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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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aus. Das deutsche Volk mochte sich den fremden Gewalthabern nichtunterwerfen und wandte sich mit unverhüllter Theilnahme jenen seltsamenHelden von fragwürdiger Größe zu, welche ihnen von weit wenigerbegabten Schriftstellern präsentirt wurden. Beide Richtungen liefen un-vermittelt neben einander und boten, jede in ihrer Weise, einen befrem-denden Anblick.

Das waren ungesunde Zustände, welche unaufhaltsam eine Gegen-strömung Hervorrufen mußten. Der deutsche Geist fühlte sich unbefriedigt,erverlangte nach einer nahrhaftern Speise", nach einem wesentlichemInhalt. Angeekelt von dem unerquicklichen Anblick, wie ihn das deutscheVaterland eben bot, wandte er sich der glorreichen Vergangenheit zu.Diese war natürlich das Mittelalter. Mit Feuereifer warf sich das jungeGeschlecht auf die Erforschung, Ausbeutung und poetische Verwerthungjener großen Zeit. Die Schätze unserer Litteratur wurden ausgegraben,gereinigt und erstrahlten bald in neuem Glanze. Mittelalterliche Stoffeaus Geschichte, Sage und Legende wurden der Poesie zugeführt und vonden Dichtern mit Vorliebe behandelt.

Die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit hatte aber eineweitere bedeutsame Folge. Das neue Geschlecht, abgestoßen von demseichten, unfruchtbaren Rationalismus, sehnsüchtig nach einer neuen Ver-mittelung zwischen dem Irdischen und Unsichtbaren strebend, traf imMittelalter auf die katholische Kirche als beste und berufenste Mittlerinzwischen Himmel und Erde, als Schutzherrin eines echten Idealismus,als Pflegerin der edelsten Anlagen der menschlichen Natur. Es erkanntedie Hoheit und unvergängliche Schönheit der Braut Christi und huldigteihr. Noch mehr, es fand in der katholischen Kirche eine Mittlerin zwischenLeben und Kunst, welche sie wie einen neuen Messias ersehnt hatte.Die Vertreter der neuen Richtung sahen, wie unter dem Schutze derKirche im Mittelalter die Künste geblüht und wie Dichter, Maler, Bild-hauer, Baumeister ihre beste Kraft der Religion gewidmet hatten, underkannten, wie einer ihrer berufensten Vertreter, Wackenroder sagt,daßnur aus den zusammenfließenden Strömen von Kunst und Religion sichder schönste Lebensstrom ergieße". Nun führte man alle Künstlerbegeiste-rung auf Gott und göttlichen Beistand zurück und verlangte, daßBilder-säle Tempel" seien. Damit wurde das religiöse Element, welches seit solanger Zeit verbannt gewesen war, wieder in die Kunst ausgenommen.Man fand, daß es den bildenden Künsten eine Bedingung schönen Ge-lingens sei, und dann führte man es als neuen Gehalt in die Poesie ein.

Wir wollen uns darüber keiner Täuschung hingeben: Zunächstwar das Bedürfniß nach den Völkern Lebensformen der Religion beidiesen Dichtern ein rein ästhetisches.Die Poesie hatte sie vor die