zuflucht zur Geschichte abzuschneiden, indem man die Geschichte zn einem häuslichen und bürgerlichen Sitten- und Familiengemälde zu veredeln sich bemühte; Gott wurde zum müßigen Zuschauer des großen rührenden Schauspiels, das die Gelehrten aufführten, gemacht, welcher am Ende die Dichter und Spieler feierlich bewirthen und bewundern sollte. Das gemeine Volk wurde recht mit Vorliebe aufgeklärt, und zu jenem gebildeten Enthusiasmus erzogen, und so entstand eine neue europäische Zunft, die Philanthropen und Aufklärer." Plattheit und Nüchternheit der Gesinnung und Einseitigkeit im Urtheil waren die Folgen dieser Anschauungsweise; das Gemüthsleben vertrocknete. Unsere größten deutschen Dichter beförderten durch ihre Werke den Rationalismus und schufen eine Heerde von Nachtretern, welche, ohne deren Freunde zu sein, plump und alles Schwunges baar dasselbe Evangelium predigten, wie die Heroen der deutschen Litteratur. Und gerade diese Leute waren die gelesensten Schriftsteller ihrer Zeit. Vor unfern Augen stehen zwar riesengroß die Gestalten Goethe's und Schiller's; Niemand bestreitet ihnen, daß sie unsere hervorragendsten Dichter sind; beide stehen für uns bereits in historischer Entfernung, und die Entfernung zeigt sie uns in einem reinem Lichte. Anders aber war es zu ihren Lebzeiten. Da waren sie keineswegs Größen, denen Niemand Eichmdorff, Verm. Schriften, V 291. 9 ihren Ruhm streitig zu machen wagte. Sie mußten im Gegentheil um ihre Geltung kämpfen. Ihre Werke übten auf die große Masfe der Lesenden lange nicht den Einstuß aus, den wir ihnen, ausgehend von unfern Tagen, wo sie bereits in Millionen von Exemplaren verbreitet sind, beimessen. Das Volk in weitestem Umfange, die ungeheuere Mehrzahl der Gebildeten mit einbegriffen, holte sich seine geistige Nahrung aus ganz andern Küchen, wie aus denen der Halbgötter von Weimar. Wenn wir den Zustand der deutschen Litteratur in jenen Jahrzehnten betrachten, so müssen unsere Klagen über das Darniederliegen der Poesie in unfern Tagen verstummen. Den Büchermarkt beherrschte eine Leih- bibliotheks-Litteratur schlimmsten Schlages: Ritter-, Geister- und Räuber- Romane. Reckenhafte Helden und minnigliche Fräulein, leidende Nonnen, edele Räuber und kühne Räubermädchen, teuflische Pfaffen, schauerliche Burgverließe und Todtengrüfte, Geistererscheinungen, Gift, Mord, Entführung, Feuertod, Zwicken mit glühenden Zangen — das waren die Requisite dieser allenthalben in Schloß und Hütte, in Salon und Küche mit Leidenschaft gelesenen Romane, welche „eine Welt der idealen Rohheit" enthüllten st. So groß war die Nachfrage nach solchen Producten einer krankhaften Phantasie, daß sogar Tieck im Anfänge seiner schriftstellerischen Laufbahn sich mißbrauchen ließ, ebenfalls in Ritter- und Räubergeschichten zu „machen". Unsere Klassiker aber huldigten der Antike, und als Goethe im reifern Mannesalter stand, hatte sie bei dem bessern Theile der Nation, sowohl bei dem producirenden wie nur genießenden die Herrschaft errungen. „Deutschland und Europa wurden der klassischen Mode unterworfen. Man darf sagen, der Geist Winkelmann's regierte den allgemeinen Geschmack. Die französischen Demagogen ahmten die römischen Republicaner, Napoleon die römischen Cäsaren nach; die Kirchen wurden antike Tempel, das Kunstgewerbe strebte nach klassischen Formen, und die Frauen wollten sich wie Griechinnen tragen. Im Anschluß an die Antike hatten auch die Häupter unserer Poesie aus dem Gipfel ihres gemeinsamen Wirkens Befriedigung gefunden" st. Nur die alten Dichter und von den neuern nur diejenigen, welche ihnen nachzueifern strebten, galten für echte Jünger Apolls. Die Ueberschätzung der Antike hatte unsere beiden größten Dichter bereits dahin gebracht, daß sie die französischen Dramatiker, die angeblichen Erben der altklassischen Dramatiker, welche Lessing längst auf ihren rechten Werth zurückgeführt hatte, als Borbilder für Schauspieldichter in Uebersetzungen darboten. Ein dem Wesen der deutschen Nation fremder Geist übte eine gewaltige und schwer empfundene Macht ff Goedeke, Grundriß, I 1136. — st Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur, 3. Aufl. 615. 10 aus. Das deutsche Volk mochte sich den fremden Gewalthabern nicht unterwerfen und wandte sich mit unverhüllter Theilnahme jenen seltsamen Helden von fragwürdiger Größe zu, welche ihnen von weit weniger begabten Schriftstellern präsentirt wurden. Beide Richtungen liefen unvermittelt neben einander und boten, jede in ihrer Weise, einen befremdenden Anblick. Das waren ungesunde Zustände, welche unaufhaltsam eine Gegenströmung Hervorrufen mußten. Der deutsche Geist fühlte sich unbefriedigt, er „verlangte nach einer nahrhaftern Speise", nach einem wesentlichem Inhalt. Angeekelt von dem unerquicklichen Anblick, wie ihn das deutsche Vaterland eben bot, wandte er sich der glorreichen Vergangenheit zu. Diese war natürlich das Mittelalter. Mit Feuereifer warf sich das junge Geschlecht auf die Erforschung, Ausbeutung und poetische Verwerthung jener großen Zeit. Die Schätze unserer Litteratur wurden ausgegraben, gereinigt und erstrahlten bald in neuem Glanze. Mittelalterliche Stoffe aus Geschichte, Sage und Legende wurden der Poesie zugeführt und von den Dichtern mit Vorliebe behandelt. Die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit hatte aber eine weitere bedeutsame Folge. Das neue Geschlecht, abgestoßen von dem seichten, unfruchtbaren Rationalismus, sehnsüchtig nach einer neuen Vermittelung zwischen dem Irdischen und Unsichtbaren strebend, traf im Mittelalter auf die katholische Kirche als beste und berufenste Mittlerin zwischen Himmel und Erde, als Schutzherrin eines echten Idealismus, als Pflegerin der edelsten Anlagen der menschlichen Natur. Es erkannte die Hoheit und unvergängliche Schönheit der Braut Christi und huldigte ihr. Noch mehr, es fand in der katholischen Kirche eine Mittlerin zwischen Leben und Kunst, welche sie wie einen neuen Messias ersehnt hatte. Die Vertreter der neuen Richtung sahen, wie unter dem Schutze der Kirche im Mittelalter die Künste geblüht und wie Dichter, Maler, Bildhauer, Baumeister ihre beste Kraft der Religion gewidmet hatten, und erkannten, wie einer ihrer berufensten Vertreter, Wackenroder sagt, „daß nur aus den zusammenfließenden Strömen von Kunst und Religion sich der schönste Lebensstrom ergieße". Nun führte man alle Künstlerbegeisterung auf Gott und göttlichen Beistand zurück und verlangte, daß „Bildersäle Tempel" seien. Damit wurde das religiöse Element, welches seit so langer Zeit verbannt gewesen war, wieder in die Kunst ausgenommen. Man fand, daß es den bildenden Künsten eine Bedingung schönen Gelingens sei, und dann führte man es als neuen Gehalt in die Poesie ein. Wir wollen uns darüber keiner Täuschung hingeben: Zunächst war das Bedürfniß nach den Völkern Lebensformen der Religion bei diesen Dichtern ein rein ästhetisches. „Die Poesie hatte sie vor die 11 Thüren der katholischen Kirche, vor das im Walddickicht versteckte und längst vergessene Heiligthum hingeführt; kein Wunder daher, wenn sie ihre Aufgabe, die zur guten Hälfte eine ethische war, vorzüglich als eine ästhetische nahmen, und statt der sichtbaren lebendigen Kirche sich nicht selten in einem träumerischen Halbdunkel mit einer bloßen poetischen Symbolik dieser Kirche, einer neuen christlichen Mythologie abzufinden suchten" ff. Eichendorff nennt es geradezu ein dilettantisches Katholisiren, das die Kirche fast als grandiose Kunstausstellung betrachte ff. Die Vertreter der neuen Richtung fanden für die vorhandenen Formen keinen würdigern Gehalt als den nationalen, der mit dem religiösen auf das engste verknüpft war. Indessen erwuchs hieraus, aus dem Bedürfniß nach einem idealen Gehalt und dem Bewußtsein, daß er im Christenthum bezw. im Katholicismus gefunden werde, der erbitterte Kampf gegen den seichten Rationalismus und dessen Vertreter, die ingrimmig gehaßten Philister, auf welche nunmehr mit schmetternden Hörnern eine lustige Jagd begann. Es war ganz folgerichtig, wenn die jungen Männer den Keim des Rationalismus in der Kirchenspaltung, in der Lostrennung vom blühenden Baume des Katholicismus fanden und demgemäß gegen die Reformation eiferten. Die Reformation, sagte Tieck, habe, statt der Fülle einer göttlichen Religion, eine dürre, vernünftige Leere erzeugt, die alle Herzen schmachtend zurücklasse. Ein tieferer Geist als Tieck, der hochbegabte sittlich ernste Novalis sprach mit voller Ueberzeugung den Satz aus, daß nur die Religion Europa wieder auferwecken und die Völker versöhnen könne. Die Reformation habe den Weg dahin nicht gebahnt, der Katholicismus aber bedeute das volle, ungetrübte Christenthum. Später wurden manche hervorragende Vertreter der neuen Richtung, nachdem der dilettantische Katholicismus überwunden war, zu treuen Söhnen der Mutterkirche. Die Philosophen der neuen Richtung gewannen diesen Weg nicht, sie wurden aber von großem Einfluß auf die Dichter, indem sie, namentlich Schelliug, der Phantasie eine dominirende Stellung einräumten und ihr bewußtloses Schaffen, welches angeblich dem der Natur vollkommen entsprach, als das höchste im Geistesleben bezeichneten. Diese Philosophie mußte auf die Dichter, weil sie in ihr den schroffsten Gegensatz gegen den Rationalismus fanden, den größten Einfluß ausüben. Mit Jubel nahmen die jungen Stürmer die neue Weltanschauung auf und bezeichneten consequenterweise die Phantasie „als die eigenthümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes". Daraus ergab sich von selbst die Opposition gegen die antikisirende Richtung. Die antike Poesie wird charak- terisirt durch strengste Geschlossenheit der Form, stetes Reguliren der ff Eichendorff, Gejch. d. Poet. Litteratur, II 4. — ff Das. 31. Phantasiethätigkeit durch den prüfenden, scheidenden und mäßigenden Verstand, sowie durch völliges Zurücktreten der Persönlichkeit des Dichters, durch höchste Objectivität. Sobald aber die bewußtlose Thätigkeit als das Höchste angesehen wird, gewinnt die Subjectivität des Dichters wieder ihr Recht. Und davon machten die jungen Poeten denn auch ausgiebigen Gebrauch. Ihnen war es das Höchste, nicht die Welt darzustellen wie sie ist, sondern wie sie in ihrer Phantasie sich widerspiegelte; auch das Unbedeutendste und Kleinste sollte übergossen werden von dem Schimmer der Poesie, wie sie in ihrer Phantasie in so reichem Maße verborgen lag. Die Welt ward als verächtliche Schale zu dem Kern des allein gültigen Phantasie- und Gefühlslebens aufgefaßt^). Sie legten in die Welt, was nicht in ihr verborgen lag: die unermeßlich reichen Schätze ihres Geistes. Dadurch entstand ein Mißverhältniß zwischen Leben und Kunst, welches sie in ihrem heißen Drange anfangs bitter genug empfanden, und das erst dann seine befriedigende Lösung fand, als sie sich mit ernstem Suchen gläubig der katholischen Kirche zuwandten, welcher sie als Künstler schon angehörten. Seltsamer Weise gingen die jungen Dichter von dem alten Goethe aus, mit welchem sie ihrer geistigen Richtung nach möglichst wenig Berührungspunkte hatten. Viel näher hätte ihnen der Dichter des „Götz von Berlichingen" gelegen. Aber der alte Goethe hatte eine Dichtung geschaffen, in welcher sie das Ideal der Dichtkunst überhaupt zu erblicken glaubten: „Wilhelm Meister". Dieser wunderbare Roman, der ein volles Bild des Lebens gibt, dargestellt in den schönsten Farben, ohne je den Boden der Wirklichkeit zu verlassen, wurde ihnen der Roman schlechtweg. Friedrich Schlegel bezeichnete ihn als die Summe alles Poetischen und zog aus ihm den Begriff des Romantischen, welcher jedoch später noch manche Wandlungen durchzumachen hatte. Anfangs bedeutete er bei Schlegel und Novalis nichts anderes als Romanpoesie, denn der Roman stand ihnen, angesichts einer so grandiosen Schöpfung wie Wilhelm Meister, am höchsten. Der Roman, sagte Ersterer, berühre die ganze moderne Poesie; keine andere Form sei dazu gemacht, den Geist des Autors völlig auszudrücken, so daß mancher der vortrefflichsten Romane ein Compendium des ganzen geistigen Lebens eines genialischen Individuums sei ^). Später spricht er sich bestimmter aus: nur die romantische Poesie könne gleich dem Epos — weil sie eben liebevoll alles Seiende umfasse — ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein -Bild des Zeitalters werden. Damit war selbstredend der sich so sehr beschränkenden antikisirenden Poesie der Krieg erklärt. Die romantische Poesie, fährt er fort, „umfaßt alles, i) Haym, a. a. O. 137. — -) Ebendas. 253. 13 was poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in bewußtlosem Gesänge." „Die romantische Poesie ist Universalpoesie." Ohne Zweifel, die Romantiker hatten sich ein hohes Ziel gesetzt: Versöhnung des Zwiespalts zwischen dem Endlichen und Unendlichen durch die Poesie, Vergeistigung des Stoffes, Erweckung eines echt nationalen Sinnes, und Verherrlichung der christlichen Ideen in Leben und Kunst. Ein hohes Ziel, aber vielleicht kein erreichbares. „Das eigentliche Wesen aller romantischen Kunst ist das tiefe Gefühl der Wehmuth über die Unzulänglichkeit und Vergänglichkeit der irdischen Schönheit, und daher eine stets unbefriedigte, ahnungsreiche Sehnsucht und unendliche Perfectibilität. Ihr ernster Geist ist am deutlichsten in der sogenannten gothischen Baukunst ausgeprägt, wo die Gedanken mit allem irdischen Blüthenschmuck aus der Tiefe sehnsüchtig zum Kreuz emporpfeilern in kühnen Bogen und Münstern, die fast niemals fertig geworden" st. Die Romantik wirkte nicht allein auf Philosophie, Kunst und Poesie, sondern auf alle Zweige menschlichen Wissens und Könnens, ja, sogar auf die Politik. Aber es ist unmöglich und auch nicht die Aufgabe dieses Schriftchens, all' diesen Einflüssen bis in ihre vielfachen Irrwege nachzugehen. So war das Allgemeinbild der deutschen Romantik, als Eichendorff nach Halle kam. Sie stand in hoher Blüthe. Novalis, als Dichter ihr erster und bedeutendster Vertreter, war schon gestorben, im jugendlichen Alter dahingeschieden. Er hatte mit vollem Bewußtsein und zweifelloser Bestimmtheit ausgesprochen, daß nur in der Rückkehr der Völker zur Religion die einzige Rettung liege. Er verwarf entschieden die Reformation und pries die katholische Kirche. In seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen" verherrlichte er als echter Romantiker die Macht der Poesie und dichtete geistliche Lieder von großer Innigkeit und Tiefe. Wackenroder und Tieck versenkten sich in die christliche Kunst, in mittelalterliche Sage und Legende und brachten sie in ihren vielgelesenen Dichtungen in schwärmerischer Begeisterung zur Darstellung. Die beiden Schlegel, weniger Dichter als feinsinnige Kritiker und Aesthe- tiker, versuchten die neue Richtung zu einem System auszubilden und entfalteten eine ungemeine Thätigkeit in Literaturgeschichte und Kritik. Begabt mit einem feinen Anpassungsvermögen und im Besitz großer Sprachkenntniffe vermittelten sie dem deutschen Publicum in meisterhaften Uebersetzungen die Dichtungen fremdländischer Poeten, welche sie mit Recht oder Unrecht zu den ihrigen zählten. Sogar auf den Lehrstühlen y Eichendorff, Gesch. d. poetischen Litteratur, I 44. 14 der Universitäten saßen Vertreter der neuen Richtung und weihten ahnungsreiche Neophyten in die Geheimnisse der romantischen Philosophie ein. Eichendorff, dem streng gläubigen Katholiken, dem für alles Schöne und Ideale begeisterten Jüngling, dem warmen Patrioten und angehenden Dichter mußte die neue Bewegung als eine Wiedergeburt des christlichen deutschen Geistes erscheinen und frohe Hoffnungen entzünden. Ein verwandter Geist muthete ihn aus den Dichtungen der Romantiker an, welche ihm als katholische Poeten gelten mußten. Und nun traf er mit einem Manne zusammen, der mit zündenden Worten sich als einen Anhänger der Romantik bekannte und deren Philosophie in dichterischem Schwünge vortrug, mit Hendrik Steffens. „Jung, schlank, von edeler Gesichtsbildung und feuerigem Auge, in begeisterter Rede kühn und wunderbar nnt der ihm noch fremden Sprache ringend, so war seine Persönlichkeit selbst schon eine romantische Erscheinung und zum Führer einer begeisterungsfähigen Jugend vorzüglich geeignet. Sein freier Vortrag hatte durchaus etwas Hinreißendes durch die dichterische Improvisation, womit er in allen Erscheinungen des Lebens die verhüllte Poesie mehr divinirte als wirklich nachwies" Z. Steffens' Einfluß auf seine Zeitgenossen war ein bedeutender und wirksam anregender. Das Elementarische seines Wesens riß die Jugend mit sich fort; die Naturphilosophie hat ihm mehr zu danken als Schelling, und unser ganzes geistiges Leben erhielt durch ihn bedeutende Anstöße ^). Als Dichter war er nicht hervorragend, obgleich seine, durch prächtige Naturschilderungen sich auszeichnenden Novellen viel gelesen wurden. Steffens' Vorträge wurden, wie Eichendorff's Biograph versichert, für den jungen Dichter eine Vorschule der Romantik; sein lebhaftes Naturgefühl fand durch Steffens Erweiterung und Vertiefung, und der Kreis seiner poetischen Anschauung wurde schier in's Unendliche ausgedehnt. Daneben lief eine eingehende liebevolle Beschäftigung mit den Werken der romantischen Dichter, von denen die hervorragendsten bereits die deutsche Leserwelt entzückten. Außer Novalis' Dichtungen, welche ihn besonders anmuthen mußten, zogen ihn Tieck's Roman: „Sternbald's Wanderungen", in welchem er die christliche Kunst in schwärmerischer Darstellung verherrlicht, sowie dessen „Genovefa", das Hohelied der Romantik, mit seiner durchaus katholischen Weltanschauung in hervorragendem Maße an. Tieck's glänzendes Talent, Natur- und Menschenleben in märchenhaft scheinender Weise in einander zu verweben, sein witzsprühender Kampf gegen die aufgeblasene Weltprosa, das sinnbest Eichendorff, Verm. Schriften, V 300. st Haym, a. ll. O. 629. 15 thörende Funkeln und Schimmern von Poesie und Geist in dessen Dichtungen hat auf Eichendorff's spätere Schöpfungen entschieden eingewirkt. Leider ist von den meist lyrischen Gedichten, welche während des Aufenthaltes in Halle entstanden, nichts erhalten geblieben, so daß sich directe Spuren Tieck'scher Anschauungs- und Dichtweise nicht feststellen lassen. Goethe blieb ihm aber immer, wenn er auch dessen Abneigung gegen jede positive Religion verwarf, der Heros der deutschen Dichtkunst, und er ist in seiner Treue gegen ihn bis an sein Lebensende nicht wankend geworden. Wie der Altmeister auf sein Dichten einwirkte, werden wir später sehen. Seltsamerweise war auch Jean Paul, der directe Gegenfüßler Goethe's in poetischer Hinsicht, sein Freund. Der sittliche Ernst des Humors, die unerschrockene Kampfeslust gegen alles Lügnerische und Gemeine zogen den gleichgesinnten Jüngling mächtig an. Er nannte Jean Paul's Poesie eine Poesie der Zukunft, welche die Veredelung des Menschengeschlechts von dem wiedererweckten Glauben an eine höhere Welt erwartet. Auch im Theater kam Eichendorff mit den Gedichten der Romantiker in Berührung und lernte namentlich hier zuerst den König der romantischen Dichter, Calderon, in seiner ganzen Herrlichkeit kennen und lieben. Im benachbarten Bade Lauchstädt gaben die Mitglieder des Weimarischen Hoftheaters im Sommer Vorstellungen. Sobald dort die Aufführung eines klassischen Stückes angezeigt war, begann eine wahre Völkerwanderung nach dem kleinen Badeorte, wo man sogar die beiden Olympier Goethe und Schiller ganz wie andere gewöhnliche Menschenkinder promeniren sehen konnte. Im Herbst 1805 machten die beiden Brüder von Halle aus eine größere Reise durch Norddeutschland, besuchten den Harz und Thüringen, hielten sich in Hamburg, Bremen und Lübeck sowie an der Nordsee einige Zeit lang auf und verfehlten nicht, in Wandsbeck dem Lieblingsdichter ihrer Kinderjahre, dem wackern Wandsbecker Boten, ihre Verehrung zu bezeugen. Daß die stille Majestät des Meeres auf Eichendorff einen besonder» Eindruck gemacht habe, finden wir in seinen Dichtungen nicht; der Anblick der weiten Wasserfläche scheint an seiner idyllisch gestimmten, frohem Naturgenuß zugeneigten Seele spurlos vorüber gegangen zu sein. Im August des folgenden Jahres, des für Preußen und mit ihm für Deutschland so verhängnißvollen Jahres 1806, verließen die Brüder die Universität, welche einige Wochen darauf von Napoleon geschlossen wurde. Preußen hatte sich nach langer, wenig rühmlicher Neutralität endlich zum Kriege entschlossen. Das Ende desselben war bei dem 16 Mangel an geübten Soldaten und besonders an thatkräftiger Führerschaft voranszusehen. Am 14. October wurden die Schlachten bei Jena und Auerstädt geschlagen, am 27. zog Napoleon in Berlin ein; es fielen in rascher Reihenfolge Erfurt, Spandau, Stettin, Magdeburg. Am 16. October wurde auch Halle nach heftigem Straßenkampf von Berna- dotte eingenommen, und die Universität, deren Studenten geplant hatten, ein bewaffnetes Freicorps gegen Napoleon zu bilden, ausgehoben. Wie Donnerschläge fielen diese traurigen Nachrichten in die lustige Gesellschaft von Lubowitz, wo Eichendorff mit seinem Bruder und einigen mitgereisten Commilitonen ihr keckes studentisches Treiben fortsetzten. Auf den Sieg Preußens hatte man nach der entsetzlichen Demüthigung Oesterreichs allerdings nicht gerechnet, aber auf die Tüchtigkeit des preußischen Heeres, eingedenk der Erfolge im siebenjährigen Kriege, doch zu viel Hoffnung gesetzt. Nun war die Hauptstadt Preußens in der Hand Napoleons, seine Heere drangen in Schlesien ein, eroberten zu Anfang des Jahres 1807 Breslau und in raschem Siegesflug die übrigen Festungen des Landes. Die Einwohner litten entsetzlich, durch Einquartirungen und maßlose Contributionen. Man hoffte von Tag zu Tag auf Siege Rußlands — sie blieben aus. Die beiden Commilitonen, welche die Gebrüder Eichendorff nach Lubowitz begleitet hatten, traten in österreichische Dienste, um dort gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen. Gewiß sind in dieser Zeit Einflüsse geltend gewesen, welche unfern Dichter von einem gleichen Schritt zurückhielten, zumal er, der feuerige Patriot, später eine geliebte Braut verließ und eine glänzende Laufbahn in Frage stellte, um sich in das Heer einreihen zu lassen. Davon war augenblicklich nicht die Rede, im Gegentheil wurde die Frage erwogen, ob es nicht besser sei, die Brüder zur Fortsetzung ihrer Studien nach Dorpat zu senden, wo sie sicher sein konnten, vom Kriegslärm nicht berührt zu werden. Glücklicherweise kam es nicht dazu; man entschloß sich, zum Segen für die weitere Entwickelung Eichendorffis, für Heidelberg. III. In Heidelberg, der anmuthigen Musenstadt, welche er selbst in Vers und Prosa verherrlicht hat, verlebte Eichendorff die schönste Zeit seiner schönen Jugend, eine Zeit voll ungebundener Jugendlust, voll Anregung und ernsten Strebens. Die Natur, welche, wie er selbst so schön sagt, in Heidelberg mitdichtet, weckte seine poetische Begabung weit mächtiger, als die Umgebung der Saalestadt es vermocht hatte; die Männer, 17 welche er hier vorfand, die Görres, Achim von Arnim und Brentano, sollten auf seinen geistigen Entwickelungsgang von entscheidendem Einfluß sein. War Halle für ihn eine Vorschule der Romantik gewesen, so sollte ihm die Ruperto-Carolina die Hochschule der Romantik werden. Görres, Arnim und Brentano, drei Feuergeister und bei aller inner» Verwandtschaft doch grundverschiedene Charaktere, wurden Eichendorff's Freunde. Jene zum Theil schon angesehene Männer, welche von den Koryphäen der deutschen Litteratur beachtet und ermuntert wurden, übersahen den Unterschied des Alters — Görres war 1776, Brentano 1778, Arnim 1781 geboren —, nahmen den wacker strebenden, enthusiastischen und echt deutschen Jüngling gern in ihren Bund auf und weihten ihn in ihre Bestrebungen ein. Mit Bewunderung, in welche sich ohne Zweifel auch ein Stück geheimen Grauens mischte, blickte Eichendorff auf Clemens Brentano, der ihm wie das Ideal eines Dichters erscheinen mußte. Offenkundig vor Aller Augen lag die reiche Begabung des seltenen Mannes; mit tiefem Schmerz sah Eichendorff in ein verwildertes, durch bittere Lebenserfahrungen zerrissenes Gemüth, welches den Glauben verloren hatte und mit toller Ironie die innere Zerfahrenheit zu verdecken suchte. Er vereinigte in sich die ungeheuersten Widersprüche und stürzte sich von einem Extrem in das andere. Brentano, sagt Eichendorff so schönt, erschien „wie ein Gedicht, das, nach Art der Volkslieder, oft unbeschreiblich rührend, plötzlich und ohne sichtbaren Uebergang in sein Gegentheil umschlug und sich beständig in überraschenden Sprüngen bewegte. Der Grundton war eigentlich eine tiefe, fast weiche Sentimentalität, die er aber gründlich verachtete, eine eingeborene Genialität, die er selbst keineswegs respectirte und auch von Andern nicht respectirt wissen wollte. Und dieser unversöhnliche Kamps mit dem eigenen Dämon war die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens und erzeugte in ihm jenen unbändigen Witz, der jede verborgene Narrheit der Welt instinctartig aufspürte und niemals unterlassen konnte, jeden, Thoren, der sich weise dünkte, die ihm gebührende Schellenkappe aufzustülpen und sich somit überall ingrimmige Feinde zu erwecken." Dazu kam der wunderbare Zauber, welcher Brentano's Persönlichkeit umgab, namentlich der jedes Ausdrucks fähige, mächtige Blick seines Auges. Er schien in der That die verkörperte Romantik zu sein und er trug sie auch ohne Bedenken in sein eigenes Leben hinüber. Als Dichter war er bereits aufgetreten durch das Lustspiel „Ponce de Leon" und den Roman „Godwi". „Arnim dagegen gehörte zu den seltenen Dichter-Naturen, die, wie Goethe, ihre poetische Weltansicht jederzeit von der Wirklichkeit zu sondern wissen ff Eichcndorff, Vcrm. Schriften, V 308. Görres-Gcsellschnft. III. Vereinsschrift für 1887. 2 und daher besonnen über dem Leben stehen und dieses frei als ein Kunstwerk behandeln"^. Arnim's männlich schöne Erscheinung, die Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit seiner Gesinnung, die glänzende Begabung seines Geistes und der sittliche Ernst, welcher ihn beseelte, machten auf Eichendorff den tiefsten Eindruck, obgleich Arnim als Dichter bis dahin mit nur wenig bedeutenden Sachen hervorgetreten war. Noch in der „Geschichte der deutschen poetischen Litteratur", welche Eichendorff doch erst fast vierzig Jahre später schrieb, finden wir eine jugendliche Begeisterung für den Dichter der „Gräfin Dolores". Beide, Brentano und Arnim, waren eng befreundet und führten in einer einfachen Kneipe, dem „Faulpelz", ein genialisches Dasein. Eichendorff sagt, beide hätten sich zu einander wie ein seltsames Ehepaar verhalten, wovon der ruhige, mild-ernste Arnim den Mann und Brentano, der ewig bewegliche, den weiblichen Theil darstellte. Ueber Beiden aber, „wie ein Meister über fahrenden Schülern," stand ein Mann, älter als sie alle und doch ein jugendlicher Feuerkopf, kein producirender Poet, aber doch ein Dichter von Gottes Gnaden, ein Held des Geistes und der Feder, ein kampflustiger Patriot und enthusiastischer Verehrer der bürgerlichen und religiösen Freiheit —Joseph von Görres. Der nunmehr einunddreißigjährige Mann hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Mit Begeisterung hatte er die weltbewegenden Ideen, welche von Frankreich in das deutsche Land herüberwehten und einen neuen Völkerfrühling versprachen, in sich ausgenommen und war in Wort und Schrift ihr eifriger Vertreter geworden. Er eilte nach Mainz, dem damaligen Hauptquartier der deutschen Revolutionaire — wenn man sie so nennen darf, denn sie waren um vieles zahmer als ihre Gesinnungsgenossen an der , Seine — wo er in Clubs und Volksversammlungen als ein bald hoch gefeierter Redner austrat ^). Er war ein populärer Mann in einem Alter, wo andere noch auf den Lehrbänken der Universitäten sitzen und aufmerksam horchend die Weisheit des Katheders in sich aufnehmen. Bald trat er auch als Journalist hervor und bezauberte die Leser mit seinem witzreichen, geistsprühenden Stil ebenso wie seine Zuhörer mit seiner ungestümen, einem unaufhaltsam niederstürzenden Bergstrom ähnelnden Beredtsamkeit. Die Ernüchterung blieb allerdings nicht aus. Er sah von einer rohen, jedes höhern Aufschwungs baren Menge seine Freiheitsideale entehrt; er sah ein, zu welchen Verirrungen der Genuß schrankenloser Freiheit, für welche keine Nation geschaffen ist, führen mußte, und begrüßte es als ein Zeichen des Herannahens einer bessern Zukunft, als Napoleon die Zügel der Herrschaft an sich nahm. Aber st Venn. Schriften, V 307. — st Siehe Galland, Görres, 40. 19 auch hier erlitt er eine Enttäuschung. Als er im Auftrag seiner Mitbürger im November des Jahres 1799 nach Paris gesandt wurde, um hier die Zurücknahme einer drückenden Maßregel zu erwirken, lernte er den neuen Gewalthaber genugsam kennen, um von ihm keine Unterstützung der Sache der Freiheit mehr zu erwarten. Unbefriedigt von der ganzen Entwickelung der so froh begrüßten Bewegung, zog er sich nach Koblenz zurück und lebte als Lehrer an der dortigen Secundairschule nur der Wissenschaft. Lange hielt er es auch in dieser Stellung nicht aus, denn nach wenigen Monaten schon brach er nach Heidelberg auf, wo er philosophische und physiologische Vorlesungen ankündigte. Eichendorff sagt über ihn als den Lehrer der Jugend: „Es ist unglaublich, welche Gewalt dieser Mann, damals selbst noch jung und unberühmt, über alle Jugend, die irgend geistig mit ihn: in Berührung kam, nach allen Richtungen hin ausübte. Und diese geheimnißvolle Gewalt lag lediglich in der Großartigkeit seines Charakters, in der wahrhaft brennenden Liebe zur Wahrheit und einem unverwüstlichen Freiheitsgefühl, womit er die ein Mal erkannte Wahrheit gegen offene und verkappte Feinde und falsche Freunde rücksichtslos auf Tod und Leben vertheidigte; denn alles Halbe war ihm tödtlich verhaßt, ja unmöglich, er wollte die ganze Wahrheit. Wenn Gott noch in unserer Zeit Einzelne mit prophetischer Gabe begnadigt, so war Görres ein Prophet, in Bildern denkend und überall auf den höchsten Zinnen der wildbewegten Zeit weissagend, mahnend und züchtigend; auch darin den Propheten vergleichbar, daß das »Steiniget ihn!« häufig genug über ihn ausgerufen wurde ^). Eichendorff wurde mit Görres bekannt durch den Besuch seiner Vorlesungen und schloß bald mit ihm ein enges Freundschaftsbündniß, obgleich er zu dem ältern und in mancher Beziehung höher begabten Genossen mit ehrfürchtiger Scheu emporblickte. Durch Eichendorff wiederum kam Görres mit Arnim und Brentano in Verbindung, und bald umschlang diese vier so verschiedenartig gestimmten und in ihren Endzielen doch har- monirenden Männer ein enges Band. Was sie Alle vereinte, war die Liebe zum deutschen Vaterlande und der heilige Zorn über die Schmach der Zeit, der sich oft genug in recht bittern Worten Luft machte. Aber, sich erzürnen über so viel Niedertracht und feige Gesinnung — das war auch alles, was den patriotischen Feuerköpfen zu thun übrig blieb. Die Zeit war zu klein für ihre großen Gedanken. Und so flüchteten sie sich als echte Romantiker in die deutsche Vergangenheit, versenkten sich in die herrlichen Zeiten deutscher Größe und berauschten sich an der Poesie längst vergangener Jahrhunderte, während gleichzeitig st Verm. Schriften, V 306. 20 Fichte seine mächtig wirkenden „Reden an die deutsche Nation" herausgab. Arnim und Brentano sammelten die deutschen Volkslieder und eröffneten der staunenden Mitwelt verborgene Schätze, deren Reichthum und Schönheit die Freunde gesunder Poesie entzückte; Görres aberbrachte die lieblichen deutschen Volksbücher in Erinnerung, welche, in geradem Gegensatz zur antikisirenden Richtung, dem Geiste der deutschen Nation so sehr entsprachen. Eichendorff betheiligte sich auf das eifrigste an all' diesen Bestrebungen und brachte namentlich der Sammlung von Volksliedern das wärmste Interesse entgegen. Wenn wir die Gedichte betrachten, welche in dieser Zeit entstanden sind — sie wurden in den folgenden zwei Jahren in Ast's Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst (Landshut) veröffentlicht —so finden wir unverkennbar den Einstuß der Beschäftigung mit unserer großen Vergangenheit sowie unserer ältern und neuern Volkspoesie. Wir finden da Minnelieder, Lieder im Volkston und Romanzen aus mittelalterlichen Stoffen. Und die Liebe für die deutsche Vergangenheit, für jene Zeit, wo unsere Nation eins war im Fühlen und Glauben, diese Liebe, welche, wenn sie auch in Heidelberg nicht geboren wurde, doch dort ihre kräftigste Nahrung fand, hat ihn durch sein ganzes Leben begleitet und ist in den trübsten Tagen sein Trost geblieben. Auch an den Studien über die deutschen Volksbücher, welche Görres mit Begeisterung betrieb, betheiligte sich Eichendorff und lieferte Ersterm häufig schätzbares Material. Die liebsten Stunden des jungen Dichters waren die Abende, welche er mit Görres, Arnim und Brentano zubrachte. Brentano saug in Görres' einsamer Klause selbstcomponirte Lieder zur Guitarre. „Man könnte," sagt Eichendorff *), „schwerlich einen ergötzlichem Gegensatz der damals florirenden ästhetischen Thees ersinnen, als diese Abendunterhaltungen, häufig ohne Licht und brauchbare Stühle bis tief in die Nacht hinein: und wie da die Drei alles Große und Bedeutende, das je die Welt bewegt hat, in ihre belebenden Kreise zogen, und mitten in dem Wetterleuchten tiefsinniger Gespräche Brentano mit seinem witzsprühenden Feuerwerk dazwischen fuhr, das dann gewöhnlich in ein schallendes Gelächter zerplatzte." Das schallende Gelächter galt vornehmlich dem deutschen Philister, den zu hassen Eichendorff in diesem übermüthigen Kreise gelernt hat. Er selbst begann den Kampf gegen das Musterbild nüchterner Oberflächlichkeit und prosaischer Aufgeblasenheit erst später. Von Romantikern auf dem Gebiete der Wissenschaft, welche in der schönen Museustadt genugsam vertreten waren, lernte Eichendorff namentlich Professor Thibaut schätzen, unter dessen Leitung er eifrig dem Stu- h Verm. Schriften, V 308. 