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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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druck, gleichsam der seelische Leib der innern Geschichte derNation; die innere Geschichte der Nation aber ist ihre Religion; eskann daher die Litteratur eines Volkes nur gewürdigt werden im Zu-sammenhänge mit dem jedesmaligen religiösen Standpunkt derselben."

Eichendorff greift also tiefer als die meisten Literaturhistoriker esthuu, er schreibt nicht allein Geschichte der Poesie, sondern gleichzeitigdes geistigen Lebens unseres Volkes. So hat er in feiner Literatur-geschichte die deutsche Poesie bis zum Zeitalter der Romantik in folgenderWeise gruppirt: I. Das alte nationale Heidenthum. II. Kampf undUebergang. III. Die christliche Poesie. IV. Weltliche Richtung. V. DiePoesie der Reformation. VI. Die Poesie der modernen Rcligiousphilo-sophie. Noch schärfer, weil er den Stoffkreis enger gefaßt, erscheint dieEintheilung inDer deutsche Roman des 18. Jahrhunderts .in seinemVerhältniß zum Christenthum": die Naturreligion, die Religion der Moralund der Pietismus, die Vernunft-Religion, die Humanitäts-Religion,ästhetisches Christenthum und Antichristenthum.

Die Vorzüge eines solchen fast ausschließlich eingenommenen Stand-punktes sind groß, aber er hat auch seine Nachtheile. Es ist gewiß, daßnicht ein jeder Dichter so sehr unter dem Einfluß der Religion mager ihr freundlich oder feindlich gegenüber stehen geschrieben hat, daßihre Spuren sich in seinen Werken deutlich zu erkennen geben. Wer sichnun bei Beurtheilung der Poesie auf den religiösen Standpunkt stellt,und diesen ausschließlich sesthält, muß die Betrachtung eines Dichterseinrichten nach dessen Stellung zur Religion, und so kann es kommen,daß ein minder bedeutender Dichter sehr berücksichtigt wird, weil seineStellung zur Religion eine besonders stark ausgesprochene war, währendein größerer mehr zurücktritt. So entstehen Unebenheiten und Mißver-hältnisse, welche bei Eichendorff deutlich hervortreten. Anderseits sindVerschiebungen und Wiederholungen kaum zu vermeiden, da die Werkeeines Dichters in ihrer Reihenfolge eine Verschiedenheit der geistigenRichtung zeigen können. So nimmt die romantische Schule, welche, soglänzend sie auch auftrat, eine dauernde Wirkung nicht ausgeübt hat, beiEicheudorff einen ganzen Band ein, während die vorromantische sich mitdemselben Raum begnügen muß; und während bei den RomantikernZacharias Werner dreißig Seiten gewidmet sind, erhält der weit bedeu-tendere und bahnbrechende Novalis nur dreiundzwanzig. Lessing, dessenästhetisch-kritische Thätigkeit neuen Anschauungen Raum erobert hat,kommt in der Litteraturgeschichte zu kurz, und Goethe und Schiller findenentschieden nicht die Beachtung, welche ihnen als unsern größten Dichternzukommt.