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Zehntes Kapitel.
Leben und Kultur.
„Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.“
Chor.
Ehe wir uns jedoch zu dieser letzten Frage wenden, gehenwir einen Schritt in verneinender Richtung weiter, um das Ver-hältnis von Leben und Kultur noch in anderer Hinsicht klarzu stellen. Es ist nicht allein unmöglich, die Kulturwerte positivals Lebenswerte zu verstehen, sondern die Kultur muß sogarin ein negatives Verhältnis zum Leben gebracht werden. Erstdadurch tritt ganz zutage, wie unzureichend die Philosophiedes bloßen Lebens ist. Das Bedürfnis nach einer echten Philo-sophie des Lebens wird sich vielleicht dann noch stärker regen.
Gewiß haben wir das Leben als Bedingungsgut hoch zustellen und jede Lehre kulturfeindlich zu nennen, die auf Lebens-vernichtung ausgeht. Dennoch kann der allein, welcher dieLebendigkeit auch in sich zurückzudrängen vermag, ein Kultur-mensch genannt werden, und erst dort gibt es manche objektivenKulturgüter, wo sie zur Lebendigkeit des Lebens in einer Artvon Gegensatz stehen. Um es schroff auszudrücken, indem wirdabei das Wort so gebrauchen, wie die Lebensphilosophie esbenutzt: man muß das Leben bis zu einem gewissen Grade„töten“, um zum Kulturleben mit Eigenwerten zu kommen.Was dies anscheinend paradoxe Wort sagen will, sei wenigstensan einigen Beispielen erläutert.
Selbstverständlich dürfen wir dabei das Wort Leben nichtin dem umfassendsten Sinne nehmen, nach dem alles, was wir„erleben“, schon Leben heißt, denn wir „leben“ auch als Kultur-menschen, und es werden alle Kulturgüter mit ihren Wertenvon uns „erlebt“. Wie im Biologismus neuester Richtung darf„Leben“ jetzt nur im Gegensatz zum Toten gebracht werdenfür das lebendige, wachsende, vitale Leben, wie wir am bestensagen werden, wo die Vieldeutigkeit des Wortes „lebendig“ zuUnklarheiten führt, und zwar ist diese Scheidung in ein Lebenim weiteren und ein lebendiges, vitales Leben im engeren Sinnenotwendig sowohl mit Rücksicht auf das Verhalten des Menschen