Inzwischen wird eine Bühne eingerichtet, auf welcher die Zu-kunft einstudirt werden soll; und als der Vorhang aufgeht, findet sichdie öffentliche Meinung in ihrer Loge ein. Zuerst tritt ein Mann inbürgerlicher Kleidung mit einer Krone auf dem Haupte auf, in einemBuche lesend, das vom Urrecht und Menschheitswohl handelt. Er istseines Gewerbes ein Tyrann. Der Professor geht ihm, als Oberpriester,mit einer brennenden Kerze voran. Nach langem Lesen ruft der Tyrann:„Seid umschlungen, Millionen; es weiche die Finsterniß, nieder mit denKronen!" und verschwindet unter lebhaftem, allseitigem Beifall. DerProfessor bleibt nun eine Weile allein auf der Bühne und monologisirtüber den Tyrannen. Dann erscheinen noch Andere, die sich gegenseitigdie größten Schmeicheleien in das Gesicht sagen, sich hinterrücks aberauslachen. Dabei kommen ihre geheimsten Pläne, welche nur auf Be-friedigung ihrer Selbstsucht ausgehen, an das Tageslicht. Der öffent-lichen Meinung wird auch das endlich langweilig, sie bläst deshalb aufeiner Papagenoflöte und zwingt dadurch alle Anwesenden, nach ihrerPfeife zu tanzen, was dem Professor und seinen Collegen denn auchwider Willen im Schweiße ihres Angesichtes gelingt. Indessen geht dasStück weiter. Ein Zwischenvorhang wird aufgezogen und man sieht indie Zukunft: wie der süße Pöbel die Besitzenden ausgewiesen hat undsich in ihren Palästen und Carossen amusirt, während Cavaliere es sichzur Ehre rechnen, ihn zu bedienen. Der Tyrann geht in Pantoffelnund Schlafrock unter seinen Landeskindern rauchend umher und ruft einüber das andere Mal: Orr porrt-on otrs inisux, grr'arr soin cko su tu-uiills? Plötzlich wird er aber wild und tobt drohend umher: das Volkhat ihm seinen Tabaksbeutel gestohlen! Das Stück will aus dem Leimgehen. Die öffentliche Meinung pfeift und zischt, die Oberpriester langenin der Angst eine Constitution nach der andern aus der Tasche undwerfen sie dem Wütherich zwischen die Beine; alles vergebens, er lärmtfort. Diesen Augenblick machen einige Bösewichte sich zu Nutze; siestehlen Krone und Purpurmantel und kaufen in der RestaurationSchnaps dafür. Der Wirth aber schmückt sich mit den Insigniendes Herrschers und setzt sich vergnüglich auf den Thron, sofort vomVolk als neuer König bejubelt. Es gibt eine allgemeine Confusion, dieder Dichter folgendermaßen beschreibt: „Nun entstand eine allgemeineSchlägerei, da wußte Keiner mehr, wer Freund oder Feind war. Da-zwischen raste der Sturm, Besen flogen, tiefer unten krähte der rotheHahn wieder, bliesen die sieben Pfeifer, schrie der Wirth, die Bühnesuchte die alte Freiheit und rührte und reckte sich in wilde Nebelqualmeauseinander, ein entsetzliches, übermenschliches Lachen ging durch dieLüfte, der ganze Berg schien auf ein Mal sich in die Runde zu drehen,
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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Seite
70
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