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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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sieht man Engel ernst mit blanken Schwertern auf den Bergen stehen,und unten weite Geschwader still kampfbereit aufblitzend, und der Teufelin funkelndem Ritterschmuck reitet die Reihen entlang und zeigt den Völ-kern durch den Wolkenriß die Herrlichkeit der Länder und ruft ihnen zu:Seid frei und alles ist euer! O Freunde, das ist eine Zeit! Glück-selig, wer drin geboren ward, sie auszufechten!" In Victor-Lothariohaben wir also einen ähnlichen Charakter wie in Friedrich (Ahnungund Gegenwart"), wobei jedoch der letzte mehr ausgebildet und vertiefterscheint. Er ist in beiden Fällen das Organ des Dichters und bestimmt,dem Publicum dessen Ansichten über Gott, Welt und Menschen, Lite-ratur und Poesie zu vermitteln.

Um Victor und Otto gruppirt sich eine Reihe von Personen, welchederen Charakter durch Aehnlichkeit oder Gegensatz weiter heben sollen.Fortunat und Dryander sind in gewisser Hinsicht den beiden eben Be-zeichnten verwandte Charaktere, indem der erste der Poesie in maß-voller Weise huldigt, der zweite als ein anderer carrikirter Otto er-scheint. Fortunat muß, vom rein menschlichen Standpunkt aus betrachtet,als der glücklichste bezeichnet werden: er findet sein Genügen und strebtnicht, in Regionen hinaufzufliegen, welche er doch nicht erreichen kann;er führt die schöne Fiammetta heim und zieht mit ihr nach dem sonnigenItalien. Diesen Standpunkt theilt der Dichter natürlich nicht, ihm istGraf Victor der eigentliche Held.

In Victor und Otto, Fortunat und Dryander haben wir die Dichterzusammen, welche sich selbst ihre phantastische Welt aufbauen und indieser Beschäftigung elend werden oder ihr entsagen. Ihnen gegenüberhat Eichendorff nun eine Reihe von Leuten gesetzt, welche in philister-haftem Behagen aller Poesie kühl gegenüberstehen, welche den Menschenergreift, aufregt und von seiner ersprießlichen bürgerlichen Thätigkeit ab-lenkt. An ihrer Spitze steht der gute Walter, ein noch junger Mann,ein prächtiger, brauchbarer Mensch, immer bereit, bei seinen dichterischerregten Freunden das Bremsrad anzudrehen und nur dann im Stande,aufzuthauen, wenn der edele Rebensaft seine Adern durchglüht. Er er-füllt gewissenhaft seine Amtspflichten und gibt sich an schönen Sommer-abenden in Schlafrock und mit Pfeife einem enthusiastischen Naturgenußhin. Selbstredend hat er sich eine Lebensgefährtin gesucht, welche zuihm paßt, ein solides häusliches Mädchen, welches allen Extravaganzenabgeneigt ist. Sie ist die Tochter eines Ober-Amtmannes, der mit seinerFamilie so recht das Bild bürgerlichen Kleinlebens ohne höhern Auf-schwung gibt; Eichendorff betrachtet indessen seine selbstgeschaffenen Phi-lister mit unverkennbarem Wohlwollen und behandelt sie nur mit leiserIronie. Als Fortunat dem Amtmann Victor's Gedichte rühmt, meint