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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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Am liebsten zieht der Dichter hoch auf die Berge:

O Lust, vom Berg zu schauenWeit über Wald und Strom,

Hoch über sich den blauen,

Tiesklaren Himmelsdom.

Denn auf den Bergen wohnt Wahrheit und Frieden, und das Getöse derallezeit geschäftigen Welt dringt nicht bis zu ihrer luftigen Höhe hinauf.Und nicht minder reizt unfern Dichter die Herrlichkeit des deutschenWaldes, den er besungen hat wie bis jetzt kaum ein anderer Dichterunseres weiten Vaterlandes. Von Taufenden gesungen, schallen, so weit diedeutsche Zunge klingt, das herrliche:Wer hat dich, du schöner Wald,aufgebaut so hoch da droben," und das erhebende:O Thäler weit, oHöhen," und in Tausenden erweckt er ein sehnsüchtig Echo, wenn er singt:

Könnt' ich zu den Wäldern flüchten,

Mit dem Grün in frischer LustMich zum Himmelsglanz aufrichten

Stark und frei war' da die Brust.

Aber der Dichter ist bescheiden; er will nicht die fremdartigen Herr'lichkeiten fremder Länder genießen, sondern einzig sich versenken in dieeinfache Schönheit seines Vaterlandes und seiner enger« Heimath. Mittausend süßen Banden hält ihn das schöne Fleckchen Erde fest, ans wel-chem er das Licht der Welt erblickte, und er bleibt der Heimath treu inweiter Ferne; überall erreicht ihn ihr leiser Ruf:

Ihr Wipfel und ihr Bronnen, rauscht nur zu!

Wohin du auch in wilder Lust magst dringen,

Du findest nirgends Ruh,

Erreichen wird dich das geheime Singen

Ach, dieses Bannes zauberischen RingenEntfliehn wir nimmer, ich und du!

Lebendigstes Naturgefühl ist die eigentliche Seele der Eichendorff'schenLyrik; vor ihr treten die übrigen Empfindungen nicht in gleicher Stärkehervor. Die Liebe, welche bei der Mehrzahl unserer Dichter den alleinigenGegenstand ihrer Lieder bildet, nimmt bei ihm im Vergleich zu jeneneine bescheidene Stelle ein. Es finden sich unter den etwa 350 rein lyrischenGedichten Eichendorff's nur 40 eigentliche Liebeslieder. Leider müssenwir aber auch hier die Beobachtung machen, welche sich uns bei Be-sprechung einiger Novellen Eichendorff's bereits aufdrängte: die Liebe isthin und wieder von der sinnlichen Seite aufgesaßt. Glücklicher Weisegehören die wenigen Gedichte, bei denen es der Fall ist, nicht zu seinen^besten. Trotz dieser bedauerlichen Verirrungen seiner Phantasie aber^.dürfen wir behaupten, daß der Grundzug der Liebeslyrik Eichendorff'seine reine und keusche Empfindung ist. Er liebte treu und innig, er