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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Entstehung
Seite
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Aber wenige Tage später wird er mit einer Dame bekannt, welche demVenusbilde täuschend ähnlich sieht, und sie, welche an dem dichterischangelegten Jüngling Gefallen findet, ladet ihn ein, sie auf ihrem Schlossezu besuchen. Er folgt, halb hingerissen, halb widerstrebend. Die Damewohnt in einem prächtigen Palast von Marmor, der ganz das Ausseheneines heidnischen Tempels hat.Das schöne Ebenmaß aller Theile, diewie jugendliche Gedanken hochaufstrebenden Säulen, die künstlichen Ver-zierungen, sämmtlich Geschichten aus einer fröhlichen, lange versunkenenWelt darstellend, die schönen marmornen Götterbilder endlich, die überallin den Nischen umherstanden, alles erfüllte die Seele mit einer unbe-schreiblichen Heiterkeit." Die Herrin des zauberhaften Schlosses ruht,umhüllt von einem himmelblauen Gewände, auf einem Altane inmitteneines Kreises schöner Jungfrauen, welche abwechselnd zur Laute singen.Und im Garten sieht Florio heitere Gruppen reichgeschmückter Herrenund Damen umherwandeln, denen schöne Edelknaben Wein und Früchtereichen. Florio ist entzückt, wie von Trunkenheit befallen. Als es Abendwird, führt die Dame ihn in das Schloß, wo er in zahlreichen Gemäldenimmer wieder das Bild der schönen Schloßherrin findet und sich, angeregtdurch einen draußen erschallenden frommen Gesang, erinnert, es auch inseiner Jugend gesehen zu haben. Das gesteht er ihr, worauf sie erwidert:Ein Jeder glaubt mich schon einmal gesehen zu haben, denn mein Bilddämmert und blüht wohl in allen Jugendträumen mit herauf." Wiedervernimmt Florio vom Garten herauf den frommen Gesang, welcher ihntief bewegt, und es erfaßt ihn ein unbezwingliches Grauen.Herr Gott,"seufzt er,laß mich nicht verloren gehen in der Welt". Mit diesenWorten verändert sich plötzlich die Scene: es erhebt sich ein trüber Wind,der ein Gewitter heranweht, eine grünlich-goldene Schlange fährt zischendaus einem Bündel Gras hervor, welches auf der Fensterbank wächst, unddie Dame wird immer stiller. Das Gewitter kommt näher, einzelneBlitze erleuchten mit grellem Lichte das Gemach; es scheint Florio, alswenn den Bildwerken Leben eingehaucht werde, als rührten sie sich vonihren Gestellen; die Dame wird bei dem draußen mächtiger ertönendenGesänge bleicher und bleicher da überwältigt das Grausen Florio'sSinne, er stürzt hinaus in den Garten. Da liegt der stille Weiher mitdem Venusbilde; Fortunato aber fährt in einem Kahn über den schim-mernden Wasserspiegel, die Guitarre im Arm Florio hält auch dasfür Blendwerk und flieht der Stadt zu. Er entschließt sich, Lucca zuverlassen und findet unterwegs den Sänger Fortunato wieder. Nicht langesind sie gewandert, und sie treffen die malerischen Ruinen eines mächtigenSchlosses, und Florio erkennt mit Grausen die Gegend, in welcher er dieschöne Dame getroffen. Er fragt Fortunato nach der Herkunft dieser -