40
der Dichter vor unsern Augen eine an Gestalten und Situationen unge-mein reiche Welt. Hoch und Niedrig findet seine Vertretung in inter-essanten, meist phantastischen Charakteren. Das Geheimnißvolle verbindetsich mit der alltäglichen Wirklichkeit, das Genialische, Uebersprudelndemit dem schlicht Verstandesmäßigen, die Unschuld steht unvermittelt nebender nie befriedigten Sinnlichkeit, die größten Gegensätze erscheinen in-dichterischer Verklärung. Es geschehen gar seltsame Dinge und unerhörte'Begegnungen; es schürzen sich Knoten, an deren Lösung der Leser ver-zweifelt — nicht aber der Dichter, denn er weiß sich stets aus derSchlinge zu ziehen. So wunderbar auch Manches erscheint — es istnichts unmöglich, es kann sich immer ein Mal in dieser oder jener Form x.ereignen. Der Dichter verfährt genau — ob bewußt oder unbewußt,mag dahin gestellt bleiben — nach dem Dictum von Novalis: „Im Ro-man muß alles so natürlich und doch so wunderbar sein, daß man glaubt,es könne nicht anders sein, und als habe man nur bisher in der Weltgeschlummert, und es gehe Einem nun erst der rechte Sinn für die Melt-aus." So ist in der That in Eichendorff's Roman alles natürlich und wunder-bar zugleich; ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Und über dem allem, überdem Größten wie über dem Kleinsten, schwebt wie der leuchtende und er-wärmende Sonnenball die ganze Fülle Eichendorff'scher Poesie, welche injedem Thautropfen sich widerspiegelt und in entzückendem Farbenwechselerglänzt. Der ganze Roman ist Poesie, reine, unverfälschte Poesie; aberes würde schwer, ja unmöglich sein, zu sagen, worin sie besteht. DerEine wird sie suchen in diesem Reichthum interessanter und edeler Charak-tere, der Andere in der Gefühlstiefe, in der weiblich zarten Empfindung;dieser wird sie in den Handlungen und Situationen finden, und jenerin der berauschenden Fülle schöner Naturschilderungen.
So reich ist der Roman an Schönheit, daß ein jeder Leser aufseine Weise ihn genießen kann. Was die Meisten fesseln wird, dasist wohl der echt lyrische Grundton, welcher das Ganze durchzieht, dieseedele, reine, hohe Empfindung, welche sich nicht allein in den eingestreutenLiedern kundthut, sondern jeder Person und jeder Situation eigen ist.
' Nur ein idealer Geist, nur ein echter Christ konnte solch einen Roman '- schreiben, der in Wahrheit eine der Blüthen. echter deutscher Romantik^ genannt werden darf. "
Aber der Roman hat auch die Fehler seiner Vorzüge. Der lyrischeGrundton der Eichendorff'schen.Poesie verhinderte die vollkommene pla-stische Ausgestaltung der Handlung wie der Charaktere, welche die epischeDichtkunst verlangt. Alles, was ist, regte Eichendorff an; in der reinenFreude am Geschaffenen verlor er den Maßstab für die Stellung, welchedie Personen und Dinge im dichterischen Kunstwerk einnehmen müssen;