Einleitung.
Man liebt es, ganze Zeitalter mit allgemeinen Schlagwörternzu kennzeichnen, ja man hat darin die neue „Methode“ der Ge-schichtsschreibung gesehen: die Durchschnittslage soll so aufden wissenschaftlichen Ausdruck gebracht werden, denn aufdas „Allgemeine“, glaubt man, kommt es vor allem, wenn nichtallein der Wissenschaft an. In jedem Zeitalter ist nur das wesent-lich, was unter seinen allgemeinen Begriff fällt. Das Individuelle,Besondere, Einmalige, sich nicht Wiederholende hat keine wahr-haft historische Bedeutung. Was vom Allgemeinen abweicht,darf höchstens das Interesse einer Laune oder einer Kuriositätfür sich in Anspruch nehmen. Daher muß man „kollektivistisch“verfahren, im Unterschiede von der veralteten „individualisti-schen“ Methode, oder „morphologisch“, wie man neuerdings auchgesagt hat, oder in irgendeiner anderen Art generalisierend.
Daß die gesamte Kultur einer Epoche in der angegebenenWeise niemals erschöpfend zu behandeln sein w r ird, sollte keinesBeweises bedürfen. Es kann dabei ohne eine mehr oder mindergroße Vergewaltigung des geschichtlichen Lebens nicht abgehen.Jede Stufe der Kulturentwicklung ist in ihrer Totalität viel zureich, als daß auch nur das Durchschnittliche in ihr unter einenallgemeinen Begriff zu bringen w'äre. Eher könnte man glauben,eine Charakterisierung dieser Art sei bei einzelnen Kulturströ-mungen möglich. Warum soll z.B. die Wirtschaft oder die Politikoder die Literatur oder die Kunst oder die Wissenschaft einesZeitalters nicht einen Namen führen, der nur das hervorhebt, wasden verschiedenen Richtungen innerhalb eines dieser Gebietegemeinsam ist?
Doch gestattet auch diese Frage nur eine bedingte Bejahung.Weil das Schlagwort das „Allgemeine“ lediglich im Sinne des
Rickert, Philosophie d. Lebens. 2 . Aufl. 1