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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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er ertheilte allem die gleiche Geltung, so weit es ihn selbst anregte, undso kam ihm die künstlerische Perspective abhanden. Wir vermissen inseinem Roman die strenge Einheit und knnstgemäße Gruppirung, sowiedie kräftigen Umrisse in den Gestalten. Die Stimmung, die Empfindungist ihm alles; nur diese will er im Lesen Hervorrufen, und das gelingtihm in vollem Maße. Die Lectüre versetzt uns in einen Zustand voll-kommenen Genießens; jede Absichtlichkeit ist verbannt, wir verspürennichts als den belebenden Hauch eines echten Dichtergeistes.

So istAhnung und Gegenwart" ein echtes Kind der Romantik:national, christlich und wunderbar. Aber wie hoch steht es über denein gleiches Ziel verfolgenden Schöpfungen romantischer Dichter! Tieckdichtete mit dem Kopfe, seine Personen wußten wunderschön zu sprechenund hohe Ideen zu entwickeln aber sie erwärmten den Leser nicht.Eichendorff trat als ein echter Dichter unter sie; was er dem Publicumbot, war mit seinem Herzblut geschrieben: es war sein eigenstes Wesen.

Aber doch hatte er aus der Frühromantik, welche noch in denFesseln Wilhelm Meistens lag, einen Zug herübergenommen, welcherseiner ganzen Natur fremd war. Es ist das die kecke Behandlung vonLiebesverhältnissen mit unverkennbar sinnlichem Anstrich, welche die Lec-türe vonAhnung und Gegenwart" für die Jugend durchaus ungeeignetmacht. Fouque schrieb darüber an Eichendorff am 26. November 1814:Um mit vollständiger Ehrlichkeit zu verfahren, gestehe ich Ihnen noch,daß es mir anfangs oftmalen ankam, als schane die Sinnlichkeit anmanchen Stellen allzu dreist durch ihre Blumengänge. . . . Doch wurdees mir späterhin klar, wie hier nicht sowohl Lüsternheit als vielmehrfrische Keckheit obwalte, und mein letzter Zweifel schwand." Eichendorffantwortete am 25. December 1814'):Tief gerührt hat mich IhreBemerkung, daß die Sinnlichkeit manchmal allzudreist aus verschiedenenStellen meines Romans Herausblicke. Auch ich habe bisweilen bei spä-terer Durchlesung des Buches ganz dasselbe empfunden, aber niemalsbeim ersten Schreiben desselben und so oft ich dann in diesen Dingenetwas verändern wollte, kam es mir jedes Mal vor, als führe ich miteinem Tuche verwischend über die frischen Farben eines Gemäldes, undich ließ wieder alles, wie es war."

Nichts lag unserm Dichter ferner, als bewußte Lüsternheit, nichtswar ihm heiliger, als die Liebe seine Lieder, sein Leben beweisen es.Wir wollen und können ihn wegen seiner leichtfertigen Schilderungen in- genanntem Roman nicht entschuldigen, aber erklären lassen sich diese Aus-schweifungen seiner lebhaften Phantasie doch wohl. Wir haben schon an-

') Briefe an Fouque, S. 80.