21 dium der Jurisprudenz oblag. Thibaut war nicht allein ein hervorragender Rechtsgelehrter, sondern auch ein feinsinniger Kenner und begeisterter Verehrer der alten Kirchenmusik. Creuzer, mit seiner mystischen Religionslehre, und Gries, der treffliche Uebersetzer südlicher Dichter, standen Eichendorff ebenfalls nahe. Letzterer besonders, weil Eichendorff sich mit Leidenschaft dem Studium der italienischen Sprache ergab, welche er sich bald in einem so hervorragenden Maße aneignete, daß selbst Italiener in der Konversation in ihm einen Landsmann zu erkennen glaubten. Auch philosophische Vorlesungen besuchte er eifrig. In den Mußestunden, angeregt durch Brentano's meisterhaftes Spiel, übte er sich auf der Guitarre. Noch inniger als mit den genannten Männern ward Eichendorff mit dem nur um zwei Jahre ältern Grafen Otto Heinrich von Löben befreundet, welcher, wie er selbst, noch in den Vorhallen der Göttin Poesie stand und ehrerbietig zu so berühmten Dichtern wie Arnim und Brentano, welch' Letzterer sich gar einen Schützling Goethe's nennen durfte, emporblickte. Er dichtete viel und verfügte, wie Eichendorff sagt, über eine unglaubliche Formgewandtheit, besaß jedoch weder Tiefe noch Kraft. Als er sich mit Eichendorff befreundete, war er bereits im Besitz eines stattlichen Päckchens eigener Poesieen, welche er zum Druck vorbereitete, sowie eines Romans L 1a Novalis, den er „Guido" zu betiteln gedachte. Löben gegenüber legte Eichendorff die seiner bescheidenen Gesinnung entspringende Zurückhaltung ab und theilte ihm einige von seinen Gedichten mit. Löben nahm sie mit einer Begeisterung auf, welche der Dichter in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hatte, ja, er übernahm es sogar, die Ausnahme der besten in die bereits erwähnte Zeitschrift von Ast zu vermitteln. Eichendorff stimmte dem zu, weigerte sich aber entschieden, sich als Verfasser derselben öffentlich zu bekennen, und Löben wählte das in der That sehr zutreffende Pseudonym „Florens", der Blühende, für ihn. So erschienen denn im ersten Bande der genannten Zeitschrift das schöne Sonett: „Was wollen mir vertrauen die blauen Weiten", sowie die Lieder: „Wenn trübe Schleier alles grau umweben", „Die Zauberin im Walde", „Frisch eilt der Helle Strom hinunter", „Sei stark, getreues Herze" und die Romanze: „Kaiser Albrecht's I. Tod", sowie einige andere, welche der Dichter indessen später in eine andere Form umgegossen hat. Eichendorff dankte dem Freunde für sein warmes Interesse in einem schönen Sonett, in welchem die das ganze Verhältniß kennzeichnende Stelle vorkommt: Wo Zwei sich treulich nehmen und ergänzen, Wächst unvermerkt das freudige Werk der Musen. Im Frühjahr 1808 verließen die beiden Brüder, welche ein volles Jahr in dem traulichen Heidelberg zugebracht hatten, die ihnen so lieb- 22 gewordene Stadt, um eine Reise nach Paris anzutreten. Es war der Eltern Wunsch, daß die Söhne nach beendeten Universitätsstudien die vielbewunderte Weltstadt kennen lernen sollten, ehe sie in die Heimath zurückkehrten. Mit welchen Gefühlen Eichendorff von Heidelberg und seinen lieben Bekannten schied, läßt sich denken; nur die Aussicht, schon bald wieder mit ihnen zusammen zu treffen, linderte den Schmerz der Trennung. Görres bat seinen jungen Freund, auf der Pariser Bibliothek für ihn einige altdeutsche Handschriften von Volksbüchern zu vergleichen: ein Auftrag, der den Dichter mit nicht geringem Stolz erfüllte; Brentano und Arnim wünschten dem scheidenden Freunde Glück, daß er dem deutschen Michel den Rücken kehren könne, und Löben verabredete mit Beiden eine längere Reise durch Süddeutschland, sobald sie zurückgekehrt sein würden. Im Äpril 1808 kamen sie in dem Babel an der Seine an und verfehlten nicht, es mit deutscher Gründlichkeit nach allen Richtungen zu durchstreifen. Die reichen, meist andern Ländern gestohlenen Kunstschätze des Louvre erfüllten Joseph mit Entzücken; der ungeheuere Reichthum der kaiserlichen Bibliothek reizte seine Wißbegier und veranlaßte ihn, ganze Tage im Lesezimmer zuzubringen; das ihm völlig neue, außerordentlich manchfaltige Leben der Weltstadt endlich verschaffte ihm neue Anschauungen und Aufschlüsse. Des Auftrags, welchen Görres ihm mitgegeben, entledigte er sich mit großer Gewissenhaftigkeit und er war so glücklich, dem Freunde manches neue Material mitbringen zu können. Trotz aller Herrlichkeiten in der Kaiserstadt empfand Eichendorff aber bald einen „wahren Heißhunger" nach Deutschland und brach mit dem Bruder im Mai desselben Jahres zur Heimreise auf. In Heidelberg blieben die Brüder noch einige Wochen mit den alten Freunden zusammen und trennten sich dann von der Stätte so vieler reiner Freuden und ernsten Strebens, ohne sie je wieder zu sehen. Sie strebten nunmehr ihrer Heimath zu, reisten jedoch wie echte Touristen, denen daran gelegen ist, Land und Leute aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Keine Gegend, welche Mutter Natur mit ihren Reizen großmüthig ausgestattet, blieb unbesucht; keine Stätte, wo Wissenschaft und Kunst blühten, ward übergangen, und jeder Ort, welchen große geschichtliche Erinnerungen mit einem verklärenden Schimmer umgaben, ward in ihre Reiseroute gezogen. Sie reisten, ohne Zweifel in so urbehaglicher Weise, wie Eichendorff in seinen Novellen seine Lieblingspersonen reisen läßt, über Frankfurt und Aschaffenburg, durchstrichen den Spessart und weilten in Würzburg. In Nürnberg blieben sie mehrere Tage und erfreuten sich an den Denkmalen vergangener Herrlichkeit und eines fein ausgebildeten Kunstsinnes. Hier schied Löben von ihnen, der ebenfalls Heidelberg für immer verlassen hatte. Die Brüder wandten sich nun nach Regensburg, um von da die Donau hinab nach Wien zu fahren. Wie lange sie in der Kaiserstadt an der Donau verweilten und welche Bekanntschaften sie dort anknüpften, ist uns nicht mitgetheilt worden; in der Biographie Eichendorff's heißt es nur, daß sie „einige Zeit" dort zugebracht hätten. IV. Mit der Rückkehr in das väterliche Haus begann für Eichendorff eine neue glückliche Lebensperiode. Erfüllt von den empfangenen vielseitigen Eindrücken, welche die Universitätszeit und seine für die damaligen Zustände sehr weiten Reisen ihm gegeben, erfüllt von großen Ideen und einer schwärmerischen Begeisterung für die Kunst, vorab die Dichtkunst, erfüllt aber auch von einer frisch pulsirenden Lebenskraft, welche in einem gesundheitstrotzenden Körper ihren Wohnsitz hatte, regte sich in ihm eine erstaunliche Schaffenslust, welcher wir eine ganze Reihe seiner schönsten Gedichte und die Pläne zu vielen Novellen verdanken. In dem reizvollen, romantischen Lubowitz, seiner über alles geliebten Heimath, ging der Samen, welchen er in Heidelberg in sich ausgenommen, zu prächtigen Blumen auf. Ein wahres Kind des Glücks, ein echter Günstling der Musen, wiegte er sich in einem behaglichen, anregungsvollen Dasein, welches den Dichter in ihm mit jedem Tage mehr zur Entwickelung brachte. Er befand sich so recht in jener Stimmung, welche den Helden seines in diesen schönen Tagen entworfenen Romans „Ahnung und Gegenwart" beseelt, und die er mit den treffenden Worten schildert: „Seine Seele befand sich in einer kräftigen Ruhe, in welcher allein sie im Stande ist, gleich dem unbewegten Spiegel eines See's den Himmel in sich aufzunehmen. Das Rauschen des Waldes, der Vogelfang rings um ihn her, diese seit seiner Kindheit entbehrte grüne Abgeschiedenheit, alles ries in seiner Brust jenes ewige Gefühl wieder hervor, das" uns wie in den Mittelpunkt alles Lebens versenkt, wo alle die Farbenstrahlen, gleich Radien, ausgehen und sich an der wechselnden Oberfläche zu dem schmerzlich schönen Spiel der Erscheinung gestalten. Alles Durchlebte und Vergangene geht noch ein Mal ernster und würdiger an uns vorüber, eine überschwängliche Zukunft legt sich wie ein Morgenroth blühend über die Bilder, und so entsteht aus Ahnung und Erinnerung eine neue Welt in uns, und wir erkennen wohl alle die Gegenden und Gestalten wieder, aber sie sind größer, schöner und gewaltiger und wandeln in einem 24 wunderbaren Lichte. Und so dichtete hier Friedrich unzählige Lieder und wunderbare Geschichten aus tiefster Herzenslust, und es waren fast die glücklichsten Stunden seines Lebens" ^). In dieser Zeit entstanden jene schönen, so rein und tief empfundenen Lieder, wie: „In einem kühlen Grunde", „Sind's die Häuser, sind's die Gassen", „Die Welt ruht still im Hafen", „Schlafe, Liebchen, weil's auf Erden", „O Thäler weit, o Höhen", „Wer hat dich, du schöner Wald", „Vergangen ist der lichte Tag" u. a., welche zum großen Theil in den Liederschatz des deutschen Volkes übergegangen sind und immer und immer wieder gesungen werden. Indessen haben auch geistliche Lieder, welche des Dichters tieffromme Gesinnung auf das schönste bekunden, in dieser Zeit ihren Ursprung; denn auch im sorgenlosen Genuß eines reichen Glücks, im gleichsam trunkenen Schwelgen in den Schönheiten der Natur und der Poesie ging ihm der demüthig-fromme Sinn nicht verloren, welcher ihn als Kind schon beseelt hatte. Natur und Gott, das ist der Kern seines Dichtens; versenkt in die eine erhebt sich sein Geist zu der Größe des Schöpfers, und in den Preis Gottes mischt sich die begeisterte Bewunderung seiner Werke. Wie es damals wogte und wallte in seiner jugendlichen Seele, das finden wir in seinem Roman „Ahnung und Gegenwart", welcher in seiner überraschenden Fülle an Gefühl, Geist und Witz, aber auch an übersprudelnder Begeisterung so recht die Gährung in der Seele des jungen Dichters verräth. Als echter Romantiker hält er die Poesie für die höchste aller Künste; nicht zwar für die Beherrscherin des Lebens, wohl aber für eine Macht, mit welcher der Verstand und die vom Verstände regierte Menschheit zu rechnen haben. In dem Sonettenkranz „Der Dichter", welchen er in dieser Zeit verfaßte, singt er das hohe Lied von der Poesie und ihrem Priester. Da sehen wir, wie hoch, mit welchem heiligen Ernst er die Dichtkunst auffaßte, und daß er in dem ihm gegebenen Talent in der That einen Ruf von oben erblickte ^). Dieser Sonettenkranz, edelschön in der Form und getragen von hohem, sittlichem Adel, kann in der That als das poetische Glaubensbekenntniß Eichendorff's bezeichnet werden. Es ist eine seltene Erscheinung in der deutschen Literaturgeschichte, daß ein zwanzigjähriger genialer Jüngling sich solche Ziele und, was besonders betont werden muß, sich solche Grenzen steckt. Trotz alles Ueberwallens keine kecke Verachtung von Gesetz und Sitte, kein Anstürmen gegen die sittliche Weltordnung, welche so manches romantischen Dichters Anfänge charakterisirt! Ernst nahm er das Leben und ernst die Kunst, und gestattete den: losen Witze nur, sich st II 305. — st I 63—66. 25 als coquettes Rankenwerk um den innern Kern zu schlingen. Schon dem werdenden Dichter galt die übermüthige Ironie des Romantikers, dies Feldgeschrei der Schlegel, nicht als Selbstzweck, und sie ist auch, obgleich die Wortführer der neuen Schule einen so großen Einfluß auf ihn ausübten, nie sein in lloo 8i^no virw68 geworden. Am stärksten prägt sich der tief sittliche Gehalt seiner Jngendpoesieen in den patriotischen Gedichten aus. Preußen lag zerschmettert am Boden; Napoleon stand auf der Höhe seiner Macht; auf dem Fürstentage zu Erfurt (17. September bis 15. October 1808) huldigten ihm vier Könige und vierunddreißig Fürsten aus Deutschland. Selbst echt patriotisch gesinnte Männer verzweifelten daran, daß es je gelingen werde, das fremde Joch abzuwerfen; Andere aber fühlten in sklavischer Unterwürfigkeit sich Wohl in ihrer Unterdrückung. Der junge Eichendorff gehörte zu denen, die ihr Vertrauen aus den alten Gott, der keinen Deutschen verläßt, nicht verloren, zu denen, die in tiefer Einsamkeit auf den Augenblick warteten, wo das Vaterland sie rief. In ihm, dessen Seele erfüllt war von den herrlichen Bildern deutscher Größe, kochte es in heiligem Zorn. Wenn er in den Hallen seines väterlichen Hauses die alten Waffen funkeln sah, dann, singt er, Möcht' ich, über unsre Schande Tief entbrannt in zorn'gem Lieben, Wurzeln in der Felsen Marke Und empor zu Himmels Lichten Stumm anstrebend wie die starke Riesentanne mich aufrichten, fl Erbärmlich Volk sieht er um falscher Götzen Throne lagern; wohl Manchen, „dem die wirklichen Geschichten der Zeit das ehrlich deutsche Herz zerschlagen", hört er klagen wie Prinz Hamlet: „Weh, daß zur Welt ich kam, sie einzurichten." Mit Sehnsucht wünscht er die Zeit herbei, wo es ihm vergönnt ist, das Schwert zu ziehen, denn: Wer in der Noth nichts mag als Lauten rühren, Dess' Hand dereinst wächst mahnend aus dem Grabe?) Mit Begeisterung begrüßt er den Heldenkampf der Tiroler, die sich selbst Retter geworden sind: Hochherzig Volk, Genosse größ'rer Zeiten! Du sinkst nun in der eig'nen Häuser Brande, Zum Himmel noch gestreckt die freien Hände. O Herr, laß diese Lohen wchn, sich breiten Auffordernd über alle deutschen Lande, Und wer da fällt, dem schenk' so glorreich Ende?) fl I 117. — fl I 122. - fl I 123. Erfüllt von diesen Gedanken, fügte er feinem Roman „Ahnung und Gegenwart" die interessanten Schilderungen aus dem Freiheitskampfe eines Gebirgsvolkes an, unter welchem die Tiroler gemeint sind, und entwarf ein Drama, welches die Erhebung der Germanen gegen die Römer unter Arminius behandeln sollte. Aber sein Herzenswunsch, selbst mit in das Feld ziehen zu dürfen, konnte noch nicht in Erfüllung gehen; er mußte die Zeit erwarten mit klopfendem Herzen, wie so mancher jugendliche Patriot jener Tage. Neben den poetischen Arbeiten lief aber eine ungemein praktische Thätigkeit. Es war Absicht der beiden Brüder, sich in die Verwaltung der väterlichen Güter einzuführen und so auf Uebernahme derselben sich vorzubereiten. Unserm Dichter sagte die Landwirthschaft von Herzen zu. Gewohnt, täglich mit der Natur zu verkehren und sie in ihren wechselnden Stimmungen zu beobachten, fand er sich leicht in eine Beschäftigung, welche ihm diesen Verkehr zur Pflicht machte. Er arbeitete unverdrossen, und sein Körper gedieh sichtlich in der anstrengenden und doch anregenden Thätigkeit. Indessen gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir für seinen unermüdlichen Fleiß, der den Eltern so viele Freude machte, noch einen andern Grund als den der angeborenen Neigung geltend machen: Eichendorff verlor schon bald nach seiner Rückkehr in die Heimath sein Herz und richtete nun sein ernstes Streben darauf, sich für die bevorstehende Selbständigkeit vorzubereiten. Louise Victoria von Larisch hieß seine Auserwählte, eine Tochter des Gutsbesitzers Johann von Larisch auf Pogrze- bin bei Ratibor. Sie stand in noch sehr jugendlichem Alter, ragte jedoch durch Schönheit, Geist und fromme Gesinnung weit über ihre Genossinnen. Als Eichendorff sie zum ersten Male sah, gewann sie seine ganze Neigung. Dem ersten Besuch folgten rasch weitere, welche von den Eltern beider Seiten gern gesehen wurden, und nach Verlauf von wenigen Wochen war Eichendorff glücklicher Bräutigam. Mit dieser Liebe erweiterte sich das Stoffgebiet seiner Muse; denn bis dahin hatte er es verschmäht, Gefühle zu besingen, welche er nicht hegte: Was mir das Herz bewogen, Das sagte treu niein Mund. Und das ist nicht erlogen, Was kommt aus Herzensgrund. Zahlreiche, innig empfundene Lieder sind die poetische Frucht seiner überaus glücklichen Liebe. Ihr sind die tief empfundenen sechs Wanderlieder gewidmet, welche in der Gedicht-Sammlung unter der Ueberschrift „In der Fremde" vereinigt erscheinen und zu den schönsten Blüthen seiner Lyrik gezählt werden müssen. Zwischen ihm und seiner Braut herrschte 27 eine seltene Uebereinstimmung der Seelen. Wie er, war sie hochgesinnt; wie er, liebte sie die schönen Künste und vorab die Poesie; wie er, war sie von Herzen fromm und bei aller Innigkeit von keuscher Empfindung. Eichendorff wünschte eine baldige Vermählung, indessen zögerten die Eltern seiner Braut mit der Zustimmung, weil sie noch zu jugendlich erschien. Später traten die kriegerischen Ereignisse dazwischen, so daß die Liebenden erst im October 1814 vereinigt werden konnten. Im Herbst 1809 machten die Brüder auf Löben's Einladung eine Reise nach Berlin, wo sie Arnim und Brentano wiederfanden. Beide waren mit poetischen Arbeiten beschäftigt: jener mit seinem Roman „Gräfin Dolores", dieser mit den „Romanzen vom Rosenkranz". Unter den neuen Bekanntschaften mit hervorragenden Männern ist die mit Adam Müller, der im Jahre 1805 katholisch geworden war, am be- merkenswerthesten. Müller, von Beruf Nationalökonom, dessen Theorien heute noch beachtet werden, war zugleich ein warmer Freund der schönen Litteratur und theoretischer Verfechter der Romantik. Seine Vorlesungen über das Schöne und die spanische Poesie, über deutsche Litteratur und Kunst, sowie über die dramatische Poesie fanden zahlreiche Zuhörer, und seine Ansichten begeisterte Gläubige. Als seine Lebensaufgabe bezeichnete er eine „wissenschaftliche Darstellung des Staats in seinem ewigen Bunde mit Religion, Poesie und Leben" fl — eine echt romantische Aufgabe. Eichendorff war häufig Gast in seinem Hause, wo sich die tonangebenden litterarischen Größen Berlin's Stell-dich-ein gaben, und empfing dort vielseitige Anregung. Auch die Vorlesungen Fichte's besuchte er und sehr oft das Berliner Nationaltheater, welches zu jener Zeit bedeutende Kräfte zur Verfügung hatte. Leider wurde sein Aufenthalt in Berlin nach einigen frohen Wochen in recht unangenehmer Weise gestört, da er in ein Nervenfieber fiel, welches ihn drei Monate lang an das Krankenlager fesselte. Erst im März 1810 konnte er nach Lubowitz zurückkehren. Aber nun fand er in der stillen Heimath kein Genüge mehr, er sehnte sich nach fruchtbringender Arbeit und anregender Thätigkeit. Der Aufenthalt in Berlin, wo die nationale Wiedergeburt sich langsam unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche vorbereitete, hatte ihn mit einiger Beschämung über seine, nur der eigenen Wohlfahrt gewidmete Thätigkeit erfüllt. Er strebte nach Arbeit für die Allgemeinheit, und diesen Wunsch hegte auch sein Bruder. Beide dachten in den Staatsdienst zu treten. Dazu kam eine äußere Veranlassung. Der Krieg mit seinen Ungeheuern Lasten hatte die Güter des Vaters so sehr verschuldet,' daß es den Brüdern, als fl Eichendorff, Gesch. d. Poet. Litt., II 49. 28 ihnen nähere Einblicke in die Verwaltung gestattet wurden, sehr unwahrscheinlich dünkte, ob sie sich würden halten lassen. Beide mußten also für den schlimmsten Fall vorbereitet sein und für ihre Zukunft sorgen, Joseph um so mehr, als er daran dachte, ein geliebtes Mädchen heimzuführen. Preußen bot den jungen Männern die denkbar schlechtesten Aussichten, sowohl wegen der politischen Lage als wegen des Verhaltens der Behörden den katholischen Beamten gegenüber. Sie entschlossen sich also in österreichische Staatsdienste zu treten, wo ihnen persönliche Beziehungen sehr zu statten kamen, und reisten im October 1810 nach Wien ab. Ihre Hoffnungen erfüllten sich in reichem Maße. Sie erhielten, obgleich sie österreichische Universitäten nicht besucht hatten, sofort die Erlaubniß, sich den Staatsprüfungen zu unterziehen, und bestanden dieselben mit Auszeichnung. Sie wurden nunmehr dem Dienste eingereiht, um nach einer gewissen Zeit definitiv angestellt zu werden. So vergingen über zwei Jahre. Wieder hatte Eichendorff das Glück, mit hervorragenden Geistern bekannt und befreundet zu werden. Abgesehen von allem andern hatte die Natur ihm einen Freibrief mit in die Welt gegeben, welcher ihm alle Thüren bereitwilligst öffnete: das war seine männlich schöne Erscheinung. „Auf dem schlanken, kräftig gebauten Körper von edelster Haltung ruht das zuversichtliche, fast kecke Haupt, nach damaliger Sitte von reichen glänzend braunen Locken umwallt. Aus den belebten Zügen spricht Begeisterung, Kraft und männliche Entschlossenheit, aus dem tiefblauen, feuerigen Auge zugleich ein herzliches Wohlwollen" *). Der Erste, welcher ihn mit offenen Armen empfing, war Friedrich Schlegel, welcher schon seit acht Jahren in Wien ansässig war. Er hatte seine Sturm- und Drangperiode hinter sich und war nach vielen Irrfahrten auf dem wild bewegten Meere des Lebens und der Poesie in den sichern Hafen der katholischen Kirche eingelaufen. Wenn er früher den vermessenen Grundsatz aufstellte: „Alle Selbständigkeit ist Originalität, und alle Originalität ist moralisch, und man hat nur so viel Moral, als man Sinn für Poesie und Philosophie hat," so beugte er sich nunmehr demüthig vor der katholischen Kirche und erblickte in ihr nicht allein die Quelle der Moral, sondern auch den Urgrund der Künste und Wissenschaften. Und in diesem Sinne wirkte er jetzt als Lehrer und Schriftsteller. Ihm treu zur Seite stand seine ebenfalls zum Katholicismus übergetretene Gattin Dorothea, eine Tochter des bekannten jüdischen Philo- IV 474. sophen Moses Mendelssohn, welche zuerst den Kaufmann Simon Veit geheirathet und sich als Culturdame von recht freien Lebensanschauungen bekannt gemacht hatte. Jetzt war sie, wie Friedrich Schlegel, aus innerster Ueberzeugung katholisch. Obgleich Dorothea auf Schönheit keinen Anspruch machen konnte, zog sie doch die Männerwelt unwiderstehlich an sich — der beste Beweis war ihr jetziger Gatte, den sie doch an Alter um acht Jahre überragte. Ihr lebhafter Geist, ihre witzsprudelnde Conversation, ihre reichen Kenntnisse aus vielen Wissenschaften übten auf die Männer der Litteratur und Kunst einen großen Einfluß aus. In den Abendgesellschaften griff sie stets lebhaft in die Unterhaltung auch über die schwierigsten und Frauen ganz fernliegenden Gegenstände ein und überraschte durch ihre schnelle Auffassungsgabe und ihr scharfsinniges Urtheil. An den schriftstellerischen Arbeiten ihres Mannes betheiligte sie sich in nicht geringem Maße und trat auch selbst als Dichterin auf. Trotz alledem war sie eine sorgsame Gattin und Hausfrau und verschmähte es nicht, Strümpfe zu stopfen und Hemden zu nähen. Eichendorff schloß sich der geistvollen Dame, welche ihn mit mütterlichen Augen betrachtete, vertrauensvoll an und offenbarte ihr seine dichterischen Pläne und Entwürfe. Noch einige Jahre nachher bekannte er, daß er nirgends einen Ersatz für diesen glücklichen Verkehr gefunden habe. Den fast vollendeten Roman: „Ahnung und Gegenwart" legte er ihr zur Prüfung vor und schenkte ihren und ihres Gemahles Randbemerkungen volle Beachtung. Sie war es auch, welche dem Roman seinen jetzigen Titel gab. Mit Dorotheens Sohn, dem später berühmt gewordenen Maler Philipp Veit, welchen Fouque klar und heiter wie den Frühling, ernst und sinnig wie den Herbst nennt fl, wurde Eichendorff auf das innigste befreundet. Auch mit Theodor Körner, welcher als k. k. Theaterdichter in Wien angestellt war, kam Eichendorff zusammen, ohne indessen nähere Beziehungen mit ihm anzuknüpfen. Eichendorff hielt ihn für unbedeutend, eine Meinung, welche Dorothea von Schlegel ^vollständig theilte fl. Mit Wilhelm von Humboldt verkehrte Eichendorff häufig in dessen Hause, ohne sich veranlaßt zu sehen, dem berühmten Manne näher zu treten. Enger schloß er sich dem ausgezeichneten Redemptoristenpater Clemens Maria Hoffbauer an, dessen Predigten viel Aufsehen erregten, und dessen Wirken ein außerordentlich segensreiches war. Im Frühjahr 1811 kam auch Adam Müller nach Wien, um im Hause des Erzherzogs Maximilian von Este Vorträge über Staats- wirthschaft zu halten. Die beiden Brüder erneuerten ihre Bekannt- fl. Fougue's Selbstbiographie, S. 326. — fl Raich, Dorothea von Schlegel, II 138. 30 schaft mit dem selten begabten Manne und bezogen schließlich sogar eine Wohnung mit ihm. „Müller beschäftigte sich damals viel mit dem auch an höchster Stelle sehr begünstigten Plan, in Wien eine nach norddeutschem Muster eingerichtete Universität zu gründen. Eichendorff ward bei derselben ein Lehramt zugedacht, und es schien dies seinen Neigungen auch nicht entgegen; die Ausführung des für Oesterreich so wichtigen Projectes scheiterte indeß größtentheils an Müller selbst, dem es trotz seiner vielseitigen Begabung an dem praktischen Geschick gebrach, ein solches Unternehmen in's Leben zu rufen"). So verkehrte Eichendorff in freundschaftlicher Weise mit den hervorragendsten litterarischen Größen, welche Wien damals aufzuweisen hatte, und gewann spielend eine Fülle von Kenntnissen und Anschauungen. Auch seine Beamtenlausbahn versprach eine günstige zu werden, so daß er einer glücklichen Zukunft entgegensehen durfte. Bald begann auch sein Name als Dichter in weitern Kreisen bekannt zu werden. Jene Veröffentlichungen in der schon erwähnten Ast'schen Zeitschrift waren ziemlich spurlos vorübergegangen, nun aber erschienen von ihm, wieder unter dem Namen Florens, in Kerner's Musen-Almanach: „Deutscher Dichterwald", welcher Ende 1812 herauskam, die beiden lieblichen Gedichte „In einem kühlen Grunde" und „Sind's die Häuser, sind's die Gassen", welche dem jungen Dichter sofort eine große Anzahl von Verehrern verschafften. Seltsamer Weise ist es nur einem Zufall zu verdanken, daß das erste Gedicht damals schon (später wurde es dem Roman „Ahnung und Gegenwart" einverleibt) in die Oeffentlichkeit kam. Kerner erzählt darüber: „Es war im Jahre 1812, wo ich von meinen Freunden Beiträge zu dem »Deutschen Dichterwald« einsammelte, dessen Theilnehmer auch Uhland, Schwab, K. Mayer, Fouque, Varnhagen, Thorbeck u. A. waren. Da sandte mir Eichendorff durch uusern gemeinschaftlichen Freund Löben jenes Lied von sich als Beitrag für unsere Sammlung mit der Unterschrift »Florens« zu. Mein Wohnort war damals ein freigelegenes Haus in dem württembergischen Waldort Welzheim. Als ich nach Empfang des Briefes von Löben jenes schöne Lied mit Vergnügen gelesen hatte, legte ich es auf meinen Schreibtisch nahe an ein offenstehendes Fenster, aber plötzlich weht es ein vorüberfahrender Windstoß vom Tisch durch's Fenster hoch in die Luft über Häuser und Bäume dahin. Ich bemühte mich nun, dieses wahrhaft zum fliegenden Blatt gewordene Lied viele Stunden lang, selbst in Begleitung eines scharfsehenden Jägers, eines Freundes von mir, in Wäldern und Feldern anfzusuchen, aber vergebens. Der Verlust desselben war mir um so em- -) IV 469. , E.»», 31 pfindlicher, als das Manuscript der Sammlung schon längst zum Druck abgegangen und, sollte dieser Beitrag noch ausgenommen werden, eine schnelle Nachsendung nöthig war. Was war nun das fernere Schicksal des Gedichtes? Am andern Tage kam ein mit Maultrommeln, Armbändern und Fingerringen handelnder Tiroler zu mir, und siehe da, ich erblickte das Blatt um eine dieser kleinen Maaren gewickelt. Schnell frug ich ihn: wo fandest du denn dieses Papier? worauf er mir erzählte, daß er es bei Kaisersbach, eine Stunde von Welzheim, aus einem blühenden Flachsfelde gesunden und diesen Fingerring darein gewickelt habe. Daß ich ihm sehr vergnügt, das Papier behaltend, ein Dutzend seiner Maultrommeln, meiner Lieblingsinstrumente, entnommen, ist begreiflich." Der Zauber dieser Lieder, welche mit Recht zu den Perlen unserer lyrischen Dichtkunst gezählt werden, veranlaßte Fouque, den Verfasser zahlreicher, viel gelesener Ritterromane, dem Dichter, dessen wahren Namen er festgestellt hatte, durch Löben's Vermittelung einen poetischen Gruß nebst verschiedenen neuen Poesieen zuzusenden, in dem es hieß: Süße Thränm sind geflossen Mir vom Aug' bei deinem Klang, Jubelnd nah' ich dem Genossen, Freu' des Kranzes mich, entsprossen Deinem Minn- und Rittersang. Eichendorff, den es mit großer Genugthuung erfüllen mußte, daß ein so berühmter, von ihm selbst hochgeschätzter Dichter ihm die Bruderhand reichte, antwortete mit einigen Sonetten, von denen drei in die Sammlung der Gedichte ausgenommen sind. Zwischen beiden Dichtern entspann sich ein inniger Verkehr, obgleich sie persönlich erst einige Jahre später zusammenkamen. Beide waren hinsichtlich ihrer geistigen Bestrebungen verwandte Naturen, und Beiden wohnte ein echt ritterlicher Geist inne; an poetischem Talent aber vermochte der gefeierte Verfasser der „Undine" (1811) und des „Zauberrings" (1812) sich mit Eichendorff nicht im entferntesten zu messen. Fouque war längst ein todter Mann als er starb, Eichendorff's Ruhm dagegen wuchs bis an sein Lebensende. Es ist bezeichnend für die Gewalt eigenartiger Richtungen in der Litteratur, daß auch Eichendorff dem Banne der Fouque'schen Muse verfiel und ein eifriger Verehrer des Dichters wurde. Wenn auch später seine Begeisterung sich merklich abkühlte, so gehörte er doch nie zu den Vielen, welche ihr früheres Idol mit Hohn und Spott übergossen. Fouque war es auch, welcher einige Jahre später den mehrfach erwähnten Roman seines jungen Freundes bevorwortete— ein Zeugniß für die Stellung, welche Jener damals in der deutschen Litteratur einnahm. 32 So war Eichendorff's Aufenthalt in Wien, der nur hin und wieder durch Besuche bei seinen Eltern und seiner Braut unterbrochen wurde, ein überaus glücklicher. Er wurde nach und nach in die höchsten Kreise der Gesellschaft eingeführt und hatte sichere Aussicht auf eine glänzende Laufbahn. Oesterreich schien ihm die zweite Heimath werden zu sollen, so daß Philipp Veit an seine Mutter schreiben konnte, Eicheudorff sei so „eingewienert", daß er schwerlich wo anders fröhlichen Herzens sein könne ft. Aber es kam anders, und daß es so kam, gereicht unserm Dichter zur höchsten Ehre. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, um das fremde Joch abzuschütteln, und Eichendorff zögerte keinen Augenblick, das wahr zu machen, was er in feuerigeu Gedichten gelobt: er weihte seinen Arm dem Vaterlande. Während der zwei Jahre, welche er in Wien zubrachte, bereitete sich ein so rascher Wechsel der Dinge vor, wie er auch von den Optimisten nicht erwartet worden war. Napoleon, der Emporkömmling, stand im Jahre 1811 auf dem Gipfel seiner Macht. Ein Sohn, den ihm die Tochter des Hauses Habsburg geboren, sicherte seiner Familie die Dynastie. Da begann er den Feldzug gegen Rußland. Der Brand von Moskau äscherte auch den anscheinend unzerstörbaren Riesenbau seiner Macht ein. Geschlagen kehrte er zurück. Nun erhob sich Preußen, das in jahrelanger stiller Arbeit sich auf den großen Befreiungskampf vorbereitet hatte, und der Aufruf des Königs rief am 3. Februar 1813 das ganze Volk zu den Waffen. Eichendorff säumte nicht, dem Ruse zu folgen. „Steig' aufwärts," sang er begeistert, Steig' aufwärts, Morgenstunde! Zerreiß die Nacht, daß ich in meinem Wehe Den Himmel wiedersehe. Er opferte seine Laufbahn dem Vaterlande, er schlug sein Leben in die Schanze, während um dieselbe Zeit der größte deutsche Dichter seinen Sohn August hinderte, in die Reihen der Freiheitskämpfer einzutreten ! V. Mit Eichendorff zog Anfang April 1813 sein treuer Freund Philipp Veit in's Feld, während Wilhelm, des Dichters Bruder, in Wien zurückblieb. Am 12. April kamen die Freunde in Breslau, dem preußischen Hauptquartier an, wo sich der König mit seinen Ministern und Generälen befand. Hier wurde ihnen allgemein gerathen, zu dem schwarzen Freicorps unter Lützow nach Sachsen zu gehen, und sie waren gern geneigt, sich -) Naich, a. a. O., II 209. 33 einem solchen Unternehmen, welches im Kleinkrieg ganz romantische Abenteuer versprach, anzuschließen. Am 18. April trugen sie bereits ihre Uniform, welche Philipp Veit wie folgt beschreibt: „Wir tragen eine Litefka, d. h. eine kurze Pikesche von schwarzem Tuch, weite schwarze Ueberziehhosen und Stiefel, einen Tschako und schwarze Handschuhe, alles mit rothen Schnüren besetzt. Unsere Waffen sind eine Büchse oder Stutzen, ein kurzer Säbel an schwarzem Bandelier, eine Pistole und ein Dolchs). Die Freunde nahmen sich, wie Philipp noch wohlgefällig bemerkt, höchst kriegerisch aus. Am 19. April gingen beide in Erwartung großer Dinge und in sicherer Hoffnung auf hervorragende Helden- thaten von Breslau ab und trafen am 1. Mai in Grimma ein, wo sich etwa 40 Mann der schwarzen Schaar gesammelt hatten. Sie beabsichtigten, sich nach Dessau, wo Lützow mit der ersten Compagnie stand, durchzuschlagen; da ihnen aber die Franzosen in den Weg kamen, so mußten sie sich bis Meißen zurückziehen. Hier bekamen Eichendorff und Veit vom Hauptmann Seidlitz von der vierten Compagnie den Befehl, nach Dresden zu gehen, alle schwarzen Truppen, welche sich in dortiger Gegend befanden, zn sammeln und ihm zuzuführen. Sodann erhielt das Bataillon von General Scharnhorst den Auftrag, sich in den Spreewald zu werfen, dort den Feind zu beschäftigen und von der Hauptarmee abzulenken. Am 23. Mai finden wir die beiden kriegslustigen Vaterlandsvertheidiger, welche sich danach sehnten, endlich in Thätigkeit zu treten, in Fürstenwalde, wo sie sich gestehen mußten, daß sie sich ihren Feldzug denn doch ganz anders vorgestellt hatten^). Eichendorfffs muthiges Lied: „Frisch auf, wir wollen uns schlagen, So Gott will, über'n Rhein Und weiter im fröhlichen Jagen Bis nach Paris hinein." sollte für ihn erst viel später in Erfüllung gehen. Am 26. Juni war Veit in Havelberg, während Eichendorff nach Berlin gesandt worden war; Mitte Juli traf auch Philipp dort ein. Beide waren des sehr wenig erfolgreichen Hin- nnd Herziehens herzlich müde. Lützow's Freicorps spielt in der Poesie der Befreiungskriege eine bedeutende Rolle, in Wirklichkeit aber hatte Lützow's wilde verwegene Jagd nur bescheidene Bedeutung. Es fehlte an einer kräftigen, zielbewußten Führung, an Leichtigkeit der Bewegung, welche für einen Guerillakrieg, den die Freischaar ja eigentlich führen sollte, unerläßlich ist, und endlich auch, wie Veit selbst eingesteht, an der rechten Freudigkeit. Zu einem frischen fröhlichen Kampfe ist die schwarze Schaar nie gelangt und über meist unschuldige Neckereien und Belästigungen des Feindes nicht hinausgekommen. ') Raich, a. a. O., II 159. — °) Ebendas., II 170. Görres-Eesellschaft. III. Bereinsschrift für 1887. 3 34 Indessen erinnerte sich später Eichendorff noch gern der kecken Streifzüge in den herrlichen Spreewäldern, wie er es noch im Jahre 1836 in einem an seine ehemaligen Kameraden gerichteten Gedichte ausspricht. Am 17. Juli nahmen die beiden Freunde ihren Abschied, indem sie, wie Eichendorff schreibt*), „noch eine tüchtige Arbeit und einen fröhlichem Erfolg" sich versprachen. Sie hatten die Absicht, sich nunmehr dem Fouque'- schen Reitercorps anzuschließen; indessen kam es nicht dazu, weil inzwischen ein Waffenstillstand vereinbart worden war. Die beiden Freunde, welche ihren Thatendrang nicht zu zügeln vermochten, eilten jetzt nach Böhmen, wo sie in das Armeecorps des Generals von Kleist traten. In den folgenden Wochen kam auch Fouque mit seinen Reitern nach Böhmen, und hier lernten sich die beiden Dichter zum ersten Male persönlich kennen und schlossen ein herzliches Freundschaftsbündniß miteinander. Nach der siegreichen Schlacht bei Culm — am 30. August — in welcher Eichendorff Seite an Seite mit seinem Freunde Veit focht, faßte er, aus welchen Gründen ist uns unbekannt, den Entschluß, in österreichische Dienste zu treten, doch fand er nicht die gewünschte Verwendung, so daß er Anfang September in die Heimath zurückkehrte. Hier blieb er anderthalb Monat und trat dann als Offizier in das 17. schlesische Landwehr- Regiment ein, welches damals die Festung Glatz besetzt hielt. Leider aber gingen seine und der übrigen Offiziere Hoffnungen, bald auf den Kriegsschauplatz gesandt zu werden, wieder nicht in Erfüllung; denn das Regiment wurde nach wenigen Monaten zur Besatzung Torgau's com- mandirt, welches Ende December 1813 capitulirt hatte. Am 10. Januar 1814 hielten die preußischen Besatzungstruppen ihren Einzug in die entsetzlich verwüstete und von ansteckenden Krankheiten verheerte Stadt, wo sie trotz einer von Eichendorff verfaßten an den König gerichteten Bittschrift der Offiziere, die Truppen bald auf den Kriegsschauplatz zu rufen, bis Spätsommer 1814 aushalten mußten. So gewann Eichendorff eine freilich gar nicht erwünschte Muße, sich wieder mit der Dichtkunst zu beschäftigen und dichtete einige kleine Lieder, welche aus seiner kriegerischen Stimmung und den Anregungen des Soldatenlebens hervorgingen. Etwas Bedeutendes hat er aber in dieser, der stillen Sammlung des Dichters durchaus ungünstigen Zeit nicht geschaffen. Nachdem der Pariser Friede geschlossen war, kam Eichendorff, den sein thatenloses Leben auf das höchste verdroß, um seine Entlassung ein. Vorher aber hatte er noch ein Duell zu bestehen, zu welchem ein sehr unbeliebter, von ihm mit einigen sarkastischen Bemerkungen beleidigter Offizier ihn gefordert hatte. Der jugendliche Ungestüm und ein allzu hoch 3 Raich, a. a. O., II 182. 