daß mit dem sittlichen Imperativ des Auslebens der moderneLebe-Weise sich eventuell gut amüsieren kann, im Lebenskampfjedoch mit der Lebe-Moral, deren Lebe-Pflichten nicht allzuschwer zu erfüllen sind, allein nicht auskommt. So wird man nacheiner ernsteren Lebensethik suchen, die nicht nur die Lebens-blüten, sondern auch die Lebensfrüchte im Auge hat. Aber dieGrundtendenzen, denen die Auswüchse der Lebensethik ent-springen, sind darum nicht erstorben, sondern die Lebendigkeitdes Lebens gilt immer noch als höchste sittliche Forderung.
Ebenso verlangt die A e s t h e t i k eine lebendige Kunst,die Religionsphilosophie einen lebendigen Gott, jasogar die Logik ein lebendiges Denken, und endlich ist, umnur dies noch hervorzuheben, das Lebensprinzip auch in das„Allerheiligste“ der Philosophie, in die Metaphysik ein-gedrungen. Man versteht unter Leben nicht nur das, was inner-halb der empirischen Realität liegt, sondern man glaubt, auch dieProbleme des Uebersinnlichen mit Hilfe dieses Begriffes in neuerWeise lösen zu können. Wenn durch den Gedanken des Aus-lebens der Modebegriff eine ethische Färbung bekommt, so wirder hier in den Dienst irratäonalistischer oder gar mystischerBedürfnisse gestellt. Nur das Absolute, Unmittelbare und Ur-sprüngliche, das durch Intuition ohne jede begriffliche HilfeErfaßte, ist das wahrhaft Reale, lehrt man, und dann soll dastiefste Weltwesen, unmittelbar erlebt oder geschaut, ebenfallsLeben sein. Die Wirklichkeit, mit der die gewöhnlichen „Wissen-schaften“ sich beschäftigen, sinkt dem erlebten Leben gegenüberzur bloßen Erscheinung oder zu einem begrifflichen und daherunwirklichen Produkt von sekundärer Bedeutung herab.
Kurz, Leben ist es, das „die Welt im Innersten zusammen-hält“, im Gegensatz zur toten, mechanischen Außenseite derNatur. Auch die alte Faustfrage wird von der Modephilosophieauf Grund des Lebensprinzips beantwortet.
Schon diese Hinweise zeigen, wieweit mit Hilfe des modernenLebensbegriffs eine Philosophie zu schaffen ist, die wenigstensformal allen Bedürfnissen genügt, welche man an das Ganze desphilosophischen Denkens zu stellen pflegt. Um das noch ausdrück-lich klar zu machen, weisen wir kurz auch auf die Ziele einer jedenwahrhaft umfassenden Philosophie hin und fragen, wieweit sie