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Poesie ein Stück Religion, der Dichter ein Priester, welchem Gott eineschwere Verantwortlichkeit auferlegt; er ist der Romantiker, wie er in-Eichendorff's Seele sich gebildet. Eine sanfte Melancholie liegt überseiner Gestalt ausgebreitet, die stille Wehmuth, in eine Zeit versetzt zusein, wo Thatkraft als Prahlerei und Sittlichkeit als Engherzigkeit an-gesehen wird. Niedrigkeit und Doppelzüngigkeit in der vornehmen Ge-sellschaft beleidigen seine hohe Gesinnung, getäuscht wird sein Vertrauenauf die Treue des weiblichen Geschlechts, und niedergeworfen werdenseine Hoffnungen auf eine baldige Erhebung des Vaterlandes. So wendeter sich der Kirche zu, deren treu ergebener Sohn er immer gewesen, undtritt in den geistlichen Stand. Das weibliche Seitenstück ist hier dieedele Julie, welcher bei aller geistigen Begabung der Sinn für dasGenialische fehlt. Sie wird Leontin's Gattin; die Extreme berühren sichund bilden in ihrer Vereinigung ein schönes Ganzes.
So strebte Eichendorff, ein viel umfassendes Bild seiner Zeit, einenZeitroman zu geben. Er schildert den geistigen Zustand seiner Umge-bung mit überraschender Anschaulichkeit und läßt nur ahnen, wo die ein-zige Rettung zu finden sei. Das Bild ist in großen Zügen entworfenund hat nichts von der Kleinmalerei an sich, welche sonst dem historischenRoman eigen ist und die Eichendorff, wie wir noch sehen werden, WalterScott so verhaßt machte. Local, Umgebung und Costüm sind demDichter höchst gleichgültige Dinge, er berührt sie kaum oder nur mitwenigen Worten; auch ist der gewöhnliche Gang der Dinge, wie sie dasalltägliche Leben uns bietet, in keiner Weise beibehalten; der Dichtersieht von all' diesen Formen ab und setzt seine Personen in eine Welt,welche in dieser Gestaltung nicht existirt hat. Es ist ein schier märchen-haftes Behagen, in dem seine Personen sich bewegen. Ihr Leben istein reines Gefühlsleben, in dem die Liebe eine große, aber keine domi-nirende Rolle spielt. Fragen wir indessen, was sie eigentlich treiben, sowird die Beantwortung schwer; denn der Dichter hat seinen Personenkein Ziel gesteckt. Es zeigt sich hier der große Einfluß von Goethe'sWilhelm Meister. Wie dieser, so ist auch Eichendorff's Roman wesent-lich Bildungsgeschichte des Individuums, nur hat sich der katholischeDichter einen ganz andern Ausgan,g gewählt wie der „alte Heide" Goethe.Friedrich gelangt durch bittere Erfahrungen zu der Ueberzeugung von derNichtigkeit aller zeitgenössischen Bestrebungen, während Wilhelm Meistersich im Sande der allgemeinen Bildung verliert. In den Mittelnaber, die Entwickelung zu motiviren, findet sich bei beiden Romanen einegewisse Aehnlichkeit. Auch Friedrich wird erfaßt vom Strom des Lebens;er geräth in seltsame Verhältnisse und Verbindungen, und mit jedemSchritt erweitert sich seine Welt- und Menschenkenntniß. So enthüllt