35 geschraubter Ehrbegriff trugen in ihm den Sieg davon über Vernunft und religiöse Vorschrift. Glücklicherweise verlief der Zusammenstoß ohne nachtheilige Folgen für beide Duellanten. Im Juni des Jahres 18 l4 erhielt Eichendorff seinen Abschied, worauf er sofort in die Heimath zurückkehrte. In Lubowitz wurden nunmehr alle Vorbereitungen für seine Vermählung mit Luise von Larisch getroffen, welche denn auch im October ! stattfand. Eicheudorff hatte, wie er in dem jetzt folgenden engsten Zusammenleben so recht empfand, eine überaus gute Wahl getroffen. Seine I Gattin, deren Richtung bei aller Neigung für Poesie und Kunst eine vorwiegend praktische war, bildete ein gesundes Gegengewicht zu der leb- > haften Phantasiethätigkeit Eichendorff's, welche ihn leicht die Sorgen des , täglichen Lebens übersehen ließ. Sie fühlte ihren Beruf in der treuen Erfüllung ihrer Pflichten als Gattin und Hausfrau und wachte sorgfältig darüber, ihrem Manne das Leben angenehm zu machen. ^ Das junge, überaus glückliche Paar begab sich nunmehr nach Berlin, ^ wo Eichendorff eine Anstellung suchte. Wie es ihm damit ergangen, ^ schildert uns am besten ein Brief vom 28. Januar 1815, den er an feinen Freund Philipp Veit in Wien richtete^). „. . . Ich werde mein Heimweh nach Wien nicht los und kann mich hier in Berlin noch immer in nichts finden ... Es ist und bleibt mir alles fremd: Religion, i politische Gesinnung, ja selbst die allgemeine Fertigkeit, über Kunst und -i Wissenschaft abzusprechen, erschreckt und stört mich mehr, als es mich ! erfreut, denn es scheint mir wenig Liebe darin zu sein. In solcher innerlichsten Einsamkeit fühle ich einen recht aufrichtigen Trieb, in mir selber gründlich besser zu werden und Trost und Rath eifriger dort zu suchen, wo man ihn am Ende immer findet, und so weiß denn Gott immer am I besten, was uns geziemt. Mein hiesiges Anstellungsgeschäft geht sehr , langsam und trübselig. Denn obschon mich der Präsident und die Räthe, ! denen ich in Potsdam meine Aufwartung machte, sehr zuvorkommend ^ aufnahmen, so müßte ich doch nach allgemeiner Versicherung vorerst wenigstens anderthalb Jahre lang ohne Gehalt und Diäten dienen, welches mir meine Vermögens-Verhältnisse durchaus unmöglich machen. Ich will > daher versuchen, so lang mein Geld noch reicht, irgend eine andere baldige » Anstellung zu erhalten. . . . Sollte Herr von Schlegel vielleicht bei dem jetzigen Zusammenfluß von hohen Personen oder durch Bartholdy u. s. w. irgend eine noch so geringe Anstellung in Wien für mich finden, so bitte i ich ihn herzlich, mich nicht zu vergessen, und ich fliege mit unbeschreiblicher Freude in mein liebes altes Oesterreich zurück." Sein Herzenswunsch sollte nicht erfüllt werden, er blieb an Preußen gebunden, obgleich y Raich, a. a. O., II 298, 299. — Es war die Zeit des Wiener Kongresses. 36 er sich, wie wir noch später sehen werden, bei aller Pflichttreue als einen entschiedenen Gegner der preußischen Politik zeigte. Seine Vermögens- Verhältnisse waren recht trostlose; er war, um leben zu können, geradezu auf ein Staatsamt angewiesen. Vom Vater durfte er Zuschüsse nicht mehr erwarten, da der Zusammenbruch des Vermögens nur noch eine Frage der Zeit war und dann höchst wahrscheinlich nur ein kleiner Rest in Händen der Familie blieb. So. mußte Eichendorff schweren Herzens der Zukunft entgegensehen, während er geglaubt hatte, seinen! geliebten Weibe eine sichere Wohnstätte bieten zu können. Jetzt dachte er endlich daran, seinen schon so lange vollendeten Roman „Ahnung und Gegenwart" der Oeffentlichkeit zu übergeben, in der Hoffnung, durch ein wenn auch geringes Honorar seine finanziellen Verhältnisse zeitweilig zu bessern. Aber es war schwer, einen Verleger zu finden; mehrere lehnten rundweg die Uebernahme des Verlages ab, andere suchten die Entscheidung hinauszuschieben, so daß der an sich selbst irre gewordene Dichter sich an Fouque mit der Bitte um eiue Beurtheilung des Romans und Schaffung eines Verlegers wandte. Fouque antwortete Ende November 1814 unter begeisterten Lobsprüchen — was ebenfalls sehr wichtig war — mit der Nachricht, daß sein Verleger Schräg in Nürnberg geneigt sei, den Verlag gegen ein Honorar von einem Friedrichsd'or für den Bogen zu übernehmen. Eichendorff sagte freudig zu und stellte an Fouque die weitere Bitte, den Roman mit einigen einleitenden Worten zu versehen. Auch das that der gut- müthige Verfasser der „Undine", und so erschien denn der Roman zu Ostern 1815. Daß Eichendorff's erste größere Schöpfung ein Roman wurde, hat wesentlich seinen Grund in der schon erwähnten enthusiastischen Verehrung der Romantiker für Goethe's „Wilhelm Meister", welcher sich der junge Dichter durchaus angeschlossen hatte. Dem Alten von Weimar nacheifernd, schrieben Jean Paul den „Titan", Tieck „Sterubald's Wanderungen", Dorothea Schlegel den „Florentin". Wilhelm Meister war ihnen die Summe alles Dichterischen, der Roman schlechtweg, und so wendete sich auch Eichendorff dieser vielumfassenden poetischen Form zu. In „Ahnung und Gegenwart" haben wir schon den ganzen Eichendorff nach seiner ethischen und dichterischen Grundstimmung: nach jener Seite ist der Roman echt deutsch und getragen von einem christlichen Geiste, nach dieser durchaus lyrisch und romantisch, lieber die Unzulänglichkeit des Irdischen überhaupt und die Niedrigkeit jener Zeit insbesondere erhebt er den Leser in höhere Sphären und läßt durch ein leichtes Lüften des Vorhanges, welcher die Zukunft verschleiert, uns ahnen, daß ein besseres Geschlecht von kräftigerer Sittlichkeit die Wieder- 37 gebürt der Menschheit anbahnen werde. Das Geschlecht, welches der Dichter uns in einer reichen Aufstellung von Charakteren anschaulich schildert, ist den großen und allerdings auch schweren Aufgaben der Zeit nicht gewachsen; in sorglosem Genießen verlebt es seine Tage, während das Vaterland aus tausend Wunden blutet; ohne jeden idealen Aufschwung, ja ohne einen festen Lebenszweck und höhere Gesinnung gefällt sich ein großer Theil der Mitlebenden in einem nüchternen Festhalten an der Wirklichkeit, und wo ein Mal ein höher gestimmter Geist versucht, der erdrückenden Atmosphäre zu entfliehen, da ziehen hundert Arme zugleich ihn wieder zurück. Es fehlt diesem Geschlecht das Gefühl der innern Zusammengehörigkeit in Religion und Vaterland; lediglich das Streben, das Ziel des Daseins in ausgiebigem aber „schönem" Lebensgenuß zu finden, vereinigt sie in heiterer Gesellschaft. Machtlos stehen edele Geister ihren saftlosen Zeitgenossen gegenüber; vergeblich ist es, sie anspornen zu wollen zum Kampf gegen den fremden Eroberer, zu innerer Sammlung und Erhebung; verächtlich dreht die Menge jenen „Narren" den Rücken, getäuscht werden sie selbst von denen, welchen sie eine große Gesinnung zugetraut hatten, und so wenden sie sich, von Ekel erfüllt ab und suchen Zuflucht im Schooße der Kirche. Das ist der ideale Gehalt des Eichendorff'schen Romans. Es ist ein Zeitroman, aber nicht von jener Art, wo man hinter einer jeden Figur das Modell erkennen und mit Fingern auf den Gemeinten Hinweisen kann; auch nicht ein solcher, wo in genauer Charakterisirung der historischen Situation und des Zeitgeistes, sowie in minutiöser Schilderung des Costumes das Hauptgewicht liegt. Eichendorff zeichnet nur Richtungen und schafft für diese entsprechende Typen; jedoch wohnt ihnen ein kräftiges individuelles Leben inne, und einzelne Züge für sie mögen seinem Bekanntenkreise entnommen sein. Der Prinz in seiner ungezügelten, ästhetisch angehauchten Sinnlichkeit ist so recht ein Vertreter der romantischen Genialitätshelden, welche die Sittengesetze mit der größten Unverfrorenheit übertraten, nie aber die angeborene Eleganz verleng- neten. Er liebt, verführt, bereut; doch nie geht sein Gefühl in die Tiefe, ja, er gefällt sich darin, „Emotionen" zu erleben und sie in dem Augenblick, wo jeden andern Sterblichen die Wucht des Erfahrenen Niederdrücken würde, in wohlgesetzten Versen zu besingen. Man könnte fast annehmen, daß Eichendorff in dieser Figur einen bekannten, vielfach vergötterten Prinzen des preußischen Herrscherhauses habe darstellen wollen. Es ist bezeichnend, daß der Prinz sich mit einer oberflächlichen und sittlich nicht eben hochstehenden Weltdame verheirathet und so gleichsam symbolisch die Grundstimmung seines Charakters andeutet. Rosa, eben diejenige, welche er zu sich auf den Thron erhebt, nachdem ex, sie ent- 38 und verführt hat, ist das genau entsprechende weibliche Seitenstück zu ihm; sie ist die Personifikation der gehaltlosen Salondame, welche, weil die Mode es verlangt, dem wahrhaft Schönen huldigt, es aber verläßt des äußern Flimmers wegen. Rosa zieht den idealen Grafen Friedrich, den eigentlichen Helden des Romans, durch ihre Schönheit auf einige Zeit an sich, wird ihm aber untreu, um sich dem Prinzen rückhaltlos hinzugeben. Der Prinz sowohl wie Rosa stellen den größten Theil der vornehmen Gesellschaft dar. Ihr Leben ist ohne innern Halt, sie straucheln bei jeder Versuchung, aber sie straucheln stets mit Eleganz und sündigen nach allen Regeln der Aesthetik. Ihnen gegenüber steht eine andere Gruppe, welche gleichfalls den festen Stützpunkt verloren hat, aber sich durch eine große geistige Kraft aufrecht erhält. Auch ihnen fehlt der höhere Schwung, das unerschütterliche Zielbewußtsein; sie nehmen das Leben poetisch und leben poetisch. An ihrer Spitze steht Leontin, der genialische Weltmann, der Romantiker des Lebens. Er blickt mit überlegener Ironie auf die unter ihm krabbelnde Menschheit und ergötzt sich an ihr mit satyrischen Bemerkungen; er liebt es, mit einem schlagfertigen Witze zwischen die Begeisterung eines Idealisten zu fahren und dessen überschwängliche Phantasieen wie Seifenblasen auf ihr Nichts zurückzu- führen. Gleichwohl aber erfüllt es ihn mit Wonne, sich hin und wieder in den wild dahinwirbeluden Strom des Lebens stürzen und von ihm tragen lassen zu können. Die Befriedigung eines thatkräftigen Lebens kennt er nicht; ziellos wandert er umher, genießt und liebt. Victor zeigt sich uns noch regelloser; er ist der Romantiker der äußersten Linken, ohne die Fähigkeit zu besitzen, genialisch zu leben. Auch ein weibliches Seitenstück fehlt hier nicht; wir haben es in der Gräfin Roma na. Leontin nennt sie eine toll gewordene Männlichkeit; wir als Leser möchten sie die Symbolik der falschen, von Gott abgewendeten Romantik nennen. Mit allen Reizen des Körpers und des Geistes ausgestattet, von berückender Liebenswürdigkeit und südlicher Gluth, fliegt sie haltlos durch das Leben, berauschend und abschreckend, Niemanden beglückend, und findet ein klägliches Ende. Um diese beiden Gruppen reihen sich andere unbedeutende Personen, welche in ihrem niedrigern Kreise wieder dasselbe bedeuten und gleichsam die höhern Sphären in trüberm Schein widerspiegeln. Es war nun die Ausgabe des Dichters, der kranken Zeit ihr gesundes Gegenbild vorzuhalten. Er thut es in dem Helden seines Romans, in dem Grafen Friedrich. Er ist der Repräsentant Eichen- dorff's; er ist sein Mund, und was er spricht, ist des Dichters eigenste Meinung. Friedrich ist der Dichter von Gottes Gnaden; ihm ist die 39 Poesie ein Stück Religion, der Dichter ein Priester, welchem Gott eine schwere Verantwortlichkeit auferlegt; er ist der Romantiker, wie er in- Eichendorff's Seele sich gebildet. Eine sanfte Melancholie liegt über seiner Gestalt ausgebreitet, die stille Wehmuth, in eine Zeit versetzt zu sein, wo Thatkraft als Prahlerei und Sittlichkeit als Engherzigkeit angesehen wird. Niedrigkeit und Doppelzüngigkeit in der vornehmen Gesellschaft beleidigen seine hohe Gesinnung, getäuscht wird sein Vertrauen auf die Treue des weiblichen Geschlechts, und niedergeworfen werden seine Hoffnungen auf eine baldige Erhebung des Vaterlandes. So wendet er sich der Kirche zu, deren treu ergebener Sohn er immer gewesen, und tritt in den geistlichen Stand. Das weibliche Seitenstück ist hier die edele Julie, welcher bei aller geistigen Begabung der Sinn für das Genialische fehlt. Sie wird Leontin's Gattin; die Extreme berühren sich und bilden in ihrer Vereinigung ein schönes Ganzes. So strebte Eichendorff, ein viel umfassendes Bild seiner Zeit, einen Zeitroman zu geben. Er schildert den geistigen Zustand seiner Umgebung mit überraschender Anschaulichkeit und läßt nur ahnen, wo die einzige Rettung zu finden sei. Das Bild ist in großen Zügen entworfen und hat nichts von der Kleinmalerei an sich, welche sonst dem historischen Roman eigen ist und die Eichendorff, wie wir noch sehen werden, Walter Scott so verhaßt machte. Local, Umgebung und Costüm sind dem Dichter höchst gleichgültige Dinge, er berührt sie kaum oder nur mit wenigen Worten; auch ist der gewöhnliche Gang der Dinge, wie sie das alltägliche Leben uns bietet, in keiner Weise beibehalten; der Dichter sieht von all' diesen Formen ab und setzt seine Personen in eine Welt, welche in dieser Gestaltung nicht existirt hat. Es ist ein schier märchenhaftes Behagen, in dem seine Personen sich bewegen. Ihr Leben ist ein reines Gefühlsleben, in dem die Liebe eine große, aber keine domi- nirende Rolle spielt. Fragen wir indessen, was sie eigentlich treiben, so wird die Beantwortung schwer; denn der Dichter hat seinen Personen kein Ziel gesteckt. Es zeigt sich hier der große Einfluß von Goethe's Wilhelm Meister. Wie dieser, so ist auch Eichendorff's Roman wesentlich Bildungsgeschichte des Individuums, nur hat sich der katholische Dichter einen ganz andern Ausgan,g gewählt wie der „alte Heide" Goethe. Friedrich gelangt durch bittere Erfahrungen zu der Ueberzeugung von der Nichtigkeit aller zeitgenössischen Bestrebungen, während Wilhelm Meister sich im Sande der allgemeinen Bildung verliert. In den Mitteln aber, die Entwickelung zu motiviren, findet sich bei beiden Romanen eine gewisse Aehnlichkeit. Auch Friedrich wird erfaßt vom Strom des Lebens; er geräth in seltsame Verhältnisse und Verbindungen, und mit jedem Schritt erweitert sich seine Welt- und Menschenkenntniß. So enthüllt 40 der Dichter vor unsern Augen eine an Gestalten und Situationen ungemein reiche Welt. Hoch und Niedrig findet seine Vertretung in interessanten, meist phantastischen Charakteren. Das Geheimnißvolle verbindet sich mit der alltäglichen Wirklichkeit, das Genialische, Uebersprudelnde mit dem schlicht Verstandesmäßigen, die Unschuld steht unvermittelt neben der nie befriedigten Sinnlichkeit, die größten Gegensätze erscheinen in -dichterischer Verklärung. Es geschehen gar seltsame Dinge und unerhörte 'Begegnungen; es schürzen sich Knoten, an deren Lösung der Leser verzweifelt — nicht aber der Dichter, denn er weiß sich stets aus der Schlinge zu ziehen. So wunderbar auch Manches erscheint — es ist nichts unmöglich, es kann sich immer ein Mal in dieser oder jener Form x. ereignen. Der Dichter verfährt genau — ob bewußt oder unbewußt, mag dahin gestellt bleiben — nach dem Dictum von Novalis: „Im Roman muß alles so natürlich und doch so wunderbar sein, daß man glaubt, es könne nicht anders sein, und als habe man nur bisher in der Welt geschlummert, und es gehe Einem nun erst der rechte Sinn für die Meltaus." So ist in der That in Eichendorff's Roman alles natürlich und wunderbar zugleich; ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Und über dem allem, über dem Größten wie über dem Kleinsten, schwebt wie der leuchtende und erwärmende Sonnenball die ganze Fülle Eichendorff'scher Poesie, welche in jedem Thautropfen sich widerspiegelt und in entzückendem Farbenwechsel erglänzt. Der ganze Roman ist Poesie, reine, unverfälschte Poesie; aber es würde schwer, ja unmöglich sein, zu sagen, worin sie besteht. Der Eine wird sie suchen in diesem Reichthum interessanter und edeler Charaktere, der Andere in der Gefühlstiefe, in der weiblich zarten Empfindung; dieser wird sie in den Handlungen und Situationen finden, und jener in der berauschenden Fülle schöner Naturschilderungen. So reich ist der Roman an Schönheit, daß ein jeder Leser auf seine Weise ihn genießen kann. Was die Meisten fesseln wird, das ist wohl der echt lyrische Grundton, welcher das Ganze durchzieht, diese edele, reine, hohe Empfindung, welche sich nicht allein in den eingestreuten Liedern kundthut, sondern jeder Person und jeder Situation eigen ist. ' Nur ein idealer Geist, nur ein echter Christ konnte solch einen Roman ' - schreiben, der in Wahrheit eine der Blüthen. echter deutscher Romantik ^ genannt werden darf. " Aber der Roman hat auch die Fehler seiner Vorzüge. Der lyrische Grundton der Eichendorff'schen.Poesie verhinderte die vollkommene plastische Ausgestaltung der Handlung wie der Charaktere, welche die epische Dichtkunst verlangt. Alles, was ist, regte Eichendorff an; in der reinen Freude am Geschaffenen verlor er den Maßstab für die Stellung, welche die Personen und Dinge im dichterischen Kunstwerk einnehmen müssen; 41 er ertheilte allem die gleiche Geltung, so weit es ihn selbst anregte, und so kam ihm die künstlerische Perspective abhanden. Wir vermissen in seinem Roman die strenge Einheit und knnstgemäße Gruppirung, sowie die kräftigen Umrisse in den Gestalten. Die Stimmung, die Empfindung ist ihm alles; nur diese will er im Lesen Hervorrufen, und das gelingt ihm in vollem Maße. Die Lectüre versetzt uns in einen Zustand vollkommenen Genießens; jede Absichtlichkeit ist verbannt, wir verspüren nichts als den belebenden Hauch eines echten Dichtergeistes. So ist „Ahnung und Gegenwart" ein echtes Kind der Romantik: national, christlich und wunderbar. Aber wie hoch steht es über den ein gleiches Ziel verfolgenden Schöpfungen romantischer Dichter! Tieck dichtete mit dem Kopfe, seine Personen wußten wunderschön zu sprechen und hohe Ideen zu entwickeln — aber sie erwärmten den Leser nicht. Eichendorff trat als ein echter Dichter unter sie; was er dem Publicum bot, war mit seinem Herzblut geschrieben: es war sein eigenstes Wesen. Aber doch hatte er aus der Frühromantik, welche noch in den Fesseln Wilhelm Meistens lag, einen Zug herübergenommen, welcher seiner ganzen Natur fremd war. Es ist das die kecke Behandlung von Liebesverhältnissen mit unverkennbar sinnlichem Anstrich, welche die Lectüre von „Ahnung und Gegenwart" für die Jugend durchaus ungeeignet macht. Fouque schrieb darüber an Eichendorff am 26. November 1814: „Um mit vollständiger Ehrlichkeit zu verfahren, gestehe ich Ihnen noch, daß es mir anfangs oftmalen ankam, als schane die Sinnlichkeit an manchen Stellen allzu dreist durch ihre Blumengänge. . . . Doch wurde es mir späterhin klar, wie hier nicht sowohl Lüsternheit als vielmehr frische Keckheit obwalte, und mein letzter Zweifel schwand." Eichendorff antwortete am 25. December 1814'): „Tief gerührt hat mich Ihre Bemerkung, daß die Sinnlichkeit manchmal allzudreist aus verschiedenen Stellen meines Romans Herausblicke. Auch ich habe bisweilen bei späterer Durchlesung des Buches ganz dasselbe empfunden, aber niemals beim ersten Schreiben desselben — und so oft ich dann in diesen Dingen etwas verändern wollte, kam es mir jedes Mal vor, als führe ich mit einem Tuche verwischend über die frischen Farben eines Gemäldes, und ich ließ wieder alles, wie es war." Nichts lag unserm Dichter ferner, als bewußte Lüsternheit, nichts war ihm heiliger, als die Liebe — seine Lieder, sein Leben beweisen es. Wir wollen und können ihn wegen seiner leichtfertigen Schilderungen in - genanntem Roman nicht entschuldigen, aber erklären lassen sich diese Ausschweifungen seiner lebhaften Phantasie doch wohl. Wir haben schon an- ') Briefe an Fouque, S. 80. 42 gedeutet, daß seine Jugendlectüre eine sehr regellose war und namentlich in Übersetzungen französischer Romane bestand. Welcher Geist die französische Litteratur im Ausgang des 18. Jahrhunderts beherrschte, ist bekannt, und gewiß ist, daß in die Schloßbibliothek von Lubowitz die schlimmsten Sachen nicht ausgenommen wurden. Aber auch die weniger schlimmen mußten dem lebhaften Knaben gefährlich werden und ihm die Beschäftigung mit Liebesangelegenheiten als harmlos erscheinen lassen. Später kam die Lectüre von Wilhelm Meister und der Werke der Romantiker hinzu, welche in ihren frühesten Schriften die Grenzen der Sitte oft genug — wie auch im Leben — überschritten. Und endlich war man zu jener Zeit — auch eine Frucht der stark getriebenen Lectüre solcher Romane — sehr nachsichtig gegen regellose Liebesangelegenheiten und behandelte Personen, auf deren Vorleben solche „interessante" Schatten lagen, mit einer schwärmerischen Theilnahme. Auch Eichendorff war hierin ein Kind seiner Zeit, und er ließ seiner Phantasie eine Freiheit, eine „Keckheit", wie Fouque richtig sagt, welche er seiner Leidenschaft nie gestattet hätte. VI. Ohne Zweifel würde Eichendorff's Roman, zumal er von einem allgemein vergötterten Schriftsteller wie Fouque bevorwortet worden war, allgemeines Aufsehen erregt und den Verfasser zu einem bekannten Manne gemacht haben, wenn nicht wieder auftauchende Kriegsgefahren die Aufmerksamkeit der Welt von ihm abgezogen hätten. Am 1. März 1815 verließ Napoleon Elba, um noch ein Mal mit den europäischen Großmächten den Kampf aufzunehmen. Wiederum galt es, um die eben errungene Freiheit zu kämpfen, und Eichendorff, dessen junge Gattin ihn nicht allein nicht zurückhielt, sondern sogar ermuthigte, ließ sich sofort wieder in die Armee einreihen. Er handelte in demselben Geiste, in welchem er gedichtet hatte. Am 1. Oktober 1814 hatte er an Fouque geschrieben^): „Gott hat uns ein Vaterland wiedergeschenkt, es ist nun an uns, dasselbe treu und rüstig zu behüten und endlich eine Nation zu werden, die, unter Wundern erwachsen und von großen Erinnerungen lebend, solcher großen Gnade des Herrn und der eigenen kräftigen Tiefe sich würdig beweise." Er gedachte sich unter Blücher's Commando zu stellen und eilte Ende April nach Lüttich, wo der gefeierte Feldmarschall Briefe an Fouque, S. 77. sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Hier kam er in innigen Verkehr mit Gneisenau, welcher sich für deutsche Litteratur interessirte und dem jungen Dichter eine rege Theilnahme zuwandte. Doch dauerte der Aufenthalt in Lüttich nur wenige Tage, denn schon am 11. Mai ward Eichendorff an den Niederrhein gesandt, um dort die Landwehr mit for- miren zu helfen. Am 15. Mai traf er in Aachen ein, wo er zu seiner großen Freude Görres begegnete, welcher inzwischen durch seinen deutschen Mercur nach Napoleon's eigenem Ausspruch zur sechsten Großmacht aufgestiegen war. Die folgenden Wochen waren reich an Arbeit und Aufregung, denn es galt, das neu gebildete zweite rheinische Landwehr- Regiment auszurüsten und in möglichst kurzer Zeit kriegsbereit zu stellen. Mitte Juni trat das Regiment, dessen zweite Compagnie Eichendorff's Führung anvertraut war, seinen Marsch an und erreichte am 19. Juni, am Tage nach der Entscheidungsschlacht von Waterloo, die Hauptarmee. Am 7. Juli zog er mit in Paris ein und blieb dann einige Wochen dienstthuender Offizier bei Gneisenau, der bereits in den Besitz von Eichendorff's eben erschienenem Roman gelangt war. Von August ab begann für ihn wieder der leidige Garnisondienst, welcher ihn mehrere Monate in Anspruch nahm und, wie er selbst an Philipp Veit schrieb, damit ausgefüllt wurde, daß man fürchterlich exercirte und in Compiegne, Noyon und Ham tüchtig aß und trank. Er war gänzlich verschlagen, so klagte er in einem Briefe an Fouque, von allen Freunden und litterarischen Nachrichten aus dem Vaterlande, aber durch das Gefühl solcher Entbehrung und Aufopferung nur desto inniger mit ihm verbunden. Zum dichterischen Schaffen war ein solches Leben in Feindesland nicht angethan, so daß nur wenige lyrische Gedichte in Frankreich ihren Ursprung gefunden haben. In dem „An die Freunde" überschriebenen gibt er seinem Jubel über den endlich nach heißem Kampfe errungenen Sieg schwunghaften, echt dichterischen Ausdruck. Im Januar 1816 schlug für Eichendorff die Stunde der Erlösung: er konnte seine Compagnie nach Crefeld zurückführen und den Abschied nehmen. Alles andere vergessend, eilte er nun in die Heimath, um nach langer Trennung seine junge Gattin, welche muthig die schwere Prüfungszeit bestanden hatte, zu begrüßen und sein Erstlingskind, einen am 30. August 1815 geborenen Sohn, Hermann, an's Herz zu drücken. Ein ganzes Jahr lang lebte er in Oberschlesiens frischen Wäldern der Erholung und seinem häuslichen Glück, welches nach der langen Trennung von seiner Gattin einen neuen Reiz und durch den Sprößling ihrer Liebe eine tiefere Festigung erfahren hatte. Der Dichter hat im Uebermaß seiner stillen Seligkeit es nicht vermocht, seinen überwallenden Gefühlen vielfachen Ausdruck zu geben; die wenigen Lieder aber, welche 44 seinem häuslichen Glück gewidmet sind, verrathen uns seine innerste Empfindung. So besonders das tief empfundene „An Louise": Ich wollt' in Liedern oft dich Preisen, Die wunderstille Güte, Wie du ein halboerwildcrtes Geniüthe Dir liebend hegst und heilst auf tausend süße Weifen, Des Mannes Unruh' und verworr'nem Leben Durch Thräncn lächelnd bis zum Tod ergeben. Doch wie den Blick ich dichtend wende, So schön in stillem Harme Silzst du vor mir, das Kindlein auf dem Arme, Im blauen Auge Treu' und Frieden ohne Ende, Und alles laß ich, wenn ich dich so schaue — Ach, wen Gott lieb hat, gab er solche Franc! Die Anspielung, welche er in diesem Gedicht auf seinen Gemüthszustand macht, ist leicht verständlich. Die in früher Jugend freudig gehegte Hoffnung, dereinst auf den väterlichen Gütern sein Leben in der erfrischenden Thätigkeit des Landmannes verbringen und beschließen zu können, konnte nach der trüben Lage der Dinge nicht in Erfüllung gehen. Er mußte sich einen Wirkungskreis suchen, welcher nicht allein seinen Neigungen entsprach, sondern auch die Zukunft seiner Familie sicher stellte. Lauge schwankte er zwischen dem österreichischen und preußischen Staatsdienst. Nach dort zog ihn eine im elterlichen Hause empfangene Vorliebe und seine warme Anhänglichkeit an den katholischen Glauben; in Preußen, wo das frisch erwachte Staatsleben eine kräftige Entwickelung versprach, winkte ihm eine rasche Laufbahn. Die Nothwendigkeit bestimmte ihn für das letztere. Er trat im December 1816 bei der Regierung in Breslau als Referendar ein und wirkte in seiner Heimathprovinz drei volle Jahre. Es war eine Zeit angestrengtester, aber auch freudiger Thätigkeit, denn sie galt ja seinem über alles geliebten engern Vaterlande. Er versöhnte sich wieder mit dem Leben und gab sich in einem Briefe an Fouque vom 15. März 1817 st der Hoffnung hin, daß noch alles gut werden könne. Für den festen Charakter des Dichters gibt dieses energische Aufnehmer! des Kampfes mit dem widrigen Schicksal das beste Zeugniß. Er war das verwöhnte Kind reicher Eltern; im Ueberfluß war er aufgewachsen, und nie hatte die bittere Sorge in seine Seele ihren unerwünschten Einzug gehalten; jetzt aber, als sie in finsterer Gestalt an ihn herantrat, fand sie ihn gerüstet. Vielleicht ist in dieser Zeit das Gedicht entstanden: „Lieber alles", an dessen Schluß es heißt: Ein wildes Roß ist's Leben, Die Hufe Funken geben, Wer's ehrlich wagt, bezwingt es, Und wo cs tritt, da klingt es. ') A. a. O. 84. 45 Seine Gattin war ihm eine starkherzige Lebensgefährtin, welche mit trostreichem Zuspruch seinen Math aufrecht erhielt. Ein zweites Kind, ein liebliches Mädchen, welches am 9. Mai 1817 geboren wurde und auf den Namen Therese getauft wurde — jetzige verwittwete Frau Hauptmann von Besserer-Dahlsingen — erhöhten das Glück der jungen Gatten und ließen sie im engsten Kreise ihr Genügen finden. Größern Gesellschaften hielten sie sich fern, obgleich mancher Salon dem jungen Dichter und seiner schönen Gemahlin gern die Thüren öffnete; Eichendorff pflegte nur mit Friedrich von Raumer und Karl von Holtet einen vertraulichen Verkehr. Die Ausbeute dieser Jahre an lyrischen und epischen Gedichten ist gering. In der Zeitschrift „Die Hesperiden", welche Löben unter dem Schriftsteller-Namen Jsidorus herausgab, erschienen im Jahre 1816 die Gedichte: „Das Flügelroß", „Leid und Lust", „An die Freunde" (Es löste Gott das lang verhaltene Rauschen), „An eine Tänzerin", „Auferstehung" und „Trauriger Winter". Auch in dem Frauen-Taschenbuch für 1816 bis 1819 findet sich eine Reihe von Gedichten, von denen einige während der Kriegsjahre entstanden sind. Eine einheitliche Stimmung durchzieht sie nicht; sie besingen Liebe, Natur und Vaterland. Keines von ihnen gehört zu denen, welche Eichendorff's Namen berühmt gemacht haben. Die schönste Frucht des Aufenthalts in Breslau war die kleine, tiefsinnige Novelle: „Das Marmorbild", welche zuerst in dem schon erwähnten „Frauentaschenbuch" für 1819 erschien und hier 61 Seiten ausfüllte. Florio, der Held der Novelle, kommt nach Lucca und wird dort bei einem lustigen Feste mit dem berühmten Dichter Fortunato bekannt. Da er Abends in der Herberge vergebens den ersehnten Schlaf herbeiwünscht, steht er auf und wandert in der schimmernden Mondnacht zwischen den Weingärten weiter und weiter, bis er an einem großen, von Bäumen umgebenen Weiher anlangt. „Der Mond, der eben über die Wipfel trat, beleuchtete scharf ein marmornes Venusbild, das dort dicht ain Ufer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin so eben erst aus den Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte." Florio steht wie erstarrt, das wundersame Bildniß kommt ihm vor wie eine lang gesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte. Aber nur einen Augenblick dauert die Verzauberung, denn als er die Augen wieder öffnet, welche er vor dem blendenden Schimmer geschlossen, ist der ganze Spuk verschwunden, und das Venusbild starrt ihn weiß und regungslos, fast schreckhaft an. Da überfällt ihn ein unüberwindliches Grauen, und er entflieht. Aber wenige Tage später wird er mit einer Dame bekannt, welche dem Venusbilde täuschend ähnlich sieht, und sie, welche an dem dichterisch angelegten Jüngling Gefallen findet, ladet ihn ein, sie auf ihrem Schlosse zu besuchen. Er folgt, halb hingerissen, halb widerstrebend. Die Dame wohnt in einem prächtigen Palast von Marmor, der ganz das Aussehen eines heidnischen Tempels hat. „Das schöne Ebenmaß aller Theile, die wie jugendliche Gedanken hochaufstrebenden Säulen, die künstlichen Verzierungen, sämmtlich Geschichten aus einer fröhlichen, lange versunkenen Welt darstellend, die schönen marmornen Götterbilder endlich, die überall in den Nischen umherstanden, alles erfüllte die Seele mit einer unbeschreiblichen Heiterkeit." Die Herrin des zauberhaften Schlosses ruht, umhüllt von einem himmelblauen Gewände, auf einem Altane inmitten eines Kreises schöner Jungfrauen, welche abwechselnd zur Laute singen. Und im Garten sieht Florio heitere Gruppen reichgeschmückter Herren und Damen umherwandeln, denen schöne Edelknaben Wein und Früchte reichen. Florio ist entzückt, wie von Trunkenheit befallen. Als es Abend wird, führt die Dame ihn in das Schloß, wo er in zahlreichen Gemälden immer wieder das Bild der schönen Schloßherrin findet und sich, angeregt durch einen draußen erschallenden frommen Gesang, erinnert, es auch in seiner Jugend gesehen zu haben. Das gesteht er ihr, worauf sie erwidert: „Ein Jeder glaubt mich schon einmal gesehen zu haben, denn mein Bild dämmert und blüht wohl in allen Jugendträumen mit herauf." Wieder vernimmt Florio vom Garten herauf den frommen Gesang, welcher ihn tief bewegt, und es erfaßt ihn ein unbezwingliches Grauen. „Herr Gott," seufzt er, „laß mich nicht verloren gehen in der Welt". Mit diesen Worten verändert sich plötzlich die Scene: es erhebt sich ein trüber Wind, der ein Gewitter heranweht, eine grünlich-goldene Schlange fährt zischend aus einem Bündel Gras hervor, welches auf der Fensterbank wächst, und die Dame wird immer stiller. Das Gewitter kommt näher, einzelne Blitze erleuchten mit grellem Lichte das Gemach; es scheint Florio, als wenn den Bildwerken Leben eingehaucht werde, als rührten sie sich von ihren Gestellen; die Dame wird bei dem draußen mächtiger ertönenden Gesänge bleicher und bleicher — da überwältigt das Grausen Florio's Sinne, er stürzt hinaus in den Garten. Da liegt der stille Weiher mit dem Venusbilde; Fortunato aber fährt in einem Kahn über den schimmernden Wasserspiegel, die Guitarre im Arm — Florio hält auch das für Blendwerk und flieht der Stadt zu. Er entschließt sich, Lucca zu verlassen und findet unterwegs den Sänger Fortunato wieder. Nicht lange sind sie gewandert, und sie treffen die malerischen Ruinen eines mächtigen Schlosses, und Florio erkennt mit Grausen die Gegend, in welcher er die schöne Dame getroffen. Er fragt Fortunato nach der Herkunft dieser - Ruinen, und der Sänger antwortet ihm mit einer wundervollen Ballade. Jener Palast sei ein Tempel der Venus gewesen; alljährlich im aufwachenden Frühling steige die Göttin herauf und suche das luftige Säulenhaus. Doch öde sind die Stellen, der Wind zieht ein und aus, Diana schläft im Walde und Neptun ruht im kühlen Meerschloß. Sie selbst muß sinnend stehen, Sv bleich im Frühlingsschein, Die Augen untergehen, Der schöne Leib wird Stein. Denn Uber Land und Wogen Erscheint so still und mild Hoch auf dem Regenbogen Ein ander Frauenbild. Ein Kindlein in den Armen Die Wunderbare hält, Und himmlisches Erbarmen Durchdringt die ganze Welt. Da in den lichten Räumen Erwacht das Menschenkind, Und schüttelt böses Träumen Von seinem Haupt geschwind. Und nun ergibt sich aus weitern Nachforschungen Florio's, daß Fortunato in der That in jener Nacht in dem Zaubergarten gewesen ist und ein frommes Lied hat ertönen lassen, daß er aber von all' dem, was Florio entzückte und erschreckte, nichts gesehen hat. So ist der Inhalt von „Das Marmorbild" durchaus märchenhaft und traumhaft, und ausgestattet ist es mit allen Reizen eines orientalischen Märchens, wie wenn eine Scheheresade es erzählt hätte. Die Naturschilderungen sind von bestrickender Schönheit und überragen selbst die in „Ahnung und Gegenwart". Die Stimmung des Märchens nimmt uns völlig gefangen und versenkt uns in einen traumhaften Zustand, in welchem unsere Phantasie unwillkürlich die vom Dichter umrissenen Bilder weiter und üppiger ausmalt. Es liegt auf der Hand, daß es dem Dichter nicht darum zu thun war, mit reizenden Spielen die Phantasie zu ergötzen — er wollte großen Ideen und erhabenen Gegensätzen dichterische Verklärung verleihen. Er selbst hat sich, wie ja über seine Werke überhaupt nicht, über diesen Punkt nicht erklärt. Als er am 2. December 1817 die Handschrift der Novelle an Fouque sandte, mit der Bitte, sie zu prüfen, ob sie für das Frauentaschenbuch geeignet sei, schrieb er demselben über die Entstehung'): ') A. a. O. S. 84. 