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Riesengestalt auf. Er setzte seinen gewaltigen Fuß auf das geängstigteDeutschland, änderte mit einem Schlage dessen ganze territoriale Gestal-tung und brach Oesterreichs Machtstellung. Nur wenige Patrioten hegtendie Hoffnung, daß einst der Tag kommen werde, den übermüthigen Er-oberer zu demüthigen.
Gingen aber die edeln Geister der Nation auf das innere Lebenzurück, so fanden sie dort eine ebenso trostlose Oede. Seit ImmanuelKant mit seiner Philosophie ausgetreten war, hatte der Rationalismusin Norddeutschland den Thron bestiegen. Es vertraten ihn in Theologie,Philosophie und Pädagogik Leute, welche nicht Werth waren, dem großenWeisen von Königsberg die Schuhriemen aufzulösen. „Sie setzten ihrenlichtseligen Verstand ganz allgemein als alleinigen Weltherrscher ein; essollte fortan nur noch einen Vernunftstaat, nur Vernunftreligion, Ver-nunftpoesie u. s. w. geben" st. Die Gebildeten hielten es für ihre Pflicht,zu den Aufgeklärten gezählt zu werden, d. h. zu den Leuten, welche vonder Kant'schen Philosophie nur das annahmen, was die Grundlagen desChristenthums verneinte. „Man suchte der alten Religion," sagt Novalis,„einen neuern, vernünftigem, gemeinem Sinn zu geben, indem man allesWunderbare und Geheimnißvolle sorgfältig von ihr abwusch; alle Gelehr-samkeit ward ausgeboten, um die Zuflucht zur Geschichte abzuschneiden,indem man die Geschichte zn einem häuslichen und bürgerlichen Sitten-und Familiengemälde zu veredeln sich bemühte; Gott wurde zum müßigenZuschauer des großen rührenden Schauspiels, das die Gelehrten aufführten,gemacht, welcher am Ende die Dichter und Spieler feierlich bewirthenund bewundern sollte. Das gemeine Volk wurde recht mit Vorliebe auf-geklärt, und zu jenem gebildeten Enthusiasmus erzogen, und so entstandeine neue europäische Zunft, die Philanthropen und Aufklärer." Plattheitund Nüchternheit der Gesinnung und Einseitigkeit im Urtheil waren dieFolgen dieser Anschauungsweise; das Gemüthsleben vertrocknete. Unseregrößten deutschen Dichter beförderten durch ihre Werke den Rationalis-mus und schufen eine Heerde von Nachtretern, welche, ohne deren Freundezu sein, plump und alles Schwunges baar dasselbe Evangelium predigten,wie die Heroen der deutschen Litteratur.
Und gerade diese Leute waren die gelesensten Schriftsteller ihrer Zeit.Vor unfern Augen stehen zwar riesengroß die Gestalten Goethe's undSchiller's; Niemand bestreitet ihnen, daß sie unsere hervorragendstenDichter sind; beide stehen für uns bereits in historischer Entfernung, unddie Entfernung zeigt sie uns in einem reinem Lichte. Anders aber wares zu ihren Lebzeiten. Da waren sie keineswegs Größen, denen Niemand
Eichmdorff, Verm. Schriften, V 291.