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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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Staatswesens, über die beste aller möglichen Regierungsformen, über dieSonderung und die Rechte der Stände und so weiter und weckten indem Knaben Gedanken und Vorstellungen, welche seinem Alter sonst fernliegen. Wenn er in spätern Jahren, wie wir sehen werden, sich scharfgegen die freiheitlichen Bewegungen wandte, so haben wir den Keimdieser Gesinnung schon hier zu suchen.

Gewiß lag die Gefahr der Frühreife nahe, indessen lenkte eine sorgfältigeErziehung den Knaben auf den rechten Weg. Ein Geistlicher, der späterePfarrer Heinke, war es, welchem der Vater das Seelenheil seiner beidenSöhne anvertraut hatte; ein kenntnißreicher, milder Mann, welchemEichendorff stets ein dankbares Andenken bewahrt hat. Heinke mußteseine Freude an dem aufmerksamen Schüler haben, der mit einer seltenleichten Auffassungsgabe eine beharrliche Ausdauer verband. Die Unter-richtsstunden genügten dem Knaben nicht, um seinen Wissensdurst zustillen; er las in der freien Zeit Reisebeschreibungen und eine große An-zahl von Uebersetzungen französischer und englischer Romane, von welchenDeutschland damals überschwemmt wurde, alte deutsche Volksbücher u. a.Der Lectüre dieser Romane, welche für die Jugend gewiß nicht bestimmtaber dem Knaben in der Bibliothek seines Vaters allzu leicht zugänglichwaren, haben wir es auch wohl mit zuzuschreiben, wenn in manchen seinerNovellen eine ziemlich leichtfertige Auffassung von Liebes-Angelegenheitenvorherrschend ist. Seiner Seele brachte die Lectüre keinen größern Schaden;die wahre Frömmigkeit, welche ihn von Kindheit an beseelte und vonden Eltern wie von dem würdigen Erzieher gestärkt wurde, war ein festesBollwerk gegen die Angriffe seiner lebhaften Phantasie. Ein Lieblings-schriftsteller des Knaben war Matthias Claudius, nach dessen WohnortWandsbeck er sogar ein lauschiges Plätzchen im Nnßbaumwäldchen desSchloßparkes benannte, wo er sich heimlich der Lectüre von allerlei Dicht-werken hinzugeben pflegte. Als ihm jedoch das neue Testament in einerUebersetzung in die Hände fiel, entsagte er den bis dahin so heiß geliebtenBüchern. Er selbst erzählt über diesen Zeitpunkt in dem Roman:Ahnungund Gegenwart", welcher vielfach Erinnerungen aus seiner Jugend ent-hält:Bald aber machte eine neue Epoche, die entscheidende für meinganzes Leben, dieser Spielerei ein Ende. Mein Hofmeister fing nämlichan, mir alle Sonntage aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen. Ichhörte sehr aufmerksam zu. Bald wurde mir das periodische, immer wiederabgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich nahm das Buch und las es fürmich ganz aus. Ich kann es nicht mit Worten beschreiben, was ich dabeiempfand. Ich weinte aus Herzensgründe, daß ich schluchzte. Meinganzes Wesen war davon erfüllt und durchdrungen, und ich begriff nicht,wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles schon