48 „ . . . eine Novelle oder ein Märchen, zu dem irgend eine Anekdote aus einem alten Buche, ich glaube es waren üaxxslii ouriositatos, die entfernte Veranlassung, aber auch weiter nichts gegeben. Da mir nunmehr die Gegenwart in tausend verdrießlichen und eigentlich für alle Welt unersprießlichen Geschäften in eine fast lächerliche Nähe gerückt ist, gleichwie man ein großes Fresco-Gemälde nur aus einiger Entfernung betrachten muß, wenn man nicht vor den einzelnen groben Strichen erschrecken soll, so habe ich in vorliegendem Märchen versucht, mich in die Vergangenheit und in einen fremden Himmelsstrich zu flüchten, und betrachte dasselbe als einen Spaziergang in amtsfreien Stunden in's Freie hinaus." Nach diesen bescheidenen Andeutungen sollte man annehmen, der Dichter habe bei Abfassung der Novelle ein höheres Ziel nicht verfolgt, und doch tonnte er, der alles vergeistigte, im selbstgefälligen Spiel der Phantasie kein Genüge finden. Zur Gewißheit wird diese Annahme, wenn wir die Novelle mit der Anekdote vergleichen, welche, wie Eichendorff schreibt, die entfernte Veranlassung zur Abfassung der Dichtung gab. Sie findet sich in Haxyolii „Größeste Denkwürdigkeiten der Welt oder sogenannte rolatioiios cnriosas", Bd. II11687, S. 510 ff. Dort wird folgende Begebenheit erzählt. Ein auf einer Lnstreise befindlicher junger Italiener, Alessandro, kommt nach Lucca, wo sich ein fremder Herr mit Namen Donati seiner freundlich annimmt, mit ihm soupirt und ihn schließlich zu einer reichen Dame führt. Sie wohnt in einem überaus prächtigen Palast und befindet sich in Gesellschaft von zwei jüngern Damen. Der Empfangssaal ist mit herrlichen mythologischen und historischen Gemälden geschmückt, deren Darstellungen ihm die Dame mit einem großen Aufwand von Gelehrsamkeit erläutert. In einem andern Saale stehen in den Ecken vier „Clavicymbel", welche sämmtlich ertönen, sobald eines gespielt wird. In einem dritten Saal prangen in kostbaren Schränken Edelsteine, Perlen und Kleider von ungeheuerm Werth, die in Alessandro Zweifel aufkeimen lassen, ob die Dame sie auch wohl auf ehrlichem Wege erworben habe. Während er alles bewundert, kräht plötzlich ein schneeweißer Hahn, fliegt im Saale umher und löscht mit Flügelschlägen alle Kerzen aus, so daß völlige Finsterniß entsteht. Doch die Dame klopft mit einem Schlüssel an die Wand, Flammen schießen hervor und zünden die erloschenen Kerzen im Nu wieder an. Dann fragt ihn die seltsame Schöne, ob er noch keine Furcht verspüre, und als er die Frage verneint, führt sie ihn zu einem Schrank, der mit Skeletten gefüllt ist. Lächelnd meint er, das seien wohl Mumien. Da stößt sie eines der Skelette mit dem Fuße an, es erhebt sich, ein anderes folgt ihm, und beide gehen mit riesigen Knochen bewaffnet auf ihn los. Er zieht sein Schwert, aber er vermag die 49 Knochenmänner nicht zu verwunden. Als deren nun immer mehrere, mit Messern bewaffnet, kommen, ergreift er die Flucht. Am andern Morgen will er Donati zur Rechenschaft ziehen, aber in Lucca kennt Niemand einen Mann solchen Namens, und auch der Palast existirt nicht, in welchem Alessandro den Abend verlebt haben will. Nun erfährt er, daß auf der Stelle, welche er als den Schauplatz seines schrecklichen Abenteuers bezeichnet, früher ein Gasthaus bestanden habe, dessen Besitzer viele von den bei ihm einkehrenden Fremden ermordet habe. Zur Strafe habe man ihn getödtet und sein Haus zerstört. Seit der Zeit sei jener Ort der Tummelplatz von Gespenstern, welche arglose Menschen in einen erdichteten Palast führten. Selten wird man in einer Novelle, deren Handlung einer anderswo mitgetheilten Begebenheit entnommen ist, die Spuren der Quelle in so geringem Maße verfolgen können wie im „Marmorbild". Eichendorff hat der ziemlich trivialen Gespenstergeschichte nur einen einzigen Zug entlehnt: daß Dämonen einen jungen Mann in die Irre zu locken versuchten — sonst aber hat er aus dem unergründlichen Schatze seiner Phantasie so viel hinzugethan, daß ein völlig neues reizendes Gebilde entstanden ist. Jene Anekdote hat ihn nur angeregt; ein Gedanke, der ihn gewiß schon lange beschäftigt hatte, wurde mit ihr in Verbindung gebracht, die Phantasie gerieth in Thätigkeit, und so gestaltete sich ein tiefsinniges, von echt dichterischem Geiste durchwehtes Kunstwerk. Die siegreiche Macht des Christenthums über das Heidenthum ist der Grundgedanke der Novelle — nach welcher Richtung hin, darüber kann man verschiedener Ansicht sein. Die Einen verlegen den ganzen Vorgang in die Seele des Helden; an ihm habe der Dichter zeigen wollen, wie der Kampf der heidnischen Mächte mit der siegreichen christlichen Ordnung in der Brust des Menschen ausgesuchten werde. Daher erlebe nur der Held der Novelle das ganze Abenteuer, nicht aber For- tunato, welcher doch auch zugegen sei. Die Deutung hat viel für sich. Florio wird bestrickt von der hinreißenden Schönheit der fremden Dame, welche die Vertreterin des Heidenthums ist, und von der zauberhaften Umgebung, in der sie sich bewegt. Die Gefahr der Verlockung liegt nahe. Die bösen Lüste werden geweckt, und darum sagt sie auch, ein Jeder glaube sie schon ein Mal gesehen zu haben, und ihr Bild dämmere wohl in allen Jugendträumen ein Mal herauf. Da verscheucht ein inniges Stoßgebet den ganzen Zauber. Aehnlich versucht der begeisterte Verehrer Eichendorff's, Adolf Schöll, den Inhalt zu deuten: „Diese Novelle zeichnet den bösen Zauber des Schönen in der verirrten Einbildung. Er ist am größten in solchen gebildeten Zeiten, wo viel Vergangenes ideal geworden ist. Es gibt dann Ideen, die nicht mehr in der Wirklichkeit Görres-Gefellschaft. III. B-reinsschrift für 1887. 4 50 befestigt, nicht mehr verwickelt in die Gegenwart, aber manchfaltig bewegt in Nachgefühlen, verlorenen Bildern, Sagen, Gedichten, an den Grenzen der Wirklichkeit dämmernd sich festhalten. Gerade solche überlebte Ideen, die man gewöhnlich Ideale nennt, reizen in ihrer Unbestimmtheit leicht die niedern Lebenstriebe, Eitelkeit und Sinnenlust, und gewinnen, von der Wirklichkeit dieser Triebe getragen, ein scheinbares Leben. . . . Die Novelle läßt erkennen, wie leicht ein unschuldiges Gemüth die Fülle seines Busens unbewußt von Blendbildern sich entwenden läßt, die es um sein wirkliches Leben betrügen wollen. Sie lehrt aber auch die Formel, die den Zauber löst, die einzig-wahre, unwiderstehliche" Z. Eine andere Lösung versuchte Herr vr. Ernst Lieber, der bekannte katholische Parlamentarier, welcher im December 1885 in Köln einen Vortrag über Eichendorff hielt. Er sieht in der Novelle eine Allegorie des aus dem Wahn des extremen Klafficismus zur christlichen Romantik zurückkehrenden Dichtergemüths. Eine sinnvolle und zugleich überzeugende Lösung! Florio ist Dichter, ein warmer Verehrer des Schönen. Die edele Schönheit der Antike, welche er im Marmorbild, in dem Säulenschloß und der Venus so machtvoll verkörpert findet, zieht ihn unwiderstehlich an; schon will er sein Talent in ihre Dienste stellen. Da taucht durch Fortunato's frommes Lied der Gedanke an das Christenthum wieder in ihm auf; gleichzeitig erkennt er die großen Gefahren, die sittliche Verdorbenheit, welche sich unter der schimmernden Oberfläche verbergen — er flieht und kehrt zur christlichen Poesie zurück. Auch vom historischen Gesichtspunkte aus gewinnt Lieber's Erklärung sehr an Wahrscheinlichkeit. Es lag für Eichendorff, der den Beruf des Dichters so erhaben auffaßte, nahe, sich mit dem Verhältniß der Poesie zum Heidenthum abzufinden, und seiner ganzen Anlage nach konnte es nur die Romantik sein, welche er der klassischen Poesie entgegenstellte ^). Im Jahre 1818 am 27. April starb Eichendorff's Vater, der in seinem 60. Lebensjahre in Folge einer Lungenlähmung in die Ewigkeit ging. Mit seinem Tode brach auch über die Familie die Katastrophe herein, von welcher sie schon seit langen Jahren bedroht wurde. Sämmt- liche in Schlesien belegene Güter mußten veräußert werden, um die sehr hohen Forderungen der Gläubiger abzutragen, und nur Lubowitz blieb der Mutter des Dichters als Wittwensitz bis zu deren Tode, welcher vier Jahre später, am 15. April 1822, erfolgte. Die in Oesterreich liegenden allerdings unbedeutenden Güter wurden dagegen der Familie erhalten. Im folgenden Jahre, in welchem Eichendorff am 19. April ein zweiter Sohn, Rudolf, geboren wurde, bestand er in Berlin die große ') Gesammelte Aufsätze 1884, S. 304, 305. — ?) Vergl. Gesch. der Poet. Litt., I 14, 15. 51 Staatsprüfung, wobei ihm namentlich seine schriftlichen Arbeiten viele Anerkennung verschafften. Dann wurde er auf seinen Wunsch wiederum der Regierung in Breslau auf ein Jahr als Assessor zugetheilt. Wie aus einem an Görres gerichteten Briefe Eichendorff's aus dem Jahre 1828, den wir später mittheilen werden, hervorgeht, hatte man dem jungen Assessor unter anderm auch eine Aufgabe gestellt, bei welcher er nothgedrungen Farbe bekennen und seine innerste Ueberzeugung kundgeben mußte, nämlich: „Die Aufhebung der geistlichen Landeshoheit und die Einziehung des Stifts- und Klostergutes in Deutschland." Hier zeigte sich Eichendorff als Mann. Er mußte sich sagen, daß von der Beantwortung der Frage seine künftige Laufbahn abhängig war, daß man nicht geneigt sein würde, einen Gegner der Säcularisationen zu befördern. Und doch entschied er die Frage in echt katholischem Sinne und verurteilte unumwunden das Vorgehen der Regierungen^). Ein glücklicher Zufall führte diese Abhandlung später dem Ober-Regierungsrath im Cultusministerium, Schmedding, einem Katholiken, unter die Augen und wurde Veranlassung zur spätern Berufung Eichendorff's nach Königsberg. VII. Eichendorff blieb nur noch wenige Monate nach Ablegung des Examens in Breslau, schon im Sommer des Jahres 1820 wurde er als Hülfsarbeiter in das Cultusministerium berufen. Nur ungern ließen ihn seine bisherigen Vorgesetzten und Collegen ziehen; denn durch seine treue Pflichterfüllung und hohe Begabung wie durch seine feinen, leutseligen Umgangsformen und seine unverfälschte Biederkeit hatte er sich Aller Herzen erworben. Das Regierungs-Präsidium sprach ihm sogar schriftlich das Bedauern aus, ein so schätzbares Mitglied des Collegiums zu verlieren. Aber auch in Berlin war Eichendorff's Bleiben nicht lange. Im De- cember 1820 erhielt er bereits vom Minister von Altenstein den Auftrag, „die Geschäfte eines katholischen Consistorial- und Schulrathes bei dem Oberpräsidium und Konsistorium der Provinz Westpreußen, sowie bei den Regierungen zu Danzig und Marienwerder commiffarisch zu versehen". Im Januar des folgenden Jahres, kurz nachdem seine Frau ihm ein Töchterchen, Agnes, geschenkt hatte, welches bereits am 5. April 1822 starb, siedelte Eichendorff nach Danzig über und trat mit Freuden ein Amt an, welches ihm zwar viele Mühe, aber auch viel Befriedigung bringen sollte. Dem Minister schrieb er bald nach seiner Ankunft, daß fl Verm. Schriften, V 139—203. 52 er es für das größte Glück betrachte, in diese Stellung versetzt zu sein. „Fern von allem bureaukratischen Schematismus, mit staatsmännischem Blick und Tact, umsichtig und wohlwollend, gewissenhaft die Pflichten gegen Staat unv Kirche abwägend, wußte Eichendorff die ihm anvertraute Aufgabe in der glücklichsten Weise zu lösen. Sie hatte an Bedeutung noch dadurch gewonnen, daß gerade damals in Folge der päpstlichen Bulle cks salnts aniirmrum die katholisch-kirchlichen Verhältnisse in Preußen einer neuen durchgreifenden Reorganisation unterzogen werden mußten- Die Resultate seiner Wirksamkeit fanden denn auch seitens des Gouvernements die vollste Anerkennung, und bereits unter'm 5. September 1821 war Eichendorff durch Patent des Königs zum Regierungsrath ernannt und in seinen Functionen definitiv bestätigt worden."*) Der Dichter lebte sich so sehr in sein Amt ein und gewann eine solche Freude an seiner Wirksamkeit, daß er in den letzten Monaten des Jahres 1822, angeregt durch den Minister Altenstein, eine Denkschrift über die Verbesserung des katholischen Kirchenwesens in Westpreußen verfaßte, von welcher Altenstein lobend sagte, daß sie mit vieler Sachkenntniß und Offenheit geschrieben sei. Die „Offenheit" bezieht sich ohne Zweifel auf die Meinungsäußerung Eichendorff's über gewisse Maßnahmen der preußischen Regierung, welche ihm, dem Katholiken, ungerechtfertigt Vorkommen mochten. Der Biograph Eichendorff's fügt indessen hinzu, daß der junge Regierungsrath an dem Minister stets einen bereiten Förderer der vorgeschlagenen Reformen gefunden habe. Eichendorff's Stellung war schwierig. Er war Beamter und als solcher dem Staat verpflichtet; er war aber auch Katholik und gehörte nicht zu. denen, welche dem laisssr xas86r huldigen, sondern er trat überall thatkräftig für die Rechte der Kirche gegenüber dem Staate ein. ' Daß er es maßvoll that, ersehen wir aus der Haltung Altenstein's. Aber auch katholische Würdenträger erkannten mit großem Dank seine segensreiche Thätigkeit an. So schrieb ihm der Bischof von Ermland, Prinz Joseph von Hohenzollern, mit welchem er, nachdem amtlicher Verkehr sie bekannt gemacht hatte, bald ein herzliches Freundschaftsbündniß schloß: „Wie Ihr edeles frommes Herz für Gottes Sache glüht, wie gern Sie an der Erweiterung des Reiches Jesu arbeiten und wie treu Sie an unserer heiligen katholischen Kirche hangen, ist mir ja sattsam bekannt." Sehr erleichtert wurde unserm Dichter seine schwierige amtliche Thätigkeit durch sein vertrautes Verhältniß zu dem OLerpräsidenten der Provinz, Freiherrn Heinrich Theodor von Schön. Schön war ein hervorragender Staatsmann, der auf die Geschicke der preußischen 's Sämmtl. Werke, IV 508. 53 Monarchie vielfach eingewirkt und seinen Namen neben dem des Freiherrn von Stein unserer Geschichte einverleibt hat. Er kannte keine Vor- urtheile und achtete jede Ueberzeugung, sofern sie offen und ehrlich auftrat. Obgleich Rationalist und in allen religiösen Dingen von großer Gleichgültigkeit, empfand er doch vor der katholischen Kirche eine aufrichtige Hochachtung. „Bei der hohen Konsequenz der katholischen Kirche," sagt er *), „ist überhaupt nichts leichter, als sich mit der katholischen Geistlichkeit gut zu stellen. Wo Mißverhältnisse zwischen Staat und Kirche Vorkommen, hat der erste in der Regel mehr als die Kirche gefehlt. Die Beamten in protestantischen Staaten kennen die katholische Kirche in der Regel nicht und wollen mit den Bischöfen negociiren und machen in einzelnen Fällen Zumuthungen, auf welche der katholische Geistliche nicht eingehen kann." Bei solchen Ansichten und großer persönlicher Liebenswürdigkeit war es dem Oberpräsidenten trotz der Gegnerschaft in religiösen Dingen leicht, Eichendorff für sich zu gewinnen. In der That hat vom ersten Zusammentreffen an die beiden hervorragenden Männer eine enge Freundschaft verbunden, welcher erst durch den Tod ein Ende gemacht wurde. Schön hatte Eichendorff's Kommen nicht gern gesehen, weil er von dem strenggläubigen Katholiken Ungelegenheiten fürchtete; jetzt fühlte er sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Noch im Jahre 1854 nannte er ihn seinen bewährten, treuen Freund und bezeichnte ihn in einem Briefe an Varnhagen als einen eben so herrlichen Dichter wie herrlichen Menschen^). Der von Beiden gehegte Plan, daß Eichendorff Schön's Biographie schreiben solle, wurde vereitelt, weil Elfterer schon ein Jahr nach Schön's Tode ebenfalls in die Ewigkeit hinüberging. Schön war zu jener Zeit eifrig mit der Wiederherstellung des Ordenshauses zu Marienburg beschäftigt, welche schon in den Kriegsjahren von der preußischen Regierung geplant worden war. Eichendorff, auf den der wundervolle Bau einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte, schenkte diesen Bestrebungen sofort freudigen Antheil und übernahm gern die Geschäftsverwaltung der Restauration. Im Sommer 1823 war die Wiederherstellung so weit gediehen, daß der Kronprinz am 20. Juni zahlreichen Gästen ein großes Festmahl geben konnte, bei welchem ein von Eichendorff verfaßtes Festgedicht, „Der Liedsprecher", vorgetragen wurde. Die Schloßverwaltung, welche die Verdienste des Dichters um die Wiederherstellung der Marienburg dankbar anerkannte, hat zum ewigen Gedächtniß seines Namens ihm ein Fenster gewidmet. Aus den Papieren des ... . Th. von Schön, Halle 1875/6, III 65. 2) Das. I 229. Sehr befreundet wurde Eichendorff auch mit dem Prediger Dr. Knie- wel, der, ein musikalisch hochgebildeter Manu, viele von seinen Liedern componirte. Der heitern Geselligkeit blieb der Dichter nun nicht mehr so fern wie in den Breslauer Tagen; er verkehrte viel in der Danziger Liedertafel, für welche er drei sehr populair gewordene „Tafellieder" dichtete. Am bekanntesten von diesen ist: „Viel Essen macht viel breiter", welches zuerst im .Gesellschafter', Jahrgang 1825, abgedruckt wurde. Die Sommermonate verbrachte Eichendorff regelmäßig auf einem hübschen kleinen Landhause, Silberhammer benannt, welches nicht weit von Danzig belegen war. Hier, in lauschiger Einsamkeit, in idyllischer Umgebung, fern vom Weltgeräusch, schuf er eine Reihe schöner Gedichte, und vor allem die Novelle, welche seinen Namen in weitesten Kreisen bekannt und geliebt gemacht hat: „Aus dem Leben eines Taugenichts". Vorher ließ er, und zwar im Jahre 1823 in Schall's und Holtei's „Deutschen Blättern für Poesie, Kunst und Theater", und 1824 als Buch das „dramatische Märchen in fünf Abenteuern Krieg den Philistern" erscheinen, welches für unsere Zeit eine höhere Bedeutung nicht besitzt, weil uns zahlreiche satirische Anspielungen auf gewisse Zustände in Staat, Wissenschaft und Litteratur verloren gehen. Indessen erkennen wir noch jetzt aus vielen Einzelheiten, eine wie reiche satirische und komische Ader Eichendorff besaß, die ihn bei weiterer Pflege gewiß befähigt hätte, unsere Litteratur um lebensfähige Lustspiele zu bereichern. „Krieg den Philistern" ist eine Variation des Thema's, welches Tieck in seinem phantastischen Lustspiel „Prinz Zerbino" angeschlagen. Der Altmeister der Romantik zog in seiner Komödie alle antipoetischen Elemente seiner Zeit vor sein satirisches Gericht; Aufklärung, ästhetische Kritik, engherziges Gelehrtenthum u. s. w. wurden von ihm in ergötzlicher Weise verspottet. Eichendorff steht ihm nicht nach. Die Poetischen eröffnen einen Krieg gegen die Philister, welcher die letztern in arge Beklemmungen bringt. Am Ende aber läßt der Dichter in grausamer Selbstironie sowohl die Philister wie die Poeten untergehen. Ein innerer Zusammenhang, der mit zwingender Nothwendigkeit die einzelnen Bilder bezw. Abenteuer verbindet, fehlt; lose reiht sich die eine Scene an die andere, und eine lange Liste von Personen löst einander in blitzartigem Vorüberhuschen ab. Nur Weniges bleibt in unserm Gedächtniß haften, weil uns der Schlüssel für die innere Bedeutung von Personen und Scenen fehlt. Goedeke *) meint, das Lustspiel sei fast nur noch als Zeng- niß für die innere Entwickelung des Dichters von Bedeutung ; Gottschall sieht in ihm heiter-drollige Genrebilder; Schölls aber sagt in seiner etwas ff Grundriß, III 297. — ff Die deutsche Nat.-Litt., I 427. — ff A. a. O., 301. überschwänglichen Weise: „Wer das Terrain kennt und nicht nach falscher Leseweise im Idealen Allegorie und in den Figuren Pasquille räth, sondern frei der Bewegung des Witzes folgt, wird sich zum heitersten Genuß erhoben fühlen." Das ist für unsere Zeit kaum noch möglich. Einzelne Scenen werden immer noch packen; das Ganze hat nur die Bedeutung, welche Goedeke ihm beilegt, und sicher keine hervorragende. Diese dürfen wir aber gewiß der Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts" beimessen, welche uns den Genius Eichendorff's in gleichsam verdichteter Form darbietet. Sie bezeichnet den Höhepunkt seines Schaffens auf dem Gebiete der Novellistik und ist schlechthin als eine Perle der Erzählungskunst zu bezeichnen. Gleichzeitig aber auch läßt sie erkennen, daß Eichendorff sich von der Manier der Romantiker losgesagt hat und entschlossen ist, ohne seine ehemaligen Freunde zu verleugnen, eigene Wege zu wandeln. Er bleibt ihnen treu im Grundzug der Romantik, in der Aesthetisirung der Wirklichkeit, aber er stellt sich himmelweit über sie, indem er die Wirklichkeit nicht durch die Hebelkraft des Verstandes in höhere Regionen empordrückt, sondern sie mit dem Zauber echter Poesie übergießt. Die Romantiker, allen voran Tieck, versuchten den Leser dialectisch zu überzeugen, daß die Prosa des Lebens poetischen Gehalt besitze; sie legten diesen Gehalt selbst hinein, indem sie Personen und Ereignisse mit einem glänzenden Firniß überzogen, der vor der schärfern Prüfung nicht Stand hielt; Eichendorff suchte nicht zu überreden, er reflectirte nicht über die Poesie, sondern er bot die Poesie selbst. Freudiges Behagen am Dasein, ein sorgloses Genießen des Augenblickes, eine naive Freude an allem, was Gott erschaffen, — Ge- müthszustände, die hier nicht hervorgehen aus einer Gott entfremdeten Weltansicht, sondern aus einem unerschütterlichen Gottvertranen, — das ist der Grundzug der Novelle. Der Held der Novelle, eben der Taugenichts, ist ein durchaus harmonisches Gemüth, dessen reiner Naivetät entspringenden Gleichmuth nichts erschüttern kann. Seine Seele wiegt sich in dem schönen Gleichgewicht aller Kräfte, in der vollkommenen Uebereinstimmung von Wunsch und Sittlichkeit. Und doch ist er kein Jdealmensch, desgleichen man nie gesehen, im Gegentheil, er hat noch so viel menschliche Schwächen, daß wir ihn als Unseresgleichen betrachten müssen. Seine Wünsche und Bestrebungen gehen nicht über das Mittelmaß hinaus; stets ist er zufrieden mit dem, was das Schicksal ihm bescheert; ist es etwas Gutes, so spielt er aus Dankbarkeit auf seiner Fiedel ein lustiges Lied; ist's etwas Trübes, so streicht er wehmüthig über die Saiten, um gar bald seinen alten Humor wieder zu erlangen. Daß ihn Gott ein Mal verlassen könne — der Gedanke kommt ihm nie, und so nimmt er mit 56 wunderbarer Gelassenheit die seltsamsten Begebenheiten hin. Man behandelt ihn wie einen Prinzen — das macht ihm Freude, obgleich es ihm nicht den mindesten Hochmuth einflößt; es ist ihm zwar unbegreiflich, weshalb man ihn gegen seinen Willen in einen höhern Rang versetzen will; da es nun aber nicht zu ändern ist, so läßt er es sich gefallen. Ebenso gleichmüthig aber weiß er sich in widrige Schickungen zu fügen; er erträgt sie wie etwas, das ja doch vorübergehen muß. Ohne Kennniß der Welt und des Weltlaufes, unkundig der Sitte und der feinen Formen, begeht er manchen Verstoß gegen die Gepflogenheiten der gebildeten Welt, aber der Adel seiner Seele und die einfache Geradheit seiner Gesinnung kennzeichnen ihn als einen durchaus edeln Menschen. Manche finden es komisch, wenn er mit seinem weltunerfahrenen Gemüthe gegen die Ecken der modernen Bildung stößt, wenn er in seiner liebenswürdigen Naivetät in seltsame Situationen geräth — Niemandem aber erscheint 2r in einem lächerlichen Lichte. Wahrhaft rührend ist seine Verehrung der schönen gnädigen Frau, welche, obgleich ein Wesen von Fleisch und Blut, wie ein unerreichbares Ideal in seinen Träumen schwebt, das er in der That auch nie erreicht. Das ist eine reine, keusche Verehrung, welche kein Verlangen kennt und keine Erwiderung sucht. Aber diese schönegnädige Frau, ist sie nicht vielleicht die Poesie selbst, deren Hoheit immer vom Dichter erstrebt und nie ganz gewonnen wird, die sich ihm, wenn er sie, das Höchste, glaubt erzielt zu haben, als ein holder Mummenschanz entpuppt, gerade wie die schöne gnädige Frau sich schließlich zwar als schön, nicht aber als gnädig, d. h. hochgeboren zeigt? > Doch auch das bekümmert den Taugenichts nicht; wenn sein lang verehrtes Lieb denn auch nicht „gnädig" ist, so ist sie doch sein Lieb und ihm bescheert, ohne daß er sie suchte. Er ist ein Glückspilz, dem es am Ende nimmer schlecht ergehen kann. Und im süßen Bewußtsein dieser Eigenschaft, sich ganz dem Willen der Vorsehung hingebend, streift er ziellos durch die Welt und nimmt, empfänglich wie ein Kind und dankesfreudig wie ein Kind, die manchfaltigsten Eindrücke willig in sich auf. Er ist wie ein Theil der Natur, völlig mit ihr verwachsen und am glücklichsten, wenn er ihre Herrlichkeit in vollen Zügen genießen kann. .Die Natur ist seine Freundin; bei ihr sucht er Trost, an sie schmiegt er sich in den seltenen Stunden, wo sein Leichtsinn ihn im Stiche zu lassen droht, und in den Stunden des Glücks ist seine Freude doppelt groß, wenn die Stimmung der Natur mit der seinen im Einklang steht. Er ist ein Singvogel und als solcher abhängig von der Natur. Freud' und Leid schmettert er in seelenvollen Liedern hinaus und singt sich all' sein Leid vom Herzen — trotzdem aber kann es Vorkommen, daß er, wenn ein Anderer ein schönes Lied singt, sich vom Schlaf übermannen läßt! 57 Und in diesem reinen und durchaus ursprünglichen Gemüth läßt der Dichter die Welt und die Menschen sich spiegeln und entzückt uns durch das reizende Spiel eines liebenswürdigen Humors und einer überlegenen feinen Ironie. Mit gutmüthigem Lächeln blickt er auf seinen Helden, den Taugenichts, herab, den er trotz seiner selbstgefälligen Haltung und seines unverbesserlichen Leichtsinns herzlich liebgewonnen hat. Da er aber aus der Seele des Taugenichts herausschreibt, nur mit dessen Herzen fühlt, nur mit dessen Augen sieht und sich selbst völlig in den Hintergrund stellt, dadurch gewinnt er, obgleich in einer schier märchenhaften Sphäre schwebend, den Boden der Wirklichkeit und für seine Dichtung ein echt realistisches Gepräge. Ideal ist das Ganze, realistisch ist das Einzelne, sowie das Märchen, das Niedagewesene, zusammengesetzt ist aus den Bestandtheilen der Wirklichkeit. Von allen Werken Eichendorffs hat, abgesehen von den Gedichten, keines eine solche Popularität erlangt, wie die liebenswürdige Schilderung des Taugenichts. Gottschall *) nennt sie „die prächtige Idylle der paradiesischen Faulheit. , . ." und fügt hinzu: „Der Hauptreiz der Dichtung beruht auf der naturwüchsigen Ursprünglichkeit des Empfindens und der köstlichen Schalkhaftigkeit, mit welcher der Dichter selbst in die komischen Irrfahrten seines Helden hineinlächelt." Und'Goedeke^): „Im Taugenichts ckritt Eichendorffs großes lyrisches Talent nicht bloß in den Liedern, sondern in der frischen Naivetät der Erzählung selbst am schönsten auf. Er hat hier am einfachen Faden eines wanderlustigen Jugendgemüthes, in einfachem Rahmen und engster Begrenzung alle seine romantischen Zauber spielen lassen, so daß diese Novelle von jeher die Lieblingsschöpfung der Jugxnd gewesen und auch für ältere Freunde des Dichters eine stets erfrischende Lectüre geblieben ist." Vilmars endlich behauptet, daß gleich Seelenvolles die ältere romantische Schule nicht zu schaffen vermocht habe. Im Herbst 1823 wurde Eichendorff als Vertreter eines erkrankten Rathes in das Cultusministerium berufen und verbrachte den Winter 1823 —1824 in Berlin. Hier lernte der Geh. Ober-Regierungsrath Schmedding, dessen Interesse für die von Eichendorff verfaßte Prüfungs- Arbeit über „Die Aufhebung der geistlichen Landeshoheit und die Einziehung des Stifts- und Klostergutes in Deutschland" wir schon erwähnt haben, ihn persönlich kennen und schätzen und nahm sich vor, für seine Beförderung zu sorgen. Eine Veranlassung fand sich bald, nachdem Eichendorff wieder nach Danzig zurückgekehrt war. Die beiden Oberpräsidien von Ost- und Westpreußen waren nämlich inzwischen vereinigt, und Freiherr von Schön an die Spitze der Verwaltung nach Königsberg si A. a. O., I 426. — °) A. a. O., II 296. — °) Lit.-Gesch., 476. 58 berufen worden. Schön äußerte kurze Zeit darauf den Wunsch, feinen treuen Freund und frühern Mitarbeiter Eichendorff auch in Königsberg an seiner Seite zu sehen, und so veranlaßte Schmedding dessen Versetzung nach Königsberg, damit er dort besonders die katholischen geistlichen Angelegenheiten bearbeite. Am 23. September 1824 reiste Eichendorff, den man in Danzig, wie ein ihm gewidmeter Nachruf in der Danziger Zeitung beweist, nur ungern scheiden ließ, nach Königsberg ab und trat die Stellung eines Oberpräsidialrathes an. Sieben Jahre lang hat er als solcher gewirkt und Dank seiner genauen Kenntniß der einzelnen Landes- theile und des Volkscharakters ungemein segensreich gearbeitet. Seine Stellung war eine sehr einflußreiche; denn alle irgendwie wichtigen Angelegenheiten der Provinz unterlagen seiner Prüfung und vielfach auch seiner Entscheidung. Schön war ihm Freund und nicht Vorgesetzter und ließ ihm in vielen Dingen freie Hand. Auch die Bevölkerung kam unserm Dichter herzlich entgegen, und er fand gar bald einen vertrauten Freundeskreis, welcher ihm geistige Anregung in reichstem Maße bot. Zu seinen nächsten Freunden zählten neben Fr. W. Barthold und Karl Schnaase der berühmte Astronom Bessel sowie der Geschichtschreiber Joh. Voigt, welcher bekanntlich zuerst unter den Protestanten eine gerechte Auffassung des großartigen Charakters Papst Gregor's VII. anbahnte. Mehrere gelehrte Gesellschaften nahmen unfern Dichter unter ihre Mitglieder auf, und auch sonst fehlte es ihm nicht an Auszeichnungen. Trotz alledem gefiel es ihm in preußischen Diensten nicht. Das geht unwiderleglich aus einem am 30. August 1828 an Görres gerichteten Briefes hervor, den wir hier folgen lassen. Königsberg 30/8 1828. „In der Hoffnung, daß E. H. sich meiner aus früherer Zeit noch erinnern, wage ich es in einer der wichtigsten Angelegenheiten meines Lebens mich mit dem vollen Vertrauen der innigsten Hochachtung an Sie zu wenden, und rechne auf Ihre gütige Nachsicht, wenn ich zur noth- wendigen Vorbereitung meiner Bitte meinen kurzen Lebens-Abriß voraussende. . . . Ich trat nun (nach dem Kriege) auf dem gewöhnlichen Wege als Referendarius bei der Regierung zu Breslau ein, und bekam dort behufs des sogenannten großen Examens (zum Rath) als Thema der schriftlichen Probearbeit die Frage auf: »Welche Vortheile und Nachtheile sind von der Aufhebung der Landeshoheit der Bischöfe und der Klöster für Deutschland zu erwarten?« Da ich, Gott sei Dank, mein Gewissen und meine Ehre jederzeit höher gehalten habe, als meinen ') Görres, Briefe, III 341—344. 59 Magen, so beantwortete ich diese Frage, die ich mit gutem Grund nur für eine Art von heimlicher Fußangel halten mußte, mit besonderen Fleiß und mit aller hier nöthigen Freimüthigleit und Rücksichtslosigkeit. Aber Gott wandte es anders, als ich dachte. Der Geh. Ober-Regierungsrath Schmedding in Berlin, selbst ein Katholik, von dessen Existenz ich damals nichts wußte, wurde durch diese Abhandlung aufmerksam auf mich, und durch seine Vermittelung wurde ich einige Zeit darauf zur Bearbeitung der katholischen geistlichen Angelegenheiten in Preußen als Regierungsrath nach Königsberg berufen, wo ich mich noch gegenwärtig befinde. „E. H. kennen indeß die preußische Wirthschaft so gut als ich. Ich habe ehrlich gekämpft, so gut ich's vermag, aber ich bewege mich hier in Fesseln, ohne Hoffnung lohnenden Erfolgs, und sehe mit Gewißheit voraus, mich in diesem Verhältniß nicht lange mehr halten zu können. Auch die Dichtkunst kömmt mir läppisch vor in Zeiten, wo der Herr wieder einmal unmittelbar die Sprache der Poesie zu den Völkern redet. Denn so erscheint mir jetzt die tiefe Bewegung, der junge König und das ganze großartige Walten in Baiern, und ich würde keinen Augenblick anstehen, wie im Jahre 1813, ohne weiteres mich den Fechtern, als deren Führer ich E. H. hochverehre, wieder anzureihen, wenn ich jetzt nicht Weib und Kind hätte, die auch ihre Rechte haben und größere Besonnenheit zur heiligen Pflicht machen. Ich wage zunächst die inständigste und ergebenste Bitte an E. H., mir gütigst Ihre Meinung darüber mittheilen zu wollen, ob Aussicht für mich vorhanden wäre, möglichst mit gleichem Range und Gehalt wie hier (ich habe hier 1600 Thaler) in Baiern angestellt zu werden und wie ich's zunächst anzugreifen und au wen ich mich zu wenden hätte, um dies heiß ersehnte Ziel zu erlangen? Sollte mir auch meine jetzige Wirksamkeit in Angelegenheiten der Kirche nicht angewiesen werden können, wozu dort vielleicht ein Geistlicher erforderlich ist, so bin ich doch durch meine zwölfjährige Dienstzeit bei der Regierung mit allen andern Zweigen der Verwaltung vollkommen bekannt, und ich würde mich glücklich schätzen, nur überhaupt in der dasigen belebenden Atmosphäre wieder frei zu athmen. .. . Mit Einem Wort, mich verlangt endlich nach einer auf das Höchste im Leben gerichteten Thätigkeit, und ich biete einen reinen treuen Willen und meine besten Kräfte, die ich hier in kleinem Krieg nutzlos aufreibe"*). Wir wissen nicht, welche Antwort Görres seinem Freunde gegeben; daß es keine günstige gewesen, geht aus der Thatsache hervor, daß Eichendorff in preußischen Diensten verbleiben mußte. Ganz so rosig, wie die Biographie seine Stellung in Königsberg schildert, muß sie also 0 Görrcs, Ges. Briefe, III 341—344. 