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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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Weit weniger bedeutend erscheint Eichendorff als lyrisch-epischer Dichter.Der schon erwähnte Mangel seines Talentes in der Schaffung fest umrissenerGestalten sowie bestimmter zielbewußter Situationen tritt in seinen Bal-laden und Romanzen häufig genug hervor, wenngleich es ja auch unterihnen einzelne Gedichte von hoher Schönheit und ergreifender Tiefe desGefühls gibt. In vielen zeigt sich eine besondere Vorliebe für dasGrausige und Gespenstische, welches auch in den Novellen merklich her-vortritt. Der lyrische Gehalt wiegt überall vor und läßt eine klar ge-staltete Handlung nicht hervortreten.

Wir wollen das nicht bedauern; Eichendorff war seiner ganzenAnlage nach Lyriker und gehört als solcher zu den bedeutendsten unterunsern liederfrohen Dichtern. Wie er, hat es nur selten ein Poet ver-standen, seinen kleinen Liedern eine natürliche Melodie einzuhauchen, sodaß sie sich in unsere Seele einschmeicheln wie eine zaubervolle Musik.Wenn es als ein Haupterforderniß des echten Liedes bezeichnet werdenmuß, daß es sangbar sei, und den Musiker zur Komposition gleichsamherausfordere, so sind Eichendorff's Lieder Muster ihrer Gattung. Diesüße Melodie, welche dem winzigen Liede:Der Abend"

Schweigt der Menschen laute Lust!

Rauscht die Erde wie in TräumenWunderbar mit allen BäumenWas dem Herzen kaum bewußt,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise SchauerWetterleuchtcnd durch die Brust,

in so hohem Maße zu eigen ist, kann als charakteristisch gelten fürEichendorff'sche Gedichte überhaupt. Und sie ist da, obwohl der Dichterdie von der Poetik aufgestellten Gesetze des Rhythmus und des Reimesin willkürlichster Weise unbeachtet läßt. Häufig genug findet man fehlende

thal'sConvertitenbildern" (I. 3. 182):So war ich in der Periode des beginnenden Jüng-lingsalters ohne festen religiös-sittlichen Halt. Zu meinem Heile fesselte mich aber einegnädige Fügung an die Poesicen Josephs von Eichcndorff. Der gemüthvolle Ton und dielieblichen Naturschilderungcn des Dichters machten auf mein Herz einen sehr wohlthuendenEindruck. Ich bckenne gern, daß-Eichcndorff meinem Gemiithe damals eine bessere Rich-tung gegeben hat. . . . Die Erwägung nun, daß mein Lieblingsdichter katholisch, undzwar ein eifriger und konsequenter Katholik sei, stimmte mich milder gegen die katho-lische Kirche. Und wenn ich auch im jugendlich thörichtcn Uebermuth meinte, daß einstarker Geist" nicht an einem beschränkten Confessions-Glaubcn haften dürfe, so entwickeltesich doch unvermerkt aus jener poetischen Stimmung eine Vorliebe für katholische Instituteund Cultusformen. Die Gedichte von Eichcndorff in der Tasche, habe ich öfters allein dieUmgebung Danzig's durchstreift; als ich erfuhr, daß in der Pfarrkirche zu Oliva zumVesper-Gottesdienst ein Kirchenlied meines thcuern Eichcndorff (O Maria, meine Liebe) ge-sungen würde, betrat ich an manchem Sonntag-Nachmittag das schöne Gotteshaus."