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Die Philosophie des Lebens : Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit
Entstehung
Seite
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Kurz, es wird nie gelingen, Erkenntnis zu finden, deren Inhaltsich mit dem unmittelbar erlebten und insofern realen Lebendeckt, und das heißt: es wird nie möglich sein, in logisch oderwissenschaftlich verständlichen Sätzen vom Leben zu reden, inderen Sinn das Leben selbst eingegangen ist, denn Worte müssen,um logisch verständlich zu sein, allgemeineBedeutungen haben,und diese sind dann immer Begriffe.

Auch wenn man das Wort Begriff meiden wollte, hülfe dasnichts. Der Inhalt einer wissenschaftlich verständlichen Wort-bedeutung ist stets etwas anderes als der Inhalt der unmittelbarerlebten Wirklichkeit. Darüber täuscht nur die Vieldeutigkeitdes WortesLeben hinweg. Nicht alles, was wirerleben,ist lebendig und real. Wenn wir Begriffe oder wissenschaftlicheWortbedeutungen erleben, wird Unlebendiges und Irreales er-lebt. Begriffe vom Lebendigen sind keine lebendigen Begriffe.

Wir kommen damit wieder auf das zurück, was wir bei derKritik der intuitiven Lebensphilosophie von den Lebensformensagten. Gewiß gibt es Begriffe nicht nur vom Starren, sondernauch vom Fließenden. Aber die Begriffe werden nicht fließend,sondern bleiben starr, selbst wenn sie Begriffe vom Fließendensind. Sonst wären sie keine Begriffe. Für diese Wahrheit, vonderen Verkennung ein großer Teil der modernen Lebensphilo-sophenlebt, können wir uns auch auf einen Lebensphilosophenwie Simmel berufen. Er steht hier wieder über den Modeströ-mungen, denn er weiß, daß der Begriff als Form sich nie ändert,also nie real lebt. Form ist ihmdas zeitlos Invariable. Sieentreißt das von ihr geprägte Materialstück der Kontinuität desNebeneinander und des Nacheinander, gibt ihm einen eigenenSinn, dessen Grenzbestimmtheit mit der Strömung des Gesamt-seins, wenn sie wirklich stauungslos ist, nicht zusammen zubringen ist 1 ).

Hat man den Satz verstanden und eingesehen, daß er fürjeden Begriff gilt, der in Wahrheit ein Begriff ist, so ergibt sichdaraus zugleich noch etwas Weiteres. Da alles Denken derForm oder des Begriffes bedarf, so kommt auch der Versuch,das Leben in seiner Unmittelbarkeit als metaphysischesWeltprinzip zu denken, auf einen unlösbaren Widerspruch hinaus.

1) Vgl. Georg Simmel, Lebensanschauung. S. 17.