60 doch wohl nicht gewesen sein. Sicher ist aber, daß es nicht Schön war, welcher ihm seine amtliche Thätigkeit verleidete, denn beide Männer stimmten in ihrer Geistesrichtung vielfach überein und waren sich in herzlichster Freundschaft zugethan. Ueber Schön aber stand die damals allmächtige Bureaukratie, welche ihm, der sich um das Vaterland in schwerer Zeit verdient gemacht hatte, Hindernisse und Chicanen aller Art bereitete. Die preußische Politik in katholisch-kirchlichen Angelegenheiten ist bekannt; Schön mochte sie billigen oder nicht, mochte einsehen, daß ihre Verkehrtheit aus totaler Unkennt- niß katholischer Dinge entsprang — er mußte sich auf der vorgeschriebenen Linie bewegen. So wurde auch Eichendorff in Mitleidenschaft gezogen. Sodann aber mußte er seiner ganzen Anlage nach wenig Befriedigung finden in einer Thätigkeit, in welcher der kleinliche Sinn des Ministeriums jeden frischen Aufschwung lähmte. Unter seinen Collegen mochte auch gar Mancher sitzen, dem er an Geist weit überlegen war, wenn Jener auch geringschätzig auf den Katholiken herabsah. Aus dieser Stimmung ist wohl das bitter satirische Gedicht „Rathscollegium" (I 151) entstanden. Eichendorffts Streben ging in's Große; er arbeitete in großen Zügen, er faßte alles von einem höhern Standpunkt aus. War es ein Wunder, daß sich in einer solchen drückenden Lage sein sehnender Blick nach Baiern wandte, wo das Auftreten des jungen Herrschers Ludwig I. einen großartigen Aufschwung auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft und eine freiere Auffassung des Staatsbegriffes versprach? Es hat nicht sollen sein. Eichendorff ist in preußischen Diensten geblieben fast bis zu seinem Tode und hat trotz seiner angestrengten Thätigkeit ein bedeutendes Avancement nicht gemacht. Der Aufenthalt Eichendorffts in Königsberg hat, obwohl er sieben Jahre währte, nur wenig poetische Werke gezeitigt. Im „Gesellschafter", einem damals hochangeseheneu Sammelpunkt für die Erzeugnisse zeitgenössischer Dichter, ließ Eichendorff im Jahre 1826 eine Reihe von Gedichten erscheinen, welche zum Theil schon vorher im Frauentaschenbuch für 1816 bis 1819 abgedruckt waren. Im selben Jahre gab er mit dem „Marmorbild" und einigen Gedichten den „Taugenichts" in einem Bande heraus. Letzterer erlebte erst 1842 seine zweite Austage, wurde dann aber rasch nacheinander neu aufgelegt. Was Eichendorff in Königsberg schuf, sind drei Dramen, eine satirische Tragödie „Meierbeth's Glück und Ende" (zuerst im „Gesellschafter" 1827, sodann als Buch 1828), sowie die beiden Trauerspiele „Ezzelin von Romano", 1828, und „Der letzte Held von Marienburg", 1830. Wie er darauf gerieth, Ezzelino, den kühnen Parteigänger und endlichen Verräther der Ghibellinen zum Helden eines Drama's zu machen, ist uns nicht bekannt; den Stoff zu dem zweiten Trauerspiel lieferte ihm seine Thätigkeit für die Wieder- 61 Herstellung der Marienburg, lieber die Komödie „Meierbeth's Glück und Ende" können wir rascher hinweggehen, weil sie gerade wie „Krieg den Philistern" in Zeitverhältnissen wurzelt und von Anspielungen wimmelt, deren Pointen uns zum größten Theil verloren gehen. Die satirische Spitze des Dichters richtet sich einerseits gegen die Vergötterung des großen Unbekannten, Walter Scott, und die mit ihm hereinbrechende Ueberfluthung des deutschen Marktes mit Uebersetzungen von Romanen und Novellen, sowie anderseits und besonders gegen die Schicksals-Tragödien. Einzelne Scenen sind von drastischer Komik und prächtigem Witz, aber das Ganze leidet wie „Krieg den Philistern" sehr unter der Zerfahrenheit der Composition und der verschwommenen Handlung. Wollte man nach diesen beiden Komödien Eichendorff's dramatisches Talent berechnen, so würde das Ergebniß ein ziemlich klägliches sein; das Urtheil müßte dahin lauten, daß es dem Dichter nicht möglich sei, eine straffe, in sich geschlossene Handlung zu gestalten, und ebenso, daß er zielbewußte Charaktere nicht zu fassen vermöge. Und doch hatte er bei allen äußerlichen Mängeln eine bedeutende Begabung für das Drama, welche durch die beiden eben genannten Trauerspiele in glänzender Weise bekundet wird. Was zuerst an diesen beiden Dramen, wie an Eichendorff's Schauspielen überhaupt unangenehm auffällt, das ist der Mangel an künstlerischer Perspective. Eine der Hauptbedingungen für den Aufbau des Drama's ist es, den Helden energisch in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen und nach ihm die Bedeutung der übrigen Personen zu bemessen. Keine darf sich weiter in den Vordergrund wagen, als es ihr nach ihrem Verhältniß zum Helden zukommt. Auf den Helden soll sich unser Interesse vereinigen; es darf nicht durch Episoden, und seien sie an sich noch so interessant, zersplittert werden. Gegen dieses Gesetz sündigt Eichendorff in den beiden Trauerspielen sehr und namentlich im „Ezzelino von Romano". Was Ezzelino will, das wissen wir, aber der Dichter steuert auf das Ziel nicht rasch genug los; er weiß den Knoten nicht fest zu schürzen, dagegen rollt er uns ein weites, personenreiches Gemälde auf, in welchem wir die scharfe Hervorhebung des Mittelpunktes vermissen. Eine große Anzahl von Personen tritt auf, welche selbständig neben dem Helden geht und deren Schicksal mit dem seinen nicht eng genug verknüpft ist. Das ganze Bild ist in beiden Dramen episch breit, und in dieser Massenhaftigkeit geht dem Leser der leichte Ueberblick verloren, welcher beim Drama eine der Hauptbedingungen ungetrübten Genusses ist. Es fehlt ihnen aber auch der feste Zusammenhang; Eichendorff's Dramen sind keine Organismen, welche vergehen müßten, wenn ihnen ein Theil genommen wird. Scene folgt auf Scene, ohne noth- wendigen Zusammenhang, der Schauplatz wechselt beständig, fast mit 62 jedem Auftritt, und der Dichter verfährt noch willkürlicher, als Shakespeare es thut. So sind Eichendorff's Dramen in keiner Weife bühnengerecht und kaum für eine Aufführung zuzurichten. Das ist zu bedauern; denn diese zum Theil rein technischen Mängel können nicht verhindern, daß der unbefangene Urtheiler in beiden Dramen einen großen tragischen Zug und ein echt dramatisches Leben empfindet. Schon die Wahl der Stoffe ist bezeichnend für Eichendorff's Begabung und die Größe seiner Auffassung. Ezzelin sowohl wie Heinrich von Plauen, der letzte Held von Marienburg, sind Gestalten von echt tragischer Bedeutung. Elfterer, der treue Diener seines Herrn, unterwirft dem Kaiser wiederum das aufständische Italien. Als sein Schwert sich siegreich erweist, wird er erfaßt von den eigenen hochfliegenden Plänen, welche ihn zum Verräther werden lassen an seinem Herrn. Auf sein eigenes Haupt möchte er die Krone drücken, welche zu schützen sein kaiserlicher Herr ihn beauftragt hat. Darin mußte er untergehen. Geächtet und gebannt sieht er alle seine Unternehmungen gescheitert und die besten Männer sich gegen sie wenden. Schwer verwundet und im Kerker schmachtend, reißt er selbst den Verband von seiner Wunde und verblutet. „Es ist der Betrachtung würdig," sagt Schöllst, „wie dieser Held im Gefühl überlegener Kräfte und Zwecke'sich über seine Zeit hinaussetzt, erst mit festem Willen die nöthigen Opfer einfordert, dann mit erhitztem Geist sich für die Wetterflamme des göttlichen Zornes hält, und bald gegen alles, was seinen Absichten, wenn auch ohne Schuld, im Wege steht, wie gegen ausgemachtes Verbrechen wüthet." Wir haben in Ezzelino also die Tragödie der absoluten Schuld. Aus Ehr- und Herrschsucht wird der Held zu einem Verbrecher in großartigem Maßstab, der Gesetz und Recht für nichts achtet und in eigensüchtiger Verblendung nur seine Persönlichkeit in den Vordergrund schiebt. In „Der letzte Held von Marienburg" zeigt sich uns der gerade Gegensatz. Heinrich von Plauen vertritt den Orden in seiner schönsten und reinsten Gestalt; er ist unwandelbar den hehren wenn auch strengen Grundsätzen ergeben, welche den Orden groß und gefürchtet machten und immerdar die Wurzeln seiner Kraft bilden mußten. So wie er denken aber nur noch einige wenige Edele, und er, der Ordensmeister, empfindet es deshalb als seine Pflicht, die Genossenschaft zu reinigen und zu beleben. Er läßt wieder beten, im Chor singen, Kranke pflegen — christliche Uebungen, welche längst außer Gebrauch gekommen waren. Das behagt den Wenigsten. Bald kommt es zu offenem Bruch. Mit Polen hat r) A. a. O., 306. 63 das Capitel einen Frieden geschlossen, welchem Plauen nicht traut; er will dem König von Polen von neuem den Krieg erklären, um ihn für immer, mindestens für sehr lange Zeit unschädlich zu machen. Die Noth- wendigkeit eines neuen Krieges ist seine feste Ueberzeugung, und als die Ritter sich gegen ihn erklären, geht er, die Satzungen des Ordens verachtend, auf eigene Faust vor. Darin liegt seine Schuld und der Keim seines Unterganges. Er erstrebte Hohes mit falschen Mitteln. Der Orden entsetzt ihn, Polen erhebt sich auf die Nachricht hin in blutigem Aufstand, und der Jammer der Zeit bricht dem Meister das Herz. Plauen's Schicksal ist weit mehr geeignet, unsere Theilnahme zu wecken und festzuhalten, als das Ezzelin's. Plauen vergreift sich in den Mitteln, ein edeles Ziel zu erreichen, bei Ezzelin aber ist das Ziel selbst kein edeles, es ist ein rein selbstsüchtiges. Damit ist der Unterschied zwischen beiden Charakteren von selbst gegeben. Indessen ragt „Der letzte Held" auch nach anderer Seite über „Ezzelino" hervor. In ihm ist weit mehr dramatisches Feuer, die Grup- pirung der Charaktere ist kunstvoller und durchdachter, und der Aufbau des Ganzen mit durchaus sicherer Hand geleitet. Wenn wir in „Ezzelino" die schroffe Gegenüberstellung der Charaktere vermissen, welche allein im Drama den Knoten zu schürzen und Spannung hervorzurufen vermag, so haben wir dagegen im „letzten Helden" einen völlig klaren Einblick in das ganze Getriebe. Jeder Charakter ist ausgearbeitet und nimmt seine bestimmte Stellung ein, so daß wir nicht, wie bei „Ezzelino", nach seiner Berechtigung zu fragen genöthigt sind. Aber beiden Dramen gemeinsam ist die kraftvolle Sprache, welche trotz ihrer alleweg vornehmen Haltung durchaus der Wirklichkeit entspricht. Rede und Gegenrede erfolgen in pointenreichen, wirkungsvollen Wendungen, welche sich nicht selten zu Schiller'schem Pathos erheben. Einzelne Scenen, namentlich in „Der letzte Held von Marienburg", sind von packender Gewalt und würden auf der Bühne gewiß von großer Wirkung sein. Indessen ist aus den schon angeführten Gründen nicht zu hoffen, daß eine Theater-Direction sich zu einer Aufführung entschließt, wie denn auch zu des Dichters Lebzeiten nur „Der letzte Held von Marienburg" das Lampenlicht erblickte und auch dieser nur ein Mal und zwar zu Königsberg. Wir dürfen hier auch wohl schon des letzten Drama's Eichendorff's gedenken, obgleich es erst drei Jahre nach dem letzten Helden von Marienburg — 1833 — erschienen ist, des Lustspiels in drei Aufzügen: „Die Freier." Es ist ein tolllauniger Fastnachtsschwank mit einer Reihe von Vermummungen und Verwechselungen, welche zu höchst komischen Situationen führen. Graf Leonard soll sich auf Wunsch seines Oheims mit einer schönen Gräfin, Namens Adele, verheirathen, welche er noch 64 gar nicht kennt. Um nun zwanglos Herz und Gemüth seiner Zukünftigen erforschen zu können, geht er verkleidet in Gesellschaft von Schauspielern auf deren Schloß. Adele aber hat von dem Vorhaben des jungen Grafen erfahren und tauscht, um ihn gründlich an der Nase herumzuführen, ihre Kleider mit denen ihrer nicht minder schönen Kammerjungfer. Nun kommt noch ein Vermummter, nämlich Hofrath Feder, der auf Befehl besagten Oheims das Treiben des Wildfanges von Neffen beobachten soll. Selbstredend entsteht unter den Betheiligten eine tolle Verwirrung, in welcher keine Person mehr aus der andern klug wird, in der aber doch alles in schönster Harmonie sich löst. Eichendorff hat die Fäden der Handlung in bedenklicher Weise verwickelt, so daß dem Leser manchmal angst und bange wird, ob er sich auch werde herausfinden können; aber der Dichter weiß die Fäden auch wieder zu entwirren. Wolfgang Menzel meint daß das Lustspiel an Feinheit den besten spanischen gleichkomme, und daß mehrere Charaktere mit hoher Genialität, die an Shakespeares beste Lustspiele gemahne, aufgefaßt seien. Das Lob geht ein wenig weit; denn die Motive des Lustspiels sind doch ziemlich verbraucht, und auch die Charaktere sind nicht eben neu. VIII. Im Sommer des Jahres 1831 wurde Eichendorff, der 1829 eine Versetzung nach Koblenz abgelehnt hatte, weil ihm verschiedene Bedingungen nicht erfüllt werden konnten, nach Berlin in die Abtheilung des Cultusministeriums für katholisches Schul- und Kirchenwesen berufen, in welcher Stellung er bis zum Jahre 1844 blieb. Minister Altenstein war ihm seit Jahren günstig gesinnt und verharrte in dieser Gesinnung, obwohl Eichendorff mit ihm wegen des Kölner Kirchenstreits (1837) manchen harten Strauß durchzukämpfen hatte. Eichendorff blieb seiner katholischen Ueberzeugung treu und scheute sich nicht, seinem Chef unverhohlen seine abweichende Meinung kundzugeben. In seinen Collegen fand er tüchtige Leute, welche ihm mit offenen Armen entgegenkamen, so Nicolo- vius, Schmedding, Johannes Schulze, Kortüm, Aulike, Brüggemann u. a., obgleich er gewiß nicht mit allen sympathisirte. Ueber Eichendorff's amtliche Thätigkeit heißt es in der Biographie^): „In den ersten Jahren versah Eichendorff in Gemeinschaft mit Schmedding die Geschäfte der Abtheilung ganz allein, einen Zuwachs neuer Kräfte erhielt dieselbe erst unter der Regierung des Königs Friedrich Wilhelm IV., dem die katho- Gesch. der deutschen Dichtung, Itl 357. — ^ 24 , 25. 65 lische Kirche Preußens überhaupt in so vieler Beziehung den größten Dank schuldet. Es läßt sich begreifen, daß es dabei außerordentlich viel zu thun und zu schaffen gab. Hier war nicht entfernt die Rede von einem sichern Verwalten nach klaren, durch eine höhere Instanz schon festgestellten Grundsätzen; hier galt es, diese Grundsätze und Normen erst selbst zu finden, ihre prompte und umsichtige Handhabung durch die Unterbehörden zu leiten und zu überwachen, zumal in jener Zeit des Ueber- ganges aus der alten in die neue Ordnung der Dinge, die mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. angebahnt worden war. Dabei waren die Geschäfte, welche die höchsten Interessen von Staat und Kirche berührten, ihrer Natur nach und durch die Mitwirkung äußerer Umstände fast ohne Ausnahme sehr epinöser Art; keine anscheinend noch so gleichgültige Frage, die nicht ihre besondere sorgsame Behandlung erfordert hätte, bei der nicht collidirende Einflüsse von oben und unten abzuwehren und auszugleichen gewesen wären. Die Acten des Ministeriums ergeben, welche rastlose, durchdachte und erfolgreiche Thätigkeit Eichendorff damals entfaltete, und wie ihm dafür auch stets nicht nur die bereite Anerkennung seines Chefs, sondern auch das volle Vertrauen der Verwalteten zu Theil geworden ist. Die Beschäftigung gerade in diesem Zweige der Verwaltung entsprach übrigens so sehr auch seinen Neigungen, daß es ihm durchaus nicht unerwünscht war, als die langbetriebene Einrichtung eines Obercensur-Collegii fehlschlug, bei welchem man ihm eine einflußreiche Stellung zugedacht hatte, und ebenso später die beabsichtigte Verwendung im Departement der auswärtigen Angelegenheiten wieder rückgängig wurde." Leider werden die Acten der jetzt aufgehobenen katholischen Abtheilnng sorgfältig unter Schloß und Riegel gehalten, so daß es nicht möglich ist, ein Bild der amtlichen Thätigkeit Eichendorff's, welche sich unter so äußerst schwierigen Verhältnissen vollzog, zu entwerfen. Gewiß kam er oft mit seinem Gewissen und eben deshalb auch mit seinen Vorgesetzten in Conflict; jedenfalls aber ist seinem Einfluß manche Maßregel zu danken, welche Schlimmes verhütete, und sicherlich hat er - manche Verordnung verhindert, welche, aus Unkenntniß katholischer Dinge hervorgegangen, nur Unheil hätte anrichten können. Schon bald nach seiner Ankunft in Berlin knüpfte Eichendorff einen regen Verkehr an mit den Größen der Litteratur, Kunst und Wissenschaft, welche die Hauptstadt des preußischen Staates damals in ihren Mauern beherbergte, so mit Savigny, dem berühmten Rechtsgelehrten und treuen Katholiken, Karl von Raumer, Adalbert von Chamisso, Cri- minal-Director Hitzig u. A. Zu des Letztem Enkelin, welche aus einer Ehe Franz Kugler's, des Kunsthistorikers, mit einer Tochter Hitzig's entsprossen war, wurde er Pathe; Kugler's Tochter heirathete später Paul Görres-Gesellschaft. III. Vereinsschrift für 1887. 5 66 Heyse. Sehr viel verkehrte Eichendorff in dem Hause des Banqniers Abraham Mendelssohn, des Vaters des Componisten Felix Mendelssohn, welch' letzterer so vielen Liedern Eichendorff's eine seelenvolle Melodie verliehen hat. Felix Mendelssohn liebte die Gedichte Eichendorff's fast eben so sehr wie die Goethe's und trug sie auf allen seinen Reisen mit sich. Seine letzte Composition war die des Nachtliedes „Vergangen ist der lichte Tag" fl, welche beim Vorspielen auf den von Todesgedanken erfüllten Componisten selbst eine solche Wirkung ausübte, daß er einer Ohnmacht nahe war, und ans seinem Grabstein stehen, seinem eigenen Wunsche gemäß, die Eichendorff'schen Verse: „Gedanken geh'n und Lieder fort bis in's Himmelreich." Lange Jahre hindurch war unser Dichter Mitglied der sogenannten littcrarischen Mittwochs-Gesellschaft fl, welche in einem Local des Thiergartens ein Mal wöchentlich ihre Sitzungen abhielt. Für sie dichtete er die beiden Tafellieder „Der alte Held" — zu Goethe's Geburtstag 1831 — und „Viele Lerchen hell erwacht". Doch auch er selbst pflegte in seinem Hause an der Potsdamer Straße (vor dem Leipziger Thori eine zwanglose Geselligkeit, indem er an bestimmten Abenden in der Woche seine Freunde und littcrarischen Bekannten um sich versammelte. Daß diese Zusammenkünfte nichts mit jenen schwächlichen Thee-Abenden der Berliner Gesellschaft gemein hatten, wo in sentimental-schwärmerischer Weise der Cultus des Schönen betrieben wurde, dafür bürgt uns die Person des Dichters, welcher, jeder Gezwungenheit und jedem anmaßlichen Herauskehren der littcrarischen Meinung entschieden abhold, jene Thee- Abende selbst in „Ahnung und Gegenwart" mit beißendem Hohn überschüttet hatte. Einen bestimmten Zweck hatten seine Abende überhaupt nicht; sie waren, zumal die Besucher den verschiedensten Berufsklassen angehörten, lediglich einer heitern Geselligkeit gewidmet. Auch Luise Hensel war ein häufiger Gast bei diesen schönen Zusammenkünften. Selbstredend war Eichendorff ihr Mittelpunkt und er mußte es sein, nicht etwa, weil man einen so bedeutenden und angesehenen Dichter in ihm verehrte, sondern weil seine Person von einer hinreißenden Liebenswürdigkeit umflossen war. So sagt der geistvolle Litteratur-Historiker Adolf Schöll, ein jüngerer Freund Eichendorff's, am 16. September 1832 in einem fl Lampadius, Felix Mendelssohn, 354. — fl Die Gesellschaft wurde, wie Gubitz in seinen „Erlebnissen" (Bd. III, S. 136, 137) erzählt, am 26. October 1824 von Hitzig gestiftet. Das Grundgesetz lautete: „Nichts darf vorgelescn werden, was von einem der Mitglieder verfaßt worden; ebensowenig von Gästen etwas, was diese selbst gedichtet haben." Später kam folgender Zusatz hinzu: „Keines der Mitglieder darf über die Gesellschaft etwas drucken lassen, sei es tadelnd, lobend oder bloß berichtend, indem sie unter allen Umständen der Oesfentlichkeit fremd bleiben will." 67 Briefe an Gustav Schwab: „Eichendorff hat einige graue Haare, aber ein jugendliches Gesicht und ein feueriges Auge; er ist von einer Atmosphäre natürlicher Güte umgeben und aus feinem Betragen spricht eine Heiterkeit, in deren leichten Tönen ein aufmerksameres Ohr den Grundton einer gewonnenen Ruhe und vergangener innerer Siege wohl vernehmen kann. Ich glaube aber nicht, daß er jemals im Leben, wenn auch aus dem Frieden, aus der Kindlichkeit herausgerissen worden ist; sie ist ihm noch rein natürlich, .wie seine Bescheidenheit, sein Humor, seine freundlich blühenden Gedanken, sie vereinigt sich schon mit jenem Gleichmuth, welcher nur durch Erfahrung erobert wird." Und Wolfgang Müller von Königswinter, der spätere rheinische Dichter, welcher ebenfalls zu den jüngern Freunden Eichendorff's zählte, schreibt im Jahre 1839 von ihm^): „In seinen bürgerlichen Verhältnissen war er vor allem Beamter. Seine Poesie schien das stille Heiligthum seiner Seele; er hielt nicht zurück mit ihr, weil er sie als eine Gabe Gottes betrachtete, aber er drängte sie auch nicht auf. So fand man denn bei ihm keine literarischen Cirkel, er genügte sich selbst, er glich dem süßen Vogel, der einsam in einer Ecke des Gartens sitzt und sein Lied singt, so oft es ihm ankommt, sich wenig kümmernd, ob man ihm lauscht oder ob man seine Töne überhört. Aber es freute ihn doch, daß man ihm wirklich froh und herzlich gelauscht hatte. Mit leisem, wohlwollendem Lächeln hörte er mir zu, wenn ich ihm erzählte, daß die Künstler und Studenten seine Lieder in alle Welt trügen, und daß ich selbst immer tapfer dabei gewesen wäre. Als er nun auch erfuhr, daß ich auf der Guitarre klimperte und viele seiner Dichtungen auswendig wußte, da wurde, wenn ich kam, ein Instrument herbeigeschafft und ich versuchte die fast schon vergessene Kunst des rheinischen Naturgesanges. So gut und schlecht die Versuche auch geriethen, so hatte er doch Freude, die hell über seine milden Züge glänzte, wenn ich anhob." Während seiner dreizehnjährigen amtlichen Stellung in Berlin hat Eichendorff, einige Besuche in seiner Heimath ausgenommen, nur eine größere Reise gemacht, und zwar im Jahre 1838, wo er Süddeutschland bereiste und sich längere Zeit in Wien, Salzburg und München aufhielt. In Wien traf er nach langer Trennung wieder ein Mal mit seinem Bruder zusammen und hatte mehrere Unterredungen mit dem Fürsten Metternich, deren Gegenstand der kirchlich-politische Streit in Preußen bildete. In München war er Gast seines alten Freundes Clemens Brentano, welcher den ganzen Tag mit ihm herumzog und ihm alle Sehenswürdigkeiten der baierischen Hauptstadt persönlich zeigen wollte. Im ') IV 527. 68 October 1840 besuchte er Tieck in Dresden, wie aus einem Briefe Schön's an seine Frau hervorgeht; ob er nähere Beziehungen zu dem Altmeister der Romantik angeknüpft, ist uns nicht bekannt. Im Jahre 1832 traf unfern Dichter ein harter Schlag. Sein jüngstes Töchterchen Anna, welches ihm besonders an das Herz gewachsen war, starb am 24. März 1832, kaum zwei Jahre alt. Er hat dem Schmerz, welcher lange Jahre nachher noch sein Herz bedrückte, einen rührenden Ausdruck gegeben in den zehn Gedichten „Aus meines Kindes Tod", von denen das vierte lautet: Das ist's, was mich ganz verstärkt, Daß die Nacht nicht Ruhe hält, Wenn zu athmen aufgchöret Lange schon die müde Welt. Daß die Glocken, die da schlagen, Und im Wald der leise Wind Jede Nacht von neuem klagen Um nicin liebes, süßes Kind. Daß mein Herz nicht konnte brechen Bei dem letzten Todeskuß; Daß ich wie ini Wahnsinn sprechen Nun in irren Liedern muß! Die dreizehn Jahre, welche Eichendorff in glücklichen, oder wenigstens befriedigenden Verhältnissen in Berlin verbrachte, gehören zu den fruchtbarsten seines Lebens. In dieser Zeit entstanden Schauspiele, Novellen, Gedichte und eine Reihe von politischen und litteratur- historischen Artikeln, welche sämmtlich in höherm Grade, als es bei den bisherigen Erzeugnissen seiner Muse der Fall war, eine bestimmte Rücksichtnahme auf die Zeitereignisse bekunden. Schon an dem Roman „Ahnung und Gegenwart" sowie an den beiden Komödien „Krieg den Philistern" und „Meierbeth's Glück und Ende" haben wir gesehen, daß er ein offenes, kritisch blickendes Auge hatte für alles, was in Welt und Litteratur vor sich ging; in Berlin, im Mittelpunkt des geistigen Lebens der ganzen Monarchie, in der Atmosphäre der hohen Politik, mußte er einen weitern Gesichtskreis gewinnen, weit stärkere Anregungen erhalten als in Königsberg. Die Zeitereignisse und die durch sie entstandenen starken Bewegungen innerhalb der Völker fast aller civilisirten Staaten veranlaßten ihn zu einer Reihe von Aufsätzen über politische Fragen, wie „lieber Versassungsgarantieen", „Preußen und der Constitutionalismus", „Die Preßgesetzgebung der constitutionellen^Staaten", „In Sachen der Presse", „Der moderne Liberalismus", von denen nur der erste nach des Dichters Tode in der Sammlung seiner vermischten Schriften abge- 69 druckt ist. Eichendorff verhielt sich den freiheitlichen Bestrebungen seiner Zeit gegenüber durchaus ablehnend und betonte eindringlich die Rechte der Monarchen, während er anderseits sich überall als einen treuen Sohn der katholischen Kirche erweist. Ein anderes als persönliches Interesse haben jene Aufsätze aber heute Wohl nicht mehr. Es lag nahe, daß Eichendorff, der es liebte, gegenwärtige Zustände in seinen Dichtungen sich widerspiegeln zu lassen, nun auch der neuen Bewegung in poetischer Form auf den Leib rückte. Er that es in der Phantasie „Auch ich war in Arkadien", welche, 1834 entstanden, erst nach seinem Tode in die Oeffentlichkeit gelangt ist. Vom rein ästhetischen Standpunkt aus betrachtet, gehört das Märchen zu dem Besten, was Eichendorff geschrieben: die Allegorie ist so durchsichtig, daß sie ein reines Genießen ermöglicht, die Darstellung ist frei von jeglicher Unklarheit und erfreut sich sogar einer großen Energie und Frische. Der Dichter träumt, er kehre wieder ein Mal im Gasthof zum goldenen Zeitgeist ein, wo er alles verändert findet. Allenthalben herrscht ein heftiger Zugwind, und unter den Gästen macht sich ein hitziges Rumoren bemerkbar. Viele knieen an Betpulten und beten eifrig aus riesigen Folianten, welche sich, als er näher tritt, als Zeitungen entpuppen. Freiheit, Garantie, Constitution sind Schlag- und Begrüßungsworte. Bald ruft die Glocke zu Tisch. Den Vorsitz führt ein Professor, der einen nnheimlichen Appetit und Durst entwickelt und, während er mit vollen Backen kaut, immer von Freiheit und Toleranz redet. Alles hört ihm mit offenem Munde zu. Nach dem Essen ladet der Professor unfern Dichter ein, mit ihm zum Blocksberg zu fahren, was denn auch auf einem gewaltigen Pferde geschieht. Oben auf dem Blocksberg finden sie eine große Menge von Menschen, denen von den Genossen des Professors das Evangelium der weltbeseligenden Freiheit gepredigt wird; aber das Volk will augenblicklich nichts von Freiheit wissen, es verlangt nur nach Braten und Liqueur. Um die Menge zu beruhigen, stürzen die Volksbeglücker heftig auf sie ein und drängen sie zu einer Anhöhe, wo auf einem Altar ein weibliches Wesen, die öffentliche Meinung, Platz genommen hat. Der Professor hält nun eine fulminante Rede an die Person und spricht und lügt von ihren außerordentlichen Eigenschaften, dann von den Volkstugenden, von Preß- und allerlei andern Freiheiten, und dem „allgemeinen Schrei danach". Unser Dichter weiß aber recht gut, wonach das Volk eigentlich geschrieen hat. Der öffentlichen Meinung dauert die Rede jedoch zu lange, sie springt frischweg herab vom Altar und begibt sich unter ihre Getreuen, welche sich um sie zu reißen scheinen, während sie sich über Alle lustig macht. Schließlich verschwindet sie mit einem nichts weniger als eleganten Burschen, welcher auf einem Stiefelknecht angeritten kam. Inzwischen wird eine Bühne eingerichtet, auf welcher die Zukunft einstudirt werden soll; und als der Vorhang aufgeht, findet sich die öffentliche Meinung in ihrer Loge ein. Zuerst tritt ein Mann in bürgerlicher Kleidung mit einer Krone auf dem Haupte auf, in einem Buche lesend, das vom Urrecht und Menschheitswohl handelt. Er ist seines Gewerbes ein Tyrann. Der Professor geht ihm, als Oberpriester, mit einer brennenden Kerze voran. Nach langem Lesen ruft der Tyrann: „Seid umschlungen, Millionen; es weiche die Finsterniß, nieder mit den Kronen!" und verschwindet unter lebhaftem, allseitigem Beifall. Der Professor bleibt nun eine Weile allein auf der Bühne und monologisirt über den Tyrannen. Dann erscheinen noch Andere, die sich gegenseitig die größten Schmeicheleien in das Gesicht sagen, sich hinterrücks aber auslachen. Dabei kommen ihre geheimsten Pläne, welche nur auf Befriedigung ihrer Selbstsucht ausgehen, an das Tageslicht. Der öffentlichen Meinung wird auch das endlich langweilig, sie bläst deshalb auf einer Papagenoflöte und zwingt dadurch alle Anwesenden, nach ihrer Pfeife zu tanzen, was dem Professor und seinen Collegen denn auch wider Willen im Schweiße ihres Angesichtes gelingt. Indessen geht das Stück weiter. Ein Zwischenvorhang wird aufgezogen und man sieht in die Zukunft: wie der süße Pöbel die Besitzenden ausgewiesen hat und sich in ihren Palästen und Carossen amusirt, während Cavaliere es sich zur Ehre rechnen, ihn zu bedienen. Der Tyrann geht in Pantoffeln und Schlafrock unter seinen Landeskindern rauchend umher und ruft ein über das andere Mal: Orr porrt-on otrs inisux, grr'arr soin cko su tu- uiills? Plötzlich wird er aber wild und tobt drohend umher: das Volk hat ihm seinen Tabaksbeutel gestohlen! Das Stück will aus dem Leim gehen. Die öffentliche Meinung pfeift und zischt, die Oberpriester langen in der Angst eine Constitution nach der andern aus der Tasche und werfen sie dem Wütherich zwischen die Beine; alles vergebens, er lärmt fort. Diesen Augenblick machen einige Bösewichte sich zu Nutze; sie stehlen Krone und Purpurmantel und kaufen in der Restauration Schnaps dafür. Der Wirth aber schmückt sich mit den Insignien des Herrschers und setzt sich vergnüglich auf den Thron, sofort vom Volk als neuer König bejubelt. Es gibt eine allgemeine Confusion, die der Dichter folgendermaßen beschreibt: „Nun entstand eine allgemeine Schlägerei, da wußte Keiner mehr, wer Freund oder Feind war. Dazwischen raste der Sturm, Besen flogen, tiefer unten krähte der rothe Hahn wieder, bliesen die sieben Pfeifer, schrie der Wirth, die Bühne suchte die alte Freiheit und rührte und reckte sich in wilde Nebelqualme auseinander, ein entsetzliches, übermenschliches Lachen ging durch die Lüfte, der ganze Berg schien auf ein Mal sich in die Runde zu drehen, erst langsam, dann geschwinder und immer geschwinder — mir vergingen die Gedanken, ich stürzte besinnungslos zu Boden", d. h. wurde wach. ^Die Satire ist bitter, sehr bitter. Die liberalen Doctriuaire und Freunde der Verfassung nehmen sich in ihrer hülflosen Stellung außerordentlich lächerlich aus und erscheinen lediglich als Sklaven der öffentlichen Meinung. Sodann erhält das Scheinkönigthum Louis Philippe's, des Tyrannen mit dem Regenschirm, seine Hiebe. Der Schluß, mit welchem das allgemeine Chaos hereinbricht, ist eine nothwendige Folge der ganzen Tendenz, wie sie sich in der Anlage kundgibt. Nachdem Eicheudorff sich so mit der Politik — aber nicht für immer, denn das Jahr 1848 bot ihm neue Gelegenheit — auseinandergesetzt hatte, wandte er sein Augenmerk ans die zeitgenössische literarische Bewegung und fand hier noch mehr Veranlassung, seiner satirischen Laune die Zügel schießen zu lassen. Zu Anfang der dreißiger Jahre machte sich in der deutschen Poesie ein neuer Geist bemerkbar, dessen Richtung mit der politischen Bewegung der Zeit in engem Zusammenhang stand. Wie das Volk nach Befreiung aus den Banden engherziger Bevormundung strebte, so suchte eine Gruppe junger Schriftsteller und Dichter auch jene Fesseln von sich zu werfen, welche der menschlichen Natur für ewige Zeiten auferlegt sind, die Fesseln der Moral und Sitte. Sie vereinigten in sich einen politischen und sittlichen Radicalismus. Ganz spontan war ihnen dieser Geist nicht gekommen, obgleich ja die Ketten des Metternich'schen Regimentes kühne Geister zum Zerreißen derselben anspornen mußten; Byron war ihnen schon vorangegangen, der in unverhülltester Weise und bejubelt vom gesammten sogen, gebildeten Publicum des Continents das Evangelium der freien Liebe gepredigt hatte. Heine, der durch sein Buch der Lieder und seine Neisebilder sich im Sturm einen großen Leserkreis erobert hatte, verbreitete gleiche Tendenzen, indem er Zeitschriften und Taschenbücher mit seinen Produkten überschwemmte. Heinrich Laube und Karl Gutzkow traten mit ihren ersten Schriften hervor, welche bereits sattsam verriethen, welche Ziele ihre Verfasser verfolgten, so daß der Bundesrath sich im Jahre 1835 bewogen fand, ihre Werke — die schon existirenden und zukünftigen! — zu verbieten. Indessen zeigten diese jungen Leute, welche aus der Zeit für die Zeit schrieben, doch wenigstens Originalität und Talent; die andere Richtung aber, welche zu jener Zeit recht eigentlich die herrschende genannt werden konnte, war die Litteratur der goldenen Mittelmäßigkeit und des unfruchtbarsten Philisterthums. In Zeitschriften und unzähligen Taschenbüchern, sowie in bändereichen Romanen und Novellen machten sich Schriftsteller breit, welchen die Poesie verächtlich den Rücken gedreht hatte, und die lediglich darauf ausgingen, dem tief gesunkenen Geschmack 72 des Publicums zu dienen. Wer den Katalog einer Leih-Bibliothek aus den Jahren 1825—1835 zur Hand nimmt, muß staunen über dies Wirr- sal von seltsamen Titeln, welche die neuern Colportage-Romane an Geschmacklosigkeit übertreffen. In den Romanen selbst geht spießbürgerliche Moral neben verhüllter Sinnlichkeit, welche Hauff in seinem „Mann im Mond" so trefflich persiflirte. Beide Richtungen stimmten aber darin überein, daß sie die Befriedigung des Publicums als ihr höchstes Ziel betrachteten. Hier knüpfte Eichendorff in seinem Märchen „Viel Lärmen um nichts" (1833) an und schuf eine heitere Verspottung sowohl des Publicums wie der Dichter bezw. Novellisten. Es zeugt für das fortdauernd gute Verhältniß, in welchem Eichendorff zu Clemens Brentano stand, daß dieses sein Werk mit der Humoreske Brentano's: „Die mehreren Wehmüller" zusammen in einem Bande erschien. Eichendorff stellte in seinem Märchen in den Vordergrund den Herrn Publicum, welcher von schmeichelnden Novellisten umschwärmt wird, die ihn gern mit der Gräfin Aurora vermählen möchten. Und in der That, es gelingt, obgleich auch der schöne Prinz Romano nach ihrer Hand strebt. Als Herr Publicum aber die Gräfin ge- heirathet hat, stellt sich heraus, daß er statt der Rachel die Lea, statt der Gräfin die Kammerjungfer heimgeführt hat. Die Tendenz der Geschichte, welche, nur nicht aus derselben Absicht, genau so schließt wie der Taugenichts, liegt also klar zu Tage. Herr Publicum huldigt zwar der Poesie, vermag aber die wahre von der falschen nicht zu unterscheiden, weil er bloß auf Aeußerlichkeiten sieht und sich von den Novellisten sein Urtheil machen läßt. Deshalb ergießt sich auf ihn auch der ganze Hohn des Dichters. Herr Publicum leidet an einem alten Uebel, das ihn häufig und unversehens überfällt, an der Langweile; Essen und Trinken ist seine Hauptbeschäftigung, bei welcher ihn selbst seine angebetete Aurora nicht stören darf; eigene Gedanken hat er nicht, er muß überhaupt erst durch Andere auf Gedanken gebracht werden, dagegen ist er groß in der Industrie, der Gegenfüßleriu der Poesie. Trotz alledem reißen sich die Dichter um ihn und umschmeicheln ihn in widerlicher Weise, während der Undankbare doch schnell dabei ist, diejenigen von ihnen abzusetzen, welche sich in seiner Gunst nicht zu halten vermögen. „Der Entschlafene," sagt Leontin sarkastisch von einem abgethanen Poeten, „war in der letzten Zeit als Hofdichter beim Herrn Publicum angestellt. Das ging auch anfangs vortrefflich; er wurde gehauen, geschnitten, gestochen, ich meine in Stein und Kupfer; die Damen rissen sich ordentlich um seine Romantik. Als sie nun aber nach und nach ein wenig abgerissen wurde, da war nichts weiter dahinter. Es war ein Scandal! Er konnte nicht so geschwind die neumodische klassische Toga Umschlagen, verwickelte sich in der Hast mit Arm und Beinen in die schottischen Plaids und gab immer mehr Blößen, ja, zuletzt sagte ihm der Herr Publicum gerade auf den Kopf, er sei gänzlich aus der Mode getreten." Die servilen Novellisten bekommen somit auch ihr Theil. Es ist hoch ergötzlich, zu sehen, wie sie um Herrn Publicum scharwenzeln und eifrig bemüht sind, alles aus dem Wege zu räumen, was ihm unangenehm sein könnte. Das ist mit vielem Witz und großer Anschaulichkeit dargestellt. Nebenbei setzt es Seitenhiebe ab auf die Richtungen, welche wir so eben kennzeichneten. In einer köstlich geschilderten Scene wollen die Dichter eine Novelle componiren. Der „junge Mann" schlägt vor, aus den überspannten künstlichen Empfindungen zur Natur zurück zu kehren, worauf der „Graue" diesen Gedanken in folgender Weise weiterspinnt: „Kurz, wir machen hier Novelle. Dieser Garten, der Palast, das Vorwerk, die Stallungen und Düngerhaufen dahinter sind unser Schauplatz; was da aufduckt in dem Revier, italienische Gräfin oder deutscher Michel oder anderes Vieh, wird ohne Barmherzigkeit unmittelbar aus dem Leben gegriffen. Und nun ohne weiteres frisch zugegriffen; denn wenn ich des Morgens so kühl und nüchtern bin, da componire ich den Teufel und seine Großmutter zusammen." Die fieberhafte Thätigkeit der Novellisten in unzähligen Taschenbüchern, wie sie damals mit duftenden Namen in Mode waren, wird ebenfalls sehr gut verspottet. Die Gesellschaft kommt auf eine Anhöhe, vor ihnen breitet sich ein Thal aus mit großen industriellen Anlagen, welche nur zum Besten des Herrn Publicum geschaffen sind und seine ganze Freude ausmachen. Die Gesellschaft geht näher. Aurora bewundert eine ungeheuere Maschine, welche sich durch einen sehr eleganten Bau auszeichnet. „Sie bemerkte," heißt es, „wie hier von der einen Seite unablässig ganze Stöße von dicken, in Schweinsleder gebundenen Folianten in den Beutelkasten geworfen wurden, unter denen sie mit Verwunderung den Grafen Kheven- hüller nebst andern Chroniken zu erkennen glaubte. Eine große Menge zierlich gekleideter Herren, weiße Küchenschürzen vorgebunden und die feinen Hemdärmel aufgestreift, eilten auf und ab, das Schroten, Mahlen und Aufbeuteln zu besorgen, während armes, ausgehungertes Volk gierig bemüht war, den Abfall aufzuraffen. — »Das will wieder nicht vom Fleck!