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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
Entstehung
Seite
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Phantasiethätigkeit durch den prüfenden, scheidenden und mäßigendenVerstand, sowie durch völliges Zurücktreten der Persönlichkeit des Dichters,durch höchste Objectivität. Sobald aber die bewußtlose Thätigkeit alsdas Höchste angesehen wird, gewinnt die Subjectivität des Dichters wiederihr Recht. Und davon machten die jungen Poeten denn auch ausgiebigenGebrauch. Ihnen war es das Höchste, nicht die Welt darzustellen wiesie ist, sondern wie sie in ihrer Phantasie sich widerspiegelte; auch dasUnbedeutendste und Kleinste sollte übergossen werden von dem Schimmerder Poesie, wie sie in ihrer Phantasie in so reichem Maße verborgenlag. Die Welt ward als verächtliche Schale zu dem Kern des alleingültigen Phantasie- und Gefühlslebens aufgefaßt^). Sie legten in dieWelt, was nicht in ihr verborgen lag: die unermeßlich reichen Schätzeihres Geistes. Dadurch entstand ein Mißverhältniß zwischen Leben undKunst, welches sie in ihrem heißen Drange anfangs bitter genug em-pfanden, und das erst dann seine befriedigende Lösung fand, als sie sichmit ernstem Suchen gläubig der katholischen Kirche zuwandten, welchersie als Künstler schon angehörten.

Seltsamer Weise gingen die jungen Dichter von dem alten Goetheaus, mit welchem sie ihrer geistigen Richtung nach möglichst wenig Be-rührungspunkte hatten. Viel näher hätte ihnen der Dichter desGötzvon Berlichingen" gelegen. Aber der alte Goethe hatte eine Dichtunggeschaffen, in welcher sie das Ideal der Dichtkunst überhaupt zu erblickenglaubten:Wilhelm Meister". Dieser wunderbare Roman, der ein vollesBild des Lebens gibt, dargestellt in den schönsten Farben, ohne jeden Boden der Wirklichkeit zu verlassen, wurde ihnen der Roman schlecht-weg. Friedrich Schlegel bezeichnete ihn als die Summe alles Poetischenund zog aus ihm den Begriff des Romantischen, welcher jedoch späternoch manche Wandlungen durchzumachen hatte. Anfangs bedeutete er beiSchlegel und Novalis nichts anderes als Romanpoesie, denn der Romanstand ihnen, angesichts einer so grandiosen Schöpfung wie Wilhelm Meister,am höchsten. Der Roman, sagte Ersterer, berühre die ganze modernePoesie; keine andere Form sei dazu gemacht, den Geist des Autors völligauszudrücken, so daß mancher der vortrefflichsten Romane ein Compendiumdes ganzen geistigen Lebens eines genialischen Individuums sei ^). Späterspricht er sich bestimmter aus: nur die romantische Poesie könne gleichdem Epos weil sie eben liebevoll alles Seiende umfasse ein Spiegelder ganzen umgebenden Welt, ein -Bild des Zeitalters werden. Damitwar selbstredend der sich so sehr beschränkenden antikisirenden Poesie derKrieg erklärt. Die romantische Poesie, fährt er fort,umfaßt alles,

i) Haym, a. a. O. 137. -) Ebendas. 253.