Druckschrift 
Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

53

Monarchie vielfach eingewirkt und seinen Namen neben dem des Freiherrnvon Stein unserer Geschichte einverleibt hat. Er kannte keine Vor-urtheile und achtete jede Ueberzeugung, sofern sie offen und ehrlich auf-trat. Obgleich Rationalist und in allen religiösen Dingen von großer Gleich-gültigkeit, empfand er doch vor der katholischen Kirche eine aufrichtigeHochachtung. „Bei der hohen Konsequenz der katholischen Kirche," sagter *), „ist überhaupt nichts leichter, als sich mit der katholischen Geist-lichkeit gut zu stellen. Wo Mißverhältnisse zwischen Staat und KircheVorkommen, hat der erste in der Regel mehr als die Kirche gefehlt. DieBeamten in protestantischen Staaten kennen die katholische Kirche in derRegel nicht und wollen mit den Bischöfen negociiren und machen ineinzelnen Fällen Zumuthungen, auf welche der katholische Geistliche nichteingehen kann."

Bei solchen Ansichten und großer persönlicher Liebenswürdigkeit wares dem Oberpräsidenten trotz der Gegnerschaft in religiösen Dingen leicht,Eichendorff für sich zu gewinnen. In der That hat vom ersten Zu-sammentreffen an die beiden hervorragenden Männer eine enge Freund-schaft verbunden, welcher erst durch den Tod ein Ende gemacht wurde.Schön hatte Eichendorff's Kommen nicht gern gesehen, weil er von demstrenggläubigen Katholiken Ungelegenheiten fürchtete; jetzt fühlte er sichunwiderstehlich zu ihm hingezogen. Noch im Jahre 1854 nannte er ihnseinen bewährten, treuen Freund und bezeichnte ihn in einem Briefe anVarnhagen als einen eben so herrlichen Dichter wie herrlichen Menschen^).Der von Beiden gehegte Plan, daß Eichendorff Schön's Biographieschreiben solle, wurde vereitelt, weil Elfterer schon ein Jahr nach Schön'sTode ebenfalls in die Ewigkeit hinüberging.

Schön war zu jener Zeit eifrig mit der Wiederherstellung des Or-denshauses zu Marienburg beschäftigt, welche schon in den Kriegsjahrenvon der preußischen Regierung geplant worden war. Eichendorff, aufden der wundervolle Bau einen gewaltigen Eindruck gemacht hatte,schenkte diesen Bestrebungen sofort freudigen Antheil und übernahm gerndie Geschäftsverwaltung der Restauration.

Im Sommer 1823 war die Wiederherstellung so weit gediehen, daßder Kronprinz am 20. Juni zahlreichen Gästen ein großes Festmahlgeben konnte, bei welchem ein von Eichendorff verfaßtes Festgedicht, „DerLiedsprecher", vorgetragen wurde. Die Schloßverwaltung, welche dieVerdienste des Dichters um die Wiederherstellung der Marienburg dank-bar anerkannte, hat zum ewigen Gedächtniß seines Namens ihm einFenster gewidmet.

Aus den Papieren des ... . Th. von Schön, Halle 1875/6, III 65.

2) Das. I 229.