93
Ob Kulturwerte, die in solche, am Verhältnis von Petroleum-lampe und Gasglühlicht orientierte Formeln sich nicht bringenlassen, Berechtigung haben, wird nicht gefragt. Es steht„a priori“ fest, daß die echten Güter nur die Mengen der Energiesein können, die Lebewesen zur Verfügung stehen.
Daß es hier nicht der Begriff des Lebens selbst, sondernder der Energie ist, an dem die Kulturwerte gemessen werden,darf über den biologistischen Charakter der Gedanken nichttäuschen. Mit physikalischen Begriffen allein wäre in dieser Kul-turphilosophie nichts anzufangen. Es müssen stets Lebewesensein, für deren Leben die sparsame Verwendung von EnergieBedeutung hat. Erst durch die Lebensförderung also kommtder Wertgedanke und damit das Kulturprinzip in das Energie-verhältnis. So ruht auch diese Kulturtheorie auf einem biolo- (gischen Fundament, ja man kann sagen, daß wegen der Arm-seligkeit des Prinzips, das in dem energetischen Imperativ steckt,der ökonomische Biologismus hier seine „klassische“ Ausprä-gung als Kulturphilosophie gefunden hat. „Vergeude keineEnergie, verwerte sie.“ Das soll an die Stelle von Kantskategorischem Imperativ treten! Darstellung und Kritik sindhier beim besten Willen nicht zu trennen. —
Es ist klar, daß solche Gedanken im Einzelnen zu aben-teuerlichen Konsequenzen führen können, und doch scheint dasPrinzip, das der älteren Dichtung zugrunde liegt, philiströs undtrivial. Das ist nicht hervorzuheben, um damit ein Werturteilauszusprechen, sondern um die Tatsache zu konstatieren undzu verstehen, daß Viele die Sache so ansehen. Die Tri-vialität und der philiströse Nützlichkeitscharakter dieses Bio-logismus hat nämlich wesentlich dazu beigetragen, eine Opposi-tion gegen ihn zu entfesseln. Wie weit der biologistische Uti-litarismus geht, zeigt der Umstand, daß man auf seinem Bodensogar eine Religionsphilosophie, und zwar eine Rechtfertigungdes Glaubens durch das Oekonomieprinzip versucht hat. EinAmerikaner 1 ) meinte, die religiösen Völker müßten im Kampf
1) B. K i d d , Soziale Evolution. 1895, Es ist bemerkens-wert, daß dies wunderliche Werk das Interesse eines Biologenvom Range August Weismanns erregte, so daß er zur deut-schen Uebersetzung ein Vorwort schrieb.