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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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Seine Gattin war ihm eine starkherzige Lebensgefährtin, welche mit trost-reichem Zuspruch seinen Math aufrecht erhielt. Ein zweites Kind, einliebliches Mädchen, welches am 9. Mai 1817 geboren wurde und aufden Namen Therese getauft wurde jetzige verwittwete Frau Haupt-mann von Besserer-Dahlsingen erhöhten das Glück der jungen Gattenund ließen sie im engsten Kreise ihr Genügen finden. Größern Gesell-schaften hielten sie sich fern, obgleich mancher Salon dem jungen Dichterund seiner schönen Gemahlin gern die Thüren öffnete; Eichendorff pflegtenur mit Friedrich von Raumer und Karl von Holtet einen vertrau-lichen Verkehr.

Die Ausbeute dieser Jahre an lyrischen und epischen Gedichten istgering. In der ZeitschriftDie Hesperiden", welche Löben unter demSchriftsteller-Namen Jsidorus herausgab, erschienen im Jahre 1816 dieGedichte:Das Flügelroß",Leid und Lust",An die Freunde" (Eslöste Gott das lang verhaltene Rauschen),An eine Tänzerin",Auf-erstehung" undTrauriger Winter". Auch in dem Frauen-Taschenbuchfür 1816 bis 1819 findet sich eine Reihe von Gedichten, von deneneinige während der Kriegsjahre entstanden sind. Eine einheitliche Stim-mung durchzieht sie nicht; sie besingen Liebe, Natur und Vaterland.Keines von ihnen gehört zu denen, welche Eichendorff's Namen berühmtgemacht haben.

Die schönste Frucht des Aufenthalts in Breslau war die kleine, tief-sinnige Novelle:Das Marmorbild", welche zuerst in dem schon erwähntenFrauentaschenbuch" für 1819 erschien und hier 61 Seiten ausfüllte.Florio, der Held der Novelle, kommt nach Lucca und wird dort bei einemlustigen Feste mit dem berühmten Dichter Fortunato bekannt. Da erAbends in der Herberge vergebens den ersehnten Schlaf herbeiwünscht,steht er auf und wandert in der schimmernden Mondnacht zwischenden Weingärten weiter und weiter, bis er an einem großen, von Bäumenumgebenen Weiher anlangt.Der Mond, der eben über die Wipfeltrat, beleuchtete scharf ein marmornes Venusbild, das dort dicht ainUfer auf einem Steine stand, als wäre die Göttin so eben erst ausden Wellen aufgetaucht und betrachte nun, selber verzaubert, das Bildder eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen denleise aus dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte." Floriosteht wie erstarrt, das wundersame Bildniß kommt ihm vor wie eine langgesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte. Aber nur einen Augenblickdauert die Verzauberung, denn als er die Augen wieder öffnet, welcheer vor dem blendenden Schimmer geschlossen, ist der ganze Spuk ver-schwunden, und das Venusbild starrt ihn weiß und regungslos, fast schreck-haft an. Da überfällt ihn ein unüberwindliches Grauen, und er entflieht.