« rief Herr Publicum den Arbeitern zu; »rasch, nur rasch!« — Darauf führte er die Gräfin an das andere Ende der Maschine, und es dauerte nicht lange, so spuckte ein bronzener Delphin die verarbeiteten Folianten als ein zierliches »Vielliebchen« in Taschenformat und in Maroquin gebunden zu ihren Füßen ans. Publicum überreichte es, als das Neueste vom Jahre, galant der Gräfin. Aurora wollte sich todt- lachen und steckte das niedliche Dingelchen in ihren Strickbeutel." 74 Eichendorff hatte eine starke satirische Ader und ein unleugbar großes Talent, die schwachen Seiten seiner Gegner zu erkennen und sie in wirkungsvoller Weise zu carrikiren, aber es war nicht groß genug, um Satiren zu schaffen, welche in absolutem Sinne ihrer Aufgabe genügen. Denn als vollkommen muß doch jene Satire bezeichnet werden, welche den Mitlebenden in voller Klarheit und mit unverkennbarer Gewißheit den angegriffenen Gegenstand darstellt, aber auch gleichzeitig so gestaltet ist, daß sie die Nachwelt, welche vielleicht von der Veranlassung und dem tieferu Untergründe der Satire nichts mehr weiß, noch befriedigt. Solcher Art sind Cervantes' und Swift's großartige Schöpfungen, welche noch nach Jahrhunderten eine große Wirkung ausüben. IX. Einen leisen Nachklang der satirischen Stimmung, welche Eichendorff in diesen Jahren beherrschte, finden wir auch noch in der großen Novelle: „Dichter und ihre Gesellen", welche 1834 zum ersten Male gedruckt wurde. Die Unzufriedenheit mit der Zeit, welche in völliger Gährung begriffen schien, gibt sich in den bittern Worten des Amtmannes kund: „Glauben Sie mir, unsere ganze Zeit jetzt ist gerade wie dies verrückte Frühliugswetter, die Schwüle brütet und treibt alles vorzeitig hervor, und ich fürchte, es schießt mehr in's Kraut als in die Blüthe. Unsere Juugens wissen schon jetzt mehr, als wir jemals erfahren haben, und recken und sehnen sich aus allen Gelenken heraus, während wir in unserer lustigen und gesunden Jugendzeit ohne besondere Sehnsucht hinreichend dumme Streiche machten und erst die fatalen Lümmeljahre überstehen mußten. Ja, es ist recht verdrießlich. Man möchte sich gern bequem, fröhlich und auf die Dauer einrichten, wie in der guten alten Zeit, aber der ferne Donner verkündigt überall den unheimlichen Ernst, und so sitzen wir verwirrt, ungewiß und in banger Erwartung vor dem dunkeln Vorhang, hinter dem fortwährend, Gott weiß was, unruhig und feuerig zuckt." Aehnlich, aber sehr energisch drückt sich Baron Eberstein aus, welchem der Prediger von der Mündigkeit der Zeit und der unsichtbaren Gewalt unverjährbarer Wahrheit zu sprechen wagt. Der alte Herr fährt wüthend aus: „Mein Jagdrevier hier kenne ich ganz genau, und wer mir in meine Wildbahn bricht, mündig oder unmündig, den schieß ich vor den Kopf wie einen tollen Hund, und damit basta! Und wenn Jeder so thäte in seinem Revier, so hätten wir bald Ruhe vor der verjährten Intelligenz und der unsichtbaren Wahrheit und alle dem Plunder. Glaubt einem altgedienten Offizier, Prediger, die Zeit will Prügel haben, weiter ist's nichts." Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß wir es hier im Grunde mit Eichendorff's eigensten Ansichten zu thun haben, denn sie stimmen genau mit den vorhin charakterisirten Aeußerungen überein und finden später noch, wie wir zeigen werden, ihre Bestätigung. Im Uebrigen spielt die Politik in „Dichter und ihre Gesellen" eine ganz unbedeutende Rolle, die Novelle will in der That uns keine andere Gesellschaft vorführen, als welche im Titel angegeben ist und damit ein Thema weiter ausspinnen, das bereits in „Ahnung und Gegenwart" sowie im „Marmorbild" berührt worden ist: die Stellung der Poesie zum Menschen und zum Leben. Eine Gesellschaft von Poeten und andern phantasiebegabten Personen ist es, an denen der Dichter den Grundgedanken seiner Novelle demonstriren will, und dieser Grundgedanke ist kein anderer als der bekannte Goethe'sche Ausspruch, daß die Poesie wohl des Lebens Begleiterin, nicht aber Führerin sein könne. In den Mittelpunkt stellt er zwei wirkliche Dichter, Victor, der unter der Maske Lothario's reist, und Otto; dem ersten ist die Poesie eine Dienerin, dem letztern absolute Beherrscherin. Einen besondern Lebenszweck haben beide eben so wenig wie die Personen in „Ahnung und Gegenwart"; sie gehen höchst unbesorgt von dem einen Tag in den andern, lassen sich von ihren wechselnden Stimmungen bald hierhin, bald dorthin führen, nähren große, weit über die Alltäglichkeit sich erhebende Gedanken in ihrem Geiste und gelangen plötzlich ziemlich unvermittelt zum Ende oder zu einem Ziele. Otto geht an seinen Phantasieen zu Grunde. Da er sich die Poesie zur Führerin erkoren hat, oder vielmehr, da er keinen andern Leitstern in seinem bewegten Leben kennt, als sein verwöhntes, von der Wirklichkeit abgekehrtes Herz, so muß er ans Irrwege gerathen, welche ihn zu einem frühen Ende bringen. Sein ganzes Leben besteht im Kampfe zwischen Ideal und Wirklichkeit; es gelingt ihm nicht, diese beiden großen Gegensätze, die Quelle des Weltschmerzes bei den Poeten aller Zeiten und Völker, zu versöhnen und zu einer neuen Anschauung zu gelangen. Lieber Schweine hüten will er, „als so zeitlebens auf der Treckschuite gemeiner Glückseligkeit vom Buttermarkt zum Käsemarkt fahren". Ganz consequent und den Neigungen der Dichter entsprechend sucht er Vergessen beim Weibe; er liebelt mit Cordelchen, einer leichtfertigen Schauspielerin — einer bei Eichendorff beliebten Figur, zu welcher Goethe's Philine in Wilhelm Meister das Vorbild geliefert —, und verheirathet sich in Italien mit einem schönen jungen Mädchen, das seinen Feuergeist nicht zu begreifen und ihn nicht dauernd glücklich zu machen vermag. Sie wird ihm untreu, und er -— zieht mit Cordelchen wieder nach Deutschland! Aus der Reise überfällt den Ueberreizten ein Fieber, das ihn schnell dahinrafft. 76 Victor-Lothario ist ebenfalls nicht geneigt, die gebahnten Wege der Alltagsmenschen zn wandern; auch er liebt es, nach rechts und links je nach rasch wechselnder Stimmung abznbiegen und unbekannte Gebiete abzustreifen; aber er bleibt stets Herr seiner selbst und läßt sich von den lockenden Bildern, welche seine stets geschäftige Phantasie ihm vormalt, nicht unterjochen; er commandirt die Poesie, und nicht sie ihn. So treibt er sich unter angenommenem Namen unter dem leichtfertigen Völkchen der wandernden Schauspieler herum, immer forschend, in die Tiefe blickend und alle Verhältnisse bei Hoch und Niedrig betrachtend, um den Gegensatz von Schein und Mkkii^ert zu ergründen. Er fühlt es wohl: nie kann er letztere in Einklang bringen mit der hohen Vorstellung, welche er in seiner Seele hegt, sie wird immer weit hinter seinen Erwartungen Zurückbleiben. So kann es seinen scharfblickenden Geist nicht befriedigen, daß die Menge seinen dichterischen Produktionen zujanchzt und seinen Namen denen der besten Poeten für ewige Zeiten anreiht; sieht er doch, wie wenig wahres Verständniß er erwarten darf; wie das mit seinem Herzblut geschriebene Schauspiel vom Publicum mit einem Beifall ausgenommen wird, der vom Mißverstehen das beste Zeugniß gibt. So gelangt er allmälig zu einem Pessimismus, der ihn, wenn er sich nicht ein gläubiges Herz bewahrt hätte, zur Verzweiflung treiben müßte, der ihn aber nun zum geistlichen Staude führt. „Was wär' denn Poesie," sagt er, als man ihm vorwirft, er gäbe dann sein großes poetisches Ta- ent von sich wie ein Verschwender, „wenn sie in feinem Goldschnitt auf einer Morgentoilette durchzublättern wäre? Talent! Das ist nur ein Blitz, den der Herr fortschleudert in die Nacht, um zu leuchten, und der sich selbst verzehrt, indem er zündet. Nein, Freunde, genug endlich ist des weibischen Sehnens; wer gibt uns das Recht, zu klagen, wenn Niemand helfen mag! Nicht morsche Mönche, Quäker und alte Weiber; die Morgenfrischen, Kühnen will ich werben, die recht aus Herzensgrund nach Krieg verlangt. Auch nicht über's Meer hinüber blick' ich, wo unschuldige Völker unter Palmen vom künftigen Morgenroth träumen; mitten auf den alten, schwülen, staubigen Markt von Europa will ich hinuntersteigen, die selbstgemachten Götzen, um die das Volk der Renegaten tanzt, gelüstet's mich, umzustürzen und Luft zu hauen durch den dicken Qualm, daß sie schauernd das treue Auge Gottes Wiedersehen im tiefen Himmelsgrunde." Und wie ein gottbegeisterter Seher ruft er den scheidenden Freunden, als sie hoch oben auf einem Hügel stehen, zu: „Wie's da unten nebelhaft sich durcheinanderschlingt! Man hört schon Stimmen da und dort verworren aus dem Grunde, Commandoruf und Trompetenklänge durch die stille Lust und Morgeuglocken dazwischen und den Gesang verirrter Wanderer. Und wo die Nebel auf einen Augenblick sich theilen, 77 sieht man Engel ernst mit blanken Schwertern auf den Bergen stehen, und unten weite Geschwader still kampfbereit aufblitzend, und der Teufel in funkelndem Ritterschmuck reitet die Reihen entlang und zeigt den Völkern durch den Wolkenriß die Herrlichkeit der Länder und ruft ihnen zu: Seid frei und alles ist euer! — O Freunde, das ist eine Zeit! Glückselig, wer drin geboren ward, sie auszufechten!" In Victor-Lothario haben wir also einen ähnlichen Charakter wie in Friedrich („Ahnung und Gegenwart"), wobei jedoch der letzte mehr ausgebildet und vertieft erscheint. Er ist in beiden Fällen das Organ des Dichters und bestimmt, dem Publicum dessen Ansichten über Gott, Welt und Menschen, Literatur und Poesie zu vermitteln. Um Victor und Otto gruppirt sich eine Reihe von Personen, welche deren Charakter durch Aehnlichkeit oder Gegensatz weiter heben sollen. Fortunat und Dryander sind in gewisser Hinsicht den beiden eben Bezeichnten verwandte Charaktere, indem der erste der Poesie in maßvoller Weise huldigt, der zweite als ein anderer carrikirter Otto erscheint. Fortunat muß, vom rein menschlichen Standpunkt aus betrachtet, als der glücklichste bezeichnet werden: er findet sein Genügen und strebt nicht, in Regionen hinaufzufliegen, welche er doch nicht erreichen kann; er führt die schöne Fiammetta heim und zieht mit ihr nach dem sonnigen Italien. Diesen Standpunkt theilt der Dichter natürlich nicht, ihm ist Graf Victor der eigentliche Held. In Victor und Otto, Fortunat und Dryander haben wir die Dichter zusammen, welche sich selbst ihre phantastische Welt aufbauen und in dieser Beschäftigung elend werden oder ihr entsagen. Ihnen gegenüber hat Eichendorff nun eine Reihe von Leuten gesetzt, welche in philisterhaftem Behagen aller Poesie kühl gegenüberstehen, welche den Menschen ergreift, aufregt und von seiner ersprießlichen bürgerlichen Thätigkeit ablenkt. An ihrer Spitze steht der gute Walter, ein noch junger Mann, ein prächtiger, brauchbarer Mensch, immer bereit, bei seinen dichterisch erregten Freunden das Bremsrad anzudrehen und nur dann im Stande, aufzuthauen, wenn der edele Rebensaft seine Adern durchglüht. Er erfüllt gewissenhaft seine Amtspflichten und gibt sich an schönen Sommerabenden in Schlafrock und mit Pfeife einem enthusiastischen Naturgenuß hin. Selbstredend hat er sich eine Lebensgefährtin gesucht, welche zu ihm paßt, ein solides häusliches Mädchen, welches allen Extravaganzen abgeneigt ist. Sie ist die Tochter eines Ober-Amtmannes, der mit seiner Familie so recht das Bild bürgerlichen Kleinlebens ohne höhern Aufschwung gibt; Eichendorff betrachtet indessen seine selbstgeschaffenen Philister mit unverkennbarem Wohlwollen und behandelt sie nur mit leiser Ironie. Als Fortunat dem Amtmann Victor's Gedichte rühmt, meint 78 dieser: „Zu Pferde muß man den berühmten Victor sehen, im Walde, aus der Jagd, auf dem Felsen, wo allen Andern schwindelt — mit Einem Wort: das ist ein rechter Mann! Das Berühmtsein und Versemachen ist nur so Lumpenzeug dagegen, wie eine Schabracke auf einem schönen Roß, und er selber gibt nichts darauf." Von denselben Ansichten ist seine Gattin erfüllt, welche wegen ihres Neffen Otto gerechte Besorgniß hegt. Sie meint, Versemachen sei ein bloß „herrschaftliches Vergnügen", das der Graf sich wohl erlauben könne und dürfe, Otto solle sich auf seine „Brod- wissenschaften setzen" und dann eine vernünftige Frau heirathen. Ebenso praktisch ist der Oberförster gesinnt, der den neuesten Dramen nachrühmt, sie seien wieder ganz „vernünftig und familiair", so recht aus dem Leben gegriffen. Damit kennzeichnet der Oberförster, ohne es zu wollen, die ganze Misere des damaligen Theaters. Zwischen den hier gekennzeichneten beiden Gruppen stehen noch ein paar Personen, welche den Uebergang vermitteln, die Maler Guido und Albert, während Cordelchen den äußersten linken Flügel der Poetischen bildet. Sie zeigt die Verderblichkeit der äußersten Consequenzen des phantastischen, fessellosen Lebens und findet im Wahnsinn ihr Ende. So sehen wir in einem ungemein färben- und personenreichen Gemälde „die Gegensätze der Begeisterung in den verschiedensten Formen: von Unschuld, Natur, Leichtsinn bis zum Heroismus, Abenteuerung, Phantastik — in den manchfaltigsten Abstufungen: von kindlicher Hoffnung bis zur Sünde, vom edelsten Glauben und Muth bis zum lächerlichen Wahnwitz, zur traurigen Bethörung, zum unentwirrbaren Spiele mit sich selbst" ^). Groß angelegt und in jenem idealen Stile, welchen wir schon an Eichen- dorff's Erstlingsroman „Ahnung und Gegenwart" kennzeichneten, ist auch diese Novelle. Niemand wird sagen können: das ist Wirklichkeit; denn ein solches Gesammtbild findet sich nie und nirgends. Niemand wird aber auch behaupten dürfen: das ist Phantasie; denn das lustige Gebilde ist mit tausend Fäden am Boden der Wirklichkeit angeheftet, es ist wie traumhaft, ein liebliches Gemisch von Wahrheit und Dichtung. Ueber den Gestalten ruht ein Zauber, der nicht in seine Be- standtheile zerlegt, sondern nur mitfühlend genossen werden kann. Ein inniges Versenken in die Dichtung, welches nur möglich ist, indem unsere Phantasie in Mitthätigkeit geräth,läßt uns immer neue Schönheiten entdecken. „Eichendorff gibt von dem, was er sagen will," meint Gutzkow mit Recht, „immer nur die eine Seite; die andere klingt in dir nach, und du bist gezwungen, seine ganze Darstellung wie eine Kupferplatte noch ein Mal aufzustechen und das auszuführen, was der Dichter nur andeutete. Das ist I 318^ 315. — Beiträge zur Geschichte der neuesten Littcratur, 1836, 79 ein Mißstand für die Gattung, den Roman: allein man vergibt ihn hier, wo die Andeutungen so frisch, so hell und naturwahr sind und dem empfänglichen Gemüth die innerliche Ausführung und Ausmalung so viel, Vergnügen macht." So ist es in der That, nie und nirgend finden wir eine Analyse der Leidenschaft bei Eichendorff, nie einen systematisch angelegten Dialog, der die Seelenbewegungen und den Fortgang der Gefühls-Anwandlungen darstellen soll, nie eine Beschreibung von Charakteren und dem Aeußern der Personen — immer nur blitzartige Andeutungen, welche aber genügendes Licht verbreiten, um unserer Phantasie für ihre stille, thätige Mitarbeit Anhaltspunkte zu geben. Wie immer, so erweckt Eichendorff auch hier vorwiegend Stimmungen, denen unsere Seele sich nur zu gern überläßt. Wir folgen nicht, wie es sonst in der epischen Dichtung der Fall ist und naturgemäß auch sein muß, den plastisch ansgearbeiteten Gestalten, sondern dem Zauberstab des Dichters, der bald diese, bald jene Saite unseres Gefühlslebens berührt, daß sie melodisch wiederklingt. Nie bringt Eichendorff unser Gemüth in stürmische Wallungen, sondern nur in jene angeregte Stimmung, welche uns für rein poetische Eindrücke empfänglich macht. Gewiß hat die Novelle auch ihre Mängel, sie sind dieselben, welche wir schon bei „Ahnung und Gegenwart" sowie bei den Dramen erwähnt haben, und die eine Folge der rein lyrischen Grundstimmung des Dichters sind. Es ist deshalb unnöthig, sie hier noch des Weitern hervor zu heben. Leider sind wir aber auch gezwungen, darauf hinzuweisen, daß ebenso wie in „Ahnung und Gegenwart", auch hier die Sinnlichkeit allzu keck aus der Schilderung von Liebesverhältnissen hervorblickt. Eine Lecture für die Jugend darf „Dichter und ihre Gesellen" deshalb nicht bilden. Mit „Dichter und ihre Gesellen" schließt sich der Kreis der Eichen- dorff'schen Novellen, welche nach Inhalt und Darstellung als eigentlich romantisch sich kennzeichnen. Man darf nicht behaupten, daß zwischen dem ersten und letzten Roman Eichendorff's ein wesentlicher Fortschritt sich zu erkennen gibt: sie weisen wie die zwischen ihnen liegenden Novellen im Wesentlichen dieselben Elemente und dieselben Mittel der Darstellung auf. In allen finden wir das um die Kunstregeln unbekümmerte Spiel der Phantasie, welches sich als einziges Ziel gesetzt hat, dem Leben einen tiefern Sinn zu verleihen und in alle Geschehnisse den reichen Schatz eigenthümlicher Anschauung zu versenken. Das Bestreben der Romantiker, die Wirklichkeit mit dem Schimmer der Poesie zu überkleiden und nichts so darzustellen, wie es ist, ohne aber den Boden der Wirklichkeit zu verlassen, zeigt sich auch hier, aber in einer Weise, welche von Tieck'scher Manier weit entfernt ist und in ihrer dichterischen Färbung selbst Novalis übertrifft. Tieck ist nie ein echter Dichter gewesen, obgleich viele seiner Zeitgenossen ihn als den legitimen Nachfolger des Alten von Weimar feierten; er war ein geschmackvoller Anempfinder und ein eleganter bedeutender Schriftsteller. Seine Personen sind Schöngeister, welche vor lauter Aesthetik nicht zum wahren Empfinden kommen. Novalis floß über von Tiefsinn und war unverständlich vor lauter Symbolik. Der Mystiker in ihm verjagte fast den Dichter. Eichendorff dagegen hielt sich immer an dem, was dem Dichter Kraft verleiht, an der Natur, und er stellte sich keine andere Aufgabe, als das Leben zu schildern im verklärenden Scheine der Poesie. Alle seine Novellen haben innere Wahrheit und Gesundheit, weil sie beruhen auf dem festen Fundamente aller Wahrheit und geistigen Gesundheit, auf dem unerschütterlichen Glauben an eine höhere Weltordnung. Eichendorff erheuchelte keinen Glauben — er hatte ihn, und darum waren ihm alle Versuche der Frühromantiker, deren Bestrebungen er im Uebrigen so freudig begrüßte, ihren Dichtungen einen Schein von Katholicismus zu verleihen, in tiefster Seele zuwider. Deshalb läßt er in „Ahnung und Gegenwart" seinen Friedrich sagen: „Sind wir doch kaum des Vernünftelns in der Religion los und fangen dagegen schon wieder an, ihre festen Glaubenssätze, Wunder und Wahrheiten zu verpoetisiren und zu verflüchtigen. In wem die Religion zum Leben gelangt, wer in allem Thun und Lassen von der Gnade wahrhaft durchdrungen ist, dessen Seele mag sich auch in Liedern ihrer Entzückung und des himmlischen Glanzes erfreuen. Wer aber hochmüthig und schlau diese Geheimnisse und einfältigen Wahrheiten als beliebigen Dichtungsstoff zu überschauen glaubt, wer die Religion, die nicht dem Glauben, dem Verstände oder der Poesie allein, sondern allen dreien, dem ganzen Menschen angehört, bloß mit der Phantasie in ihren einzelnen Schönheiten willkürlich zusammenrafft, der wird eben so gern an den griechischen Olymp glauben, als an das Christenthum, und eins mit dem andern verwechseln und versetzen, bis der ganze Himmel furchtbar öde und leer wird." Und so durchzieht Eichendorff's Dichtungen ein wahrer, kindlich einfältiger Glaube, der nimmer von Zweifeln beängstigt wird, während bei den meisten Romantikern der Glaube benutzt wurde wie Rosenguirlanden bei einem glänzenden Fest. Wahrhaftig wie in seinem Glauben war Eichendorff in seinem ganzen Dichten. So wenig die Natur einen falschen Schein zu erheucheln vermag, so wenig konnte er es, der nur in der Natur lebte und webte, welche er als Abglanz des göttlichen Wesens verehrte. Da ist keine ironische Betrachtung der Welt und der Menschen, welche schließlich zur Zersetzung führen muß, sondern eine theilnahmvolle Anschauung der gesummten Schöpfung, jene liebevolle Versenkung in das Geschaffene, das Kleinste und Größte, welche den Humoristen eigen ist. Darum sind seine 81 Personen keine bloßen Scheinen und Typen, vielleicht nur hervorgebracht, den Geist des Verfassers zu beweisen, sondern echte wahrhafte Menschen, welche einfach aus sich herausgehen, sich geben wie sie sind. Aenßerlich dagegen tragen Eichendorff's Novellen denselben Schnitt, dieselbe Farbe, welche wir bei den dichterischen Erzeugnissen der Romantiker beobachten, und insofern darf man ihn den letzten Ritter der Romantik nennen. Sich den Regeln der Dichtkunst fügen, scheint philisterhaft; der Dichter gebietet über alles mit souveräner Gewalt. Nichts da von ruhiger, folgerichtiger Entwickelung, in welcher eine Scene sich nothwendig an die andere reiht, wo ein festes Ziel unverrückt im Auge gehalten wird. Die Personen sind bis auf einige wenige, welche der Dichter in geistiger Hinsicht nicht eben reich ausgestattet hat, von unwiderstehlicher Wanderlust beherrscht; sie fliegen hierhin und dorthin, ohne ein anderes Motiv als ihre innere Unruhe; eine Lebensaufgabe kennen sie nicht, oder sie wird ihnen am Schluß ihrer Pilgerreise gleichsam aufgedrängt. Es ist eine wunderliche Gesellschaft von Poeten, Phantasten und sonstigen sogenannten nichtsnutzigen Menschen, mit welchen der Dichter uns bekannt macht. Sie stehen im Leben hülflos wie Kinder, aber Gott ist mit ihnen: nie fehlt ihnen ein gastliches Haus, nie naht ihnen die prosaische Sorge um leibliche Bedürfnisse, und wenn sie aufblicken, steht ein feueriger Renner vor ihnen, der sie schnell in die geliebte Ferne trägt. „Sie berühren," sagt Heinrich Laubes, „nur mit den Fußspitzen die Erde, sie leben von Aepfeln und Weintrauben, haben gar keine Galle und warten lächelnd des Glückes, das ihnen in den Schooß fallen wird." Sie leben mit und in der Natur, als wären sie mit ihr verwachsen. Jauchzend breiten sie die Arme der aufgehenden Sonne entgegen und blicken der verschwindenden nach, wie wenn sie ihr Liebstes verloren hätten. Aber dann naht die wundervolle Zaubernacht mit ihrem berauschenden Duft, ihrer süßen Stille und umfängt sie wie eine liebende Mutter ihre Kindlein; in festem Vertrauen schmiegen sie sich an sie und ruhen an ihrer treuen Brust, und sie dürfen es, denn in den lauen Frühlingsnächten — nur solche kennt Eichendorff — setzt es keine Erkältung und keinen Schnupfen ab. Vom klaren Himmel herab blickt der Mond, „der romantische Lieblingstrabant", wie ihn Gottschall so treffend nennt, ! auf seine wackern Gesellen und hält als nimmermüder Wächter treue ! Wacht. Und wenn es Morgen wird, so ziehen sie in den blüthenweißen Frühling hinein, singend und jauchzend, Lieder dichtend und componirend. Lieder erschallen von den Höhen und siehe, der Geist Apolls kommt über i die Wanderer und sie wissen sofort zu antworten in demselben Versmaß, fl Erinnerungen, I 97. Görres-Gcfellschaft. III. V-rcinSschrist sür 1887. 6 82 derselben Melodie. Nie fehlt auch die Guitarre, die anmuthigen Lieder zu begleiten. Weiter und weiter geht es, die Gesellschaft vermehrt sich, wandernde Schauspieler, lose, kecke Gesellen und leichtgeschürzte Damen stoßen zu ihnen, und da zwischen Poeten und Schauspielern eine innige Verwandtschaft herrscht, so werden sie gar bald befreundet. Hier wird getäudelt, dort geliebt, hier gescherzt und dort gestritten. Und nun geht es frisch in die Romantik hinein. Auf hohen, halbverfallenen Schlössern mit weiten Parkanlagen, in denen verlorene Brunnen murmeln und weiße verfallende Marmorstatuen schimmern, wird gerastet, eine phantastische Gräfin ist rasch geneigt, sich in das romantische Spiel einzulassen, und so entstehen Verwechselungen und Vermummungen in bunter Folge. Mädchen verkleiden sich als Männer und Pagen und folgen unerkannt den Gebietern ihrer Herzen; Personen, welche einander meilenweit entfernt glaubten, finden sich plötzlich wieder, und andere verschwinden, wie wenn der Erdboden sich unter ihnen geöffnet hätte. Gespenstische Erscheinungen drohen und schrecken, gewaltsamer Tod macht manchem Leben ein Ende. Und wo geschieht das alles? Wir wissen es nicht! Zwar sind Deutschland und Italien die Länder, in denen der Dichter seine Geschichten sich abspielen läßt, aber wo in Deutschland und Italien, das sagt er uns nicht; er behandelt Schauplatz und Local, wie sein Vorbild Goethe im „Wilhelm Meister", mit höchster Gleichgültigkeit. Alle seine Landschaftsbilder, deren unsagbarem Reiz sich Niemand wird entziehen können, sind Jdealgemälde; sie weisen auf keine bestimmte Gegend zurück und fassen alle landschaftliche Schönheit in sich. Ebenso ist es mit der Zeit. Wir ahnen aus vielen leicht aber mit Absicht hingeworfenen Andeutungen, in welcher Periode die Handlung spielt; aber wir wissen es nicht, weil der Dichter bestimmte Angaben gern vermeidet. Eichendorff arbeitet nur in großen Zügen und ist ein entschiedener Feind aller Detailmalerei, welche ihm durch die meist talentlosen Nachahmungen des großen Schotten durchaus verleidet worden war. Das zeigt sich besonders in der Art, wie Eichendorff seine Charaktere zeichnet. Nirgend wird man finden, daß er das Innere seiner Personen analysirt, er stellt sie einfach hin, bringt sie in Bewegung, und nun muß sich in echt dichterischer Weise aus ihren Aeußerungen und Handlungen ihr eigentliches Wesen entwickeln. So machen es Homer und Goethe, so macht es überhaupt der echte Dichter. Daß Eichendorff trotzdem keine vollkommen klare Umrisse hervorbringt, liegt in der oft betonten Schwäche seines Talentes begründet, das durchaus zur Lyrik neigte. Er schwelgt in Stimmungen und benutzt die Personen nur, um solche hervorzubringen. Das wird auch wohl immer ein Hinderniß bleiben für die weitere Verbreitung der hier gekennzeichneten Erzeugnisse seiner Novellistik, den 83 Taugenichts ausgenommen. Wir verlangen, wie es im Wesen der Phan- tasiethätigkeit bedingt ist, in der epischen Dichtkunst eine straffe, fest zusammengefügte Handlung, sowie klare Umrisse in der Zeichnung der Charaktere, und wir vermögen nicht voll zu genießen, wo wir beides vermissen. Jean Paul war ein großer Dichter, aber seine formlosen, zerfließenden Romane werden nicht mehr gelesen; in Eichendorff's Romanen und Novellen steckt ein Schatz von echter Poesie, mit dem Dutzende von Dichtern ausgestattet werden könnten, aber die große Menge wird nicht geneigt sein, ihn zu heben. X. Inzwischen verfaßte Eichendorff auch eine große Zahl von lyrischen Gedichten sowie Balladen und Romanzen, welche er zum größten Theil in den Jahrgängen 1832 bis 1837 des deutschen Musen-Almanachs und des deutschen Taschenbuchs erscheinen ließ. Im Jahre 1837 gab er seine sämmtlichen Gedichte zum ersten Male gesammelt heraus, in einem starken Bande von fast 500 Seiten. Eichendorff's Stärke ist das Lied, jene Art der lyrischen Dichtkunst, die im geringsten Umfange die höchsten Wirkungen zu erzielen und eines Dichters Unsterblichkeit zu begründen vermag. Das Lied kommt aus dem Herzen, ans der bewegten Seele; es quillt hervor wie der „Quell aus verborgenen Tiefen", wie der Sang der Nachtigall in lauen Frühlingsnächten. Fern von aller Reflexion gibt es nichts als den ungekünstelten Ausdruck eines wahren Gefühls und ruft in Andern dieselben Empfindungen hervor. Das Lied ist, so klein es erscheint, ein in sich vollendetes Kunstwerk; die Empfindung hat es hervorgebracht und anregend ausgestaltet, die ganze Wärme des stark fühlenden Herzens hineingelegt; die Kunst hat es abgerundet, concentrirt und mit einschmeichelnder Melodie umgeben; es sagt nicht zu viel und nicht zu wenig, es hat den kräftigsten Ausdruck und herzersasfende Innigkeit, und alles das ohne Wortgepränge. Es ist Gefühl und weckt Gefühl und versetzt uns in eine Stimmung, in der unsere edelsten Seelenkräfte angeregt erscheinen. Das hat in vollkommener Weise das Volkslied erreicht, und darum sind gar viele unserer Liederdichter bei dem Volkslied in die Schule gegangen und haben sich bemüht, ihm seine Schönheiten abzulauschen. Aber wie wenigen ist das geglückt! Jene Schönheiten find keine bloßen Kunstgriffe, welche der Scharfblickende bald erfaßt und der Gewandte bald anzuwenden versteht, es sind, wenn der Ausdruck erlaubt ist, organische Eigenschaften, welche verliehen sein müssen und nicht erworben werden 84 können. Und da finden wir als die Mutter aller Schönheit das natürliche, unwiderstehlich hervorquellende Gefühl, die innere Wahrheit der Empfindung und des Ausdrucks. Eichendorff besaß sie ebensowohl wie die ungenannten Sänger aus dem Volke, welche uns mit unvergänglichen Liedern beschenkten. Nichts war ihm verhaßter als Lüge und Unwahrheit, nichts widerwärtiger als die gefälschte Natur. „Wie wollt ihr," läßt er sein Ebenbild Friedrich in „Ahnung und Gegenwart" sagen, „daß die Menschen euere Werke hochachten, sich daran erquicken und erbauen sollen, wenn ihr euch selber nicht glaubt, was ihr schreibt, und durch schöne Worte und durch künstlerische Gedanken Gott und Menschen zu überlisten trachtet? Das ist ein eiteles, nichtsnutziges Spiel und es hilft euch doch nichts, denn es ist nichts groß, als was aus einem einfältigen Herzen kommt. Das heißt recht dem Teufel der Gemeinheit, der immer in der Menge wach und auf der Lauer ist, den Dolch selbst in die Hand geben gegen die göttliche Poesie." Er selbst sagt: Was mir das Herz bewogen, Das sagte treu mein Mund, Und das ist nicht erlogen, Was kommt aus Herzensgrund. und: Den lieben Gott laß in dir walten, Aus frischer Brust nur treulich sing'! Was wahr in dir, wird sich gestalten, Das andre ist erbärmlich Ding. So hat er gesungen, dem lebendigen Strom echten Gefühls in seiner Brust freien Lauf gelassen. Den größten Einstuß auf sein Dichten übte die Natur aus, in deren unversiegliche Schönheit er sich von Kindheit an mit Leidenschaft versenkt hatte. Vielleicht war der Einfluß ein zu mächtiger, denn er hat ihn verführt, ein schönes Bild, welches die Natur ihm bietet, eine Empfindung, welche sie in ihm hervorruft, in derselben Tonart häufig zu besingen, wodurch in den Naturliedern eine gewisse Einförmigkeit entsteht. Es geht dem Dichter wie dem Knaben, von welchem er in dem reizenden „Frühlingsnetz" singt: Im hohen Gras der Knabe schlief, Da hört er's unten singen, Es war, als ob die Liebste rief, Das Herz wollt ihm zerspringen. So süße Zauberei ist los, Und wunderbare Lieder Gch'n durch der Erde Friihlingsschooß, Die lassen ihn nicht wieder. Eine eben so süße Zauberei ruht in seinen Liedern. Sie lassen uns nicht los, sie klingen in unserer Seele wieder wie die unvergessenen Melodiken, welche in seliger Kinderzeit der Mund der Mutter uns sang. Es sind Lieder, in welche der Dichter die fesselnde Schönheit der Natur gebannt hat, daß sie von dort aus ihre unwiderstehliche Gewalt über den Menschen ausübt. Die besänftigende Stimmung des ruhigen Abends hat Niemand so treu wiedergegeben wie er in dem „Abend" betitelten Gedichte (Schweigt der Menschen laute Lust); den süßen Reiz der „Mondnacht" hat Niemand so geschildert wie er (Es war als hätt' der Himmel); und kein anderer Dichter hat die traumverlorene Stille der Nacht so schön und innig zu malen verstanden wie Eichendorff in „Abendständchen" (Schlafe, Liebchen, weil's auf Erden). W. Scherer sagt mit Recht*): „Eichendorff weiß das Gemüth mit einem Zauberstabe zu rühren, daß alle verborgenen Quellen rauschen und die Schauer der Nacht uns umfangen oder die Berge, Wälder und Ströme zu unfern Füßen liegen und die Glocken im Thale klingen und der heilige Morgen um unsere Sinne blüht." Eichendorff's Poesie ist so recht die Poesie des Manderns, sie könnte uns verlocken, den Wanderstab zu ergreifen und in den rauschenden Frühling hinaus zu eilen. Er selbst ruft voller Sehnsucht: Vöglein in den sonnigen Tagen! Lüfte blau, die mich verführen! Könnt' ich bunte Flügel rühren, lieber Berg und Wald sie schlagen! Wandern mit leichtem Gepäck, ohne eine bestimmtes Ziel, nur immer in die duftende Natur hinein, stets bereit, abzuschweifen vom gebahnten Wege und sich in geheimnißvollen Gründen zu verlieren, ein keckes Lied in die Lüfte schmetternd, jede Blume pflückend und jede Schöne grüßend, so zieht Eichendorff wie die Helden seiner Novellen vollen Herzens und offenen Auges durch die Welt. Denn sein Wahlspruch ist: Durch Feld und Buchcnhallen, Bald singend, bald fröhlich still, Recht lustig sei vor allem, Wer's Reisen wählen will. „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt," singt er und bedauert alle Jene, die im Thal verderben müssen in trüber Sorgenhaft. Darum liebt er jene unstäten Burschen und legt ihnen gern seine Lieder in den Mund: die Musikanten und Schauspieler, Soldaten und Studenten, Jäger und Gärtner, und alle, die es lieben, in der freien Natur sich zu tummeln. 