Druckschrift 
Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

28

ihnen nähere Einblicke in die Verwaltung gestattet wurden, sehr un-wahrscheinlich dünkte, ob sie sich würden halten lassen. Beide mußtenalso für den schlimmsten Fall vorbereitet sein und für ihre Zukunftsorgen, Joseph um so mehr, als er daran dachte, ein geliebtes Mädchenheimzuführen. Preußen bot den jungen Männern die denkbar schlechtestenAussichten, sowohl wegen der politischen Lage als wegen des Verhaltensder Behörden den katholischen Beamten gegenüber. Sie entschlossen sichalso in österreichische Staatsdienste zu treten, wo ihnen persönliche Be-ziehungen sehr zu statten kamen, und reisten im October 1810 nachWien ab.

Ihre Hoffnungen erfüllten sich in reichem Maße. Sie erhielten,obgleich sie österreichische Universitäten nicht besucht hatten, sofort dieErlaubniß, sich den Staatsprüfungen zu unterziehen, und bestanden die-selben mit Auszeichnung. Sie wurden nunmehr dem Dienste eingereiht,um nach einer gewissen Zeit definitiv angestellt zu werden. So ver-gingen über zwei Jahre. Wieder hatte Eichendorff das Glück, mit her-vorragenden Geistern bekannt und befreundet zu werden. Abgesehen vonallem andern hatte die Natur ihm einen Freibrief mit in die Weltgegeben, welcher ihm alle Thüren bereitwilligst öffnete: das war seinemännlich schöne Erscheinung.Auf dem schlanken, kräftig gebautenKörper von edelster Haltung ruht das zuversichtliche, fast kecke Haupt,nach damaliger Sitte von reichen glänzend braunen Locken umwallt.Aus den belebten Zügen spricht Begeisterung, Kraft und männlicheEntschlossenheit, aus dem tiefblauen, feuerigen Auge zugleich ein herz-liches Wohlwollen" *).

Der Erste, welcher ihn mit offenen Armen empfing, war FriedrichSchlegel, welcher schon seit acht Jahren in Wien ansässig war. Erhatte seine Sturm- und Drangperiode hinter sich und war nach vielenIrrfahrten auf dem wild bewegten Meere des Lebens und der Poesiein den sichern Hafen der katholischen Kirche eingelaufen. Wenn erfrüher den vermessenen Grundsatz aufstellte:Alle Selbständigkeit istOriginalität, und alle Originalität ist moralisch, und man hat nur so vielMoral, als man Sinn für Poesie und Philosophie hat," so beugte ersich nunmehr demüthig vor der katholischen Kirche und erblickte in ihrnicht allein die Quelle der Moral, sondern auch den Urgrund derKünste und Wissenschaften. Und in diesem Sinne wirkte er jetzt alsLehrer und Schriftsteller.

Ihm treu zur Seite stand seine ebenfalls zum Katholicismus über-getretene Gattin Dorothea, eine Tochter des bekannten jüdischen Philo-

IV 474.