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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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ihren Ruhm streitig zu machen wagte. Sie mußten im Gegentheil umihre Geltung kämpfen. Ihre Werke übten auf die große Masfe derLesenden lange nicht den Einstuß aus, den wir ihnen, ausgehend vonunfern Tagen, wo sie bereits in Millionen von Exemplaren verbreitetsind, beimessen. Das Volk in weitestem Umfange, die ungeheuere Mehr-zahl der Gebildeten mit einbegriffen, holte sich seine geistige Nahrungaus ganz andern Küchen, wie aus denen der Halbgötter von Weimar.Wenn wir den Zustand der deutschen Litteratur in jenen Jahrzehntenbetrachten, so müssen unsere Klagen über das Darniederliegen der Poesiein unfern Tagen verstummen. Den Büchermarkt beherrschte eine Leih-bibliotheks-Litteratur schlimmsten Schlages: Ritter-, Geister- und Räuber-Romane. Reckenhafte Helden und minnigliche Fräulein, leidende Nonnen,edele Räuber und kühne Räubermädchen, teuflische Pfaffen, schauerlicheBurgverließe und Todtengrüfte, Geistererscheinungen, Gift, Mord, Ent-führung, Feuertod, Zwicken mit glühenden Zangen das waren dieRequisite dieser allenthalben in Schloß und Hütte, in Salon und Küchemit Leidenschaft gelesenen Romane, welcheeine Welt der idealen Roh-heit" enthüllten st. So groß war die Nachfrage nach solchen Producteneiner krankhaften Phantasie, daß sogar Tieck im Anfänge seiner schrift-stellerischen Laufbahn sich mißbrauchen ließ, ebenfalls in Ritter- undRäubergeschichten zumachen".

Unsere Klassiker aber huldigten der Antike, und als Goethe imreifern Mannesalter stand, hatte sie bei dem bessern Theile der Nation,sowohl bei dem producirenden wie nur genießenden die Herrschaft errungen.Deutschland und Europa wurden der klassischen Mode unterworfen.Man darf sagen, der Geist Winkelmann's regierte den allgemeinen Ge-schmack. Die französischen Demagogen ahmten die römischen Republicaner,Napoleon die römischen Cäsaren nach; die Kirchen wurden antike Tempel,das Kunstgewerbe strebte nach klassischen Formen, und die Frauen wolltensich wie Griechinnen tragen. Im Anschluß an die Antike hatten auchdie Häupter unserer Poesie aus dem Gipfel ihres gemeinsamen WirkensBefriedigung gefunden" st. Nur die alten Dichter und von den neuernnur diejenigen, welche ihnen nachzueifern strebten, galten für echte JüngerApolls. Die Ueberschätzung der Antike hatte unsere beiden größtenDichter bereits dahin gebracht, daß sie die französischen Dramatiker, dieangeblichen Erben der altklassischen Dramatiker, welche Lessing längstauf ihren rechten Werth zurückgeführt hatte, als Borbilder für Schau-spieldichter in Uebersetzungen darboten. Ein dem Wesen der deutschenNation fremder Geist übte eine gewaltige und schwer empfundene Macht

ff Goedeke, Grundriß, I 1136. st Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur,3. Aufl. 615.