86 Am liebsten zieht der Dichter hoch auf die Berge: O Lust, vom Berg zu schauen Weit über Wald und Strom, Hoch über sich den blauen, Tiesklaren Himmelsdom. Denn auf den Bergen wohnt Wahrheit und Frieden, und das Getöse der allezeit geschäftigen Welt dringt nicht bis zu ihrer luftigen Höhe hinauf. Und nicht minder reizt unfern Dichter die Herrlichkeit des deutschen Waldes, den er besungen hat wie bis jetzt kaum ein anderer Dichter unseres weiten Vaterlandes. Von Taufenden gesungen, schallen, so weit die deutsche Zunge klingt, das herrliche: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben," und das erhebende: „O Thäler weit, o Höhen," und in Tausenden erweckt er ein sehnsüchtig Echo, wenn er singt: Könnt' ich zu den Wäldern flüchten, Mit dem Grün in frischer Lust Mich zum Himmelsglanz aufrichten — Stark und frei war' da die Brust. Aber der Dichter ist bescheiden; er will nicht die fremdartigen Herr' lichkeiten fremder Länder genießen, sondern einzig sich versenken in die einfache Schönheit seines Vaterlandes und seiner enger« Heimath. Mit tausend süßen Banden hält ihn das schöne Fleckchen Erde fest, ans welchem er das Licht der Welt erblickte, und er bleibt der Heimath treu in weiter Ferne; überall erreicht ihn ihr leiser Ruf: Ihr Wipfel und ihr Bronnen, rauscht nur zu! Wohin du auch in wilder Lust magst dringen, Du findest nirgends Ruh, Erreichen wird dich das geheime Singen — Ach, dieses Bannes zauberischen Ringen Entfliehn wir nimmer, ich und du! Lebendigstes Naturgefühl ist die eigentliche Seele der Eichendorff'schen Lyrik; vor ihr treten die übrigen Empfindungen nicht in gleicher Stärke hervor. Die Liebe, welche bei der Mehrzahl unserer Dichter den alleinigen Gegenstand ihrer Lieder bildet, nimmt bei ihm im Vergleich zu jenen eine bescheidene Stelle ein. Es finden sich unter den etwa 350 rein lyrischen Gedichten Eichendorff's nur 40 eigentliche Liebeslieder. Leider müssen wir aber auch hier die Beobachtung machen, welche sich uns bei Besprechung einiger Novellen Eichendorff's bereits aufdrängte: die Liebe ist hin und wieder von der sinnlichen Seite aufgesaßt. Glücklicher Weise gehören die wenigen Gedichte, bei denen es der Fall ist, nicht zu seinen ^besten. Trotz dieser bedauerlichen Verirrungen seiner Phantasie aber ^.dürfen wir behaupten, daß der Grundzug der Liebeslyrik Eichendorff's eine reine und keusche Empfindung ist. Er liebte treu und innig, er 87 liebte als Christ. Will man seine Liebeslieder charakterisiren, so stelle man an die Spitze das Gedicht: „Der Gärtner", mit den lieblichen beiden Strophen: In meinem Garten find' ich Viel Blumen bunt und fein, Viel Kränze wohl draus wind' ich Und tausend Gedanken bind' ich Und Griiße niit darein. Ihr darf ich keinen reichen, Sie ist zu hoch und schön, Die müssen alle verbleichen, Die Liebe nur ohnegleichen ^ ; Bleibt ewig im Herzen steh'n. Der Gegensatz der Eichendorff'schen Lyrik zu der Heine'schen, welche damals wie jetzt in hohem Ansehen stand und zahlreiche Nachahmer weckte, ist ein schneidender. Für Eichendorff ist die Liebe etwas Heiliges, ^ eine von Gott geadelte Empfindung, eine Kraft des menschlichen Herzens; Heine betrachtet sie meist als ein bloßes Spiel oder als ein Gefühl, über das man sich, wenn man sich ihm genügend hingegeben und es ausgekostet hat, lustig machen kann; Eichendorff blickt zum Weibe hinauf, das Geschlecht ist ihm geadelt durch die hehre Jungfrau, welche der Welt den Erlöser schenkte; bei Heine läuft alles, verhüllt oder unverhüllt, auf den Genuß hinaus, für Eichendorff ist die Liebe das Mittel zu einer unauflöslichen LMes-'und Seelen-Gemeinschaft, in der das eine im an-^ dern einzig sein Glück findet. Und dieser durchgreifende Unterschied in.der Auffassung eines Verhältnisses, das auf der Scheide zwischen Idealität und Naturalismus steht, beruht einzig auf der grundverschiedenen Geistesrichtung der beiden hervorragenden Lyriker. Eichendorff war ein so überzeugnngstreuer Christ, ein so entschiedener Katholik, wie sie unter seinen romantischen Kollegen selten genug waren. Wir haben ja schon gesehen, wie fest er im Leben und im Amte an seinem katholischen Glaubensbekenntnisse hing und eben so mannhaft verfocht er es in seinem Dichten. Am schönsten spricht sich seine katholische und fromme Gesinnung in den zahlreichen geistlichen Liedern aus, welche Innigkeit der Empfindung und Schönheit der Form vereinen. Besonderer Reiz ruht über den Muttergottesliedern, in welchen neben einer wahrhaft tiefen Verehrung sein ritterlicher Sinn sich deutlich ausspricht. Dasselbe unerschütterliche Gottvertrauen finden wir in Eichendorff's vaterländischen Gedichten, deren wir schon früher gedacht Habens. y Wie I>r. Wilhelm Martens, Regens des Klcrical-Seminars zu Pelsllin, durch Eichendorff's Gedichte dem katholischen Glauben zugeführt wurde, erzählt er selbst in Rosen- 88 Weit weniger bedeutend erscheint Eichendorff als lyrisch-epischer Dichter. Der schon erwähnte Mangel seines Talentes in der Schaffung fest umrissener Gestalten sowie bestimmter zielbewußter Situationen tritt in seinen Balladen und Romanzen häufig genug hervor, wenngleich es ja auch unter ihnen einzelne Gedichte von hoher Schönheit und ergreifender Tiefe des Gefühls gibt. In vielen zeigt sich eine besondere Vorliebe für das Grausige und Gespenstische, welches auch in den Novellen merklich hervortritt. Der lyrische Gehalt wiegt überall vor und läßt eine klar gestaltete Handlung nicht hervortreten. Wir wollen das nicht bedauern; Eichendorff war seiner ganzen Anlage nach Lyriker und gehört als solcher zu den bedeutendsten unter unsern liederfrohen Dichtern. Wie er, hat es nur selten ein Poet verstanden, seinen kleinen Liedern eine natürliche Melodie einzuhauchen, so daß sie sich in unsere Seele einschmeicheln wie eine zaubervolle Musik. Wenn es als ein Haupterforderniß des echten Liedes bezeichnet werden muß, daß es sangbar sei, und den Musiker zur Komposition gleichsam herausfordere, so sind Eichendorff's Lieder Muster ihrer Gattung. Die süße Melodie, welche dem winzigen Liede: „Der Abend" Schweigt der Menschen laute Lust! Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen leise Schauer Wetterleuchtcnd durch die Brust, in so hohem Maße zu eigen ist, kann als charakteristisch gelten für Eichendorff'sche Gedichte überhaupt. Und sie ist da, obwohl der Dichter die von der Poetik aufgestellten Gesetze des Rhythmus und des Reimes in willkürlichster Weise unbeachtet läßt. Häufig genug findet man fehlende thal's „Convertitenbildern" (I. 3. 182): „So war ich in der Periode des beginnenden Jünglingsalters ohne festen religiös-sittlichen Halt. Zu meinem Heile fesselte mich aber eine gnädige Fügung an die Poesicen Josephs von Eichcndorff. Der gemüthvolle Ton und die lieblichen Naturschilderungcn des Dichters machten auf mein Herz einen sehr wohlthuenden Eindruck. Ich bckenne gern, daß-Eichcndorff meinem Gemiithe damals eine bessere Richtung gegeben hat. . . . Die Erwägung nun, daß mein Lieblingsdichter katholisch, und zwar ein eifriger und konsequenter Katholik sei, stimmte mich milder gegen die katholische Kirche. Und wenn ich auch im jugendlich thörichtcn Uebermuth meinte, daß ein „starker Geist" nicht an einem beschränkten Confessions-Glaubcn haften dürfe, so entwickelte sich doch unvermerkt aus jener poetischen Stimmung eine Vorliebe für katholische Institute und Cultusformen. Die Gedichte von Eichcndorff in der Tasche, habe ich öfters allein die Umgebung Danzig's durchstreift; als ich erfuhr, daß in der Pfarrkirche zu Oliva zum Vesper-Gottesdienst ein Kirchenlied meines thcuern Eichcndorff (O Maria, meine Liebe) gesungen würde, betrat ich an manchem Sonntag-Nachmittag das schöne Gotteshaus." 89 oder überzählige Versfüße und sehr gewagte Reimversuche, mit deren Nachweisung wir den Leser verschonen dürfen. Es liegt uns fern, ein solches Verfahren, das schließlich, wenn allgemein augewendet, zur Anarchie führen müßte, zu rechtfertigen, aber es beweist den alten Satz, daß Beachtung der Kunstregeln allein nicht den Dichter macht. Eine große Anzahl von Eichendorff's Liedern war, wie bereits erwähnt, durch vorherigen Abdruck in Zeitschriften und Taschenbüchern in Deutschland bekannt geworden, ja die schönsten derselben wurden bereits damals, als die Gedichte zum ersten Male gesammelt erschienen, componirt von C. M. von Weber, Bernhard Klein und Mendelssohn, von Tausenden sangeslustiger Kehlen in die Lüfte gesandt. So erzählt Wolfgang Müller von Königswinter aus jener Zeit: „Wenn ich mit meinen Künstlerfreunden in Düsseldorf und mit meinen Studiengenossen in Bonn zusammen war, so hatten wir die Schlegel, Tieck, Kleist und Brentano wohl gelesen, aber den lieben Eichendorff hatten wir gesungen. Wie oft waren da nicht die Klänge »In einem kühlen Grunde« zur Tageszeit in Wald und Feld, durch Berg und Thal und zur Nacht in den Straßen der Stadt aus unfern Kehlen geschmettert worden, denn dies Lied galt schon zu jener Zeit als Volkslied. Wir wanderten mit dem Gesang: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen« und: »Es schienen so golden die Sterne«. Und dann hatte ja auch Mendelssohn zu zwei Texten des Dichters: »Wer hat dich, du schöner Wald« und »O Thäler weit, o Höhen« die wundervollen Melodieen gefunden, die heute noch stets zum Vortrag kommen, wenn irgendwo Quartette erhoben werden. Solche Worte und solche Weisen hatten sich so tief in das Herz geschmeichelt, daß man den Urheber, auch ohne ihn zu kennen, lieb haben mußte." Auch die Malerwelt bemächtigte sich der Eichendorff'schen Lieder, indem sie aus ihnen malerische Motive schöpfte, während fremdländische Poeten die schönsten derselben in ihre heimath- liche Sprache übertrugen, so Marmier, Borel und Bourges in die französische, Baskerville in die englische. Indessen entsprach der buchhändlerische Erfolg der Gedichte nicht der Popularität des Dichters; sie erlebten erst nach sechs Jahren, 1843, die zweite Austage, 1850 die dritte, 1856 die vierte u. s. w. Die schönsten Lieder des Dichters waren Lieder- und Notenbüchern einverleibt, und daran ließ das deutsche Publicum, wie bei manchem andern Dichter, es sich genügen. Auch Anerkennung von hochgestellten Persönlichkeiten wurde Eichendorff in reichem Maße zu Theil. Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker auf dem preußischen Königsthron, drückte ihm wiederholt das große Interesse aus, welches er an seinen Gedichten nahm, so daß Eichendorff es wagen durfte, dem edeln König, mit 90 welchem eine seltene geistige Übereinstimmung ihn verband, die Gesammt- Ausgabe seiner Werke zuzueignen. In Berlin entstanden auch noch mehrere Novellen, welche, wie wir bereits angedeutet haben, des eigentlich romantischen Gehaltes, welcher die frühem Schöpfungen Eichendorff's so entschieden kennzeichnet, mehr oder minder entbehren. „Schloß Dürande, "^welches zuerst 1837 in der „Urania" erschien, gehört zu den besten Werken unseres Dichters und darf überhaupt als ein Cabinetstück der Novellistik betrachtet werden. Gleichzeitig ist sie die einzige Novelle Eichendorff's, welche einen Fort- ^ schritt gegen die frühere Darstellungsweise bezeichnet und beweist, daß . der Dichter auch in hohem Grade fähig war, echt realistisch zu schildern. Seltsamer Weise finden wir die gleiche Erscheinung bei andern romantischen Dichtern, denen man, nach ihren Hauptschöpfungen zu urtheilen, kaum die Fähigkeit zuschreiben möchte, frisch in's Leben hinein zu fassen. Achim von Arnim schrieb den „tollen Invaliden", Heinrich von Kleist den „Michael Kohlhaas", Brentano die „Geschichte vom braven Kasperl und schönen Annerl" und der schier wahnwitzige E. T. A. Hoffmann seinen lieblichen „Meister Martin", dies echt realistische Genrebild. Eichendorff geht in „Schloß Dürande" in die Zeit der ersten französischen Revolution zurück und entrollt uns am Faden einer einfachen Handlung ein düsteres, grau in grau gemaltes Gemälde. Der im Dienste des Grafen Dürande stehende Jäger Renald sieht, daß seine Schwester Gabriele mit einem jungen Manne liebelt, den er als Hippolyt, den Sohn seines Herrn, erkennt. In richtiger Erwägung, daß aus diesem Verhält- niß nichts Gutes erwachsen könne, bringt er sie in ein Kloster, aus welchem sie jedoch nach einiger Zeit spurlos verschwindet. Da wenige Tage vorher der junge Graf in der Nähe des Klosters gesehen worden ist, so glaubt Renald, derselbe habe seine Schwester entführt. Er eilt zum alten Grafen, der ihn mit Hohn empfängt, zum jungen, der ihn energisch abweist, zum Gericht, das auf seine Klagen nicht eingeht— er versucht überall, sein Recht zu erhalten und die Bestrafung des Entführers herbeizuführen, vergebens; er wird schließlich als Irrsinniger in festen Gewahrsam gebracht. Der Dichter hat in diesen Versuchen Renald's, vielleicht ohne es zu wollen, ein ergreifendes Bild der Zustände in Frankreich vor Ausbruch der großen Revolution entworfen, in welchem die Verderbtheit der vornehmen Klassen und die Mangelhaftigkeit der Rechtspflege in einem grellen Lichte erscheinen. Renald wird nach einigen Monaten aus der Irren-Anstalt entlassen, und nun beginnt er einen ähnlichen „Kampf um's Recht", wie ihn Heinrich von Kleist in seinem „Kohlhaas" so meisterhaft geschildert hat. Er will sein vermeintliches Recht, und wenn die Welt darüber zu Grunde geht. Da bricht die 91 Revolution aus, und Renald ist einer der Ersten, welche sich der neuen Bewegung anschließen. In ihm kocht ein grimmiger Rachedurst; rächen will er sich nicht allein an dem verhaßten Geschlecht der Dürande, welches Schande über seine Schwester gebracht hat, sondern an Allen, welche eine Krone in ihrem Wappen tragen. Er plündert nicht, er bereichert sich nicht, er schwelgt nicht, wie so viele Andere, im Namen der Freiheit und Brüderlichkeit — aber er mordet und brennt auf den adeligen Besitzungen^ Der junge Gras eilt auf seine Güter, um sie zu vertheidigen. Dort empfängt er einen Brief folgenden Inhalts: „Im Namen Gottes verordne ich hiermit, daß der Graf Hippolyt von Dürande auf einem mit dem gräflichen Wappen besiegelten Pergamente die einzige Tochter des verstorbenen Försters am Schloßberge, Gabriele Dubois, als seine rechtmäßige Braut und künftiges Gemahl bekennen und annehmen soll. Dieses Gelöbniß soll heute bis elf Uhr Nachts in dem Jägerhause abgeliefert werden. Ein Schuß aus dem Schloßfenster aber bedeutet: Nein! Renald!" Der junge Graf besinnt sich keinen Augenblick, er öffnet das Fenster und feuert den Pistolenschuß ab. Im Nu tauchen aus den dichten Wäldern, welche das Schloß umgeben, Schaaren unheimlicher Gestalten auf, welche sofort zum Angriff übergehen. Der Erfolg ist ihnen bei ihrer Uebcr- macht sicher. Der junge Graf vertheidigt sich mit wunderbarer Tapferkeit, aber es ist alles vergebens. Da naht sich ihm mitten im Gewühle wildesten Kampfes eine seltsam verhüllte Gestalt — er erkennt Gabriele. Heiß umschlingt er sie, die schon aus mehrern Wunden blutet, und sie, glücklich in dem Gedanken, daß er sie doch noch liebt, vergißt das Getöse des Kampfes. Doch die Trennung eilt schnell herbei, eine Kugel tödtet den jungen Grafen vor Gabrielens Augen, und sie selbst sinkt, ihre Seele aushauchend, über ihn. Es war Renald's Kugel, welche den Grafen dahinstreckte. Jetzt, wo die beiden Leichen vor ihm liegen, entdeckt ihm Nicolo, ein alter Diener des Schlosses, daß Gabriele von dem jungen Grafen nicht entführt worden, sondern daß sie selbst aus dem Kloster geflohen sei und sich verkleidet als Gärtnerbursche im Hause Hippolyt's aufgehalten habe, ohne daß dieser es wußte. Renald steht erstarrt, Nicolo schwört, daß er die Wahrheit gesagt. Da eilt Renald in's Schloß zurück, steckt es in Brand und wirft Feuer in den Pulverthurm, dessen Explosion ihn und alles andere unter den Trümmern begräbt. Der fatalistisch angehauchte Schluß der düstern Novelle kann nicht befriedigen. Den jungen Grafen trifft keine Schuld; er hat es, wie aus allem hervorgeht, ehrlich gemeint, und doch macht die Kugel des Rächers seinem Leben ein Ende. Das ist keine poetische Gerechtigkeit. Darin liegt aber auch der einzige Mangel der prächtigen Novelle. Die Hand- 92 lang ist keck aufgegriffcn und mit großer Energie, welche alle Nebensächlichkeiten verschmäht, ausgeführt. Die Darstellung ist frisch und höchst anschaulich, so daß das Ganze den Leser mit unwiderstehlicher Gewalt packt und festhält. Im Jahre 1839, ebenfalls in der „Urania", erschien die Novelle „Die Entführung", welche einen abenteuerlichen übermüthigen Streich aus der Zeit Ludwig's XV. behandelt. Kecker Scherz und gefährliche Begegnisse erscheinen hier in anmuthiger Vereinigung. Räuber beängstigen das Leben, ohne es zu bedrohen. Eine tolle Gräfin von dämonischer Schönheit soll dem zu eigen sein, der sie entführt; sie versucht, den Entführer zu täuschen, aber doch muß sie ihm folgen und rettet sich endlich vor ihm nur durch eine listig angelegte Flucht. Da graut dem Entführer selbst vor dem seltsamen Wesen, er wendet sich ab von ihr und der sanften Leontine zu. Auch hier entwickelt sich die Handlung flott, farbenhell und in reicher Ausgestaltung. Im Jahre 1841 endlich erschien im „Rheinischen Jahrbuch für Poesie und Kunst" die Novelle „Die Glücksritter", welche zur Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt und ein hübsches Kleinbild aus jener wildbewegten Zeit gibt. In der Anlage ähnelt sie ein wenig der Novelle: „Aus dem Leben eines Taugenichts", kann sich aber in der Ausführung nicht entfernt mit ihr messen. Eine Reihe von andern Dichtungen hat Eichendorff in dieser so äußerst productiven Zeit entworfen und zum Thcil ausgeführt, ohne daß sie in die Oeffentlichkeit gedrungen sind. Die Biographie zählt folgende auf: „Wider Willen", Lustspiel (1836), wodurch allerlei Verwickelungen und Mißverständnisse immer das Gegentheil von dem geschieht, was die Handelnden beabsichtigen, und Einer dem Andern wider Willen in die Hände arbeitet, eine köstliche Parodie damaliger Zustände; „Unstern", Novelle (1838), humoristisch ausführend, wie Unstern, der gute Junge, alles Mögliche erreicht hätte, wenn er nicht eben Unstern gewesen, sogar die Erzählung, eine Selbstbiographie Unstern's, muß gleich mit dem zweiten Capitel beginnen, weil ihm das erste unglücklicher Weise abhanden gekommen; „Alt und Neu", ein Puppenspiel (1841) von gleicher Tendenz wie das oben genannte Lustspiel; endlich „Johann von Werth", Schauspiel (1843), dessen Held eine kecke, lebensfrische Reiternatur, leidenschaftlich aber echt ritterlich, dem Kaiser und Reich unerschütterlich ergeben, zugleich deutsche Art und deutschen Sinn gegen das falsche Fremde ver- theidigt. In ihrer gegenwärtigen Gestalt, der überall noch die letzte bessernde Hand und die nöthige Ueberarbeitung fehlt, sind diese Dichtungen zur Veröffentlichung nicht geeignet. Im Nachlaß des Dichters hat sich aus jener Zeit noch eine weitere Novelle, „Eine Meerfahrt" überschrieben, 93 vorgefunden, welche die märchenhafte Entdeckungsreise einer Valencianischen Schiffsgesellfchaft erzählt. Nach den schriftlichen Bemerkungen ans dem Manuskripte hatte Eichendorfs die Absicht, die Erzählung noch ein Mal gänzlich umzuarbeiten, — er ist aber nicht dazu gekommen, so daß die Form, in welcher sie jetzt in den sämmtlichen poetischen Werken erscheint, viel Unfertiges und Unverständliches an sich hat. Einen besonder» Werth besitzt die Dichtung, so wie sie vorliegt, nicht. Im Jahre 1842 gab Eichendorff eine Auswahl seiner Werke in vier Bänden heraus, welche folgenden Inhalt zeigten: I. Gedichte. II. Ahnung und Gegenwart. III. Dichter und ihre Gesellen. Krieg den Philistern. IV. Aus dem Leben eines Taugenichts. Das Marmorbild. Viel Lärm um nichts. Schloß Dürande. Die Glücksritter. Seit Mitte der dreißiger Jahre beschäftigte sich Eichendorff eifrig mit spanischer Sprache und Poesie, wie er sich in seiner Jugend dem Studium des Italienischen mit großer Liebe hingegeben hatte. Dank einem ausgeprägten Talent für Erlernung fremder Sprachen und einer bewundernswerthen Ausdauer eignete er sich die spanische Sprache durch Selbststudium völlig an und versenkte sich in die Schönheit und Erhabenheit der Poesie Calderon's, von dessen Werken er die sehr seltenen ältesten beiden Ausgaben sich verschaffte. Bald, und zwar im Jahre 1840, trat er mit der ersten Frucht seines neuen Studiums an die Oeffentlichkeit, mit einer Uebersetzung des ältesten Denkmals castilianischer Sprache aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, betitelt: „Der Graf Lucanor", in welchem eine Reihe von Novelletten vereinigt erscheinen, die für die Sittengeschichte jener Zeit von hohem Interesse sind. Eichendorff sagt selbst darüber: „Der Reichthum eines großartigen Lebens spiegelt sich überall in den nachfolgenden Geschichten, die uns überdies unmittelbarer als viele Historienbücher in die innerste Sinnesweise jener wunderbaren Zeit einführen. Manches darin mag uns noch unbeholfen, vieles aus der großen Ferne der Zeiten fremd und wunderlich erscheinen; aber ein tüchtiger Verstand, Ehre, echte Ritterlichkeit und Andacht gehen wie ein erfrischender Waldhauch durch das ganze Buch." Die Uebersetzung fand denn auch beim Publicum solchen Beifall, daß bereits nach drei Jahren eine neue Ausgabe nöthig wurde, welche Th. Hosemann mit Zeichnungen schmückte. XI. Im Jahre 1840 trat für Eichendorff's Leben eine entscheidende Wendung ein. Am 14. September 1840 starb Minister Altenstein, zu welchem unser Dichter in einem so angenehmen Verhältniß gestanden hatte, 94 daß der König ihn beauftragte, den schriftlichen Nachlaß des Ministers zu ordnen. An die Spitze des Kultusministeriums trat nunmehr Eichhorn, welchem Eicheudorff kein Vertrauen entgegenzubriugen vermochte. „Das Verhältniß wurde," heißt es in der Biographie st, „kälter, als der Minister das Ansinnen stellte, Eichendorff möge die Angriffe, welche das preußische Gouvernement in Bezug auf seine Behandlung der kirchlichen Angelegenheiten durch die Tagespresse erfuhr, in geeigneter Weise auf demselben Wege widerlegen, Eichendorff aber sich dessen weigerte, weil er zu solcher Art literarischer Thätigkeit durchaus keinen Beruf fühlte." In dieser Zumuthung Eichhorn's lag die versteckte Aufforderung, ähnlichen Aufträgen dadurch aus dem Wege zu gehen, daß er seinen Abschied forderte. Wie Eichendorff in kirchlichen Dingen dachte, wie entschieden er die Forderungen der katholischen Kirche vertrat, wußte Eichhorn und mußte deshalb einer Weigerung entgegensehen. Die Angriffe gegen das Ministerium konnte Eichendorff nicht widerlegen, weil er mit den Absichten, in denen sie erfolgten, einverstanden war. Hatte die Kölner Angelegenheit doch zunächst einen Erfolg, den Niemand freudiger begrüßte als er. Er sagt darüber"): „An dem Kölner Ereignis; sich besinnend, in der herben Schule des Hohnes und der Verfolgung seitdem erwachsen und gestählt, erstand überraschend eine unsichtbare Macht, etwas, das Niemand erfunden, geführt oder geordnet, das die Romantiker träumten und selbst nicht hatten — eine katholische Gesinnung." So sah Eichendorff ein, daß seines Bleibens nicht mehr war in preußischen Diensten. Unangenehme Berührungen mit Eichhorn, unverdiente Zurücksetzungen verleideten ihm seine Stellung so sehr, daß er seine Entlassung nachsuchte. Vorher scheint er mit dem Minister eine heftige Unterredung gehabt zu haben; wenigstens bemerkt die Biographie, daß Eichendorff ihm vorgehalten habe, er (Eichendorff) habe sich längst alles Ehrgeizes begeben; allein zwischen diesem und der Ehre sei eine scharfe Linie, die er nicht verlassen werde. Dem König war es durchaus nicht angenehm, daß Eichendorff mit Eichhorn nicht in ein erträgliches Verhältniß zu gelangen vermochte, und er suchte den Dichter, welchen er gern dem Staatsdienst erhalten sah, in anderer Weise zu beschäftigen. Veranlassung dazu bot ihm Eichendorff's alter Freund, Freiherr von Schön, welcher dem König den Wunsch ansgedrückt hatte, daß eine Geschichte des Schlosses Marienburg und seiner Wiederherstellung geschrieben werde. Friedrich Wilhelm IV. ging mit großem Interesse aus den Gedanken ein und übertrug die Ausführung dem von ihm hochverehrten Dichter, dessen warme Theilnahme für das st IV 548. — st Gesch. der Poet. Litt., II 230. 95 merkwürdigste aller preußischen Baudenkmäler er schon als Kronprinz beobachtet hatte. Eichendorff erhielt längern Urlaub, den er dazu benutzte, um an Ort und Stelle die bezüglichen Studien zu machen und das dortige Schloß-Archiv zu durchstöberu, sowie um in Königsberg mit seinen .Freunden Schön und Johannes Voigt sich zu berathen. Die Ausführung der Arbeit und Sichtung des gesammelten Materials unternahm er in Danzig, wohin ihn nicht allein persönliche Vorliebe und angenehme Erinnerungen, sondern auch der Umstand zogen, daß zwei seiner Kinder sich dort niedergelassen hatten. Im Sommer 1843 vollendete Eichendorff seine Schrift, welche unter dem Titel „Die Wiederherstellung des Schlosses der deutschen Ordensritter zu Marienburg" 1844 zu Königsberg erschien. Ein Urtheil über die Schrift, welche in vier Abschnitte: „Größe, Schuld und Buße. Die polnische Wirthschaft. Die Zopfzeit. Die Wiederherstellung" eingetheilt ist, liegt uns fern; es mag die Bemerkung genügen, daß sie mit großer Wärme und Frische geschrieben ist und eine von echter Begeisterung getragene Beschreibung des Schlosses enthält. Nun kam Eichendorff, der sich, abgesehen von allen andern Unannehmlichkeiten, durch eine dreiunddreißigjährige ununterbrochene Dienstzeit geschwächt fühlte, wieder um seine Entlassung ein, die er denn auch am 30. Juni 1844 erhielt. Nach seiner Entlassung blieb Eichendorff, der nun im 56. Lebensjahre stand, vorläufig noch in Danzig, wohin seine Gattin ihm nachgefolgt war. Der Dichter lebte jetzt nnr seiner Familie, der Poesie und seinen litterarischen Beschäftigungen. Zunächst dachte er eine Uebersetzung von Calderon's geistlichen Schauspielen (autos saoraraontalss) herauszugeben, an welcher er seit längerer Zeit mit großem Eifer und eben so viel Liebe gearbeitet hatte. Er schätzte Calderon als-einen der größten Dichter aller Zeiten, und die arrtos saorarasntalss — Opferdarstellungen nennt er sie — als wunderbare Vereinigung von Poesie und Religion. 1846 erschien dann bei Cotta ein Band, fünf dieser geistlichen Schauspiele enthaltend: „Das große Welttheater", „Gift und Gegengift", „König Ferdinand der Heilige", „Das Schiff des Kaufmanns" und „Balthasar's Nachtmahl". Wir wollen hier gleich anschließen, daß das litterarische Deutschland an Calderon und an Eichendorff's Uebersetzung so wenig Interesse zeigte, daß Cotta nicht die mindeste Lust hatte, einen zweiten Band in Verlag zu nehmen. So schrieb Eichendorff am 15. Juni 1852 an August Reichensperger aus Berlin (Thiergartenstraße 25): ') Gütigst mitgethcilt vom Adressaten. 96 „Verehrtester Herr Appellationsgerichts-Rath! „Schon längst hätte ich für die gütigen Mittheilungen vom 3. d. M. meinen herzlichsten Dank abgestattet, wenn ich nicht zugleich auch etwas Bestimmteres über unfern Calderon hätte melden wollen. Erst gestern aber erhielt ich die Antwort des Herrn v. Cotta. Er ist bereit, auch den zweiten Theil der geistlichen Schauspiele in Verlag zu nehmen, wenn der Borromäus-Verein sich gegen ihn schriftlich verbindlich macht, vom 1. und 2. Bande gegen gleich baare Bezahlung 400 Exemplare mit einem Rabatt von 50 Procent vom Ladenpreis übernehmen zu wollen. Hiernach will er seinen Geschäftsführer, H. Denicke, welcher am 22. d. M. zur Abrechnung nach Frankfurt reist, veranlasfen, von dort einen Abstecher nach Bonn zu machen, nm zu versuchen, ob er sich mit Herrn Professor Dieringer definitiv verständigen und einen Vertrag abschließen kann. „Hiervon habe ich heute Herrn Professor Dieringer in Kenntniß gesetzt. „Wenn, wie ich hoffe, auf diese Weise oder durch Herrn Buchhändler Marcus' Dazwischenkunft die Herausgabe gelingt, so hat das katholische Deutschland diese wahrhaft wundervollen Schauspiele, die bisher völlig tsrra inoo§nitg. waren, eigentlich nur Ihrem Rath und Ihrer thätigen Theilnahme an der Sache zu verdanken. Wie gern hätte ich meinen Dank für das alles mündlich abgestatet! Allein die früher in Aussicht gestellte Wiederzusammenberufung der Kammern scheint leider nicht stattzufinden. Jedenfalls bitte ich nun herzlich, mir auch in der Ferne Ihr freundliches Andenken erhalten zu wollen." Der Borromäus-Verein scheint auf die Bedingung eingegangen zu sein; wenigstens ist im Jahre 1853 der zweite Band mit den Schauspielen „Der göttliche Orpheus", „Der Maler seiner Schande", „Die eherne Schlange", '„Amor und Psyche", „Der Waldesdemuth Krone" und „Der Sünde Zauberei" erschienen. Das Alter und „der Mangel theologischer Kenntnisse" Z hinderte den Dichter an der Fortsetzung seines Unternehmens. Bei der Kritik hatte Eichendorff's Uebersetzung einen großen Erfolg. Man rühmte die Pracht und Schönheit des Versbaues, welcher bei aller treuen Anschmiegung an das Original doch der deutschen Sprache in keiner Weise Gewalt anthat. Später hat bekanntlich Eichendorff's Landsmann, Franz Lorinser, Calderon's geistliche Schauspiele in einer bändereichen Uebersetzung dem deutschen Volke vermittelt. Neben Calderon beschäftigte sich Eichendorff lebhaft mit der Geschichte der neuern romantischen Poesie in Deutschland, deren Entwickelung ff Siehe dm Brief von Eichendorff in: Lorinser, Calderon's geistliche Festspiele. XVIIl. vn. 97 er zum größten Theil selbst beobachtet hatte, und deren letzten Ritter man ihn vielfach nannte und noch nennt. In den Historisch-Politischen Blättern veröffentlichte er in Band XVII (1846), ohne seinen Namen zu neunen, drei Artikel zur Geschichte der neuern romantischen Poesie in Deutschland und ließ 1847 bei Liebeskind in Leipzig eine größere Abhandlung „über die ethische und religiöse Bedeutung der neuern romantischen Poesie in Deutschland" erscheinen. Ferner brachten Band XIX und XX der Historisch-Politischen Blätter 1847 von ihm die Aufsätze: „Brentano und seine Märchen", „Die deutsche Salonpoesie der Frauen" (Gräfin Hahn- Hahn), „Die neue Poesie Oesterreichs" (Lenau, Anastasius Grün), „Die geistliche Poesie Deutschlands", welche er zum Theil später wieder in den Schriften über den Roman und die poetische Litteratur Deutschlands verwerthet hat. Wir kommen auf Eichendorfffs litteraturhistorische Schriften in ihrer Gesammtheit noch zurück, so daß wir uns hier begnügen können, die Titel der Aufsätze anzuführen. Im Herbst 1846 machte Eichendorff eine Reise nach Wien, um dort liebe alte Freunde zu besuchen. Von denen, welche er während seines Aufenthalts in Wien in den Jahren 1811—1813 kennen und lieben gelernt hatte, waren gar viele heimgegangen. Doch er fand neue Freunde, bedeutende Männer der Wissenschaft und Kunst, welche dem verehrten Dichter mit Jubel und offenen Armen entgegenkamen. Da waren der bekannte Politiker und Gesinnungsgenosse Karl Ernst Jarcke, der berühmte Convertit und Geschichtschreiber Friedrich von Hnrter, der Maler Joseph von Führich, vr. Fick, ?. Madelener, der Reisende Karl von Hügel, der liebenswürdige Novellist Adalbert Stifter, der geniale Fürst Friedrich Schwarzenberg, alles Männer, welche, abgesehen von confessionellen Verschiedenheiten, in den Grundprincipien übereinstimmten. Auch Anastasius Grün, Grillparzer, Friedrich Halm und Bauernfeld lernte Eichendorff kennen, ohne ihnen näher treten zu können, da sich zwischen seiner und ihrer Weltanschauung zu wenig Berührungspunkte fanden. Heber die Aufnahme, welche der Dichter in der schönen Kaiserstadt fand, heißt es in der Biographie *): „Wahrhaft enthusiastische Ovationen wurden ihm von allen Seiten dargebracht, wie sie eben nur der südlichen Lebendigkeit der Wiener eigen, wie sie aber Eichendorff in seiner Einfachheit und Anspruchslosigkeit weder gewünscht noch erwartet hatte. Fast sämmtliche öffentlichen Blätter drückten die Freude aus, ihn in Wieu's Mauern zu wissen, wiederholte Deputationen und Serenaden begrüßten ihn; die bekannte Litteraten-Gesellschaft Concordia, der Wiener Musikverein, die Mitglieder des juristisch-politischen Lesevereins, die niederöster- ') IV 586—558. Görrcs-Gesellschaft. III. Vereinsschrift für 1887. 7 98 reichischen Landstände in ihren geselligen Abend-Zusammenkünften bereiteten ihm besondere Empfangs-Festlichkeiten, der Künstlerverein durch ein glänzendes Ballfest im Sophienbade, so daß Eichendorff über dieses Halloh, wie er es nannte, scherzhaft in einem Familienbrief bemerkte: »Was man in der Jugend sich wünscht, hat man im Alter vollauf. Dieser alte Spruch trifft hier in Wien auch bei mir ein; die Leute wollen mich durchaus zum berühmten Manne machen.« Bei dem Feste der Concordia wurde Eichendorff, als er eintrat, von der sich erhebenden Gesellschaft mit einem so endlosen Sturm von Jubel und Händeklatschen empfangen, daß er davon sichtlich überrascht und bewegt war; zwei Anwesende sprachen Gedichte an ihn, und einen großen Theil des Abends trugen Opernsänger Eichendorff'sche Lieder vor, von Dessauer außerordentlich schön componirt." Eichendorff antwortete auf die poetischen Willkommgrüße in dem Gedichte „Den Dichtern Wien's bei Gelegenheit eines festlichen Empfanges", welches seine dankbaren Gefühle in ergreifender Innigkeit aus- d rückt. Der Dichter blieb in Oesterreich bis Herbst 1847, nachdem er einen Theil des Sommers in Baden bei Wien verlebt hatte, um dort bei seiner in der lieblich gelegenen Stadt lebenden Schwester Luise zu verweilen. Seinem aufmerksamen Auge entging nicht, daß in der österreichisch-ungarischen Monarchie eine völlige Umwälzung der Dinge bcvor- stehe; als er aber nach Berlin zurückkehrte, wohin inzwischen auch sein Schwiegersohn, der Hauptmann von Bessercr-Dahlfingen, versetzt war, fand er auch dort die leisen Anzeichen einer tiefgehenden Bewegung. Am 18. März 1848 brach der Sturm los und tobte namentlich heftig in dem von Eichendorff bewohnten Stadttheile, so daß er und sein Schwiegersohn während der folgenden Nacht häufig genöthigt waren, in fremden Häusern Schutz zu suchen. Seine Gattin erkrankte vor Schreck, seine Tochter war wegen ihrer Kinder in lebhaftester Besorgniß, so daß der Dichter am andern Morgen mit Gattin, Tochter und Enkeln nach Cöthen übersiedelte und von dort, nachdem sich sowohl die Krankheit seiner Gattin wie die der Zeit gebessert hatte, im Juli 1848 nach dem lieblichen Elb- Florenz. Dresden, mit seinen reichen Kunstschätzen und seiner reizenden Umgebung, wo er das an der Elbe belegene Linke'sche Bad bewohnte, legte ihm den Wunsch nahe, sich dauernd dort niederzulassen; doch stellten sich der Erfüllung seines Wunsches unüberwindliche Hindernisse entgegen. Für einen später bekannt gewordenen jungen Dichter wurde Eichendorff's Aufenthalt in Dresden von großer Bedeutung, für Lebrecht Dreves, welcher zwei Jahre vorher in den Schooß der katholischen Kirche zurückgekehrt war. Dreves verkehrte täglich mit dem von 99 ihm hochverehrten Dichter, und dieser gewann den genial veranlagten jungen Mann so lieb, daß er sich bestimmen ließ, zu den im Jahre 1849 erschienenen Gedichten Dreves' ein empfehlendes Vorwort zu schreiben. Erst im November 1850 kehrte Eichendorff, welcher inzwischen auch seinen Bruder Wilhelm durch den Tod verloren hatte, nach Berlin zurück. Er fand dort viele und große Veränderungen, welche seinen lebhaften Geist nach entgegengesetzten Richtungen hin auf das ernsteste bewegten. Die Revolution, deren furchtbares Auftreten in dem geliebten Oesterreich ihn heftig erschüttert hatte, war für Preußen, nachdem die National-Versammlung aufgelöst worden war, von großen Folgen begleitet gewesen. Am 5. December 1848 wurde eine Verfassung mit dem Zweikammer-System octroyirt. Im Februar 1850 wurde die Verfassung revidirt und vom König und den Kammern feierlich beschworen. Was Eichendorff fast fünfzehn Jahre vorher als unnöthig dargestellt hatte, war nun, mit dem Blute des Volkes niedergeschrieben, zu einem gegenseitigen Vertrag zwischen Fürsten und Volk geworden, zu einem Vertrag, den Friedrich Wilhelm IV. sein Leben lang bedauerte. Wie Eichendorff über die Begebenheiten des Jahres 1848 dachte, bedarf kaum einer Kennzeichnung. Seine Gesinnung gibt sich lebhaft kund in den Sonetten „Die Altliberalen", „Ihr habt es ja nicht anders haben wollen", „Kein Pardon" und in dem schönen „Das Schiff der Kirche". Noch schärfer tritt Eichendorff's politische Gesinnung hervor in dem prächtig erfundenen witzsprühenden Märchen „Liberias und ihre Freier", welches im Jahre 1849 entstanden ist. Wir sind in einem finstern Walde, wo in ziemlich verrufener Gegend ein Schloß liegt, von dessen Bewohnern Niemand etwas kennt. Nachts hört man häufig gewaltiges Rumoren in den weiten Hallen, so daß das Schloß in den Ruf großer Spukerei gekommen ist. Bewohnt wird es von dem ehemaligen Staatsbürger, jetzigen Baron Pink ns, der auf einem Trödlermarkt in Berlin den ganzen Nachlaß des seligen Nicolai gekauft hat, jetzt in Ideen macht und eine Gedanken-Dampffabrik angelegt hat. lieber Nacht erscheint nun plötzlich eine schöne Frau, Liberias, welche gekommen ist, ihre Heimath, die dichten Wälder, noch ein Mal zu besuchen, und mit ihrem Erscheinen regt es sich wundersam in Dickicht, Park und Schloß. Pinkus erschrickt und läßt die Landstreicherin schleunigst verhaften und in ein Arbeitshaus führen. Um diesen großen Sieg aber würdig zu feiern, veranstaltet er ein großes Renaissancefest. Die Geschichte macht in ganz Deutschland großes Aufsehen; alle Spatzen plaudern es von den Dächern, und so erfährt es auch der äußerst gelehrte Doctor Magog, der sich ohne weiteres auf den Weg in den Urwald begibt, um die Gefangene zu befreien. 100 Unterwegs begegnet er unverhofft seinem Freunde Rüpel, dem ungeschlachten Riesen, der eben ein unmäßiges Vergnügen daran hat, seine eigenen Kinder aufeinander zu Hetzen. Zwischen Beiden beginnt nun das folgende, höchst charakteristische und bitter satirische Gespräch. „Herr Rüpel," sagt Magog, „ich bin ein Biedermann und kenne kein Hofiren und keinen Hof, als den Hühnerhof meiner Mutter; aber das muß ich Ihnen rund heraussagen: Ihre Macht und Gesinnungstüchtigkeit ist durch ganz Europa eben so berühmt als geschätzt und eben so geschätzt als gefürchtet. Darum wende ich mich vertrauensvoll an Ihr großes Herz und rufe: Wehe und abermals wehe! die Liberias ist geknechtet! — Wollen wir das dulden?" — „Liberias? Wer ist die Person?" fragte Rüpel. — „Liberias?" erwiderte Magog, „Liberias ist die Schutzpatronin aller Urwälder, die Patronin dieses langweiligen — wollte sagen: altheiligen Waldes." — „I bewahre," fiel ihm hier die Riesin in's Wort, „unsere Grundherrschaft ist das gnädige Fräulein Sibylla da draußen." -— „Was? die mit den Papilloten und großen Haubenschachteln?" rief Magog, den dieser unerwartete Einwurf ganz aus dem Con- cept gebracht hatte. Aber er faßte sich bald wieder. „Grundherrschaft!" fuhr er fort, „schützt die Grille Krokodile, der Frosch das Rhinoceros, der Weißfisch den Haifisch? — Wer die Macht hat, ist der Herr, und Ihr habt die Macht, wenn die Liberias regiert, und habt die Macht nicht, wenn die Liberias gefangen ist, und die Liberias ist gefangen — ich frage also nochmals: wollen wir das dulden?" Er beredet nun den Riesen, mit ihm auf die Befreiung der schönen Liberias auszugehen; sie solle dann seine (Magog's) Gemahlin, und Rüpel Beider Haushofmeister werden, so daß es ihm an nichts mehr fehlen könne. Rüpel geht darauf ein und ruft zum Abschied seinem schluchzenden Weibe zu: „Du sollst von mir hören!" Auf dem Wege zum Schlosse des Barons Pinkus wird Magog immer fideler; denn er sieht, daß er den Ungeheuern Knochen seines Begleiters vertrauen darf, und singt sogar sein Leiblied: Von des Volkes uiwerjährbarcn Rechten Und der Tyrannen Attentaten, Die die Völker oerdummen und knechten, Fürsten, Pfaffen und Bureaukraten. Sie erleben unterwegs manches seltsame Abenteuer. So begegnet ihnen eine Reihe schöner Elfen, denen eine majestätische Dame folgt. Als sie von den beiden Wanderern hört, daß sie Frau Liberias zu befreien beabsichtigen, lacht sie laut auf und eilt davon. Endlich kommen sie dem Schlosse nahe. „Da sahen sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung auf ein Mal einen glänzenden Punkt sich wie eine Sternschnuppe über's Feld bewegen. Es kam immer näher, und bald konnten sie deut- 101 lich unterscheiden, daß es eine Frauengestalt, und die Sternschnuppe eine glimmende Cigarre war, die sie im Munde hielt. Sie kam, wie es schien, in großer Angst vom Schlosse gerade auf sie dahergeflogen: eine prächtige Amazone mit Schärpe, Reitgerte und klingenden Sporen, ein zierliches Reisebündel unter dem Arme. Jetzt stand sie athemlos dicht vor Magog, den sie beinahe umgerannt hätte. — »Mein Ideal!« rief sie da plötzlich ans, und »Liberias!« schallte es aus Magog's entzücktem Munde herüber. Sie hatten einander im Augenblick erkannt; ein ge- heimnißvoller Zug gleichgestimmter Seelen riß Herz an Herz, und in einer langen, stummen Umarmung ging ihnen die Welt unter und die Ewigkeit aus. — Unterdessen war auch Rüpel neugierig zwischen den Bäumen hervorgetreten; da erschrak die Dame sehr und sah ihn scheu von der Seite an. Rüpel aber, dem ihr neckisches Wesen gefiel, wurde auf ein Mal sehr galant, wollte ihr seine Bärenhaut unterbreiten und sie in seinem Futtersack durch den Wald tragen, ja er versuchte sogar in seiner Lustigkeit, auf dem Rasen eine Menuett auszuführen, die er einst die alte Urtante hatte tanzen gesehen. Nun wurde auch die Dame wieder ganz vertraulich und erzählte, wie sie es auf dem barbarischen Schlosse nicht länger habe aushalten können; dann gerieth sie immer mehr in sichtbare Begeisterung und sprach von Tyrannenblut, von Glaubens-, Rede-, Preß- und allen erdenklichen Freiheiten. Da hielt sich Magog nicht länger, reckte zum Treuschwure den Arm hoch zu den Göttern empor, reichte ihr darauf die Rechte und verlobte sich sogleich mit ihr, und Rüpel schrie in einem fort »Vivat!« dazu." Nun entsteht aber Lärm im Schlosse; Pinkus und die Dienerschaft stürzen hinaus, und es ertönt der bange Schrei: Liberias ist entwischt! Rüpel schlägt sich mit ihnen herum und siegt nach langem Kampfe; als er sich dann aber nach den beiden Liebenden umsieht, sind sie verschwunden — er hat von der ganzen Befreiung der schönen Dame nichts gehabt als einige derbe Püffe und ein paar neue Löcher in seine alte Wildschur. Aber auch Magog ist der Geleimte. Die Dame, welche er entführte, war gar nicht Frau Liberias — diese war jene schöne Dame, welche ihnen unterwegs begegnete und über ihr Vorhaben, Frau Liberias zu befreien, gelacht hatte. Magog hatte Niemand anders entführt als die Pinkus'sche Silberwäscherin Marzebille, ein herzhaftes Frauenzimmer, das schon früher als Marketenderin mit den Aufklärungs-Truppen durch Dick und Dünn fortgeschritten war. Magog hatte sich mit ihr heimlich entfernt, weil er gar nicht daran dachte, den harmlosen Rüpel für seine vermeintlichen guten Dienste zu belohnen. Die wahre Liberias dagegen hat noch Niemand aufgesunden, obgleich sich Viele um sie bemüht haben. 102 Wie man sieht, sind die Anspielungen recht durchsichtig, und das Ganze ist geistreich erdacht, wenngleich der Schluß in der Verwechselung der Damen dem Ausgang in dem „Taugenichts" und in „Viel Lärmen um Nichts" ähnelt. Die Ausführung ist überaus anziehend, ein wahres Feuerwerk von Humor und Witz, so daß man dies Märchen, welches Eichendorff selbst nicht veröffentlicht hat, zu den besten Erzeugnissen des Dichters rechnen darf. Es ist eine Satire im großen Stil, welche stets ihren Werth behalten wird, weil die Zustände, auf welche sie sich bezieht, dauern werden bis an's Ende der Welt. Eichendorff widmete noch eine beträchtliche Anzahl von Gedichten den Zeitereignissen,- er hat sie aber aus Gründen, die wir nicht kennen, in seinen letzten Lebensjahren vernichtet. In Berlin weilte Eichendorff bis in das Jahr 1855; fünf Jahre glücklicher Ruhe und eifriger schriftstellerischer Arbeit waren es für ihn, so daß er einem Verwandten schreiben konnte: „Möge dir der Himmel dereinst auch ein so ruhiges uud zufriedenes Alter beschceren wie mir." Zu seinen intimern Freunden gehörten in jener Zeit u. A. Savigny, Joseph von Radowitz, Peter von Cornelius und August Reichensperger. Letzterer schreibt darüberZ: „Er und seine Gemahlin, eine schlichte, gutherzige Dame, wohnten damals bei ihrem Schwiegersohn Hauptmann von Besserer und ließen sich die Erziehung der Kinder desselben angelegen sein. Eichendorff, eine zarte, schmächtige Erscheinung, war überaus anspruchslos, fast könnte man sagen, an Schüchternheit grenzend, übrigens von sehr angenehmen, gewinnenden Formen. Dem Gesellschaftsleben blieb er fern; nur ein Mal vermochte ich ihn, auf den Wunsch des Ehepaares Savigny (Mw.) bei demselben einen Thee-Abend zuzubringen, was ihn eine gewisse Ueberwindung kostete." Während der Sommermonate flüchtete Eichendorff aus der glühenden Hitze Berlin's in das sogenannte Kuhländchen am Fuße der Karpathen, wo seine Familie bei Sedlnitz noch einen alten Lehnssitz besaß. Hier in der kräftigenden Luft hat er viel gedichtet und geschrieben, was von einep wunderbaren Geistesfrische Zeugniß gibt. Besonders beschäftigte er sich mit der Entwickelung der deutschen Litteratur und mit der Geschichte des Drama's, so daß er im Jahre 1851 eine Monographie „über den deutschen Roman des 18. Jahrhunderts in seinem Verhältniß zum Christenthum" sowie 1854 eine Sammlung von Abhandlungen: „Zur Geschichte des Drama's" erscheinen lassen konnte. Zwischendurch liefen eifrige Studien zu einer „Geschichte der poetischen Litteratur Deutschlands", welche er indeß erst 1856, ein Jahr vor fl Nach einer zeitigen Mittheilung des verehrten Herrn. 103 seinem Tode, und erst auf unablässiges Drängen seines Freundes August Reichensperger herausgab. Eichendorff gehört als Literaturhistoriker zu unfern besten Schriftstellern und bietet eine eigenthümliche interessante Erscheinung. Seine Bücher gehören ohne Zweifel zu den lehrreichsten und geistvollsten ihrer Art und gewähren eine außerordentlich anziehende Lectüre. Aber ihren Zweck erfüllen sie doch nur bedingt, gewiß thut es die Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands nicht. Eichendorff verschmäht alles biographische und bibliographische Material, er ist nicht gewissenhaft in der chronologischen Reihenfolge und zeigt nirgend das Bestreben nach wenigstens relativer Vollständigkeit. Dem gelehrten Bedürfniß genügen seine literatur-historischen Schriften daher nicht, aber sie geben das Abbild eines sehr bedeutenden Geistes und somit eine werthvolle Ergänzung jeder andern Literaturgeschichte. Mehr wollte Eichendorff auch nicht; wissenschaftliche Werke zu liefern lag nicht in seiner Absicht, er wollte nur feine Gedanken über die Haupt- richtuugen der Literatur und 'deren Vertreter zum Ausdruck bringen. So sagt er selbst: „Unsere ganze neuere Geschichte ist durchaus revolu- tionair, ein Kampf des Alten und Neuen. In diesem idealen Kampfe um die Zukunft ficht die Literatur im Vordertreffen: Gedanken, gleichviel ob gesunde oder verkehrte, sind ihre Schwerter, ihre Macht die ewig schwankenden, leicht bestimmbaren Massen. Nun wird aber Der am wenigsten über den Gang eines Krieges sich orientiren können, den man mitten in das Getümmel und den Pulverdampf hineinstellen wollte. Es wird mithin auch hier weder auf ängstliche Jahreszahlen, noch auf die ästhetische Bravour Einzelner, sondern vielmehr darauf ankommen, mit möglichster Beseitigung des bloßen Pulverfutters, die durch hochmüthige Schulweisheit, moderne Vorurtheile und willkürliche Systeme aufgewirbelten Staubwolken zu theilen, welche die Hauptrichtungen und Evolutionen verschleiern." Die Richtungen in der Literaturgeschichte mehr zu betonen als die Personen, ist mehrfach Brauch geworden. So faßt sie der Eine vielleicht im Zusammenhänge auf mit der politischen Entwickelung eines Volkes. Dadurch treten von vornherein die Personen in den Hintergrund, die Erscheinungen der Literatur ordnen sich von selbst zu zusammengehörigen Gruppen, die sich als von der Politik bezw. dem Zeitgeist beeinflußt darstellen. Ohne Zweifel gewinnt dadurch das vom Literaturhistoriker zu entwerfende Bild an Vielseitigkeit und Bedeutung. Eichendorff dagegen findet den Urgrund aller geistigen Bewegungen im Leben einer Nation in der Religion. „Alle Poesie," sagt er*), „ist nur der Aus- y Poct. Litteratur, I 112. 104 druck, gleichsam der seelische Leib der innern Geschichte der Nation; die innere Geschichte der Nation aber ist ihre Religion; es kann daher die Litteratur eines Volkes nur gewürdigt werden im Zusammenhänge mit dem jedesmaligen religiösen Standpunkt derselben." Eichendorff greift also tiefer als die meisten Literaturhistoriker es thuu, er schreibt nicht allein Geschichte der Poesie, sondern gleichzeitig des geistigen Lebens unseres Volkes. So hat er in feiner Literaturgeschichte die deutsche Poesie bis zum Zeitalter der Romantik in folgender Weise gruppirt: I. Das alte nationale Heidenthum. II. Kampf und Uebergang. III. Die christliche Poesie. IV. Weltliche Richtung. V. Die Poesie der Reformation. VI. Die Poesie der modernen Rcligiousphilo- sophie. Noch schärfer, weil er den Stoffkreis enger gefaßt, erscheint die Eintheilung in „Der deutsche Roman des 18. Jahrhunderts .in seinem Verhältniß zum Christenthum": die Naturreligion, die Religion der Moral und der Pietismus, die Vernunft-Religion, die Humanitäts-Religion, ästhetisches Christenthum und Antichristenthum. Die Vorzüge eines solchen fast ausschließlich eingenommenen Standpunktes sind groß, aber er hat auch seine Nachtheile. Es ist gewiß, daß nicht ein jeder Dichter so sehr unter dem Einfluß der Religion — mag er ihr freundlich oder feindlich gegenüber stehen — geschrieben hat, daß ihre Spuren sich in seinen Werken deutlich zu erkennen geben. Wer sich nun bei Beurtheilung der Poesie auf den religiösen Standpunkt stellt, und diesen ausschließlich sesthält, muß die Betrachtung eines Dichters einrichten nach dessen Stellung zur Religion, und so kann es kommen, daß ein minder bedeutender Dichter sehr berücksichtigt wird, weil seine Stellung zur Religion eine besonders stark ausgesprochene war, während ein größerer mehr zurücktritt. So entstehen Unebenheiten und Mißverhältnisse, welche bei Eichendorff deutlich hervortreten. Anderseits sind Verschiebungen und Wiederholungen kaum zu vermeiden, da die Werke eines Dichters in ihrer Reihenfolge eine Verschiedenheit der geistigen Richtung zeigen können. So nimmt die romantische Schule, welche, so glänzend sie auch auftrat, eine dauernde Wirkung nicht ausgeübt hat, bei Eicheudorff einen ganzen Band ein, während die vorromantische sich mit demselben Raum begnügen muß; und während bei den Romantikern Zacharias Werner dreißig Seiten gewidmet sind, erhält der weit bedeutendere und bahnbrechende Novalis nur dreiundzwanzig. Lessing, dessen ästhetisch-kritische Thätigkeit neuen Anschauungen Raum erobert hat, kommt in der Litteraturgeschichte zu kurz, und Goethe und Schiller finden entschieden nicht die Beachtung, welche ihnen als unsern größten Dichtern zukommt. Am einheitlichsten und besten durchgearbeitet in der Geschichte der poetischen Litteratur Deutschlands ist die Abhandlung über die romantische Schule, welche mit voller Beherrschung des umfangreichen Materials geschrieben ist. Die Genesis der Romantik findet allerdings eine nur oberflächliche Darstellung, aber die Portraits der romantischen Größen sind mit vieler Liebe ausgemalt, ohne daß den Originalen geschmeichelt wird. Indessen zeigt sich doch an vielen Stellen, ja, es durchzieht das Ganze wie ein rother Faden die Liebe und Bewunderung für diese kurze Erneuerung des deutschen christlichen Geistes, durch welche eine scharfsinnige Kritik nicht eben begünstigt wird. „Eichendorff war," meint Iff Baumgartner'), „so will uns scheinen, zu sehr selbst Romantiker und trug den Hauch der Poesie zu sehr in Leben und Kritik hinein, um das innere Wesen der Romantik maßvoll nach nüchterner Objectivität darstellen zu können." Eine ausgezeichnete Arbeit haben wir jedoch in dem Werke über den deutschen Roman des 18 . Jahrhunderts. Das Material ist ein weitschichtiges und umfaßt nahezu vollständig alle bedeutendem Erscheinungen auf dem Gebiete des Romans, welche das genannte sehr schreibselige Jahrhundert zeitigte. Der innere Zusammenhang ist fest, die Gruppirung übersichtlich und gut geordnet, so daß wir ein anziehendes Bild des Kampfes zwischen Aufklärung und Christcnthum erhalten, der die zweite 'Hälfte des 18 . Jahrhunderts durchtobte. Dagegen erscheint „Zur Geschichte des Drama's" mehr als eine Sammlung von einzeln verfaßten , Aufsätzen. Es dürfte wenige litteraturhistorische Werke geben, welche ihren Stoff mit mehr Geist, mit mehr Einsicht in das Wesen der Poesie und der dichterischen Production behandeln, als die in Rede stehenden. Eichendorff gibt eine Fülle von tiefsinnigen Betrachtungen über die Dichtkunst, über ihr Verhältniß zu Religion und Politik wie über den Dichter und seine Stellung zu den höchsten Fragen der Menschheit, Betrachtungen, welche den Gegenstand hell beleuchten und neue Anschauungen in uns erwecken. Ueberall gibt sich eine hohe Vorstellung von der Aufgabe des Dichters kund, welchem Eichendorff im geistigen Leben der Völker eine wichtige Stellung zuweist. Nicht minder bedeutend und fruchtbar für die Poetik sind Eichendorff's Bemerkungen über die Arten der Dichtkunst, welche er in die Besprechung der hervorragendsten Dichtungen verwebt. Sie sind freilich stets allgemeiner Natur und dringen nicht in das Technische der Dichtkunst ein; das beeinträchtigt ihren Werth jedoch nicht. Jungen Dichtern mit christlicher Gesinnung dürfte nichts eindringlicher ff Stimmen aus M. Laach, XIII 471. 106 empfohlen werden als die Lectüre der hier genannten Werke; sie wird ihnen von der Würde der Poesie einen hohen Begriff beibringen und sie vor frivoler Spielerei mit ihrem Talente bewahren. XII. Wir haben der Zeit glücklicher Muße, welcher sich Eichendorff in seinen letzten Lebensjahren in Berlin hingeben konnte, auch noch drei epische Gedichte zu verdanken, welche bis jetzt nicht die verdiente Aufmerksamkeit gefunden haben. 1853 erschien das Epos „Julian", dessen Held der gleichnamige Apostat ist. Wir begegnen ihm zuerst, als er von einem siegreichen Feldzug gegen die Germanen zurllckkehrt und von seinem kaiserlichen Oberherrn Constantius den Befehl erhält, den besten Theil seines Heeres zurückzusenden nach dem Orient. Aber die ihrem Feldherrn blind ergebenen Truppen rufen ihn selbst zum Kaiser aus, und vereint mit ihnen zieht er gegen Constantius. Es kommt nicht zu einem Kampfe, denn Constantius stirbt. Julian ist nun Alleinherrscher, und sofort beginnt er den Kampf gegen das Christenthum für seine geliebten heidnischen Götter, obgleich der greise Severus ihn beschwört, dem Götzendienst zu entsagen. Julian befindet sich völlig im Banne der heidnischen Dämonen, welche der Dichter in der berückenden Gestalt Fausta's verkörpert hat. So geht er dem Verderben entgegen, welches ihm. vom Perserkönig droht. Er kämpft und füllt. In „Robert und Guiscard" (1855) dagegen führt uns der Dichter in die Zeit der ersten französischen Revolution zurück. Er gibt allerdings nur Andeutungen über die Zeit der Handlung; diese sind aber so bezeichnend, daß ein Zweifel nicht übrig bleibt. Robert und Guiscard sind Brüder. Der erstere hat den revolutionairen Geist der Zeit begierig in sich eingenommen und vertheidigt eifrig die neuen umwälzenden Ideen, während Guiscard den Ueberlieferungen seiner Ahnen treu bleibt. Robert, der aus seinen Neigungen kein Hehl macht, scheidet von seinem Vater in Hellem Zwist, den beizulegen auch dem Zureden des mild gesinnten Bruders nicht gelingt. Er geht nach Paris und stürzt sich in die Wogen des revolutionairen Treibens. Das Volk erstürmt das Schloß, Robert eilt als Anführer allen voran und ersticht den Hauptmann, der sich den Empörern muthig entgegenstellt. Es ist sein Bruder Guiscard! Mit tiefem Grauen erkennt Robert, welcher Unthat er sich schuldig gemacht und wirft sich, von Gewissensbissen gefoltert und von Verzweiflung getrieben, nunmehr der Empörung völlig in die Arme. Er steckt endlich sein väterliches Schloß in Brand nnd findet selbst nnter den zusammen- stürzenden Mauern sein Ende. Guiscard aber, den Robert als einen Todten betrauert hatte, war seinen Wunden nicht erlegen. Die schöne Maria, Tochter des Gärtners von seinem väterlichen Schlosse, war ihm liebebefangen in männlicher Kleidung gefolgt und hatte den Verwundeten in Sicherheit gebracht. Sie wird, nachdem er genesen, seine Gattin. Das bedeutendste der drei epischen Gedichte haben wir in „Lucius", welches 1857, wenige Monate vor des Dichters Tode erschien. Wir sind im alten Rom. Die schöne Tänzerin Julia, welcher die hervorragendsten Geister ihre glühenden Huldigungen darbringen, sieht von ihrem Schlosse aus unter einer Schaar heimkehrender siegreicher Krieger ihren frühem Geliebten Lucius wieder, welcher an der Spitze seines Fähnleins reitet. Er erkennt sie und fragt sich erstaunt, wie sie auf jenes Schloß gekommen. Auch sein Kampfgenosse Nerva hat sie gesehen und ist von ihrer Schönheit wie geblendet. Einem dritten Genossen wird bei ihrer Ankunft in Rom ein bitterer Empfang bereitet: Stephan muß sehen, wie sein Christ gewordener Sohn auf Befehl des Kaisers Domitian im Circus sein junges Leben aushaucht. Lucius erkundigt sich sofort nach seiner Ankunft in Rom nach Julia und hört zu seinem Schmerze, daß sie der Schande anheim gefallen. Julia fühlt, daß sie jetzt auf die Liebe des kühnen Heerführers nicht mehr rechnen dürfe und daß sie seine Verachtung auf sich geladen — so wandelt sich ihr kurzer Schmerz in bittern Haß um, und sie gibt dem um ihre Liebe flehenden Nerva zu verstehen: „Erst wenn die Todesschaucr ihn umnachten, Kehr' über seine Leiche du zurück, Der Kühnste nur gilt fortan meinem Herzen, O süßer Wahnsinn, wilde Lust der Schmerzen." Nerva ist wie erstarrt ob dieser Worte und stürzt besinnungslos fort. In der Nacht wird Domitian von Stephan's Hand erschlagen, und Lucius, der Nerva die Nachricht bringt, läßt diesen schwören, daß er nicht nach eitler Ehre streben wolle, sondern daß sie vereint dahin wirken möchten, Rom's strenge Tugend wieder herzustellcn. Am andern Tage aber hat Nerva, eingedenk der verführerischen Worte Julia's, seinen Schwur vergessen: er wird vom Volke zum Kaiser ausgerufen und bestimmt Lucius zu seinem Mitregenten. Lucius kann die Würde nicht übernehmen, denn Niemand weiß ihn zu finden. Julia hat inzwischen allen Schmuck abgelegt und alle Gesellschaft verbannt, da die Reue in ihr wieder die Oberhand erhalten. In einfachem Gewände mischt sie sich unter das Volk und hört zu ihrem Entsetzen immerfort den Namen ihres einstigen Geliebten rufen und gleich- 108 zeitig Wuthausbrüche gegen die Christen. Sie erschrickt, denn da sie weiß, wie sehr Lucius dem Christenthum geneigt ist, meint sie, man wolle ihn deshalb zum Tode führen. Sie will ihn suchen, aber sie kann nichts thun, als sich von dem wild bransenden Sturm der erregten Menge weiter tragen lassen. Lucius schweift inzwischen mit seinem treuen Diener Guido, welcher ein eifriger Christ ist, auf dem weiten Felde umher und gelangt mit ihm an eine Höhle, in welcher die Christen heimlich ihren Gottesdienst halten. Aus der Ferne dringt zu ihnen der wüste Lärm des fanatisirten Pöbels, welcher blutlechzend der Höhle zustrebt. Da kommt es wie eine Offenbarung über Lucius: er fühlt sich von dem neuen Glauben überwältigt und stellt sich vor dem Eingang der Höhle auf, um seine eben erworbenen Glaubensbrüder zu vertheidigen. Schon blutet er aus mehrern Wunden, als aus der Schaar des Volkes ein schönes Weib sich loslöst und ihm entgegenstürzt. Es ist Julia. An seiner Seite empfängt sie den Todesstreich, und Arm in Arm sinken die Liebenden nieder. An ihren Leichen aber schwört Nerva den Christen Frieden und Freiheit. An allen drei Gedichten haben wir denselben Mangel zu beklagen, der in mehr oder minder hohem Grade allen größern Schöpfungen Eichen- dorff's eigen ist: den Mangel an genügender Motivirung der Scelen- bewegungen. Jnlian's Rückkehr zum Heidenthum, sein blutgierig hcrvor- brechender Haß gegen die Anhänger des Nazareners ist weder durch seinen Charakter noch durch sein Vorleben genügend begründet, auch erscheint sein Tod nicht als nothwendige Conseqnenz seines Handelns. Denselben Mangel finden wir in „Lucius". Daß er dem Christenthum geneigt ist, sagt der Dichter allerdings, indessen ist diese Neigung nicht so tief begründet, daß sie den plötzlichen Umschwung in der Gesinnung des Titelhelden genügend rechtfertigt. Auch wird uns nicht recht klar, weshalb Lucius seinem Waffengenossen Nerva zürnt, als dieser, dem Rufe des Volkes folgend, den Thron besteigt. Die in dem Schwur enthaltenen Versicherungen sind nicht derart, daß sie die Annahme einer Krone unbedingt ansschließen. Und endlich ist das Verhältniß Jnlia's zu Nerva allzu unbestimmt. Als er sie zuerst aufsucht, treibt ihn nichts als heiße Begier, später aber scheint er sie wie ein Ideal erringen zu wollen. Das sind unangenehm auffallende Schwächen an den Gedichten. Und doch verdienen diese letzten Erzeugnisse der Eichendorff'schen Muse entschieden Beachtung. Zunächst in formeller Beziehung. Wenn wir es an seinen lyrischen Gedichten tadeln mußten, daß er der Form nicht die gebührende Beachtung schenkt und sie häufig genug durchbricht, so müssen wir hier die strenge Beachtung der rhythmischen Regeln rühmen, welche sich mit der gewohnten süßen Melodie seines Versbaues vereinigt. 109 In dieser Beziehung stehen „Robert und Guiscard" sowie „Lucius", welche beide in fünffüßigen Jamben geschrieben sind, von denen sechs sich zu einer Strophe zusammenschließen — Reimspiel a b a b o o — über allen Producten unseres Dichters in gebundener Rede. „Julian" zeigt kaum mindere Kunst, macht aber nicht denselben wohlthuenden Eindruck, weil das Versmaß mit jedem Gesänge wechselt. Es scheint fast, als habe der Zwang der gebundenen Rede auf Eicheudorff's Compositionsweise einen günstigen Einfluß ausgeübt, denn die drei Gedichte bewegen sich in festern Formen und sind ziemlich frei von jener romantischen Zerfahrenheit, welche charakteristisch ist für Eichen- dorff's Erzählungen. Die Ereignisse — deren Erfindung nicht eben kunstvoll ist — entwickeln sich stetig und glatt und sind ganz geeignet, den Leser zu fesseln. In der Charakterzeichnnng vermögen wir einen Fortschritt nicht zu erkennen. Mannhafte Charaktere, welche ein festes Wollen beseelt, finden wir hier so wenig wie in den Novellen; allen ist eine gewisse Weichheit eigen, welche beim Leser große Wirkungen nicht zu erzielen vermag. Aber innerhalb dieser Grenzen verdienen die Gedichte alle Beachtung. Und über diese Vorzüge hinaus werden sie immer Zeugniß ablegen für die wunderbare Frische des fast siebenzigjährigen Dichters. lieber vierzig Jahre hatte Eichendorff in glücklichster Ehe gelebt, die nur durch den Verlust zweier im zartesten Lebensalter gestorbener Kinder getrübt wurde. Im Frühjahr 1855 bildete sich bei Eichen- dorfs's Gattin ein Leberleiden aus, welches schon bald einen gefährlichen Charakter annahm, so daß der Dichter sie aus dem Strudel der Hauptstadt in die ländliche Ruhe bei Cöthen brachte. Indessen schaffte ihr die Ortsveränderung keine Linderung, und die Aerzte drangen auf den schnellen Gebrauch von Karlsbad. Eichendorff, dessen Besorgniß für die treue Lebensgefährtin keine Grenzen kannte, reiste sofort — Anfang Juni 1855 — mit ihr dahin ab und verweilte in Karlsbad zwei Monate an ihrer Seite. Der Gebrauch des heilkräftigen Wassers hatte auf den Zustand der kranken Frau einen sehr günstigen Einfluß, der auch noch einige Monate nach ihrer Rückkehr seine Wirkung ausübte; als aber im November desselben Jahres ein schwerer Rückfall eintrat, sahen beide Gatten wohl ein, daß die Stunde der Trennung herannahe. Die Kranke verlangte sehnsüchtig zu ihrer Tochter nach Neiße gebracht zu werden, wohin deren Mann inzwischen versetzt worden war. Als sie aber nach einer langsam mit aller Schonung ausgeführten Reise dort angekommen war, lebte sie nur noch wenige Wochen; am 3. December , hauchte sie in den Armen ihres verzweifelnden Gatten ihre Seele ausH Für Eicheudorff war nun der irdische Mittelpunkt seines Lebens und Denkens dahin, und gern gab er den Bitten seiner Tochter nach, 110 seine letzten Lebenstage bei ihr in Neiße zu verbringen. Zwei Jahre waren ihm noch vergönnt, die er ans einem nahe der Stadt gelegenen Landhause verlebte. Die alte Gewohnheit, Feld und Wald in tüchtigen Spaziergängen abzustreifen, behielt er bis an sein Ende bei und bewahrte sich dadurch ein verhältnißmäßig gutes körperliches Befinden. Zwei Sommer, die des Jahres 1856 und 1857, verbrachte er auf Schloß Johannesberg, der bekannten fürstbischöflichen Residenz in Oester- reichisch-Schlesien, wohin ihn der Fürstbischof von Breslau, Dr. Heinrich Förster, eingeladen hatte. Welche große geistige Frische sich Eichendorff bis in sein hohes Alter bewahrt hatte, geht auch aus den litterarischen Arbeiten hervor, welche er in den letzten beiden Jahren seines Lebens entweder veröffentlichte oder dem Pulte einverleibte. Seiner Geschichte der poetischen Litte- ratur Deutschlands, welche 1856 erschien, haben wir bereits gedacht. Er hat das seit langer Zeit gesammelte Material in diesen Jahren verarbeitet und geordnet. Wenn er seine Studien auch mit den Romantikern abschloß, so widmete er doch den später hervortretenden poetischen Erscheinungen große Aufmerksamkeit und ermunterte manche junge Dichter, die sich gern mit ihren Prodnctionen an den liebenswürdigen alten Herrn wandten, zu weiterm Schaffen. Im Ganzen mutheten ihn die neueren Richtungen in der Poesie nicht an, wie dies aus einem am 9. Juli 1857 an den nunmehr verstorbenen Dichter Friedrich Wilhelm Grimme gerichteten Briefe hervorgeht. Er lobt dessen ihm zur Prüfung eingesandten Gedichte sehr und fügt hinzu: „Ich kann schließlich nur sagen, daß mir der unmittelbar frische.Klang, der wie ein Frühlingshauch durch Ihre Romanzen weht, sowie das plastische Naturgefühl überaus wohlthuend war in einer Zeit, wo einerseits die courfähige Sentimentalität der Putlitz, Gräfin Schwerin, in ihren: »Was sich der Wald erzählt« u. s. w. und anderseits das weinerliche Geleier von Redwitz und Consorten alle Poesie zu verhimmeln droht." Ganz besonders beschäftigte sich Eichendorff mit einer Lebensbeschreibung der h. Hedwig, der Landespatronin von Schlesien, zu welcher Fürstbischof Heinrich Förster ihn angeregt hatte. „Der Gegenstand hatte für Eichendorff viel Anziehendes, und er unterzog sich der Arbeit, die vorhandenen geschichtlichen Quellen sorgfältig zu Rathe ziehend, mit großer Liebe. Hedwig .... sollte ganz in ihrer heroischen Größe, als strenge Heldengestalt und demüthige Büßerin, nach ihrem innern und äußern Wandel, sowie in ihrer sittlichen und politischen Bedeutung für Schlesien dargestellt werden" ^). Es war dem Dichter aber nicht vergönnt, ff Giitigst mitgctheilt von vr. Fr. Grimme. — ?) iv 589. das groß angelegte Werk zu vollenden. Auch blieb ihm nicht mehr die Zeit, seine Lebenserinnerungen vollständig niederzuschreiben, welche gewiß zu den bedeutendsten selbstbiographischen Denkmälern hätten gezählt werden müssen; er vollendete nur die beiden Abschnitte: „Deutsches Adelsleben am Schluß des 18. Jahrhunderts", sowie „Halle und Heidelberg", welche nach seinem Tode in den „Vermischten Schriften" Aufnahme gefunden haben. Der letzte, frisch und anschaulich entworfene Bilder aus dem Universitätsleben enthaltend, zeigt uns namentlich, was wir an den Lebenserinnerungen des Dichters verloren haben. Auch auf dichterischem Gebiete hat Eichendorff viel Unvollendetes hinterlassen, so „eine Erzählung in Versen, den gewaltigen Kampf der Reformationszeit in dem Ringen zweier großartigen energischen Charaktere darstellend, — ein episches Gedicht, dessen Held Johannes von Gott, Gründer des Ordens der barmherzigen Brüder, — ein Idyll, komisch und parodirend, »aus der alten guten Zeit des Zopfes«, — »Aus dem Tagebuche eines Einsiedlers«, in charakteristischen Erlebnissen, Betrachtungen, Ansichten über Vergangenheit und Gegenwart und die wahren ewigen Aufgaben alles Menschenlebens — und anderes, alles nur zum Theil und in den ersten Umrissen ausgeführt" st. Im Spätherbst des Jahres 1857 verweilte Eichendorff, der den Sommer bei seinem jüngsten Sohne in Mähren verlebt hatte, wieder einige Wochen auf Johannesberg bei seinem Freunde Fürstbischof Heinrich, der ihn dies Mal, wie wenn er geahnt hätte, daß es der letzte Besuch des Dichters sei, schmerzlich bewegt entließ. In der That sollte Eichendorff nur noch wenige Wochen unter den Lebenden weilen. Anfang November befiel ihn eine heftige Erkältung, welche sich nach wenigen Tagen zu einer Lungenentzündung ausbildete. Am 18. November legte der Dichter sich zu Bett, welches er nicht wieder verlassen sollte; denn bald trat eine rasche Abnahme der Kräfte ein, welche durch einen, augenblickliche Erleichterung versprechenden Aderlaß noch gesteigert wurde. Der Kranke bewahrte eine bewundernswerthe Fassung und empfing mit großer Andacht die h. Sterbesakramente. Die Krankheit nahm nunmehr einen raschen Verlauf und nahte sich, wie der Dichter und seine Angehörigen wohl einsahen, einem tödtlichen Ende. Bald verlor er zeitweise das Bewußtsein und verfiel in heftige Delirien, welche seinen Geist in die Zeit der Jugend zurückversetzten. Am 26. November trat eine verhängnißvolle Ruhe ein, der Kranke lag, nur unmerklich athmend, wie schlafend auf seinem Bette — in banger Erwartung umgaben ihn alle seine Angehörigen, welche sich auf die Nachricht von seiner 112 schweren Erkrankung nach Neiße begeben hatten, und am Nachmittag gegen 5 Uhr entschlief er sanft und ohne jeden Todeskampf. Am 30. November, Morgens 9 Uhr, senkte man den „letzten Ritter der Romantik" in die kühle Gruft hinab, lieber seinem Haupte rauschen jetzt die Linden, deren stillen Reiz er so oft gefeiert. Ein einfacher Grabstein auf dem schönen Friedhof St. Jerusalem zu Neiße bezeichnet die Stelle, wo einer der edelsten Geister unserer Nation, einer der gemüth- vollsten Dichter und einer der besten Menschen seine letzte Ruhestätte gefunden. Eichendorff's Stellung in der deutschen Litteratur ist schon jetzt eine fest bestimmte: er wird allgemein als einer unserer hervorragendsten Liederdichter bezeichnet. Seine Romanen und Novellen werden, abgesehen von dem Taugenichts, vom großen Publicum kaum noch gelesen; die schönsten seiner Lieder aber sind in das Volk gedrungen, werden von Tausenden gesungen im Salon, im Concert, bei festlichen Gelegenheiten, auf der Wanderschaft; sie werden gesungen vom fröhlichen Wander- gesellcn, vom flotten Bruder Studio, von der sentimentalen Salondame und der verliebten Bauerndirne -— und viele gibt es, die nie erfahren, welcher Dichter ihnen die ergreifenden Lieder geschenkt hat. Sie sind übergegangen in den Liederschatz unseres Volkes, und das ist das bleibendste Denkmal, das einem Lyriker gesetzt werden kann.